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4.2 Empirische Befunde

4.2.1 Überblick

Größe der Haushalte

Um das Jahr 1900 lebten in Deutschland in jedem Privathaushalt im Durchschnitt 4,5 Personen. Knapp die Hälfte (44,4 %) aller Haushalte umfasste 5 Personen oder mehr. Im Jahr 2004 bestand ein Haushalt durchschnittlich nur noch aus 2,1 Personen. Große Haushalte mit mehr als 5 Mitglieder waren sehr selten (4,1 %). Dagegen waren Einpersonenhaushalte, die im Jahr 1900 kaum vorhanden waren (7,1 %), im Jahr 2004 die häufigste Haushaltsgröße (37,2 %). 2010 setzte sich die Entwicklung einer Verkleinerung der Haushaltsgrößen weiter fort. So lebten im Durchschnitt im Jahr 2010 2,03 Personen in einem Haushalt. Die Anzahl der Einpersonenhaushalte stieg weiter an auf gut 40 %. Zeitgleich sank die Zahl der Mehrpersonenhaushalte mit 3 und mehr Personen. Während der Anteil der Haushalte mit drei und mehr Personen im Jahr 1991 noch bei etwa 36 % lag, sank der Anteil der Haushalte mit mehr als drei Personen auf knapp 26 % im Jahr 2010. Mit der Verkleinerung der Haushaltsgrößen ging ein Anstieg der absoluten Zahl der Haushalte einher. Allein von 1991 bis 2010 stieg die Anzahl der Haushalte um ca. 14 % auf etwa 40,3 Mio. Privathaushalte an (Hammes et al. 2011, S. 990 ff., Abb. 4.2).

Diese Verkleinerung von Haushalten bei einer absoluten Zunahme von Haushalten insgesamt ist keine deutsche Besonderheit. In den Ländern der Europäischen Union sank allein von 1981 bis 2000 die durchschnittliche Haushaltsgröße von 2,8 auf 2,4 Personen (Europäische Kommission 2003, S. 25, 61). Auch wenn sich weltweit eine Verkleinerung der Haushalte insgesamt beobachten lässt, ist der Prozess nicht in allen Gesellschaften gleich weit fortgeschritten. Vor allem in den skandinavischen Ländern und dem Großteil der mitteleuropäischen Gesellschaften leben die Menschen in ähnlich kleinen Haushalten wie in Deutschland. 2010 betrug zum Beispiel die durchschnittliche Haushaltsgröße in Schweden 2,0 Personen, in Dänemark und Finnland 2,1 Personen, in den Niederlanden und der Schweiz 2,2 Personen und in Norwegen und in Österreich 2,3 Personen. Die höchsten durchschnittlichen Haushaltsgrößen fanden sich im europäischen Vergleich in den osteuropäischen Gesellschaften, in einigen südeuropäischen sowie in Irland. So betrug zum beispielsweise die durchschnittliche Haushaltsgröße 2010 in Rumänien 2,9 Personen, in Griechenland und Lettland 2,8 Personen, in Irland und Slowenien 2,7 Personen. Im außereuropäischen Vergleich lebten im Jahr 2010 in den Haushalten im Durchschnitt mehr Menschen zusammen als in den europäischen Gesellschaften mit Ausnahme von Japan (2,5), den USA und Kanada (je 2,6) sowie Australien (2,7), die auf ähnliche Haushaltsgrößen kamen wie die europäischen Gesell-

Abb. 4.2 Entwicklung der Haushaltsgrößen in Deutschland. (Quelle: Statistisches Bundesamt 2006, S. 34)

schaften. Gegenüber den europäischen Haushaltsgrößen war die durchschnittliche Anzahl der Personen, die in einem Haushalt zusammen leben, im Jahr 2010 in Pakistan mit 7,2, in Bangladesch mit 6 Haushaltsmitgliedern, in Saudi-Arabien mit 5,4 Haushaltsmitgliedern, in Äthiopien mit 5,3 Haushaltsmitgliedern oder etwa in Indien mit 5,2 Haushaltsmitgliedern relativ hoch (Statistisches Bundesamt 2011c, S. 683, Abb. 4.3).

Dementsprechend selten sind in den europäischen Gesellschaften auch große Haushalte geworden, in denen mindestens 5 Personen leben. Mit Ausnahme von

Abb. 4.3 Durchschnittliche Haushaltsgrößen in ausgewählten Ländern 2010. (Quelle: Statistisches Bundesamt 2011c, S. 683; eigene Darstellung)

Irland, Lettland, Polen und Rumänien, in denen jeweils etwas mehr als 10 % der Menschen in großen Haushalten zusammen lebten, lebten im Jahr 2010 in allen europäischen Gesellschaften weniger als 10 % der Menschen in Haushalten mit 5 oder mehr Personen. In Deutschland und in einigen skandinavischen Ländern waren es sogar weniger als 5 % der Bevölkerung. Auch in Italien, wo vielfach noch Großfamilien vermutet werden, waren sie mit 5,1 % sehr selten. Mit der Reduzierung der großen Haushalte geht gleichzeitig eine Erhöhung der Einpersonenhaushalte einher. In Mittelund Nordeuropa sowie in einigen ostund südeuropäischen Ländern bestehen schon mehr als ein Drittel aller Haushalte aus Einpersonenhaushalten. Im außereuropäischen Vergleich zählten hingegen im Jahr 2010 Einpersonenhaushalte im Vergleich zu Zwei-, Dreioder Vierpersonenhaushalten zumeist zu den noch am wenigsten vorkommenden Haushaltsgrößen (Statistisches Bundesamt 2011c, S. 683).

Zurückzuführen ist die Verkleinerung der Haushalte neben instabileren Paarbeziehungen, wie es beispielhaft die steigenden Scheidungsraten anzeigen, vor allem auf demographische Prozesse wie sinkende Fertilitätsraten und eine zunehmende Zahl älterer Menschen, die sich statistisch etwa in der Zunahme von „Seniorenhaushalten“, das heißt Haushalte, in denen ausschließlich Menschen über 65 Jahre leben, aufzeigen lassen. Da die demographischen Veränderungen weltweit noch unterschiedlich weit vorangeschritten sind (vgl. Kap. 3), erklärt sich auch, warum in den nicht-europäischen Gesellschaften die Größe der Haushalte sich trotz einer grundlegend ähnlichen Entwicklung hin zu einer Verkleinerung der Haushaltsgrößen noch stark von den Haushaltsgrößen in Europa unterscheidet.

 
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