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5.4.5 Diskussion der Attribution von Verantwortung an Konsumenten

Bisher wurden nicht nur die eigentlichen Zuständigkeitsattributionen an Konsumenten dargestellt, sondern auch die Begründungs- und Argumentationslinien, die zu diesen Attributionen führen. Die Attributionen stellen allerdings noch nicht das gesamte Bild dar. Denn wie in Abschnitt 5.3 bereits angesprochen, sind Zuschreibungen von Verantwortung keinesfalls immer eindeutig, sondern werden ambivalent diskutiert. Es ist gerade ein Merkmal der Zeitungsberichte, dass sie ein differenziertes Bild entwerfen, indem sie die verschiedenen Positionen – z. B. für und gegen eine Verantwortung der Konsumenten – darstellen. Unter Umständen kann es sein, dass sich in einem einzelnen Artikel die wiedergegebenen Meinungen stark widersprechen und der Redakteur wiederum zu einem eigenen Fazit kommt.1180

5.4.5.1 Einwände gegen die ConSR

Die Einwände gegen eine Konsumentenverantwortung beziehen sich auf unterschiedliche Handlungs- und Argumentationsebenen. So stellen Bedenken zu Informationsdefiziten, Zielkonflikten und einem Mangel an finanziellen Ressourcen, Entscheidungskompetenzen oder Einflussmöglichkeiten moralische Ansprüche an Konsumenten im Ernährungssektor grundsätzlich in Frage, während auf einer anderen Ebene Zweifel an ihrer Chance auf Umsetzung durch die Konsumenten laut werden.

Informations- und Wissensdefizite

Während fehlende Informationen und ein zu geringes Wissen im Bereich des Fleischkonsums eher selten diskutiert werden, handelt es sich um eines der am häufigsten genannten Probleme im Zusammenhang mit dem Kauf von klimafreundlichen Produkten. In diesem Zusammenhang werden verschiedene Aspekte wie die Verfügbarkeit, die Verständlichkeit und auch die Glaubwürdigkeit der Informationen angesprochen. Informationsdefizite bestehen zum Beispiel hinsichtlich der Klimaverträglichkeit von regionalen, saisonalen und ökologischen Produkten. Einfache Faustregeln wie „regional einkaufen“ können nicht immer als eindeutige Hilfe für eine verantwortliche Kaufentscheidung dienen, denn „hat der heimische Apfel eine ganze Weile im Kühlhaus gelegen, [hat] der Apfel aus Neuseeland jedoch nur eine weite Schifffahrt hinter sich“1181. Auch wird zu bedenken gegeben: „Was in warmen, fruchtbaren Regionen funktioniert, wird im kälteren Norden energetisch richtig teuer.“1182 Eine ähnliche Schwierigkeit besteht bei ökologischen Lebensmitteln, die nicht immer auch gleichzeitig klimafreundlicher sind als die konventionelle Variante. Dies gilt teilweise bei importierter Bio-Ware aufgrund der Transporte, aber auch bei Rindfleisch, das bei ökologischer Herstellung eine schlechtere Bilanz aufweisen kann als das konventionelle.1183 Die alleinige Orientierung an ökologischer Herstellung reicht somit nicht für eine – zumindest im Sinne des Klimaschutzes – nachhaltige Entscheidung aus. Die Kenntnis der Verbraucher über den CO2-Fußabdruck eines Produktes wird des Weiteren dadurch geschmälert, dass die Herkunft der einzelnen Zutaten kaum einsehbar ist.1184 Die Komplexität steigt insgesamt bei zunehmender Verarbeitung des Produktes, weshalb die Klimabilanz bei einer Tiefkühlpizza kaum noch überblickt werden kann.1185

Allgemein fehlen somit Informationen über die Herstellungsbedingungen. Produkte zeigen in der Regel nicht an, wie viele Treibhausgasemissionen bei ihrer Herstellung angefallen sind.1186 So besteht die Gefahr, dass Konsumenten aufgrund des Mangels an detaillierten Informationen unter Umständen trotz besserer Absicht zum klimaschädlicheren Produkt greifen.1187

