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4. Lebensformen, Haushalte und Familien

In dem folgenden Kapitel geht es darum, wie Menschen im Alltag mit den ihnen am nächsten stehenden Mitmenschen zusammenleben. Wie nachstehend aufgezeigt, ist dies keineswegs nur eine Frage persönlicher Vorlieben. Vielmehr lassen sich bestimmte gesellschaftliche Muster nachweisen, die auch zwischen verschiedenen Gesellschaften variieren können. Daher stellen auch die Formen des Zusammenlebens einen Kernbereich der Sozialstruktur dar. Für das Denken, Verhalten und Wohlergehen der Menschen haben Lebensformen, Haushalte und Familien große Bedeutung.

4.1 Der Bezugsrahmen

4.1.1 Grundbegriffe: Lebensformen, Haushalte, Familien und ihre gesellschaftliche Bedeutung

Der Begriff der „Lebensform“ ist der allgemeinste der drei angeführten Begriffe. Darunter sind die relativ beständigen Konstellationen zu verstehen, in denen Menschen im Alltag mit den ihnen am nächsten stehenden Mitmenschen zusammenleben. Nach einer Definition des Statistischen Bundesamtes werden unter „Lebensformen“ dementsprechend „relativ stabile Beziehungsmuster der Bevölkerung im privaten Bereich verstanden, die allgemein mit Formen des Alleinlebens oder Zusammenlebens (mit oder ohne Kinder) beschrieben werden können.“ (Niemeyer und Volt 1995, S. 437; vgl. Huinink und Konietzka 2007, S. 29 ff.). Lebensformen lassen sich somit über die Anzahl der Personen und ihren Status, die Art und Weise der Beziehungsformen etwa Eltern-Kind-Beziehung oder Paarbeziehung sowie die Anzahl der zusammenlebenden Generationen voneinander unterscheiden. Bezeichnenderweise setzte sich dieser allgemein gehaltene Begriff der Lebensform in der Geschichte der Soziologie erst durch, als die in den 1950er und 1960er Jahren vorherrschende Standardlebensform der Zwei-Generationen-Kleinfamilie aufbrach und zunehmend alternative Lebensformen sich gesamtgesellschaftlich ausbildeten.

Lebensformen, in denen Menschen nicht nur zusammenleben, sondern auch zusammen wohnen und wirtschaften, nennt man „Haushalt“. Ein Paar mit getrennten Wohnsitzen zählt zwar zur Lebensform der Paarbesitzungen, unterhält aber zwei Haushalte. In der Praxis lassen sich viele Übergangsformen antreffen, die es schwer machen zu entscheiden, wie viele Haushalte eine Lebensform einschließt. So ist bei vielen Wohngemeinschaften durchaus nicht klar, ob sie einen oder mehrere Haushalte umfassen. In der Mehrzahl ist die Zuordnung jedoch eindeutig. Viele Familien sowie Paare und Alleinlebende ohnehin wirtschaften und wohnen zusammen und bilden demzufolge einen Haushalt.

Als „Familie“ sollen schließlich jene Haushalte bezeichnet werden, in denen Erwachsene mit Kindern zusammen wohnen und wirtschaften und die Kinder zusätzlich sozialisiert werden. Es kommt dabei nicht darauf an, ob es sich um die leiblichen Eltern handelt, ob die Erwachsenen miteinander verheiratet sind oder ob es sich um einen, zwei oder mehr Erwachsene handelt. Nach diesem Familienbegriff zählen die nicht im Haushalt lebenden Verwandten und die Kinder außer Haus nicht zur „Familie“. Auch kinderlose Ehepaare sind demnach keine Familie. Alleinerziehende, Nichteheliche Lebensgemeinschaften oder Wohngemeinschaften bilden hingegen eine Familie, sofern sie mit Kindern zusammen wohnen. Der hier verwendete Begriff unterscheidet sich von vielen anderen Verwendungsweisen, die im Alltagsleben, im juristischen Bereich, aber auch zum Teil in der Familiensoziologie gebräuchlich sind (siehe etwa Schmidt 2002). Mit der vorgenommenen Begriffswahl soll aber keineswegs unterstellt werden, dass andere Familienbegriffe weniger gut sind. Sie sind nur für eine vergleichende Sozialstrukturanalyse weniger gut geeignet. Juristen zum Beispiel, die sich mit Familienund Erbrecht auseinandersetzen, verwenden aus nachvollziehbaren Gründen einen anderen Familienbegriff (Abb. 4.1).

