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Nichteheliche Geburten

Während des „goldenen Zeitalters“ der Kleinfamilie in den 1950er und 1960er Jahren waren Geburten außerhalb von Ehen selten. Die betroffenen Mütter als auch die Kinder wurden zudem oft von ihren Mitmenschen stigmatisiert. Seit den 1960er Jahren steigt die Zahl nichtehelicher Geburten in Deutschland kontinuier-

Abb. 4.7 Nichteheliche und eheliche Geburten in Deutschland 1871–2010. (Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2013a)

lich an und lag im Jahr 2010 bei 33 %. Nichteheliche Geburten an sich sind nichts außergewöhnliches mehr (Abb. 4.7).

Diese „Entkopplung von Heirat und Fertilität“ (Peuckert 2012, S. 18) lässt sich im Prinzip in allen europäischen Gesellschaften beobachten. Dennoch zeigen sich im europäischen Vergleich bedeutende Unterschiede. In Griechenland sind nichteheliche Geburten weiterhin sehr selten. Im Jahr 2010 waren zum Beispiel nur 6,6 % aller Geburten außerhalb von Ehen. Demgegenüber kamen in Island (64,3 %), Estland (59,1 %), Slowenien (55,7 %), Norwegen (54,8 %), Schweden (54,2 %), Bulgarien (54,1 %) und Frankreich (52,9 %) im Jahr 2010 beziehungsweise im Jahr 2009 für Frankreich schon mehr Kinder außerhalb als innerhalb von Ehen zur Welt. Im europäischen Vergleich lag Deutschland bei der Anzahl nichtehelicher Geburten im Mittelfeld. Auffällig sind jedoch die bedeutenden Unterschiede im innerdeutschen Vergleich. So war im Jahr 2010 der Anteil der nichtehelichen Geburten an allen Geburten mit 61,2 % in Ostdeutschland im Vergleich zu 27 % in Westdeutschland mehr als doppelt so hoch (Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2012, S. 18). Zurückzuführen sind diese Unterschiede zwischen Ostund Westdeutschland zum einen darauf, dass die Anzahl der nichtehelichen

Abb. 4.8 Nichtehelichenquote in europäischen Ländern 2010. *Daten für das Jahr 2009. (Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2012, S. 52)

Geburten schon seit den 1960er Jahren in Ostdeutschland unter anderem aufgrund der familienpolitischen Situation in der DDR stets höher ist als in Westdeutschland. Zum anderen ist auch das Selbstverständnis von Frauen in Ostdeutschland hinsichtlich Familie, Erwerbstätigkeit und ökonomischer Selbstständigkeit weniger auf Ehe ausgerichtet als in Westdeutschland (Abb. 4.8).

Scheidungen

Überall wo Ehen nur noch geringe Versorgungsund Produktionsaufgaben erfüllen, wo die emotionale Zuneigung im Wesentlichen für die Paarbeziehung verantwortlich ist, sind Ehen immer brüchiger und instabiler geworden. Wie häufig Scheidungen sind, ist aber auch von kulturellen und rechtlichen Faktoren abhängig. In katholischen Ländern sind sie seltener als in protestantischen, in islamischen seltener als in christlichen, in gemeinschaftlicheren Ländern seltener als in stark individualisierten. Auch die juristische Abkehr vom Schuldprinzip und die

Abb. 4.9 Ehescheidungen und rohe Ehescheidungsziffer in Deutschland 1888 bis 2010. (Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung 2013b)

Einführung des Zerrüttungsprinzips als Scheidungsvoraussetzung hat in vielen europäischen Staaten die Auflösung von Ehen erleichtert.

In Deutschland ist die Zahl der Scheidungen mit Ausnahme weniger Zeitpunkte seit 1888 stetig angestiegen. Im Jahr 2010 wurden knapp 190.000 Ehen geschieden. Das waren in etwa 23 Scheidungen je 10.000 Einwohner (rohe Ehescheidungsziffer) oder 11 Scheidungen je 1000 bestehender Ehen (Statisches Bundesamt 2012b, S. 55). Prognosen gehen davon aus, dass vermutlich jede dritte der derzeit bestehenden Ehen in Deutschland wieder geschieden wird (Statistisches Bundesamt 2008, S. 33). Trotz einer zunehmen Scheidungshäufigkeit enden die Mehrheit der Ehen aber nach wie vor durch den Tod eines Partners und nicht durch Ehescheidungen. Im Jahr 2009 lag der Anteil der Ehelösungen durch Tod bei 65 % im Vergleich zu 35 % aufgrund einer Ehescheidung (Krack-Roberg 2011, S. 241, Abb. 4.9).