Abgesehen von den grundsätzlich fehlenden Informationen können die Informationen, die zur Verfügung gestellt werden, auch Verwirrung stiften. Dies wird vor allem im Zusammenhang mit dem „Siegeldschungel“ angemerkt1188 und ist ein Hinweis auf das Problem, dass Konsumenten für eine nicht nur klimabewusste, sondern etwa auch qualitäts-, preis-, gesundheits-, umwelt- und sozialbewusste Wahl eines Produktes derartig viele Siegel und Angaben beachten müssten, dass sie überfordert sein könnten.1189 Selbst ein einziges Siegelsystem kann verwirrend sein, wie das Beispiel der Elektrogeräte zeigt. Bei Kühlschränken sei längst nicht mehr A die effizienteste Klasse, sondern A++: „Aber wer weiß schon, dass ein Kühlschrank mit Klasse A Schnee von gestern ist, denn es gibt mittlerweile A++, was gegenüber A 45 Prozent weniger Energie bedeutet. Das gilt aber nicht für andere Großgeräte“.1190

Zu den Schwierigkeiten im Zusammenhang mit fehlenden und verwirrenden Informationen kommt noch die Frage der Glaubwürdigkeit der dargestellten Informationen hinzu. Beispielsweise etikettieren manche Unternehmen ihre Produkte mit „Werbe-Schlagworten wie ‚alternativ', ‚umweltverträglich' oder

‚aus kontrolliertem Anbau'. ‚Das bedeutet alles gar nichts'“, wie ein Vertreter der Verbraucherzentrale Bayern betont.1191 Als glaubwürdig erachten verschiedene Redakteure oder auch die Deutsche Umwelthilfe die Informationen deshalb nur dann, wenn sie nicht nur von den herstellenden Unternehmen ermittelt, sondern auch von einer unabhängigen Instanz überprüft werden. Ansonsten würden sie zur „Glaubensfrage“.1192 „‚Der Lebensmittelmarkt ist extrem intransparent'“, fasst somit Thilo Bode von Foodwatch zusammen.1193

Zielkonflikte

Die Fragen, die im letzten Abschnitt zu den Informationsproblemen hinsichtlich der Klimabilanz von ökologisch hergestellten Lebensmitteln gestellt wurden, weisen auf eine weitere Schwierigkeit im Zusammenhang mit verantwortlichen Ernährungsentscheidungen hin: Es können mitunter Zielkonflikte zu anderen (nachhaltigen) Zielen bestehen. So fragt sich eine Redakteurin der FAZ, inwieweit es nachhaltig ist, wenn Bio-Ware aus trockenen und wärmeren Ländern importiert wird, wo enorme Wassermengen für den Anbau verbraucht werden.1194 Ähnlich sieht es bei dem Beispiel des ökologischen Rindfleischs aus, bei dem Klimaschutz und Tierwohl gegeneinander abgewogen werden müssten: Würde ein Konsument konsequent die klimafreundliche Variante wählen, gäbe es (bei gleich bleibender Fleischmenge) Gründe, konventionelles Fleisch aus Massentierhaltung zu wählen, obwohl dies einem ökologischen Bewusstsein widersprechen mag.1195 In der SZ wird zudem auch der Zielkonflikt zwischen dem Einkauf von regionalen Produkten auf dem Bio-Bauernhof und der notwendigen Autofahrt dorthin thematisiert.1196

Fehlende finanzielle Möglichkeiten

Schließlich können auch die Kosten einer verantwortlichen Konsumentscheidung ein Problem für die Handlungsmöglichkeiten zumindest ärmerer Haushalte sein. Dieser Aspekt wird als grundlegendes Problem vor allem in Verbindung mit der Anschaffung neuer, sparsamer Haushaltsgeräte diskutiert. Die Schwierigkeit liegt darin, dass die Anschaffungskosten bei sparsamen Geräten in der Regel höher liegen als bei ineffizienten Geräten.1197 Diese Kosten, die auf einmal anfallen, schrecken vor allem einkommensschwache Haushalte vom Kauf ab, selbst wenn die Ersparnis durch den geringeren Stromverbrauch den Anschaffungspreis auf lange Sicht mindestens ausgleicht.1198 Es wird zudem gewarnt, dass es sehr lange dauern kann, bis sich der Anschaffungspreis amortisiert.1199 Wenn der Anschaffungspreis für einen Haushalt nicht bezahlbar ist, liegt hier durchaus eine wichtige Einschränkung der Verantwortung der betroffenen Konsumentengruppe vor.

Während dieses Problem beim Verzicht auf Fleisch und auch bei regionalen und saisonalen Produkten zumindest kein grundlegendes Problem darstellt, wird es bei ökologischen Produkten zwar diskutiert, jedoch eher im Hinblick auf die Zahlungsbereitschaft der Konsumenten als auf die grundsätzliche Zahlungsmöglichkeit. Auf die Bereitschaft komme ich noch zurück.

