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6. Erwerbstätigkeit

6.1 Der Bezugsrahmen

6.1.1 Modell und Grundbegriffe

Modernisierungstheorien und das daran anschließende Modell der Sozialstrukturentwicklung gehen von drei Annahmen hinsichtlich der Entwicklung der Erwerbstätigkeit aus:

Erstens besagen Modernisierungstheorien hinsichtlich der Veränderungen der Erwerbstätigkeit, dass immer größere Anteile der Menschen in das Erwerbsleben einbezogen werden. Dies gilt in nachindustriellen Gesellschaften auch und gerade für Frauen. Dem Modell der Sozialstrukturmodernisierung zufolge werden daher immer mehr Menschen erwerbstätig sein und immer weniger arbeitslos.

Um diese Aussagen einschätzen und empirisch prüfen zu können, ist die Kenntnis einiger Begriffe notwendig (vgl. hierzu Rengers 2004):

Die Bevölkerung einer Gesellschaft besteht aus „Erwerbspersonen“ und „Nicht-Erwerbspersonen“. Nicht-Erwerbspersonen sind alle Menschen, die keinerlei auf Erwerb ausgerichtete Tätigkeiten ausüben oder suchen wie zum Beispiel Hausfrauen, Schüler oder viele Studierende. Erwerbspersonen sind hingegen alle Personen, die eine auf Erwerb gerichtete Tätigkeit ausüben oder suchen. Hierbei ist es gleichgültig, wie viel Einkommen erzielt wird, welche Bedeutung das Einkommen für den jeweiligen Lebensunterhalt hat und wie lange gearbeitet wird. Die Erwerbspersonen insgesamt geben Auskunft über die Nachfrage nach Erwerbsarbeit auf dem Arbeitsmarkt. Der Anteil der Erwerbspersonen an der Bevölkerung oder häufiger an der „Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter“ wird als Erwerbsquote bezeichnet. Sie ist ein wichtiges Maß für die Höhe der Nachfrage nach Erwerbsarbeit in einer Bevölkerung.

Unter der „Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter“ sind alle Bewohner eines Territoriums zu verstehen, die in der Regel mindestens 15 und noch nicht 65 Jahre alt sind. [1] Da Personen unter 15 Jahren in der Regel der Schulpflicht unterliegen und damit nicht dem Arbeitsmarkt zu Verfügung stehen, und Personen über 65 Jahre in Folge von rentenrechtlichen Regelungen aus dem Arbeitsmarkt ausgegliedert sind, zählen Personen dieser Altersgruppen zu den Nicht-Erwerbspersonen. Ist der Anteil dieses prinzipiell erwerbsfähigen Bevölkerungsteils an der gesamten Bevölkerung hoch wie beispielsweise in Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren, so kommt dies der ökonomischen Leistungsfähigkeit und sozialpolitischen Belastungsfähigkeit einer Bevölkerung zugute. Allerdings steigt auch das Risiko der Arbeitslosigkeit, wenn die Nachfrage nach Arbeitsplätzen groß ist und die vorhandenen Arbeitsplätze begrenzt sind.

Erwerbspersonen, verstanden als Personen im erwerbsfähigen Alter, die eine auf Erwerb ausgerichtete Tätigkeit ausüben oder suchen, lassen sich weiterhin in

