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6.2 Empirische Befunde

6.2.1 Beteiligung am Erwerbsleben

In Deutschland steigt seit den 1950er Jahren die Zahl der Erwerbstätigen kontinuierlich an. Während 1951 in der Nachkriegswirtschaft erst 20,5 Mio. und 1960 in der Frühphase des Wirtschaftswachstums schon 26,2 Mio. Menschen in der Bundesrepublik Deutschland erwerbstätig waren, waren im Jahr 2012 insgesamt 41,6 Mio. Menschen erwerbstätig (Abelshauser 2004, S. 289; Statistisches Bundesamt 2013c, S. 43). Da der Anstieg der Erwerbstätigen vor allem auf das Bevölkerungswachstum und die damit verknüpften wirtschaftlichen Veränderungen zurückzuführen ist, ist die Erwerbstätigenquote (bezogen auf die Gesamtbevölkerung) in dem gleichen Zeitraum jedoch nicht gleich stark angestiegen, sondern vielfältigen Schwankungen unterworfen. So waren 1951 43,2 %, 1960 47,3 % und 1970 aufgrund weltweiter wirtschaftlicher Rezessionen nur noch 44 % der Bevölkerung erwerbstätig. Nach einem leichten Anstieg bis Anfang der 1990er Jahren ist die Erwerbstätigenquote 1995 auf 46,2 % in Folge der Umbrüche im Zuge der Wiedervereinigung abgesunken. Seit den 2000er Jahren steigt sie wieder an. 2012 waren insgesamt 50,7 % der Bevölkerung erwerbstätig. Entgegen zahlreichen Diagnosen und Mutmaßungen, denen zu Folge der Arbeitsgesellschaft die Arbeit ausgeht (Arendt 1960, S. 11 f.; Dahrendorf 1983) etwa aufgrund von Rationalisierungsprozessen, der Auslagerung von Arbeit ins Ausland oder der Ersetzung durch Maschinen, ist die empirisch beobachtbare Entwicklung der Erwerbsbeteiligung durch ein immer Mehr an Arbeitsplätzen gekennzeichnet (Abb. 6.2).

In Folge des Bevölkerungswachstums stieg die absolute Zahl der Erwerbstätigen aber nicht nur an. Die Erwerbstätigen wurden in den letzten Jahren auch deutlich älter. So führte der Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge in den 1980er Jahren in das erwerbsfähige Alter nicht nur zu einer Vergrößerung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter, sondern auch gleichzeitig zu einer Verjüngung der Erwerbspersonen. Aufgrund ihres zunehmenden Alters erhöhen die geburtenstarken Jahrgänge aber mittlerweile das Alter der Erwerbsbevölkerung. So waren 2012

Abb. 6.2 Wohnbevölkerung und Erwerbsbevölkerung in Deutschland, 1970–2010. (Quelle:sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/ Arbeitsmarkt/Datensammlung/PDF-Dateien/abbIV5.pdf)

schon etwas mehr als 30 % der Erwerbsbevölkerung mindestens 55 Jahre alt (Statistisches Bundesamt 2013c, S. 31 f.). Und Prognosen deuten darauf hin, dass in Zukunft die Erwerbsbevölkerung weiter altern wird. So werden im Jahr 2020 die Erwerbspersonen sich zu 40 % aus der Altersgruppe der 30bis unter 50-Jährigen und zu 40 % aus der Altersgruppe der 50bis 65-Jährigen zusammensetzen (Statistisches Bundesamt 2009, S. 18). Da das Erwerbsleben an die Altersstruktur gekoppelt ist und mit 20 Jahren steil ansteigt und mit 50 Jahren allmählich abnimmt, führt die Alterung der Bevölkerung neben der Alterung der Erwerbsbevölkerung schließlich auch zu einem Anstieg der Nichterwerbspersonen aufgrund der Erreichung des Renteneintrittsalters.

Obwohl die Alterung der Erwerbsbevölkerung und die damit einhergehende Erhöhung der Zahl von Menschen, die in den Ruhestand gehen oder in den nächsten Jahren gehen werden, die Zahl der Nichterwerbspersonen erhöhen, lässt sich dennoch im Zeitvergleich eine Reduzierung der Nichterwerbspersonen beobachten. Zum einen liegt dies sicherlich an den niedrigen Fertilitätsraten, so dass weniger Kinder und Jugendliche vorhanden sind, die bis unter 15 Jahre zu den Nichterwerbspersonen zählen. Zum anderen lässt sich die sinkende Zahl der Nichterwerbspersonen auch mit der erhöhten Nachfrage von Frauen auf dem Arbeitsmarkt erklären (vgl. Kap. 4.2.2, Abb. 6.3).