Fehlende Entscheidungskompetenzen auf individueller Ebene

Die Entscheidungen einzelner Konsumenten sind nicht unabhängig von ihrem näheren Umfeld zu sehen. Langer (Utopia) betont, dass Ernährungsentscheidungen nicht immer eigenständige Entscheidungen sind, sondern in den Kontext ganzer Haushalte eingebunden sind, deren Mitglieder nicht zwingend der Meinung einzelner zustimmen.1200 Die Essgewohnheiten richten sich zum Beispiel in der Regel nach den Vorlieben aller Familienmitglieder und können nicht durch eine Person alleine verändert werden. Dem gleichen Problem sehen sich einzelne, vom Klimaschutz überzeugte Mitglieder gegenüber, wenn es um den Kauf von Haushaltsgeräten geht. Denn dieser wird meist gemeinsam und nicht von einer Person alleine beschlossen. Dazu schreibt Unfried, nachdem seine Familie die Abschaffung des Kühlschranks abgelehnt hat: „Eine Familie ist keine Ökodiktatur. Klimaschutz und Kühlschrankverzicht kann man in demokratischen Post-68er-Familien nicht plötzlich topdown anordnen.“1201

Fehlende Einflussmöglichkeiten auf gesamtgesellschaftlicher Ebene

Weitere grundlegende Probleme der Konsumentenverantwortung im Ernährungsfeld werden vor allem vor dem Hintergrund des gesamtgesellschaftlichen Einflusses und der globalen Problemzusammenhänge vorgebracht. Auf die Frage der FAZ, inwieweit der Schriftsteller Ian McEwan („Solar“, 2010), den Verzicht auf Auto und Flugzeug oder Fleisch empfiehlt, antwortet dieser zum Beispiel:

„Das ist alles wichtig – so können wir Zeit gewinnen. Aber viel ändern wird es nicht.“1202 Diese Ansicht, dass „die kleinen Dinge nichts nützen“1203, die „Einsparungen beim Konsum am Ende zu bescheiden“1204 bleiben und der Einzelne machtlos ist angesichts der immensen Probleme, wird mehrfach thematisiert.1205 Konsumenten, die sich dennoch am klimafreundlichen Essen versuchten, überschätzten ihren Beitrag.1206 Dass Konsumenten Marktmacht entwickeln könnten, sei schlichtweg „unrealistisch“.1207

So wird zum einen speziell für den Ernährungsbereich bezweifelt, dass dieser überhaupt der richtige Ansatzpunkt ist. Eine Redakteurin der FAZ beschreibt es wie folgt: „Insgesamt aber ist mein Diätpotential beim Essen mäßig: Selbst wenn ich zum Vegetarier mutierte, brächte mir das gerade mal ein 300 Kilo leichteres Gewissen.“1208 Beim Essverhalten hätten wir lediglich das Gefühl, etwas beeinflussen zu können, obwohl Veränderungen in diesem Bereich nur zu einem guten Gewissen, nicht aber zum Klimaschutz beitragen könnten.1209 Ein ähnlicher Einwand findet sich auch mit Bezug auf das Stromsparen: „Die intelligent gekühlten Gurken oder Weinflaschen werden im übrigen auch nicht das Weltklima entscheidend beeinflussen“1210, so ein Leser der SZ. Andere Bereiche wie das Wohnen und Heizen oder Reisen werden somit insgesamt als relevanter eingestuft.1211

Zum anderen wird der Einfluss der Konsumenten auch im Vergleich zu dem anderer Akteure in Frage gestellt. Beispielsweise wird er im Verhältnis zu den Möglichkeiten bei der Produktion als gering eingestuft: „Sinkt der Fleischanteil in Fertigprodukten auch nur um wenige Prozentpunkte, werden dadurch mehr Tierleben gerettet, als wenn ein paar Menschen zum Vegetarismus konvertieren“, heißt es in der SZ.1212 Und im Hinblick auf die Politik: „Der individuelle Konsum taugt eben nicht als Ersatz für eine sinnvolle Regulierung.“1213 So resümiert schließlich ein Redakteur der SZ: „der Bürger als Weltenretter? Ein ehrenwertes Ziel, doch Tatsache bleibt: Die wirkliche Herausforderung liegt bei Wirtschaft und Politik.“1214 Beide sollen deshalb ihre Verantwortung nicht auf den Verbraucher abwälzen.1215

