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4.2.2 Konventionelle Lebensformen

Heirat

Die bürgerliche Ehe und Kleinfamilie hat sich in Deutschland in den letzten 200 Jahren nach und nach durchgesetzt. Während im 18. Jahrhundert in Deutschland nicht alle Menschen das Recht hatten, zu heiraten und eine Familie zu gründen, wurden in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Ehe und Familie fast eine Pflicht. Die Eheschließung galt in jener Zeit als kulturelle Selbstverständlichkeit. Von den 1950er bis Mitte der 1970er Jahre waren in Deutschland über 95 % der Altersjahrgänge verheiratet. Und fast 90 % davon hatten Kinder (Höhn et al. 1990, S. 169). Wesentlich mehr Paare können schon aus biologischen Gründen keine Kinder bekommen. Es war die „Hoch-Zeit“ der Hochzeit und das „goldene Zeitalter“ der Familie. Ehe und Familie waren konventionell abgesichert und als Standard-Lebensform etabliert. Ähnlich war es in den meisten Ländern Südund Westeuropas. Verantwortlich ist hierfür unter anderem auch der Einfluss der katholischen Kirche. In den skandinavischen Ländern sowie aus zum Teil anderen Gründen auch in Frankreich und Irland waren die Heiratsquoten um das Jahr 1960 zwar etwas niedriger als in den anderen europäischen Gesellschaften. Dennoch waren die Quoten sehr viel höher als heute. Die Nachkriegszeit war in dieser Hinsicht jedoch kein Normalzustand, sondern vielmehr eine historisch vorübergehende Besonderheit. Seit Mitte der 1970er Jahre bis Mitte der 1980er Jahre ging die Heiratsneigung in Deutschland und in anderen modernen europäischen Gesellschaften stark zurück und stagniert seitdem auf einem niedrigen Niveau (Peuckert 2008, S. 369). So werden schätzungsweise in Deutschland von den 1960 geborenen Männern 30 % und von den gleichaltrigen Frauen wohl etwa 20 % nie heiraten (Engstler und Menning 2003, S. 68). Auffällig ist, dass es vor allem hoch qualifizierte Männer und Frauen sind, die eine niedrigere Heiratsneigung haben und in der Folge nicht heiraten (Wirth und Schmidt 2003).

Gesamt gesehen ging in Europa nach von der Europäischen Kommission zur Verfügung gestellten Daten die rohe Eheschließungsziffer, das heißt die Zahl der Eheschließungen je 1000 Einwohner, von 7,9 je 1000 Einwohner im Jahr 1970 auf 4,5 Eheschließungen im Jahr 2009 zurück. Dies entspricht einem Rückgang von etwas mehr als 30 %. Auch wenn sich ein Teil des Rückgangs dadurch erklären lässt, dass die geburtenschwachen Jahrgänge in ein heiratsfähiges Alter kommen, lässt sich dieser Rückgang zumindest grob als ein Indiz für einen Rückgang der Ehe werten. Im innereuropäischen Vergleich zeigt sich, dass in einigen andern Ländern Europas die Ehe noch mehr an Bedeutung verloren hat als in Deutschland. Vor allem in den skandinavischen Ländern lässt sich eine relativ niedrige Heiratsneigung beobachten. Dennoch waren es im Jahr 2010 nicht die nordeuropäischen Länder, die die niedrigsten rohen Eheschließungsziffern aufwiesen, sondern vielmehr die osteuropäische Länder Slowenien und Bulgarien mit je 3,2 Eheschließungen pro 1000 Einwohner. Im Vergleich dazu waren die höchsten Eheschließungsziffern im Jahr 2010 in Zypern mit 7,9 und Polen mit 6 Eheschließungen je 1000 Einwohner zu finden (Tab. 4.2).

In Deutschland, aber auch beispielsweise in Schweden und in den USA sind die Gründe für eine Eheschließung unter anderem die Planung von Kindern oder eine Schwangerschaft (Crouch 1999, S. 224). Dementsprechend sind immer mehr Kinder und weniger Partnerschaften der Hauptzweck einer Heirat. Die Ehe und Familie sind zunehmend auf die Sozialisation von Kindern ausgerichtet (NaveHerz 1998, S. 304). In den letzten Jahren wandelt sich aber allmählich auch die kindorientierte Eheschließung zu einer egalitären Paarbeziehung mit oder ohne Kinder, die nicht mehr unbedingt durch eine Heirat legitimiert werden muss. Dieser Bedeutungsverlust der Ehe und nicht von Paarbeziehung an sich in den letzten Jahren lässt sich neben den Heiratsmotiven (siehe hierfür etwa Schneider und Rüger 2007) und den angezeigten sinkenden Eheschließungen vor allem an dem Anstieg von außerehelichen Geburten anzeigen. Während in Deutschland im Jahr 1950 ca. 10 % der Kinder außerehelich geboren wurden, wuchs der Anteil von nichtehelichen Geburten an den Lebendgeboren auf etwa 33 % im Jahr 2010 an. Im Vergleich zwischen Ostund Westdeutschland zeigt sich zusätzlich, dass der Anteil der außerehelichen Geburten im Jahr 2010 mit etwa 60 % um einiges höher war als in Westdeutschland mit 27 % (Pötzsch 2012, S. 90).

