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Start arrow Sozialwissenschaften arrow Die Sozialstruktur Deutschlands im internationalen Vergleich

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3. Die Bevölkerung

Vor dem Hintergrund der angeführten Modernisierungstheorien und den Modellen der Sozialstruktur sollen im Folgenden die einzelnen Bereiche der Sozialstruktur Deutschlands mit den Sozialstrukturen anderer Länder verglichen werden. Für jeden Sozialstrukturbereich ist ein eigenes Kapitel vorgesehen. Hierbei beginnt jedes Kapitel wiederum mit modernisierungstheoretischen Aussagen. Im Unterschied zu den dargestellten weitgehend allgemein formulierten Modernisierungstheorien sind die folgenden Theorien spezielle Modernisierungstheorien. Sie sollen verständlich machen, wieso es zu den jeweiligen sozialstrukturellen Veränderungen zum Beispiel im Bereich der Bevölkerung kommt beziehungsweise erklären sie, zu welchen sozialstrukturellen Veränderungen es aus Sicht der Modernisierungstheorien kommen müsste.

Das Kapitel über die Bevölkerung steht nicht zufällig am Beginn der abzuhandelnden sozialstrukturellen Bereiche. Die Bevölkerung, also die Zahl und Zusammensetzung der in einem Land lebenden Menschen, ist sozusagen das „Rohmaterial“ für eine Vielzahl von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Prozessen. So ist beispielsweise für Emile Durkheim die Dichte der Bevölkerung ursächlich für gesellschaftliche Differenzierung verantwortlich (Durkheim 1977, S. 302). [1] Wer dementsprechend genügend Informationen über die jeweilige Bevölkerung eines Landes hat, verfügt über eine notwendige, wenn auch nicht immer hinreichende Voraussetzung, um viele Probleme, Möglichkeiten und Verhaltensweisen in dem betreffenden Land einschätzen zu können.

3.1 Der Bezugsrahmen

3.1.1 Grundbegriffe

Unter „Bevölkerung“ sind die Menschen zu verstehen, die in einem bestimmten Gebiet längerfristig wohnen. Hierbei spielt es keine Rolle, welche Staatsangehörigkeit diese Personen haben. Als „Bevölkerungsstruktur“ wird in der Regel die Untergliederung einer Bevölkerung bezeichnet etwa nach Alter, Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit. Zahl und Struktur einer Bevölkerung verändern sich ausschließlich durch Geburten, Sterbefälle und Migration. Unter Migration sind hier nur diejenigen Umzüge zu verstehen, die über die Grenzen des jeweiligen Gebietes gehen und somit als Ausbeziehungsweise Einwanderungen zu klassifizieren sind. Geburten und Sterbefälle werden weiterführend als „natürliche Bevölkerungsprozesse“ und Migrationsbewegungen als „soziale Bevölkerungsprozesse“ definiert.

Im Leben der Einzelnen stellen Geburten, Sterbefälle sowie Einund Auswanderungen einschneidende biografische Ereignisse dar. Dies ist heute, wo Geburten und Sterbefälle seltener als früher geworden sind, mehr denn je der Fall. Dementsprechend hoch ist auch die Aufmerksamkeit der Menschen auf diese Ereignisse. So lassen sich zum Beispiel zahlreiche Gebräuche, Feste und Rituale beobachten, die mit diesen Ereignissen einhergehen. Im Ganzen geschehen diese Ereignisse in jeder Gesellschaft aber täglich viele Male. Und erst in der großen Zahl ihrer Gesamtheit werden einzelne Geburten, Sterbefälle sowie Einund Auswanderungen zu gesellschaftsprägenden Bevölkerungsprozessen (Höhn 1997, S. 71). So sind es die drei Bevölkerungsprozesse der Geburten, der Sterbefälle und der Migration, die den Wandel von Bevölkerungen und Bevölkerungsstrukturen bewirken. Die genannten drei Bevölkerungsprozesse stellen an sich aber noch keine Ursachen des Wandels dar. Sie sagen also nichts darüber aus, warum etwa die Geburtenzahl oder die Sterbefälle ansteigen, stagnieren oder absinken. Hierfür lassen sich verschiedene Bestimmungsfaktoren ausmachen. So wird etwa die Geburtenzahl unter anderem durch Sicherheitsempfinden und Nutzenkalkulationen der Menschen oder aufgrund von vorhandenen Kontaktschranken zwischen den Geschlechtern beeinflusst. Wenn der Zusammenhang von Geburten, Sterbefälle und grenzüberschreitenden Wanderungen über eine gewisse Zeit hin relativ stabil ist, wird dies als „Bevölkerungsweise“ (vgl. Mackenroth 1953, S. 110) bezeichnet. In der Übersicht über das Modell der Sozialstrukturmodernisierung werden in dem skizzierten Modell des Ersten und Zweiten Demographischen Übergangs drei Bevölkerungsweisen voneinander unterschieden: eine vorindustrielle, eine industriegesellschaftliche und eine postindustrielle Bevölkerungsweise.

  • [1] Durkheim argumentiert hier mit einem Kampf um knappe Ressourcen. Wenn die Bevölkerungsdichte beziehungsweise die Anzahl der Menschen in einem begrenzten Raum zunimmt, wird nach Durkheim die Verteilung der Ressourcen problematischer. Neben einer Reduzierung der Bevölkerungsdichte etwa in Folge von Auswanderungen oder dem Tod von Menschen aufgrund von Kriegen, Suizid oder Ähnlichem ist die Spezialisierung eine weitere Möglichkeit, den erhöhten Druck der Bevölkerung abzumildern, in dem Menschen auf verschiedene Arbeitsgebiete verteilt werden.
 
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