Doch nicht nur im Vergleich zu Politik und Wirtschaft, auch im Vergleich zu Konsumenten anderer Länder wird die Machtlosigkeit der Konsumenten in Deutschland betont. Dies wird am Beispiel von Fisch erläutert, der tiefgekühlt eine wesentlich bessere Klimabilanz hat, da er nicht geflogen werden muss wie frischer Fisch. „Wenn also die fischliebenden Japaner, die zum Großteil über den Luftweg mit Fisch versorgt werden, zu 75 Prozent auf gefrorenen Fisch umsteigen würden, wäre die CO2-Einsparung größer, als wenn ganz Europa und Amerika nur noch lokalen Fisch konsumieren würden.“1216 Hinweise auf den zunehmenden Wohlstand in China und Indien und den damit einhergehenden steigenden Fleischkonsum dort bestärken die Auffassung zusätzlich, dass angesichts der globalen Entwicklungen eine Veränderung des eigenen Ernährungsverhaltens nichts nützt.1217

Das Problem der Einflussmöglichkeiten der Konsumenten wird im Bereich stromsparender Haushalte auch auf die in diesem Feld bestehenden Systemstrukturen bezogen, die einen Konsumenteneinfluss gar nicht zuließen. Dies wird am Beispiel des Emissionszertifikatehandels verdeutlicht. Da es eine feste Anzahl an Zertifikaten gebe, würde das individuelle Stromsparen letztlich rein gar nichts bewirken, da die nicht gebrauchten Zertifikate einfach weiter verkauft und woanders verwendet würden. Die Gesamtemissionen verringerten sich somit trotz individueller Einsparungen der Haushalte nicht.1218

Zögerliche Umsetzung

Bei den vorangegangenen Argumenten handelt es sich tendenziell um Argumente, mit deren Hilfe die Verantwortung der Konsumenten generell in Frage gestellt wird. Allerdings wird es teilweise auch als wenig wahrscheinlich betrachtet, dass die Verantwortung wirklich umgesetzt wird.1219 So scheinen zunächst die tatsächlichen Entwicklungen der Ernährungsgewohnheiten der Menschen eher dagegen zu sprechen. Der Verzehr von Obst und Gemüse sinke vielmehr,1220 während der Fleischkonsum mindestens unverändert hoch bleibe, wenn nicht sogar steige.1221 Insgesamt lebten laut einem Redakteur der FAZ in Deutschland im Übrigen nur zwei Prozent vegetarisch.1222 Das bringt Langer (Utopia) zu der Aussage: „Ich glaube ohnehin nicht, dass der Totalverzicht für die meisten von uns ein gangbarer Weg ist“.1223 Gänzlich ernüchternd fällt der SZ zufolge das Urteil vieler Experten aus: „So wichtig eine Abkehr vom Fleisch für das Überleben der Erde auch wäre, kein Experte glaubt, dass sich die Essgewohnheiten rasch genug ändern.“ Das Fazit lautet angesichts dieser Beobachtung, dass man auf der Herstellerseite ansetzen müsse.1224

Auch in den anderen Bereichen der verantwortlichen Lebensmittelversorgung sind die Prognosen zum Teil eher pessimistisch, denn nicht nur bei der Ernährungsweise an sich, sondern auch beim Einkaufsverhalten werden große, gesellschaftsweite Veränderungen bei den Konsumenten eher angezweifelt. So wird prognostiziert, dass der klimafreundliche Einkauf ein – elitäres – Nischenphänomen bleibt.1225 Einer von der Autorin Hartmann („Ende der Märchenstunde“, 2009) in der SZ zitierten Studie zufolge liegen die Marktanteile von Lebensmitteln aus ökologischer Produktion lediglich bei 3,5 Prozent. Diese werden zudem zu großen Teilen importiert, sind also unter ökologischen Gesichtspunkten kritisch zu betrachten.1226 Ähnliches lässt sich auch im Bereich der Haushaltsgeräte beobachten. Der Marktanteil der sparsamsten Geräte sei immer noch sehr gering1227 und laut Kurt-Ludwig Gutberlet, damaliger Vorsitzender der Geschäftsführung der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH, gehörten im Jahr 2009 rund 60 % der neu gekauften Kühlschränke der Energieklasse A an, die mittlerweile längst nicht mehr zu den sparsamen gehört.1228 Konsumenten zeigten zudem eine geringe Bereitschaft, ihre alten, noch funktionierenden Geräte auszutauschen.1229 Abgesehen davon bringt Grießhammer vom Öko-Institut kontraproduktive Trends in der Lebensstilführung zur Sprache. So würden zunehmend mehr und größere Geräte nachgefragt, wodurch der Effekt der Stromersparnis durch die Effizienz des Gerätes verloren gehen könne. Auch die Tatsache, dass es immer mehr Single- und Zweipersonenhaushalte gebe, ließe die Anzahl der Geräte ansteigen.1230 Es handelt sich hierbei um klassische Rebound-Effekte. Insgesamt steige „der durchschnittliche Verbrauch in den vergangenen drei Jahren zwischen sechs und 15 Prozent.“1231 Ganz allgemein wird die Auffassung vertreten, dass die Menschen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden und lieber darauf warten, dass andere bzw. „‚die da oben'“ schon handeln werden.1232

