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5.4.3.2 Fürsorgeverantwortung

Von der Argumentation, die auf einer retrospektiven Zuschreibung im Sinne eines bereits entstandenen Schadens beruht, lässt sich die Argumentation unterscheiden, die rein zukunftsgerichtet ist und den Konsumenten auffordert, das Klima zu schützen, indem er sein Verhalten ändert. Hier sind somit Züge der in Kapitel 4.3.4 (und ff.) diskutierten prospektiv fokussierten Zuschreibungsargumentation zu finden.1125 Diese ist besonders in Bezug auf die HaushaltsgeräteThematik dominant, indem dort die Rede vom Klimaschutz ist,1126 was aber daran liegen könnte, dass die Zuschreibung häufig weniger in den Gesamtkontext des Klimawandels als in den Kontext der Diskussion von politischen Maßnahmen wie etwa des Kühlschrank-Bonus gestellt wird. Dadurch werden die Ursachen und Folgen des Klimawandels nicht weiter erläutert, sondern der Klimaschutz wird lediglich als erstrebenswertes (politisches) Ziel vorausgesetzt.1127 Auch beim Einkauf wird der positive Beitrag zum Klimaschutz gelegentlich ohne Verweis auf den verursachten Schaden genannt,1128 während dies beim Ernährungsverhalten so gut wie gar nicht vorkommt.

5.4.3.3 Partizipation im „falschen“ System

Schließlich konnte eine Argumentationslinie in den Zeitungsartikeln ausgemacht werden, die weniger auf dem direkten kausalen Beitrag der Konsumenten zum Klimawandel bzw. Klimaschutz durch ihr eigenes Verhalten aufbaut als auf ihrer Partizipation in einem Ernährungssystem, das systematisch zu problematischen ökologischen Auswirkungen führt.1129 Damit findet sich hier ausdrücklich die Idee der geteilten Systemverantwortung wieder. Das fehlerhafte System1130 wird beispielsweise von der Autorin Tanja Busse mit dem Ausdruck „strukturelle(…) Verantwortungslosigkeit“1131 belegt. Dabei wird auch die Verbindung der Konsumenten zu den globalen Wirtschaftsprozessen erkannt und betont. So heißt es in der SZ:

„Die Erkenntnis, dass ‚ich' und ‚wir' vom Rest der Welt nicht mehr zu trennen sind und deshalb jeder selbst die Verantwortung für sein Handeln trägt und diese Verantwortung nicht an Eltern, Politiker oder Gott abgeben kann, scheint für uns immer noch schwer annehmbar zu sein.“1132

Der Konsument wird nicht nur als „Mitspieler“ in diesem problematischen System bezeichnet.1133 Der hohe Fleischverzehr der Konsumenten wird von Pollan gar als die „Schwachstelle im System“ identifiziert.1134 Und auch den sogenannten „Lohas“ (Lifestyle of Health and Sustainability) wird von einer SZRedakteurin vorgeworfen, dass sie letztlich die Probleme nicht bei den Ursachen, den Systemstrukturen, angehen: „Sie propagieren ein an sich lobenswertes Umdenken, ohne an den tieferen politischen und ökonomischen Gründen für den Klimawandel, für Naturzerstörung und Rohstoffausbeutung etwas zu verändern.“ Darin bestehe jedoch die Hauptaufgabe der Konsumenten.1135

Im Zusammenhang mit dieser Argumentationsvariante wird etwa von Rifkin betont, dass die Vorteile des bestehenden Systems nur einem kleinen Teil der Menschheit (vorrangig in Europa und den USA) zugutekommen, dieser also von den problematischen Verhältnissen profitiert.1136 Zusätzlich wird darauf verwiesen, dass der hohe Fleischkonsum ein Privileg darstellt: „'Fleisch ist Luxus'“1137, so etwa die Überschrift eines Artikels in der SZ nach BiolandPräsident Thomas Dosch.1138 Hiermit wird – dem Zuschreibungskriterium des Privilegs entsprechend –1139 eine besondere Verantwortung der wohlhabenden Konsumentengruppen begründet.

Die Partizipation in moralisch bedenklichen Ernährungsstrukturen und die notwendige Veränderung des Systems im Hinblick auf einen Struktur(regionale Versorgung etc.) und einen Kultur(weniger Fleischkonsum etc.) Wandel ist somit ein Gedanke, der einer Verantwortungszuschreibung an Konsumenten in den Zeitungsartikeln zugrunde liegt und diese in vielen Fällen begründet.

 
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