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3.2.6 Die ethnische Struktur der Bevölkerung

Steigende Lebenserwartung, absolut sinkende Geburtenzahlen und mehr Zuwanderer werden in Deutschland nicht nur zu einer schrumpfenden und einer alternden, sondern auch zu einer ethnisch vielfältiger zusammengesetzten Bevölkerung führen. Im historischen Vergleich sind ethnisch vielfältig zusammengesetzte Gesellschaften zwar keine Besonderheit. Nichtsdestotrotz war vor allem der Staatenbildungsprozess im Laufe der Neuzeit für die Herausbildung weitgehend ethnisch homogener Gruppen verantwortlich. In der Regel bilden sich Nationalstaaten ab der Neuzeit um eine bestimmte, sprachlich und kulturell abgrenzte Ethnie. Dort, wo keine ethnische Homogenität gegeben war, war die ethnische Geschlossenheit nicht selten mit der Ausübung von Gewalt verbunden. So lassen sich zahlreiche Beispiele anführen, in denen Minderheiten wie etwa Basken und Katalanen in Spanien, Bretonen und Korsen in Frankreich, Sorben, Wenden und Dänen in Deutschland oder Südtiroler und Albaner in Griechenland jahrzehntelang unterdrückt wurden. Wenn ethnische Homogenisierung auch selten völlig durchgesetzt werden konnte und auch bestimmte Staaten wie etwa Belgien, Kanada, die Schweiz oder die USA immer schon ethnisch heterogene Staaten waren, so sind die meisten Staaten Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend als ethnisch homogen zu bezeichnen. Dies bedeutet aber auch, dass die Bewohner im Umgang mit anderen Kulturen und Sprachen wenig geübt sind. Dementsprechend werden die zahlreichen Zuwanderer, die nach 1945 einwandern, oftmals als „Fremde“ erlebt und nicht selten abgelehnt. Im Jahr 1951 lebten in Westdeutschland in etwa 500.000 Ausländer. Auch zehn Jahre später war der Anteil mit 700.000 Ausländer kaum größer. Seither zogen immer mehr Ausländer nach Westdeutschland. Als Folge der dargestellten Wanderungsbewegungen leben seit 2001 in Deutschland mittlerweile mehr als 7 Mio. Menschen ohne deutschen Pass. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von etwa 8,8 %. Ähnlich hohe Ausländeranteile fanden sich im Jahr 2005 etwa in Belgien oder Österreich, wobei in Österreich 2010 der Ausländeranteil in etwa 11 % beträgt, und im Jahr 2010 schließlich auch in Island und Italien. Relativ niedrige Anteile fanden sich etwa in Finnland oder in den meisten osteuropäischen Ländern (Europäische Kommission 2007, S. 78, 2012, Abb. 3.21).

Als Ausländer werden in der Regel diejenigen Personen bezeichnet, die nicht die Staatsangehörigkeit des jeweiligen Staates besitzen, in dem sie leben. Diese

Abb. 3.21 Bevölkerung nach Staatsangehörigkeit in europäischen Staaten 2008. (Quelle: Europäische Kommission 2010, S. 194; eigene Berechnung und Darstellung)

juristische Definition ist soziologisch wenig aussagekräftig. So leben zum Beispiel viele Nachkommen von „Gastarbeitern“ bereits in der zweiten und dritten Generation in Deutschland. Sie sprechen zumeist sehr gut Deutsch, sind beruflich integriert und kulturell weitgehend assimiliert. Gleichwohl gelten sie nach der juristischen Definition als Ausländer, solange sie nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. In Frankreich hingegen wurde bis vor wenigen Jahren jedes Kind einer ausländischen Familie durch seine Geburt in Frankreich zum französischen Staatsbürger. Nicht wenige von ihnen sind sprachlich und kulturell beispielsweise sehr viel eher als Maghrebiner anstatt als Franzose zu bezeichnen. So lassen sich die juristisch definierten Ausländeranteile an den Bevölkerungen der einzelnen Länder in Folge der unterschiedlichen Einbürgerungsbestimmungen soziologisch nur unzureichend vergleichen. Dementsprechend werden in internationalen Statistiken immer mehr nicht nur die Ausländer nach juristischer Definition registriert, sondern auch die Menschen, die nicht in dem Land geboren sind, in dem sie leben. Fast jeder zehnte Bewohner Deutschlands wurde 1995 im Ausland geboren.