Neben einem allgemeinen Anstieg der Scheidungszahlen lässt sich auch beobachten, dass das durchschnittliche Alter bei Scheidung ansteigt. Im Vergleich zu 1990 stieg das durchschnittliche Scheidungsalter um ungefähr 6 Jahre an und betrug 2009 für Männer 45 Jahre und für Frauen 42 Jahre (Krack-Roberg 2011,

Abb. 4.10 Ehescheidungen je 1000 Ehen nach Ehedauer. (Quelle: Krack-Roberg 2011, S. 255)

S. 249 ff.). Zurückzuführen ist dieser Anstieg zu einem beträchtlichen Teil auf das spätere Erstheiratsalter. So zeigen beispielsweise verschiedene Studien, dass das Risiko einer Scheidung abhängig ist von der Dauer der Ehe. Seit 1990 ist dieses Risiko nach Ehedauer relativ unverändert (Krack-Roberg 2011, S. 255). Nach einer Ehedauer von 2 Jahren steigt das Scheidungsrisiko abrupt an und beginnt nach 6 Jahren Ehedauer sukzessive zurückzugehen. Erst nach 11 Jahren Ehedauer wird das Niveau bei drei Jahren Ehedauer wieder unterschritten. Dementsprechend ist das Scheidungsrisiko besonders hoch für den Zeitraum einer Ehedauer von 3 bis 11 Jahren. Dennoch zeigt sich, dass der Anteil von Scheidungen bei länger anhaltenden Ehen im Vergleich zu den 1990er Jahren zunimmt. In der Folge sowie aufgrund einer steigenden Lebenserwartung wuchs die durchschnittliche Ehedauer von 11,7 Jahren im Jahr 1991 auf 14,2 Jahre im Jahr 2010 (Statistisches Bundesamt 2012b, S. 57, Abb. 4.10).

Die steigenden Zahlen von Scheidungen im Unterschied etwa zu dem Rückgang von Eheschließungen sind aber nicht ohne Weiteres als empirischen Beleg für eine Legitimationskrise der Institution Ehe zu deuten. Es lässt sich nämlich nachweisen, dass viele Menschen nach einer Scheidung wieder heiraten (Statistisches Bundesamt 2012b, S. 55). So waren im Jahr 2010 jeder vierte eheschließende Mann (24,4 %) und jede vierte eheschließende Frau (24,7 %) zuvor geschieden (Statistisches Bundesamt 2012b, S. 54). Im Jahr 1993 waren jeder 5 eheschließende Mann (20 %) und jede 5 eheschließende Frau (21,5 %) zuvor schon mal verheiratet (Statistisches Bundesamt 1995, S. 72). Ein Vergleich der altersspezifischen Heiratswahrscheinlichkeiten der Jahre 1970 und 2010 verdeutlicht zudem, dass im Jahr 1970 die Wiederverheiratungswahrscheinlichkeit in der Altersgruppe von 18 bis 35 Jahre deutlich höher lag als 2010. Auch unabhängig der Altersgruppen zeigt sich im Zeitvergleich, dass die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Heirat leicht abgenommen hat (Grünheid 2011, S. 16 ff.). Dementsprechend ist davon auszugehen, dass in der Mehrzahl der Fälle Scheidungen kein Vorbehalt gegen die Einrichtung der Ehe anzeigen, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass als schlecht empfundene Ehen nicht länger aufrechterhalten werden. Dies geht damit einher, dass Paarbeziehungen im Allgemeinen und nicht nur verheiratete Paarbeziehungen instabiler geworden sind.

Eine ähnliche Entwicklung wie in Deutschland lässt sich auch in anderen europäischen Gesellschaften nachweisen. In fast allen Ländern ist das Scheidungsund Eherecht umfassend verändert worden, sodass Scheidungen prinzipiell erleichtert wurden sind. Dies bedeutet auch zumeist eine Abkehr vom Schuldprinzip. In allen europäischen Gesellschaften lässt sich ein Anstieg der Scheidungszahlen beobachten, wenn auch deutliche Unterschiede zwischen den skandinavischen Ländern und den südeuropäischen Ländern bestehen. Vergleichsweise hohe Scheidungszahlen finden sich in den skandinavischen Ländern sowie in Großbritannien und relativ niedrige in Irland sowie in den südeuropäischen Ländern wie Griechenland und Italien (Tab. 4.5).

 
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