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4.3 Kollektives Verantwortungsmodell für die Consumer Social Responsibility

„Collective contexts do not just create conditions of collective moral responsibility; […] there is interplay between collective wrong and individual responsibility, between collective obligation and individual obligation, and between cultural context and individual responsibility.“ (Isaacs 2011, S. 12)

Im Zitat von Isaacs zeigt sich die Stoßrichtung dieses Kapitels, in dem es um das Verhältnis von individueller und kollektiver Verantwortung geht. Es werden verschiedene Modelle der geteilten Verantwortung vorgestellt und hinsichtlich ihrer Eignung für die Zuschreibung einer Mitverantwortung an Konsumenten diskutiert. Dabei steht die Frage nach der prospektiven Verantwortung für die zukünftige Vermeidung und Verringerung von Schäden im Vordergrund.

Ich werde sowohl retrospektive Modelle („Wer hat den Schaden verursacht?“) als auch prospektive Modelle („Wer hat die Möglichkeit den Schaden zu beheben bzw. den Zustand zu verbessern?“) prüfen und dabei kritisch auf die Frage zu sprechen kommen, inwiefern sich beide Perspektiven überhaupt sinnvoll trennen lassen und nicht integriert werden müssen, was ich bereits in Kapitel 3.1.2.1 angedeutet habe. Zudem unterscheide ich zwischen (individuellen) Beitrags- und (kollektiven) Beteiligungsmodellen.

Allgemein werde ich in den Kapiteln 4.3.1 bis 4.3.4 folgendermaßen vorgehen: Ich stelle zunächst bestehende Modelle, die sich einem bestimmten Argumentationsmuster zuordnen lassen (z. B. prospektive Beteiligungsmodelle), in Kürze vor, um dann ihre jeweiligen Bedingungen auf den Konsumentenkontext zu übertragen. Dabei werde ich bereits einige Aspekte im Hinblick auf diese Anwendung diskutieren und die Modelle untereinander ergänzen. Im Anschluss werde ich dann umfassender diskutieren, inwieweit das grundsätzliche Argumentationsmuster für die Frage nach der Verantwortung von Konsumenten für nachhaltiges Konsumieren und Produzieren einen Beitrag leistet und wo seine Grenzen liegen. Im Ergebnis werden die verschiedenen Argumentationsstränge als integriertes Zuschreibungsmodell hinsichtlich ihrer Bedeutung für eine Consumer Social Responsibility zusammengeführt (Kapitel 4.3.5 und 4.3.6).

4.3.1 Retrospektives Beitragsmodell

Bei der Beschreibung der Problematik, die für die Zuschreibung von Verantwortung in kollektiven Handlungskontexten besteht, werden oftmals Aussagen zur Erklärung des Phänomens herangezogen, denen zufolge das Handeln des Individuums „keinen Unterschied macht“, da der Schaden erst in der Summe der Aktivitäten Vieler entsteht.577 So postuliert etwa Walter Sinnott-Armstrong im Hinblick auf den Ausstoß von CO2 durch das Autofahren: „Climate change would be just as bad if I did not drive.“ (Sinnott-Armstrong 2010, S. 337) Ausgehend von dieser Prämisse kommt er zu dem Schluss, dass dem individuellen Autofahrer keine Verantwortung für die Verursachung oder die Verhinderung des Klimawandels zugeschrieben werden kann.578

Durch dieses Argument soll im verantwortungstheoretischen Sinn das Kausalitätskriterium – also die Ursache-Folge-Beziehung zwischen einer Handlung und einem Schaden – entkräftet werden. Ist Sinnott-Armstrongs Prämisse aber überhaupt zutreffend? Sie lässt sich im Rahmen des Beitragsmodells und mit Hilfe des „Individual Difference Principle“ (Kutz 2000, S. 3) überprüfen, das sich darauf bezieht, dass eine individuelle Handlung einen Unterschied machen muss, wenn der ausführende Akteur für einen Schaden zu Verantwortung gezogen werden soll. Dabei wird zwischen der Begründungsgrundlage (Basis) und dem tatsächlichen Objekt der Verantwortung (Object) unterschieden: „(Basis) I am accountable for a harm only if what I have done made a difference to that harm's occurrence. (Object) I am accountable only for the difference my action alone makes to the resulting state of affairs.“ (Ebd., S. 116)579

Entgegen der eingangs erwähnten Position von Sinnott-Armstrong kommen sowohl Shelly Kagan als auch Schwartz zu dem Schluss, dass das Individual Difference Principle selbst bei Vorliegen einer Kollektivgutproblematik greifen kann, also auch dann, wenn der eigene Beitrag verschwindend gering und quasi nicht spürbar ist.580 Für diese Schlussfolgerung greifen sie auf das „Folterbeispiel“ von Parfit zurück.581 Es geht um folgendes Szenario: Eine Person soll durch Stromschläge gefoltert werden. 1000 Personen haben dafür einen Auslöser in der Hand, dessen Betätigung jeweils einen so minimalen Stromschlag auslöst, dass er alleine für den Gefolterten nicht spürbar ist. In der Summe entwickeln sie allerdings eine solche Stärke, dass der Gefangene die Schmerzen kaum ertragen kann.582

Würde das Individual Difference Principle in diesem Fall nicht greifen, müsste die Aussage zutreffen, dass die Betätigung eines einzelnen Auslösers keinen Unterschied macht. Hier liegt Schwartz, Kagan und Parfit zufolge jedoch ein Fehlschluss vor. Denn würde die „0“ tausend Mal addiert, bliebe das Ergebnis „0“. Dass der einzelne Beitrag gar keine Relevanz hat, kann folglich nicht möglich sein. Fälle dieser Art können mit Kagan generell nicht existieren, da sie logisch nicht denkbar sind.583 Der einzelne Beitrag kann so gering sein, dass er nicht messbar oder spürbar ist, aber verschwinden kann er dadurch nicht. Das Argument der „Nichtmessbarkeit“ kann nicht rechtfertigen, den individuellen Beitrag zu negieren: „But unnoticed damage is of course not nonexistent damage.“ (Schwartz 2010, S. 64)584 Vielmehr könne durch das Argument, dass der einzelne Beitrag nicht bedeutsam genug sei, die Gefahr bestehen, dass er letztlich unterschätzt werde.585

Soweit ist somit das grundsätzliche Argument, dass das individuelle Handeln in diesen Fällen keinen Unterschied macht, entkräftet. Mit dem Beispiel des Autofahrens wurde zudem bereits ein Fall aus dem Konsumkontext genannt, für den sich nun schließen lässt, dass Sinnott-Armstrongs Ausgangsprämisse nicht zutreffend ist, sondern einen logischen Fehlschluss darstellt. Autofahrer erreichen zusammen mit anderen Autofahrern und Akteuren ein Maß an CO2Emissionen, das zwar nur in der Summe seine spürbare Relevanz entfaltet, aber dennoch durch die einzelnen Beiträge verursacht wird.586 Im Folgenden werde ich bei der Übertragung des Arguments auf den Konsumkontext anhand dieses und eines weiteren Beispiels zeigen, dass der „Unterschied“, den das Handeln des Einzelnen macht, genauer durchleuchtet werden muss, wenn der kausale Beitrag einzelner Konsumenten erfasst werden soll.

 
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