Auch wenn dieser Bevölkerungsanteil von Migranten im Jahr 2010 zurückgegangen ist, ist er im internationalen Vergleich eher durchschnittlich. So leben in Australien 23 %, in Kanada 17 %, in der Schweiz 16 %, in den USA 9 %, in Frankreich 8 %, in den Niederlanden 5 % und in Großbritannien 3 % Migranten. Einen Sonderfall stellt Luxemburg dar. Hier lebt im internationalen Vergleich der höchste Bevölkerungsanteil von Ausländern und im Ausland Geborener. Die Migranten arbeiten dort zumeist in Banken oder Vermögensverwaltungen und leben daher in der Regel in ganz anderen Berufsund Vermögensverhältnissen als Ausländer in anderen Ländern. Diese arbeiten oftmals in einkommensschwachen Berufen niedriger Qualifikation, wohnen zumeist in schlechteren Wohnverhältnissen als Einheimische und die Kinder von Migranten haben vergleichsweise schlechtere Bildungschancen.

Die ethnische Zusammensetzung von Ausländern beziehungsweise von Migranten unterscheidet sich deutlich in den einzelnen Ländern. Es sind vor allem vier Faktoren, die die jeweilige ethnische Struktur einer Bevölkerung prägen. Zuwanderer kommen häufig a) aus benachbarten Ländern, b) aus Ländern gleicher Sprache, c) aufgrund kolonialer und geschichtlicher Bindungen sowie d) aufgrund von Rekrutierungen von Arbeitskräften. In Deutschland leben dementsprechend in Folge der Rekrutierungsmaßnahmen besonders viele Menschen aus der Türkei (in etwa 30 % der Ausländer), aus dem ehemaligen Jugoslawien (in etwa 9 %), aus Italien (ungefähr 8 %) und Griechenland (ca. 5 %). Nach Frankreich wandern wegen ihrer französischen Sprachkenntnisse viele Migranten aus ehemaligen französischen Kolonien wie Algerien, Tunesien oder Marokko ein. In Großbritannien leben viele englischsprachige Menschen aus den Commonwealth-Ländern Bangladesh, Indien, Jamaika, Kenia und Pakistan. Und in Portugal leben viele Menschen, die zumeist aus ehemaligen portugiesischen Kolonien stammen und in denen auch heute noch zumeist portugiesisch gesprochen wird. Mögen sich im Zuge der Modernisierung viele sozialstrukturelle Merkmale im internationalen Vergleich angleichen, im Hinblick auf ethnische Bevölkerungsstrukturen werden moderne Gesellschaften bislang immer unterschiedlicher.

Aller Voraussicht nach wird der erste Faktor sich in Zukunft zunehmend abschwächen. Aus nahe gelegenen Ländern werden mit Ausnahme der Grenzregionen Europas die Migranten nicht mehr so häufig kommen. Da die meisten europäischen Gesellschaften mehr oder minder vor die gleichen demographischen Probleme gestellt werden wie sinkende Geburtenzahlen und eine Alterung der Bevölkerung, werden Migrationsbewegungen aus demographischen Gründen immer weniger wahrscheinlich. Wenn auch die Ungleichheiten des Lebensstandards zwischen Westeuropa auf der einen Seite und Mittelund Osteuropa auf der anderen Seite weiter abnehmen, wird es auch immer weniger ökonomische Beweggründe für eine Zuwanderung etwa von Ostnach Westeuropa geben. In der Folge werden in Zukunft viele der benötigten Zuwanderer zunehmend aus außereuropäischen Regionen einwandern. Dies führt schließlich dazu, dass die Bevölkerungen der Gesellschaften Europas ethnisch immer heterogener werden. Wie viele dieser Zuwanderer in Zukunft in den einzelnen Ländern leben werden, sollen oder können, ist in vielen Ländern ein äußerst kontrovers diskutiertes Thema.

