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7. Soziale Ungleichheit

In allen menschlichen Gesellschaften gab und gibt es Mächtige und Ohnmächtige, Reiche und Arme, Angesehene und Verachtete, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und in unterschiedlichen Erscheinungsformen. Um solche und ähnliche Phänomene geht es in diesem Kapitel.

7.1 Der Bezugsrahmen

Modernisierungstheorien gehen davon aus, dass alle, vor allem aber die als ungerecht angesehenen Formen sozialer Ungleichheit im Laufe der Modernisierung zurückgehen werden. Um die diesbezüglichen Modellaussagen im Einzelnen einschätzen zu können, ist es nötig, in die wichtigsten Grundbegriffe zur Analyse sozialer Ungleichheit einzuführen.

7.1.1 Grundbegriffe

Unter „Lebensbedingungen“ werden die äußeren Rahmenbedingungen des Lebens und Handelns von Menschen verstanden wie zum Beispiel Wohnbedingungen oder der Arbeitsplatz. Sie haben wie beispielsweise ungesunde Arbeitsbedingungen oder Armut auch dann Auswirkungen, wenn die Einzelnen die jeweiligen Lebensbedingungen nicht wahrnehmen, nicht wahrhaben wollen oder ganz unterschiedlich bewerten. Als „soziale Ungleichheiten“ bezeichnet man solche Lebensbedingungen wie Arbeitsbedingungen, Einkommen, Vermögen oder Bildung, die es Menschen ermöglichen, in ihrem alltäglichen Handeln allgemein geteilte Ziele eines „guten Lebens“ wie etwa Gesundheit, Sicherheit, Wohlstand und Ansehen besser als andere Menschen zu erreichen.

Soziale Ungleichheiten beziehen sich erstens auf Güter, die in einer Gesellschaft als wertvoll gelten. Wertvoll sind diese Güter dann, wenn sie zum einen prinzipiell geeignet sind, ein „gutes Leben“ zu führen, zum anderen aber auch knapp sind. Sauberes Trinkwasser ist in Deutschland zwar notwendig für ein „gutes Leben“, aber nicht knapp. Dies ist in vielen afrikanischen Ländern anders. Zweitens beziehen sich soziale Ungleichheiten nur auf solche wertvollen Güter, die bestimmten Gesellschaftsmitgliedern in größerem Umfang als anderen zur Verfügung stehen. Und drittens beziehen sich soziale Ungleichheiten auf jene wertvollen und ungleich verteilten Güter, die Menschen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Positionen und ihrer sozialen Beziehungen besser oder schlechter, höher oder tiefer als andere stellen. Es geht also um eine Stellung aus sozialstrukturellen Gründen und nicht etwa aus individuellen, aus natürlichen oder aus zufällig zu Stande gekommenen Gründen.

Soziale Ungleichheiten vermitteln Vorbeziehungsweise Nachteile. Sie sind somit begrifflich zu trennen von sozialen Unterschieden. Diese stellen nur Andersartigkeiten dar. Wenn etwa ein Schlosser und Schreiner lediglich anders tun, aber keiner bezüglich Einkommen, Arbeitsbedingungen, Ansehen und Ähnliches Vorteile hat, handelt es sich um keine soziale Ungleichheit, sondern um soziale Unterschiedlichkeit.

In traditionalen Gesellschaften gelten soziale Ungleichheiten meist als selbstverständlich, als natürlich oder als von Gott gegeben und somit als legitim. Spätestens seit der politischen Modernisierung und der Aufklärung (vgl. Kap. 2.2) wurden in Europa soziale Ungleichheiten immer weniger als selbstverständlich oder von Gott gegeben angesehen. Vielmehr wurde das Vorkommen von sozialen Ungleichheiten immer mehr kritisch hinterfragt und Überlegungen darüber angestellt, inwieweit vorhandene soziale Ungleichheiten berechtigt sind. Zahlreiche, jedoch nicht alle Erscheinungsformen gelten seither als illegitim. Daher umfasst der soziologische Begriff sowohl illegitime Erscheinungsformen etwa zwischen den Geschlechtern als auch legitime Erscheinungsformen wie zum Beispiel Abstufungen von Tariflöhnen. Dies unterscheidet den soziologischen vom alltäglichen Begriff sozialer Ungleichheiten. Außerhalb der Sozialwissenschaften verbinden sich mit ihm zumeist Vorstellungen der Ungerechtigkeit.