Im Vergleich mit anderen europäischen Staaten sind in Deutschland überdurchschnittlich viele Menschen erwerbstätig, auch wenn Deutschland nicht die höchste Erwerbstätigenquote im internationalen Vergleich aufweist. Im Jahr 2011 waren

Abb. 6.3 Entwicklung der Erwerbsbeteiligung in Deutschland in Millionen 1 Erwerbstätige mit Wohnort in Deutschland (Inländerkonzept), 2 Ergebnisse der Arbeitskräfteerhebung). (Quelle: Statistisches Bundesamt 2012b, S. 345)

die höchsten Erwerbstätigenquoten in der Schweiz und Island mit über 78 % zu finden. Es folgten die Niederlande (74 %), Dänemark (73 %), Schweden (72 %), Österreich (71 %) und Deutschland (71 %). Besonders wenig Menschen waren hingegen in Italien (56 %), Malta (56 %), Ungarn (55 %), Kroatien (54 %), der Türkei (46 %) und Mazedonien (43 %) erwerbstätig. Wie Abb. 6.4 aufzeigt, sind in der Regel in denjenigen Ländern, in denen sich eine hohe Erwerbstätigenquote beobachten lässt, auch überdurchschnittlich viele Erwerbspersonen nachweisbar. Und umgekehrt zeigen die Länder mit einer unterdurchschnittlichen Erwerbstätigenquote auch zumeist eine niedrigere Erwerbsquote. Einer der Hauptgründe hierfür ist, dass in den Staaten mit einer hohen Erwerbsquote zumeist überdurchschnittlich viele Frauen erwerbstätig waren oder nach einer Erwerbsarbeit suchten und in den Staaten mit einer niedrigeren Erwerbsquote vergleichsweise weniger Frauen erwerbstätig waren oder nach einer Erwerbstätigkeit suchten.

Die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen war in Europa von 1999 bis 2008 insgesamt positiv. Sie stieg für die 27 Staaten von 61,8 % im Jahr 1999 auf 65,9 % an (Europäische Kommission 2010, S. 285). Im Prinzip konnten alle Staaten mit Ausnahme von Rumänien die Erwerbstätigenquoten erhöhen etwa aufgrund der Schaffung neuer Arbeitsplätze vor allem im Dienstleistungssektor (vgl. Kap. 6.2.4). In Folge der globalen Finanzund Wirtschaftskrise 2008/2009 wurde dieser positive Trend unterbrochen. Mit Ausnahme von Luxemburg, Malta, Deutschland und Polen ging zwischen 2008 und 2010 in den europäischen Ländern die Zahl der Erwerbstätigen zurück.

Vergleicht man die Länder der Europäischen Union mit anderen großen Wirtschaftsräumen der Welt vor allem mit den USA und Japan, so zeigen sich vergleichsweise niedrigere Beschäftigungszahlen. Während im Jahr 2008 in Europa

Abb. 6.4 Erwerbsquote und Erwerbstätigenquote im europäischen Vergleich 2011. Daten: Eurostat Online-Datenbank. (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung 2014a)

beispielsweise 65,9 % der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter erwerbstätig waren, waren es in Japan 70,7 % und in den Vereinigten Staaten 70,9 %. Gemessen hieran ist Europa weniger modern. Im Unterschied zu den Vereinigten Staaten, die zwischen 1999 und 2008 trotz verschiedener Aufund Abwärtstrends insgesamt eine negative Entwicklung der Beschäftigtenzahlen aufweisen, ist die Entwicklung der Erwerbstätigenquote in Europa und Japan durchweg positiv (Europäische Kommission 2010, S. 285). Im Jahr 2011 wiesen im Ländervergleich hohe Erwerbstätigenquote Australien (72,4 %), Neuseeland (72,3 %) und Kanada (71,5 %) auf, die damit dennoch unter einigen europäischen Ländern wie der Schweiz oder Island lagen. Die Erwerbstätigenquote der Vereinigten Staaten lag 2011 aufgrund der globalen Finanzund Wirtschaftskrise sogar nur bei 66,7 %. Relativ niedrige Erwerbstätigenquoten finden sich schließlich in den Ländern Afrikas und Südamerikas, in denen bisweilen weniger als 50 % der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter erwerbstätig ist (Statistisches Bundesamt 2012b, S. 652 f.).