„Erwerbstätige“ und „Erwerbslose“ unterteilen. Erwerbstätige sind hierbei Personen, die selbstständig ein Gewerbe oder Landwirtschaft betreiben, freiberuflich tätig sind oder als Arbeitnehmer in einem Beschäftigungsverhältnis stehen. Hierin eingeschlossen sind Soldaten und Soldatinnen sowie mithelfende Familienangehörige. Den Anteil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter oder seltener an der Gesamtbevölkerung bezeichnet man als Erwerbstätigenquote. Sie stellt ein Maß dar für die befriedigte Nachfrage nach Erwerbsarbeit beziehungsweise für das Angebot an Arbeitsplätzen. Erwerbslose sind demgegenüber Personen ohne Arbeitsverhältnis, die sich um eine Arbeitsstelle bemühen. Personen ohne Arbeitsverhältnis, die sich nicht um eine Arbeitsstelle bemühen wie etwa Frührentner oder Hausmänner, zählen zu den Nicht-Erwerbspersonen. Eine Teilgruppe der Erwerbslosen sind Arbeitslose. Als arbeitslos zählt in Deutschland, wer abgesehen von geringfügiger Beschäftigung nicht in einem Beschäftigungsverhältnis steht, eine versicherungspflichtige Beschäftigung sucht, dabei den Vermittlungsbemühungen der Agentur für Arbeit zur Verfügung steht und bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet ist (Sozialgesetzbuch III, § 16). Personen, die in keinem Beschäftigungsverhältnis stehen, ein versicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis suchen, aber den Bemühungen der Agentur für Arbeit nicht zur Verfügung stehen, weil sie beispielsweise in einer Maßnahme der Agentur für Arbeit sind, zählen zwar weiterhin zu den Erwerbslosen, aber nicht mehr zu den Arbeitslosen. Erwerbsund Arbeitslose verkörpern die unbefriedigte Nachfrage nach Erwerbsarbeit auf dem Arbeitsmarkt.

Moderne Gesellschaften sind Arbeitsgesellschaften. Das heißt, dass die eigene Erwerbstätigkeit für die Menschen die wichtigste Quelle des Lebensunterhalts, der Kontakte zu Mitmenschen, des Ansehens, des Selbstrespekts und der eigenen Identität darstellt. Erwerbslosigkeit und Arbeitslosigkeit gehen daher mit einem erhöhten Risiko einher, über kurz oder lang nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können (vgl. hierzu schon Jahoda et al. 1975). Neben finanziellen Einschränkungen kann eine Erwerbslosigkeit in Folge der hohen Bedeutung der Erwerbsarbeit für das eigene Selbstverständnis auch zu persönlichen Sinnkrisen führen.

Die Arbeitslosenquote steht deshalb immer wieder im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Sie misst den Anteil der Arbeitslosen an den Erwerbspersonen insgesamt und zeigt so weitgehend das Ausmaß der unbefriedigten Nachfrage nach Erwerbsarbeit in einer Gesellschaft an. Allerdings werden die Arbeitslosenquoten in den einzelnen Ländern bisweilen sehr unterschiedlich gemessen und sind daher international kaum vergleichbar. Unter anderem gehen die Definitionen von Arbeitslosigkeit, Erwerbspersonen und Nicht-Erwerbspersonen stark auseinander. Um unter anderem eine hinreichende internationale Vergleichbarkeit zu gewährleisten, orientieren sich in Europa die amtlichen Statistiken an dem Labour-ForceKonzept der Internationalen Arbeitsorganisation ILO (International Labour Organisation) (Kasten und Soskice 2000; Rengers 2004).

Neben den Nachteilen der Arbeitslosigkeit und den Vorteilen einer Dauerund Vollzeiterwerbstätigkeit finden sich zahlreiche Zwischenstufen. Hierzu zählen beispielsweise prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Dies können unter anderem Teilzeitarbeit, geringfügige Beschäftigung, Leiharbeit und befristete Beschäftigungsverhältnisse, wenn sie ungewollt sind oder unzureichende Sicherung angesichts sozialer Risiken wie Krankheit, Alter, Armut oder Arbeitslosigkeit bieten. Solche Beschäftigungsverhältnisse können in unterschiedlicher Weise mit weiteren Nachteilen wie zum Beispiel mit niedrigem Einkommen, gefährlichen, gesundheitsgefährdenden oder anderweitig belastenden Arbeitsbedingungen sowie einem erhöhten Entlassungsrisiko einhergehen.