Es gibt zwei Arten sozialer Ungleichheiten: Verteilungsund Chancenungleichheit. Mit Verteilungsungleichheit ist die ungleiche sozialstrukturelle Verteilung eines wertvollen Gutes wie Einkommen in der Bevölkerung schlechthin gemeint. Chancenungleichheit meint hingegen die Chance einer bestimmten Bevölkerungsgruppe wie Frauen, Arbeiter oder Migranten innerhalb dieser Verteilung besser beziehungsweise schlechter als andere vergleichbare Gruppen abzuschneiden. So haben beispielsweise Kinder von Ausländern wesentlich schlechtere Bildungschancen als Kinder von deutschen Eltern. Verändert sich die Verteilungsungleichheit in bestimmter Richtung (wächst zum Beispiel der Anteil der höheren Bildungsabschlüsse im Zuge der Bildungsexpansion), so muss sich die Chancenungleichheit (etwa zwischen deutschen und ausländischen Kindern) keineswegs in gleicher Richtung verändern.

Die Soziologie sozialer Ungleichheiten unterscheidet weiterhin zwischen Ursachen, Determinanten, Dimensionen und den Folgen sozialer Ungleichheit.

• Wer den Ursachen sozialer Ungleichheiten nachgeht, möchte wissen, wieso soziale Ungleichheiten entstehen und fortbestehen. In Theorien sozialer Ungleichheit werden (vermutete) Ursachenzusammenhänge systematisch dargestellt und unter anderem bestimmte Arten der Macht, Leistungsunterschiede, funktionale Notwendigkeit etc. als Ursachen angeführt (Hradil 2001b, S. 47 ff.).

• Determinanten sozialer Ungleichheiten sind soziale Merkmale von Menschen wie Berufe, Berufsgruppen, Geschlecht, Alter oder ethnische Zugehörigkeiten, die an sich keine Voroder Nachteile darstellen, mit denen aber empirisch nachweisbar mit erheblicher Wahrscheinlichkeit soziale Ungleichheiten einhergehen. So ist an sich nicht besser oder schlechter ein Mann oder eine Frau zu sein. Dennoch lassen sich zahlreiche Ungleichheiten wie etwa hinsichtlich Einkommen beobachten, die mit Mann oder Frau sein verbunden sind. Es bestehen also Chancenungleichheiten zwischen den Trägern unterschiedlicher Determinanten.

• (Un)vorteilhafte Lebensbedingungen existieren in großer Anzahl und Vielfalt. Um sie soziologisch übersichtlich zu halten, werden sie in beschreibbare Dimensionen gegliedert. Die wichtigsten Dimensionen sozialer Ungleichheit in modernen Gesellschaften gruppieren sich um die berufliche Stellung: Bildung, materieller Wohlstand, Macht und Prestige. Eine höhere oder niedrigere Stellung eines Menschen im berufsnahen Oben und Unten von Bildung, Wohlstand, Macht und/oder Prestige wird in der Regel als Status bezeichnet. Gruppen von Menschen mit einem ähnlichen Status werden als soziale Schichten benannt.

• Die in den Dimensionen versammelten ungleichen Lebensbedingungen wie Einkommen oder Bildungsabschlüsse haben umfangreiche Folgen. So wird von (un)vorteilhaften Lebensbedingungen unter anderem das Denken und Handeln der Einzelnen beeinflusst. Dies zeigt sich zum Beispiel an der Sprache, der Kindererziehung, am Kontaktverhalten, der Parteipräferenzen und den Wahlneigungen, dem Lebensstil oder kriminellen Verhaltensweisen. Diese Mentalitätsoder Verhaltensmuster können wiederum je nach Ausprägung Vorteile oder Nachteile nach sich ziehen. Auch das Zusammenfinden von Menschen in sozialen Gruppen mit entsprechendem gemeinsamen Bewusstsein, gegebenenfalls einem bestimmten Wir-Gefühl sowie politischen Gegnerschaften wird von ungleichen Lebensbedingungen mitbestimmt.

Ein Gefüge soziale Ungleichheiten besteht aus einer Struktur bestimmter, in einer Epoche hervorstechender Determinanten und Dimensionen sozialer Ungleichheit sowie in einer bestimmten Verteilung der Menschen innerhalb dieser Struktur. Die wichtigsten Gefüge sozialer Ungleichheit sind Stände, Klassen, Schichten und soziale Lagen. Auf sie soll im nächsten Abschnitt unter einer modernisierungstheoretischen Perspektive näher eingegangen werden.

 
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