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Start arrow Sozialwissenschaften arrow Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich

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7.2 Empirische Befunde

Zur Ermittlung materiellen Wohlstands in modernen Gesellschaften ist Geld ein sehr aussagefähiger Indikator. Mit Geld lassen sich in markwirtschaftlich organisierten Gesellschaften fast alle materiellen Bedürfnisse befriedigen. Geld kommt auf die meisten Menschen zum einen in Form laufender Einkommen zu. Zum anderen besitzen viele Menschen Geld. Sie sind Eigentümer von Vermögensbeständen. Diese stellen entweder unmittelbare Geldvermögen dar oder es handelt sich um Sachvermögen, die zu Geld gemacht werden können.

Das nachfolgende Kapitel gliedert sich dementsprechend in einen Abschnitt zu Einkommen (Kap. 7.2.1) und einen Abschnitt zu Vermögen (Kap. 7.2.2). Der abschließende Abschnitt (Kap. 7.2.3) geht schließlich gesondert auf Armut ein.

7.2.1 Die Einkommensverteilung

Wer ermitteln will, wie die Einkommen innerhalb oder zwischen Gesellschaften verteilt sind, muss zunächst bestimmen, welche Art von Einkommen erfasst werden sollen.

Begriffe und Maße

In sozialwissenschaftlichen Analysen der Einkommensverteilung, die Auskunft über den jeweiligen Lebensstandard geben sollen, wird in der Regel nicht vom persönlichen Einkommen ausgegangen, sondern vielmehr vom Haushaltseinkommen. Wenn es um die Verfügung von Geld geht, liefert das Nettohaushaltseinkommen geeignetere Informationen als das Bruttoeinkommen. Um das Nettohaushaltseinkommen zu berechnen, werden alle Einkommen erfasst, die einem Haushalt zufließen. Dies sind zunächst alle Einkommen aus den Erwerbstätigkeiten der Haushaltsmitglieder. Hinzu kommen Besitzeinkommen, die sich etwa aus Mieteinnahmen, Kapitalgewinnen oder Zinsen ergeben. Schließlich werden auch staatliche Transfereinkommen eingerechnet wie zum Beispiel Kindergeld, Wohngeld, Arbeitslosengeld. Von diesen Einkommen müssen die gezahlten Steuern und Sozialversicherungsbeiträge abgezogen werden. Da ein Nettohaushaltseinkommen von beispielsweise 2000 € einem Single einen wesentlich höheren Lebensstandard ermöglicht als einem Paar mit zwei Kindern, erbringt das Pro-Kopf-Nettohaushaltseinkommen präzisere Aufschlüsse. Es wird berechnet, indem das Nettohaushaltseinkommen durch die Zahl der Haushaltsmitglieder geteilt wird.

Allerdings verzerrt das Pro-Kopf-Nettohaushaltseinkommen Aussagen über den Lebensstandard. Gleiche Pro-Kopf-Nettohaushaltseinkommen geben keineswegs gleiche Lebensstandards an. Mit zum Beispiel 500 € pro Monat kommt ein Einpersonenhaushalt in Deutschland kaum aus. Ein Vierpersonenhaushalt kann mit 2000 € jedoch hinreichend wirtschaften. Je größer nämlich ein Haushalt ist und je mehr Kinder in ihm leben, desto geringer sind die Grundkosten pro Haushaltsmitglied. Ein Fünfpersonenhaushalt benötigt keine 5 Kühlschränke oder fünf Autos. Auch die Wohnung muss nicht fünf mal so groß sein wie die eines Einpersonenhaushaltes. Kleine Kinder sind zwar teuer, aber zumeist weniger teurer als Jugendliche oder Erwachsene. Um diese Ersparnisvorteile größerer und kinderreicher Haushalte zu berücksichtigen, wird das bedarfsgewichtete Pro-KopfHaushaltseinkommen, das auch als Äquivalenzeinkommen bezeichnet wird, berechnet. Das Äquivalenzeinkommen dient im Grunde dazu, die Pro-Kopf-Haushaltseinkommen größerer und kinderreicher Haushalte künstlich hochzurechnen. Dies geschieht, indem das Gesamteinkommen des Haushaltes nicht durch die Zahl der Personen im Haushalt geteilt wird. Vielmehr wird ein unterschiedlicher Bedarf angenommen, sodass jedem Haushaltsmitglied ein Personengewicht zugeteilt bekommt. Nach den Vorgaben der neuen OECD-Skala wird die erste erwachsene Person mit 1 gewichtet und jede Im Unterschied zu der neuen OECD-Skala gewichtet die alte OECD-Skala die erste erwachsene Person mit 1, alle weiteren Personen ab 14 Jahren mit 0,7 und alle unter 14 Jahren mit 0,5. Dies bedeutet, dass in der Gewichtung der alten Skala die Kosten für Kinder und weitere Hausmitglieder wesentlich höher angesetzt werden. Demzufolge werden bei einer gleichen Personenzahl die Einkommen nach der neuen Skala höher angesetzt.weitere Person im Haushalt im Alter von 14 Jahren und mehr mit 0,5. Alle Haushaltsmitglieder, die jünger als 14 Jahre sind, werden mit 0,3 gewichtet. [1] Das gesamte Haushaltseinkommen wird dann durch die Summe der Personengewichte der Haushaltsmitglieder geteilt. So wird zur Ermittlung des Äquivalenzeinkommens beispielsweise das Haushaltseinkommen eines Paares mit einem Kind von 16 Jahren und einem Kind von 11 Jahren nicht durch 4, sondern durch 2,3 geteilt. Hierdurch ergibt sich für größere Haushalte mit mehreren Kindern ein höheres Pro-Kopf-Einkommen als nach einer Teilung durch die bloße Personenzahl, sodass die Ersparnisvorteile größerer Haushalte berücksichtigt werden.