Zweitens besagt das Modell der Sozialstrukturmodernisierung (vgl. Kap. 2.2.2), dass im Laufe der Entwicklung unterschiedliche Wirtschaftssektoren die Wirtschaft dominieren. Zunächst ist die Wirtschaft vor allem durch den primären Sektor bestimmt. Das heißt, dass überwiegend Landwirtschaft und Fischerei betrieben werden. In der Regel wird eine Gesellschaft dann als „Agrargesellschaft“ bezeichnet, wenn mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen im primären Sektor arbeitet. Aufgrund gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse löst nach einer gewissen Zeit dem Modell zufolge der sekundäre Sektor den primären Sektor ab. Dieser auch als Produktionssektor bezeichnete Wirtschaftssektor umfasst die Herstellung dinglicher Güter in Handwerk und Industrie. „Industriegesellschaften“ nennt man Länder, in denen mehr als die Hälfte der Erwerbstätigen im verarbeitenden Gewerbe arbeitet. Schließlich gewinnt nach dem Modell der Sozialstrukturmodernisierung der tertiäre Sektor immer mehr an Bedeutung. Diese zunehmende Bedeutung des Dienstleistungssektors und der gleichzeitige Rückgang des primären und sekundären Sektors werden auch als „Tertiarisierung der Wirtschaft“ bezeichnet. Als Dienstleistungen werden Tätigkeiten verstanden, die keine unmittelbaren materiellen Ergebnisse haben, sondern direkt oder indirekt für Personen verrichtet werden. Dienstleistungen werden im Unterschied zu Produktionsleistungen ohne Zeitverzug wirksam, was eine länger währende Wirkung keinesfalls ausschließt. Dienstleistungstätigkeiten sind sehr unterschiedlich: Beraten, Helfen, Pflegen, Heilen, Lehren, Forschen, Ordnen, Sichern, Werben, Organisieren und vieles andere mehr zählen als Dienstleistungen. Unter „Dienstleistungsgesellschaften“ versteht man schließlich Gesellschaften, in denen mehr als die Hälfte aller Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor beschäftigt sind (Abb. 6.1).

Abb. 6.1 Modellhafte Entwicklung der drei Wirtschaftssektoren. (Quelle: eigene Darstellung)

Der Übergang von einer Agrarüber eine eine Industriehin zu einer Dienstleistungsgesellschaft geht dem Modell gemäß mit einer immer höheren Qualifikation einher. Denn in Dienstleistungsgesellschaften stellt Wissen die wichtigste Produktivkraft dar und der vielgestaltige Umgang mit Wissen bildet den Kern der Erwerbstätigkeit. Demgegenüber beruhen Agrargesellschaften auf dem Besitz von Land, das mit menschlicher und tierischer Muskelkraft bearbeitet wird. In Industriegesellschaften dominiert hingegen die Maschine, die dem Menschen zwar viel von der zuvor körperlichen Arbeit abnimmt, ihn aber auch in feststehende Funktionszusammenhänge einspannt.

In Industriegesellschaften verbringen die Erwerbstätigen, die zumeist in Folge der geschlechtsspezifischen familiären Arbeitsteilung (vgl. Kap. 4.1.2) männlich sind, ihr gesamtes, langes Arbeitsleben meist in hoch arbeitsteiligen Großunternehmen wie etwa Fabriken. Sie arbeiten üblicherweise in einer Ganztagstätigkeit mit festen, für viele gleichen Arbeitszeiten. Die Fabriksirene, die den Beginn und das Ende der Arbeitszeit ankündigt, symbolisiert geradezu die Industriegesellschaft. Auch die Arbeitsbedingungen und –inhalte wie etwa in großen Werkhallen sind zwar von Beruf zu Beruf verschieden, innerhalb der Berufe aber massenhaft ähnlich. An diese typischerweise standardisierten Formen der Erwerbstätigkeiten schließen weitreichende Überlegungen an bis hin zu marxistischen Revolutionstheorien, die im Anschluss an Karl Marx davon ausgehen, dass gemeinsame Arbeitserfahrungen und die Möglichkeit zur Kommunikation darüber, Revolutionen erst ermöglichen.