Die Frage ist, warum die Umsetzung des verantwortlichen Verhaltens so schwierig ist, dass manche Experten eine Übernahme von Verantwortung durch Konsumenten für so unwahrscheinlich halten, dass sie sie als Alternative nicht in Betracht ziehen. Sind Konsumenten schlicht zu bequem für tatsächliche Verhaltensänderungen und warten deshalb lieber auf technische Innovationen, die die Veränderung des eigenen Verhaltens nicht mehr notwendig machen, wie es manche behaupten?1233 Auch wenn die Bequemlichkeit Langer (Utopia) zufolge eine Rolle spielt,1234 werden die Umsetzungsschwierigkeiten komplexer dargestellt.

Konsequenzanspruch

Insgesamt kann es als ein Problem angesehen werden, dass klimafreundlicher Lebensmittelkonsum nur bei weitestgehender Konsequenz als sinnvoll beschrieben wird. So macht der Konsum regionaler Produkte wenig Sinn, wenn nicht auch auf die Saison geachtet wird. Der Einkauf von Bio-Lebensmitteln verliert seine positive Wirkung, wenn dafür eine weitere Strecke mit dem Auto zurückgelegt wird, anstatt mit dem Fahrrad zum nächsten Supermarkt zu fahren. Der Konsum von Bio-Fleisch ist unterstützenswert, aber nur dann, wenn insgesamt auch weniger Fleisch gegessen wird. Zu der erforderlichen Konsequenz seien Konsumenten u. U. aber nicht bereit: Mangelnde Konsequenz wird vor allem den Lohas vorgeworfen, da sie es sich zu einfach machten und die wichtigen Probleme gar nicht angingen.1235 Im Grunde sei ihr Ziel lediglich „Genuss mit gutem Gewissen“.1236

Das Problem lässt sich allerdings auch in die entgegengesetzte Richtung deuten, nämlich in Richtung einer Überforderung des einzelnen Konsumenten durch überzogene moralische Konsequenzanforderungen. So läge inkonsequentes Handeln in der Natur des Menschen. Unter den gegebenen Handlungsumständen sei es gar nicht möglich, sein Leben an einer einzigen „Leitidee“ auszurichten, „denn der spätmoderne Alltag steckt voller Widersprüche und Zielkonflikte.“1237 In dieser Hinsicht ist auch von „'Patchwork-Konsumenten'“ die Rede.1238 Es solle den Menschen die freie Entscheidung gelassen werden, in welchem Maß und wie sie die Veränderungen ihres Konsums angingen.1239

Verzichtproblematik

Wird von Konsumenten weitestgehende Konsequenz verlangt, führt dies mitunter zu der Aufforderung zum Verzicht – vor allem auf Fleisch –, aber zum Beispiel auch auf manche Bequemlichkeiten wie die Fahrt mit dem Auto zum Supermarkt. Insgesamt ist die Vokabel „Verzicht“ jedoch eines der Problemwörter in diesem Zusammenhang. Es wird ausgesagt, dass die Menschen nicht auf etwas verzichten wollen, was ihnen Genuss bereitet.1240 Zudem wehrten sie sich gegen eine Bevormundung: „Das Problem ist, dass es den meisten Menschen nicht behagt, wenn ihre Ernährungsgewohnheiten kritisiert werden“1241. In der FAZ wird sogar von einem gefühlten „Recht auf Rindfleisch“1242 der Menschen gesprochen.