Auf Grundlage der Äquivalenzeinkommen ist es schließlich möglich, das Ausmaß der Ungleichheit zu bestimmen. Hierzu bestehen mehrere Möglichkeiten. Nachfolgend sind die gängigsten Maße aufgeführt:

• Die Verteilung der Menschen auf Wohlfahrtspositionen gibt darüber Auskunft, welche Bevölkerungsanteile um einen bestimmten Prozentsatz mehr oder weniger als der Bevölkerungsdurchschnitt verdienen. So gelten in den Sozialwissenschaften häufig die Menschen als arm, die weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens der Bevölkerung verdienen. Als reich werden oft jene bezeichnet, deren Einkommen höher als das doppelte Durchschnittseinkommen ist (vgl. hierzu und auch zu den Problemen Kap. 7.2.3).

• Der Gini-Koeffizient stellt eine Maßzahl dar, die das Ausmaß der Einkommenskonzentration in einer Kennzahl zwischen 0 und 1 angibt. Je höher dieser Wert ist, desto höher ist die Einkommensungleichheit. Beträgt der Gini-Koeffizient 1, so verdient eine Person alles und alle anderen Personen haben in dem Zeitraum kein Einkommen. Ist der Gini-Koeffizient 0, so verdienen alle Personen das Gleiche. [2] Problematisch ist der Gini-Koeffizient aber dahingehend, dass verschiedene Verteilungspositionen den gleichen numerischen Wert annehmen können. So kann zum Beispiel das Ausmaß der Ungleichverteilung von vielen Reichen und vielen Armen, den gleichen Wert annehmen wie, wenn viele ein mittleres Einkommen beziehen.

Quintilsanteile oder Dezilsanteile geben darüber Auskunft, welchen Anteil am gesamten Einkommen der Bevölkerung ein bestimmter Bevölkerungsanteil auf sich vereinigt. Das heißt, wie viel Prozent des Gesamteinkommens zum Beispiel die 10 % einkommensschwächsten oder die 10 % einkommensstärksten Personen verdienen. Auch das Verhältnis zwischen diesen beiden Einkommensanteilen, wenn zum Beispiel die 10 % Einkommensstärksten 4 Mal so viel verdienen wie die 10 % der Einkommensschwächsten, kann das jeweilige Ausmaß der Ungleichheit in wenigen Zahlen verdeutlichen.

  • [1]
  • [2] Der Gini-Koeffizient beruht auf der Lorenz-Kurve. In einem Koordinatensystem bezeichnet die waagrechte Achse alle Personen bzw. Haushalte der Bevölkerung, welche nach der Höhe der jeweiligen Einkommen angeordnet und zum Beispiel vom einkommensschwächsten bis zum einkommensstärksten gruppiert werden. Auf der senkrechten Achse ist der Anteil am Gesamteinkommen abgetragen, den die jeweiligen Bevölkerungsanteile auf sich vereinigen. Die diagonale Ursprungsgerade gibt eine (fiktive) Gleichverteilung der Einkommen wieder. An der Lorenz-Kurve ist abzulesen, welchen akkumulierten Anteil am Gesamteinkommen die akkumulierten Bevölkerungsanteile (etwa die einkommensschwächsten 30 %) auf sich vereinigen. Je weiter die Lorenz-Kurve nach unten durchhängt, desto ungleicher ist die Einkommensverteilung. Den Gini-Koeffizienten erhält man, wenn man die Fläche zwischen Ursprungsgerade und Lorenz-Kurve durch die Fläche unterhalb der Ursprungsgeraden teilt (siehe hierfür etwa Diekmann 2001, S. 566 ff).
 
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