Die Erwerbstätigkeiten in postindustriellen Dienstleistungsgesellschaften unterscheiden sich hiervon stark. Viele Standardisierungen brechen auf. Berufswege, Arbeitsinhalte, Arbeitsverhältnisse, Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten werden immer flexibler. Es wird immer mehr zur Sache des einzelnen Erwerbstätigen und seines Arrangements mit Arbeitgebern, Kollegen und Kunden, was, wie, wann und unter welchen Bedingungen er arbeitet.

Das modernisierungstheoretische Modell der Sozialstrukturentwicklung behauptet schließlich drittens, dass im Zuge der sektoralen Verschiebungen und der zunehmenden Einbeziehung der Bevölkerung insbesondere der Frauen in das Erwerbsleben die Wirtschaftsleistung und damit auch der Wohlstand der Menschen zunehmen werden.

Üblicherweise wird die Wirtschaftsleistung mithilfe des „Bruttoinlandsprodukts“ (BIP) ermittelt. Hierunter versteht man den Geldwert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres von der Volkswirtschaft eines Landes hervorgebracht werden (Statistisches Bundesamt 2011, S. 72). Das „Bruttonationaleinkommen“ (BNE) bezeichnet den umfassendsten volkswirtschaftlichen Einkommensbegriff. Grundlage für die Berechnung ist das Bruttoinlandsprodukt, von dem die Primäreinkommen abgezogen werden, die in dem Berechnungsjahr an das Ausland gingen und die Primäreinkommen hinzugefügt werden, die die Volkswirtschaft von ausländischen Wirtschaftseinheiten bezogen haben (Statistisches Bundesamt 2011, S. 77). Der Wohlstand eines Landes insgesamt wird mit dem Konzept des „Volkseinkommens“ bestimmt. Das Volkseinkommen ergibt sich, indem alle Arbeitnehmerentgelte und alle Unternehmensund Vermögenseinkommen addiert werden (Statistisches Bundesamt 2011, S. 77).

Es ist jedoch fragwürdig, inwieweit mithilfe dieser monetären Konzepte wirklich der Wohlstand beziehungsweise das Ausmaß der verfügbaren Güter von Gesellschaften hinreichend gemessen werden kann. So erhöht jede Autoreparatur aufgrund eines Verkehrsunfalls und jede umweltschädigende Baumaßnahme das Bruttoinlandsprodukt und das Bruttonationaleinkommen. Es ist aber durchaus zu bezweifeln, dass sich der Wohlstand der Menschen mittels vermeidbarer Reparaturen und ökologisch fragwürdiger Bauten erhöht. Hinzu kommt, dass unentgeltliche Arbeiten und Dienstleistungen etwa im Haushalt ebenso nicht berücksichtigt werden wie die eigene Versorgung von selbst angebauten Nahrungsmitteln (Hausen 1996, S. 90 ff.). Wenn beispielsweise ein Mann seine Haushälterin heiratet und die Ehefrau die gleichen Arbeiten nun als Hausfrau unentgeltlich erledigt, sinkt das Bruttoinlandsprodukt um den Lohn, den die Ehefrau früher als Haushälterin für ihre Leistungen bekommen hat. Trotz dieser berechtigten Einwänden und verschiedenen alternativen Wohlstandsmaßen stellen die vorgestellten Messgrößen im internationalen Vergleich nach wie vor leicht verfügbare und praktikable Wohlstandsmaße dar (Braackmann 2010; Noll 2002; Suntum 2012).

  • [1] Bisweilen finden sich auch andere Altersgrenzen. Aufgrund der verlängerten Ausbildungszeiten sowie einer Veränderung des faktischen Renteneintrittsalters wird die Untergrenze der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bisweilen mit 20 Jahren und die Obergrenze mit 60 Jahren angegeben. Neuerdings finden sich aufgrund der zukünftig zu erwartetenden verlängerten Arbeitszeit Obergrenzen von 74 Jahren. Problematisch sind diese Altersuntergrenzen von 15 oder 20 Jahren vor allem in denjenigen Gesellschaften, die keine Schulpflicht haben und/oder die sich durch einen gewissen Anteil einer Kindererwerbsarbeit auszeichnen, so dass dort der Anteil der faktischen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter unterschätzt wird.
 
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