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4.4.4.2 Öffentlicher Diskurs

Angesichts gegebener struktureller Einschränkungen der Handlungsspielräume der Konsumenten oder auch aufgrund von Gewohnheiten und Automatisierungseffekten alltäglicher Handlungsroutinen, ist ein Ansatz auf der Ordnungsebene zur Unterstützung der Konsumentenverantwortung sinnvoll. Dies kann etwa durch ein Empowerment der Konsumenten oder durch kollektive Selbstbindung mittels bewusster Anreizsetzung erfolgen. Hierfür ist jedoch ein übergeordneter öffentlicher Diskurs notwendig, um im demokratischen Verfahren nachhaltige Zielvorstellungen zu konkretisieren und zu legitimieren. In Kapitel 2.2.3 wurde das Diskursprinzip als besonders relevant für eine nachhaltige Entwicklung dargestellt, da es im Diskurs möglich ist, Fragen des guten Lebens sowie die Unterscheidung objektiver Bedürfnisse und subjektiver Wünsche gemeinsam mit den Betroffenen zu klären. Diskurse in diesem Sinne erhalten vor allem dann Relevanz, wenn sie auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene in der Öffentlichkeit geführt werden.

Durch die stärkere Teilnahme der Konsumbürger an den politischen Debatten über nachhaltiges Konsumieren und Produzieren918 kann „ein engagiertes und argumentativ ausgerichtetes Gespräch über einen nachhaltigen Kurs (deliberative Demokratie)“ (Grunwald 2011, S. 19) stattfinden. Ziel eines solchen „public communicative engagement“ (Young 2013, S. 112) ist es, Konsum nicht nur aus öffentlicher Perspektive kritisch zu hinterfragen, sondern auch zusammen mit anderen Akteuren (Konsumenten, Unternehmen, Politikern, Betroffenen) alternative Konsum- und Wirtschaftsformen zu finden sowie die Bereitschaft zu zeigen, die Interessen der vom Konsum Betroffenen gegenüber den eigenen Interessen abzuwägen. Der Diskurs, der auf horizontaler Ebene bereits in den „Mikrokulturen“ (siehe Kapitel 4.4.3.1, S. 259 f.) von Konsumentengruppen und Lebensstilen gefordert ist, kann so auf die größere politische Bühne gehoben werden:

„Thus, a consumer democracy would first have to effectively channel in public arenas and argumentatively further elaborate what is indeed already widely taking place, yet in a too widely dispersed, segmented fashion and, for this reason, generally without consequences at the structural level: political talk about consumption and its consequences.“ (Lamla 2008, S. 157)

Im Anschluss an die Überlegung, dass es nicht selten an einer Anerkennung der wichtigen Rolle des individuellen Konsumenten und der anderen beteiligten Akteure für eine nachhaltige Entwicklung mangelt (siehe Kapitel 1.1 und 4.3.3), ist es von zentraler Bedeutung, dabei explizit auch diese Rolle zu thematisieren. Auf diese Weise kann der unkonventionelle moralische Kontext in einen konventionellen überführt (siehe Kapitel 3.2.1.2) und das gesellschaftliche Moralbewusstsein den „neuen“ Umständen und Gegebenheiten angepasst werden. In diesem Sinne gilt es, im öffentlichen Diskurs ein neues Konzept positiver, geteilter und partizipativer Verantwortung zu etablieren. Dazu gehört vor allem auch, die traditionelle Vorstellung, dass Konsum „moralisch neutral“ ist, durch eine reflektierte Sicht auf den Konsumenten als Verantwortungssubjekt zu ersetzen.