Dass die Erhöhung der Erwerbstätigenquote nicht nur auf die erhöhte Zahl männlicher Erwerbspersonen, sondern auch auf die veränderte Nachfrage von Frauen auf dem Arbeitsmarkt zurückzuführen ist, lässt sich über geschlechtsspezifische Erwerbstätigenquoten nachweisen. In Deutschland sowie in anderen modernen Gesellschaften erhöhte sich die Erwerbstätigenquote der Männer kontinuierlich. So stieg zwischen 1998 und 2011 die Erwerbstätigenquote der Männer im erwerbsfähigen Alter in Deutschland von 71,9 % im Jahr 1998, auf 75,9 % im Jahr 2008 bis hin zu 82,3 % im Jahr 2011 (Europäische Kommission 2010, S. 286; Statistisches Bundesamt 2012b, S. 652). Gründe hierfür waren neben der Schaffung neuer Arbeitsplätze aber auch das faktische Renteneintrittsalter und dem damit verbundenen Ausscheiden älterer männlicher Erwerbstätiger aus dem Erwerbsleben. Im gleichen Zeitraum stieg die Erwerbstätigkeit von Frauen im erwerbsfähigen Alter in Deutschland von 55,8 % im Jahr 1998 auf 70,8 % im Jahr 2011 an und damit um etwa 4 Prozentpunkte mehr als die männliche Erwerbstätigenquote (Europäische Kommission 2010, S. 286; Statistisches Bundesamt 2012b, S. 652). Eine ähnliche Entwicklung der Erwerbstätigkeit von Frauen lässt sich auch in den anderen europäischen Gesellschaften beobachten. Wesentliche Gründe hierfür sind neben der verbesserten (Aus-)Bildung von Frauen (vgl. Kap. 5.2.2) und den veränderten Vorstellungen zu Familie und sozialen Rollen (vgl. Kap. 4.2.2) das Vorhandensein von Kinderbetreuungseinrichtungen sowie die Ausdehnung des Dienstleistungssektors.

Auch in anderen Teilen der Welt nahm die Frauenerwerbstätigkeit schneller zu als die Erwerbstätigkeit der Männer. Vor allem in Europa und vielen südamerikanischen Ländern, aber auch in einigen afrikanischen Ländern wie Äthiopien waren die Erwerbstätigenquoten von Frauen im erwerbsfähigen Alter im Jahr 2011 über 50 %. Im Unterschied dazu ließen sich in vielen arabischen Ländern sowie in Indien im Jahr 2011 Erwerbstätigenquoten von unter 30 % beobachten (Statistisches Bundesamt 2012b, S. 653). Allerdings handelt es sich bei der Erwerbstätigkeit von Frauen in vielen Regionen der Welt oftmals eher um ungeschützte Beschäftigungsverhältnisse, um Arbeit unter problematischen Bedingungen sowie um Heimarbeit. Darüber hinaus ist vor allem in Asien, Afrika und Lateinamerika eine Erwerbstätigkeit von Kindern zu beobachten, die in der Regel aus den Arbeitsmarktstatistiken herausfallen, da es sich um eine Erwerbstätigkeit von Personen handelt, die jünger als 15 Jahre sind und damit unterhalb des erwerbsfähigen Alters. Obwohl sich nach Schätzungen die Kinderarbeit seit den 2000er Jahren weltweit von 246 Mio. auf 168 Mio. im Jahr 2012 um fast ein Drittel reduzierte, ist die Kinderarbeit in einigen Regionen relativ hoch. Nach Schätzungen war die Kinderarbeit im Jahr 2012 mit etwa 21 % südlich der Sahara am höchsten gefolgt von Asien und dem pazifischen Raum, wo etwa 9 % der Kinder arbeiten. Der Rückgang seit den 2000er Jahren war bei den Mädchen mit etwa 40 % um einiges höher als der Rückgang bei den Jungen mit etwa 25 %. Mit Abstand arbeiten Kinder am häufigsten in der Landwirtschaft (59 %) und im Dienstleistungsbereich (32 %). Oftmals handelt es sich dabei aber nicht nur um ungeschützte, nicht registrierte und schlecht entlohnte Beschäftigungen, sondern auch um gesundheitsschädigende und körperlich hoch anstrengende Beschäftigungen wie etwa im Steinbruch oder bei der Verwendung gefährlicher Stoffe (International Labour Organization 2013).

 
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