Wie viele der Zugewanderten als Ausländer schließlich in Deutschland leben werden, ist nur schwer vorauszuberechnen. Letztlich wird das auch von den Einbürgerungsregeln und -aktivitäten der Zukunft abhängen. Höhere Nettozuwanderungen in Zukunft müssen sich, wenn Einbürgerungen erleichtert werden, nicht unbedingt in höheren juristisch definierten Ausländeranteilen niederschlagen. Noch schwieriger ist es vorauszusehen, was das Ausmaß der Zuwanderung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Lebensweise der Zugewanderten bedeutet. Je größer die Zahl der Zugewanderten, desto größer ist im Allgemeinen das Bestreben kulturelle Eigenständigkeiten zu erhalten und eine kulturelle Assimilation zu minimieren. Ohnehin steigen die Bestrebungen von Migranten in postindustriellen Gesellschaften, nicht in einem „Schmelztiegel“ der Gesamtgesellschaft aufzugehen, sondern vielmehr die kulturellen Besonderheiten zu bewahren und hierauf eigene soziale Identitäten zu gründen (Crouch 1999). Diese Gegenbestrebungen zu einer kulturellen Assimilierung müssen nicht dem gesellschaftlichen Zusammenhalt und einer gesellschaftlichen Entwicklung abträglich sein, sofern eine gesellschaftliche Integration etwa über die Bildung und den Beruf gelingt und grundlegende Arten des Zusammenlebens gewährleistet sind.

3.3 Fazit

Die dargestellten empirischen Befunde und Vorausrechnungen zeigen, dass mit wachsendem Wohlstand und zunehmender Bildung überall auf der Welt der materielle Nutzen von Kindern sinkt und die Lasten steigen. Daher gehen die durchschnittlichen Kinderzahlen im Allgemeinen mit der gesellschaftlichen Modernisierung zurück. Mittelfristig sinken die relativen Geburtenraten überall auf der Welt unter das Bestandserhaltungsniveau. In der Folge schrumpfen spätestens eine Generation später auch die absoluten Bevölkerungszahlen. Dies wird aller Voraussicht nach in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts fast überall auf der Welt der Fall sein. Dies entspricht dem zu Anfang dieses Kapitels dargestellten Modell des Ersten und Zweiten demographischen Übergangs.

In Folge ihres Übergangs von kinderreichen zu kinderarmen Bevölkerungen erleben die Gesellschaften eine Phase einer Alterung und einer ungleichgewichteten Altersstruktur. Dies führt zu erheblichen Problemen. Die Bevölkerungsdefizite und die Alterung der heutigen modernen Gesellschaften lassen sich durch Zuwanderung aus bevölkerungsreichen Regionen noch abmildern, wie das im Modell des Zweiten demographischen Übergangs vorgesehen ist.

Inwieweit der derzeit zu beobachtende Anstieg der Geburtenzahlen in Europa schließlich eine neue Phase der demographischen Entwicklung anzeigt, kann derzeit noch nicht beurteilt werden. Auch bleibt abzuwarten, wie die außereuropäischen Gesellschaften ihre anstehenden demographischen Probleme lösen werden. Die vergleichsweise günstige Situation, wie sie die europäischen Gesellschaften im Moment haben in Folge noch vorhandener bevölkerungsreicher Gesellschaften, wird es für andere Gesellschaften mit „deformierter“ Altersstruktur in absehbarer Zukunft nicht mehr geben.

 
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