Das Problem des Verzichts ist übrigens auch im Zusammenhang mit der Wahl regionaler und saisonaler Produkte relevant: „[W]ill man sich im Winter wirklich wieder aus dem Sauerkrautfass im Keller versorgen, um an die notwendigen Vitamine zu kommen?“1243

Verzichtappelle können schließlich sogar gegenteilige Reaktionen hervorrufen. Das gilt typischerweise für Kinder, die sich gegen strikte Verbote ihrer Eltern wehren. Wollen diese den Kindern vorschreiben, kein Fleisch zu essen, sei es eher wahrscheinlich, dass eine Trotzreaktion hervorgerufen werde und sie dies erst recht täten, wie sowohl Langer (Utoopia) als auch eine vegetarisch lebende Familienmutter betonen.1244

Kulturelle Barrieren

Vor allem im Hinblick auf die Veränderung der Ernährungsgewohnheiten sind zudem kulturelle Widerstände von Relevanz und stellen ein Hindernis für die Umsetzung der Konsumentenverantwortung dar. Der Grund liegt darin, dass es sich beim Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten um eine Frage der Kultur und Gewohnheiten handelt, die den Äußerungen in den Zeitungen zufolge nicht oder nur sehr langfristig wandlungsfähig sind.1245 Dabei wird Fleisch als fester Bestandteil von Kulturen beschrieben, weshalb die Menschen geschmacklich dafür konditioniert seien. Die Konditionierung beginne bereits im Mutterleib und äußere sich zum Beispiel in der Präferenz der Geschmacksrichtung „umami“, die typischerweise Fleisch anhafte. Sie setze sich dann jedoch mit der symbolischen Bedeutung des Konsums von Fleisch fort.1246 „'Ein Mann ist erst ein richtiger Mann, wenn er sein tägliches Fleisch bekommt diesen Irrglauben tragen wir noch immer von Generation zu Generation weiter'“, erläutert hierzu der Klimaforscher Hartmut Graßl.1247 Unterstützt wird die Bedeutung von Fleisch und Milchprodukten in der Gesellschaft darüber hinaus mit dem Argument, dass eine vegetarische Lebensweise und auch der Verzicht auf Milch ungesund seien, da tierische Eiweiße und andere Nährstoffe fehlten – der Mensch brauche Fleisch.1248 „Fleisch gehöre zu einer ausgewogenen Ernährung dazu“, wird Ministerin Aigner in der SZ zitiert.1249 Entsprechend werde die Verringerung des Fleischkonsums als Maßnahme gegen den Klimawandel nicht ernst genommen1250 und Vegetarier sogar als „Sonderlinge“ behandelt.1251

Fehlendes Feedback

Darüber hinaus spielt die Veränderung von Verhaltensroutinen einem Redakteur der FAZ zufolge auch im Zusammenhang mit der Nutzung neuer Küchensystemlösungen eine Rolle, wenn diese von bisher bekannten Geräten stark abweichen. Es sei fraglich, inwieweit die Menschen die neuen Techniken auch so nutzten, dass ihr Sparpotenzial ausgeschöpft werden könne: „An Zukunftstechnik mangelt es also nicht. Die große Unbekannte im System ist, wie üblich, der Mensch mit seinen oft schwer änderbaren Gewohnheiten.“1252 Dabei ist aber nicht nur die Frage der Gewohnheiten ein Problem, sondern auch das Fehlen eines direkten Feedbacks, das Konsumenten ihren Stromverbrauch direkt sichtbar machen würde. Die Kunden erhalten in der Regel eine Stromrechnung am Ende des Jahres, ohne ablesen zu können, wann und mit welchem Gerät wie viel Strom verbraucht wurde. Dadurch würden die Anschaffung neuer Geräte und ihre Nutzung weniger reflektiert.1253

Kosten

Schließlich werden noch die Kosten einer verantwortlichen Ernährungsweise als Umsetzungsproblem angeführt. Der hohe Preis vor allem von ökologischen, vereinzelt auch regionalen, Produkten wird häufig als Hindernis für einen klimafreundlichen Einkauf genannt.1254 Dies stelle vor allem für Geringverdiener ein Problem dar,1255 gelte jedoch auch allgemein: Eine Agrarexpertin vom Bund Naturschutz beobachtet generell bei Verbrauchern, dass sie „‚billig und jederzeit verfügbar'“ beim Einkauf vorziehen.1256 So lautet auch die Einschätzung von Thilo Bode (Foodwatch): „‚Vor die Wahl gestellt, kauft der Verbraucher meistens nicht das weltrettendere, sondern das billigere Produkt.'“1257 Eine geringe Rolle im Bereich der Kosten spielen mögliche qualitative Einbußen sowie Zeit und Aufwand, die mit der Informations- und Alternativenbeschaffung verbunden sind.1258

 
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