Dieser grobe Wandel von einer überwiegend aus wirtschaftlichen Gründen geschlossenen Zweckehe in vorindustriellen Gesellschaften über eine paarzentrierte Liebesheirat in Industriegesellschaft hin zu einer kindorientieren Eheschließung in postindustriellen Gesellschaften entspricht weitgehend und mit Ausnahme etwa einem weitergehenden Bedeutungsverlust der Ehe dem vorgestellten Modell der Sozialstrukturmodernisierung. Mit der Entscheidung zu heiraten sind aber in der Regel eine Reihe weitere Verhaltensweisen verbunden, die sich in der Folge auch verändert haben wie etwa hinsichtlich des Heiratsalters, der Frauenerwerbstätigkeit und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, der Zahl der Kinder, dem Anteil nichtehelicher Geburten sowie der Scheidung.

Tab. 4.2 Rohe Eheschließungsziffer in europäischen Ländern, 1960–2010. (Quelle: epp.eurostat.ec.europa.eu/statistics_explained/index.php?title=File:Crude_mar- riage_ rate,_ 19602010 _% 28 per_ 1_ 000_ inhabitants% 29 -de. png& f i letimes- tamp=20120712104721; eigene Darstellung)

1960

1970

1980

1990

2000

2010

EU (27)a

7,9

6,8

6,3

5,2

4,5

Belgien

7,1

7,6

6,7

6,5

4,4

4,2

Bulgarien

8,8

8,6

7,9

6,9

4,3

3,2

Tschechische Republik

7,7

9,2

7,6

8,8

5,4

4,4

Dänemark

7,8

7,4

5,2

6,1

7,2

5,6

Deutschland

9,5

7,4

6,3

6,5

5,1

4,7

Estland

10,0

9,1

8,8

7,5

4,0

3,8

Irland

5,5

7,0

6,4

5,1

5,0

4,6

Griechenland

7,0

7,7

6,5

5,8

4,5

5,1

Spanien

7,8

7,3

5,9

5,7

5,4

3,6

Frankreichb

7,0

7,8

6,2

5,1

5,0

3,8

Italien

7,7

7,4

5,7

5,6

5,0

3,6

Zypernc

8,6

7,7

9,7

13,4

7,9

Lettland

11,0

10,2

9,8

8,9

3,9

4,2

Litauen

10,1

10,5

9,2

9,8

4,8

5,7

Luxemburg

7,1

6,4

5,9

6,1

4,9

3,5

Ungarn

8,9

9,4

7,5

6,4

4,7

3,6

Malta

6,0

7,9

8,8

7,1

6,7

6,2

Niederlandea

7,7

9,5

6,4

6,5

5,5

4,4

Österreich

8,3

7,1

6,2

5,9

4,9

4,5

Polen

8,2

8,6

8,6

6,7

5,5

6,0

Portugal

7,8

9,4

7,4

7,2

6,2

3,7

Rumänien

10,7

7,2

8,2

8,3

6,1

5,4

Slowenien

8,8

8,3

6,5

4,3

3,6

3,2

Slowakei

7,9

7,9

8,0

7,6

4,8

4,7

Finnland

7,4

8,8

6,2

5,0

5,1

5,6

Schweden

6,7

5,4

4,5

4,7

4,5

5,3

Vereinigtes Königreicha

7,5

8,5

7,4

6,6

5,2

4,3

Island

7,5

7,8

5,7

4,5

6,3

4,9

Liechtenstein

5,7

5,9

7,1

5,6

7,2

5,0

Norwegen

6,6

7,6

5,4

5,2

5,0

4,8

Schweiz

7,8

7,6

5,7

6,9

5,5

5,5

Montenegro

6,0

Tab. 4.2 (Fortsetzung)

1960

1970

1980

1990

2000

2010

Kroatien

8,9

8,5

7,2

5,9

4,9

4,8

EJR Mazedonien

8,6

9,0

8,5

8,3

7,0

6,9

Türkei

8,2

8,0

a 2007 statt 2009

b Von 1960 bis 1990 ohne die französischen Überseedepartements

c Bis einschließlich 2002 beziehen sich die Daten auf die Gesamtzahl der in dem Land geschlossenen Ehen, einschließlich Eheschließungen zwischen nicht Gebietsansässigen, ab 2003 beziehen sich die Daten auf Eheschließungen, bei denen mindestens ein Ehepartner im Land ansässig war

 
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