Das Zusammenleben von Menschen in Familien und Haushalten beruht auf anderen Grundsätzen als viele andere Bereiche der Gesellschaft. Im Prinzip sind Lebensformen und vor allem Familien solidarische Gemeinschaften, denen die Menschen vorwiegend aufgrund gefühlsmäßiger Bindungen und nicht aufgrund von Nutzenkalkulationen angehören. Geben und Nehmen werden in der Regel und

Abb. 4.1 Systematik von Familienund Lebensformen im Mikrozensus. (Quelle: Hammes et al. 2011, S. 993)

mit Ausnahme von Krisenmomenten nicht gegeneinander aufgerechnet. Weder wird gegen Lohn gearbeitet, noch wird für jede erbrachte Leistung eine unmittelbare Gegenleistung erwartet. Im Allgemeinen gibt jedes Mitglied nach seinem Vermögen und erhält nach seinen Bedürfnissen im Maße des insgesamt Vorhandenen. Die meisten Güter gehören allen gemeinsam. Gelegentlich wird dies auch als „Familienkommunismus“ bezeichnet. Konkurrenz spielt keine tragende Rolle. Die Mitglieder sind nicht nur in Ausschnitten wie etwa hinsichtlich ihrer Arbeitskraft oder ihrer Sexualität, sondern mit ihrer gesamten Persönlichkeit in Haushalte und Familien eingebunden. Auch wenn sicherlich kaum ein Haushalt oder eine Familie in vormodernen und schon gar nicht in modernen Gesellschaften vollständig diesen idealtypischen Prinzipien entspricht, verdeutlichen sie dennoch die Sonderstellung im Unterschied zu vielen anderen Bereichen der Gesellschaft, wo etwa Marktlogiken wie das unmittelbare Tauschprinzip oder staatliche Regelungen die Verhaltensweisen der Menschen bedingen (Crouch 1999, S. 54 ff.).

Familien stellen ein wichtiges Bindeglied zwischen den Einzelnen und der Gesellschaft dar. Auch wenn bestimmte Familienformen immer wieder totgesagt wurden, haben Familien an sich alle gesellschaftlichen Veränderungen überlebt. Die gesellschaftliche Bedeutung von Familien lässt sich unter anderem über die Aufgaben und Funktionen von Familien ableiten (Andorka 2001, S. 322).

• Die Produktion stellt in vormodernen Gesellschaften eine der Hauptaufgaben der Familie dar. Vor allem in ländlichen Gebieten mit Landwirtschaft, aber auch in städtischen Regionen ist die Familie zugleich Produktionseinheit. Nahrungsmittel, Gebrauchsgegenstände, Dienstleitungen werden zum Großteil in der Familie hervorgebracht. Aber auch in modernen Gesellschaften produzieren Familien zahlreiche Güter und Dienstleistungen. So lässt sich zum Beispiel beobachten, dass in Familien gekocht wird, es werden Gegenstände repariert oder hergestellt, Nahrungsmittel angepflanzt und Pflegedienstleistung durchgeführt.

• Auch die Konsumption vollzieht sich in vormodernen Gesellschaften fast ausschließlich im familiären Kontext. Gekaufte und selbst hergestellte Güter sowie zahlreiche Dienstleistungen werden in der Familie genutzt. In modernen Gesellschaften wird zwar oft in Kantinen oder Restaurants gegessen, in Schulen gelernt, in Pflegeheimen gepflegt. Gleichwohl stellt die Familie auch in modernen Gesellschaften einen wesentlichen Ort der Konsumption dar. Zahlreiche Konsumgüter wie Unterhaltungselektronik, Haushaltseinrichtungen oder Automobile und Dienstleistungen wie beispielsweise Pflege oder Heilung werden in Familien genutzt.

• Familie dient der Fortpflanzung und trägt damit zur Reproduktion von Gesellschaften beziehungsweise Bevölkerungen bei.

Die bisher genannten Aufgaben sind in vormodernen Gesellschaften Kernbereiche der Familie. Auch wenn in modernen Gesellschaften Familien diese Aufgaben weniger leisten und zum Teil diese Aufgaben aus dem familiären Kontext ausgelagert sind, zählen diese immer noch zu den wesentlichen Aufgaben der Familie. Die folgenden beiden Aufgaben werden dagegen in Familien moderner Gesellschaften häufiger erfüllt als zuvor.

• Gerade weil Familien derzeit nur noch in begrenztem Umfang produzieren, versorgen und tätige Solidargemeinschaften sind, beruhen sie mehr denn je auf emotionalen Grundlagen. Sie stellen damit emotionale, ganzheitliche, persönliche Gegenentwürfe zu den eher anonymen, rationalen, funktional spezialisierten Gesellschaftsbereichen. Damit leisten Familien viel für die psychische Reproduktion ihrer Mitglieder.

• Als klassische und in der Definition festgeschriebene Aufgabe der Familie gilt die Sozialisation von Kindern. Auf der einen Seite werden im Laufe der Modernisierung zwar wesentliche Bereiche der Sozialisation und Erziehung aus der Familie ausgegliedert und auf andere Sozialisationsinstanzen wie Kindergärten, Schulen, und Universitäten, aber auch Medien und Gruppe Gleichaltriger übertragen. Auf der anderen Seite kommt der frühkindlichen Sozialisation aber immer mehr Bedeutung zu in Folge der geringeren Anzahl von Kindern und der hohen gesellschaftlichen Anforderungen an die Sozialisation. Dies führt schließlich dazu, dass der Sozialisation von kleinen Kindern in Familien moderner Gesellschaften größere Aufmerksamkeit zuteil wird als in Familien vormoderner Gesellschaften.

 
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