Konsumenten sollen sich laut Cortina über die eigene Teilnahme am öffentlichen Diskurs hinaus politisch dafür engagieren, die Bedingungen für eine Teilnahme an diesem Diskurs für diejenigen zu verbessern, die diesbezüglich bisher benachteiligt sind, indem sie entsprechende Institutionen unterstützen:919

„Tatsächlich muss jeder, der ernsthaft herausfinden will, ob eine Norm korrekt ist oder nicht, bereit sein, beim Nachweis ihrer Gültigkeit mitzuwirken. Dies setzt ein Engagement voraus, das kein kompetenter Sprecher im Alleingang unternehmen kann und das Mitverantwortung erfordert: das Engagement, zu versuchen, zusammen mit anderen nach jenen Lösungen zu suchen, die am besten geeignet sind, um die Fähigkeiten der möglichen Gesprächspartner zu fördern (...). Das (…) Mitverantwortungsprinzip würde es verlangen, Organisationen und Institutionen ins Leben zu rufen, die sich um einen ‚gerechten und mitverantwortlichen Konsum' kümmern und darüber hinaus in der Öffentlichkeit eine breit angelegte Debatte über den Kon-

sum fördern würden.“ (Cortina 2006, S. 99 f.; Hervorh. im Original)920

Konsumenten können sich etwa in ihrer Bürgerrolle für faire internationale Handelsbedingungen einsetzen, die Menschen vor allem in Entwicklungsländern bessere Chancen bieten. Ein Beispiel sind die Globalisierungskritiker, die sich für eine Abschaffung der EU-Agrarsubventionen engagieren, da diese die Wohlstandsunterschiede zwischen den Ländern verschärfen, anstatt sie abzubauen.

Es liegt auf der Hand, dass Konsumenten wiederum gerade durch die Wahrnehmung ihrer Verantwortung im zweiten und dritten Verantwortungsbereich (d. h. durch die Veränderung des eigenen Handelns und die interne Veränderung der Strukturen) die Chancen der Unterprivilegierten im System auf eine Teilnahme an einem Diskurs über eine sozial und ökologisch gerechtere Wirtschaftsordnung erhöhen können. Denn ein Beitrag zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise führt zu einer gerechter verteilten Befriedigung von Bedürfnissen und damit zu einer Steigerung der Fähigkeiten bisher benachteiligter Menschen. Es zeigt sich besonders an dieser Stelle, dass die verschiedenen Verantwortungs- und Handlungsebenen auf komplexe Weise miteinander verknüpft sind und wirkungsvoll ineinander greifen müssen.

4.4.4.3 Zusammenfassung und Diskussion

Es lässt sich insgesamt schlussfolgern, dass ConSR die politische Dimension des Consumer Citizen ähnlich integriert wie CSR den Corporate Citizen (siehe Kapitel 3.4, S. 140 f.). In diesem externen Bereich der Veränderung von Strukturen besteht eine Vielzahl von Optionen für die Konsumenten, ihren Einfluss als Bürger auf das politische System zu nutzen, um die Strukturen des marktwirtschaftlichen Systems mit zu verändern. Hier bietet sich letztlich das gesamte Repertoire politischen Engagements an. Durch entsprechend veränderte Rahmenregeln des ökonomischen „Spiels“ können verantwortliche „Spielzüge“ (Homann/Blome-Drees 1992, S. 35) der Akteure einerseits erleichtert und andererseits auch gefordert werden.

Allerdings bestehen auch auf der Ordnungsebene verschiedene Probleme der Umsetzung. So ist ein politisches Engagement für kollektive Lösungen, ebenso wie die Engagementformen in den anderen Verantwortungsbereichen, äußerst voraussetzungsvoll und verlangt einen nicht zu unterschätzenden Ressourcenaufwand. Politisches Engagement in Nichtregierungsorganisationen, Bürgerinitiativen und ähnlichen Formen findet zusätzlich zu den Alltagsverpflichtungen statt und ist dadurch nicht minder zeit- und mitunter kostenintensiv als nachhaltiges Konsumieren im ersten, zweiten und dritten Verantwortungsbereich.921 Auch ist der politische Prozess langwierig und Effekte des eigenen Handelns sind ebenso wie bei individuellem Konsumhandeln teilweise nur schwer ersichtlich.922 Abgesehen davon bedeuten kollektive Lösungen auch, dass mögliche unbeabsichtigte Fehlentwicklungen und Nebenfolgen von Maßnahmen, die angesichts der Systemkomplexität nicht unwahrscheinlich sind (ein Beispiel wären Rebound-Effekte), auch eine entsprechend große Tragweite haben.923

 
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