Desktop-Version

Start arrow Kultur arrow Consumer Social Responsibility

< Zurück   INHALT   Weiter >

Strukturelle Stärkung des Konsumenten

Während Konsumenten also insgesamt mehr Möglichkeiten erhalten, ihre Präferenzen am Markt zu verwirklichen, bleibt das Problem der strukturimmanenten Schwäche der Verbraucher gegenüber den Anbietern, die vor allem durch Funktionsdefizite des Wettbewerbs begründet werden kann, bestehen. Katona stellt jedoch schon in den 1960er Jahren eine verbesserte Informiertheit der Verbraucher fest528 – ein Befund, der aktuell beispielsweise auch von Schrader bestätigt wird.529 Und nicht nur eine bessere Informiertheit, sondern auch eine bessere Organisiertheit ist durch die Etablierung von Verbraucherorganisationen und vertretungen wie dem Verbraucherzentrale Bundesverband e.V., der Verbraucher Initiative e.V. oder einzelnen Aktivistengruppen wie Foodwatch zu verzeichnen.530

Vor allem muss auf die Einflüsse des Internets hinsichtlich der Position der Konsumenten am Markt hingewiesen werden. Einer Studie von Behrang Rezabakhsh et al. zufolge hat das Internet dazu beigetragen, Informationsasymmetrien durch die bessere Verfügbarkeit und Transparenz von Informationen abzubauen. Weiterhin hat das Internet Kooperationshürden der Konsumenten entgegengewirkt, indem es die gemeinsame Organisation Gleichgesinnter über räumliche Distanzen ermöglicht.531 So kann der Konsument insgesamt besser überprüfen und sicherstellen, dass die Anbieter sich nach seinen Präferenzen richten, wodurch er an Souveränität hinzu gewinnt.532

Die Verbraucherposition ist folglich als gestärkt zu bezeichnen, auch wenn die strukturellen Schwächen nicht unterschätzt werden dürfen.533 Dieses Problem ist bis heute ein zentraler Kritikpunkt an der Konsumgesellschaft geblieben. So weist auch der WBVE „auf die systematisch schlechte Selbstorganisationsfähigkeit und Finanzierbarkeit von Verbraucherinteressen hin, die durch die Gruppengröße, die Heterogenität der Verbraucherinteressen sowie durch die Nichtausschließbarkeit vom Nutzen öffentlicher Güter erklärt wird.“ (Reisch 2003, S. 18; im Original teilweise fett)534 Insgesamt hat der Konsument am Markt jedoch eher an Macht hinzugewonnen.535

Der aktive Konsument

Des Weiteren bezog sich die Konsumkritik auf die Passivität der Konsumenten, die, verführt von den Marketingstrategien der Konzerne, dargebotene Konsumobjekte nachfragten, ohne ihren Sinn und Nutzen im Hinblick auf die eigenen Bedürfnisse zu hinterfragen. Diese Kritik scheint jedoch durch empirische Evidenzen ebenfalls entkräftet zu sein.536 So nehmen Konsumenten das Angebot keinesfalls unkritisch an, weshalb das „Marketing versucht, (...) die Aufmerksamkeit des Verbrauchers zu erregen (...) und es ist gut möglich, dass es bei diesem Unterfangen scheitert“ (Cortina 2006, S. 94). Des Weiteren eignen Konsumenten sich Produkte auf kreative Weise an, verändern und nutzen sie so, wie sie ihnen am besten dienen:

„Not only did mass-produced goods and services provide comfort and entertainment, they also expanded cultural experience for many people, supplied materials to be used in personal self-development and self-expression, and, as with the example of gifts, established and consolidated social relationships“ (Warde 2010, S. 410).

Die aktive Partizipation des Konsumenten kann jedoch noch weiter gehen. Alvin Toffler führt 1980 den Begriff des „prosumer“ (Toffler 1990, S. 265) ein, der für eine Entwicklung steht, bei der Konsumenten zunehmend in die Produktionsprozesse involviert sind und somit die Grenzen zwischen beiden Sphären verwischen. Das kann für Toffler zu einer wahren Umwälzung des Marktsystems führen: „And wherever the gap between consumer and producer narrows, the entire function, role, and power of the market is brought into question.“ (Ebd., S. 276)

Neuere Entwicklungen weisen darauf hin, dass Kunden tatsächlich vermehrt in den Produktentwicklungsprozess einbezogen werden, unter anderem mit Hilfe der verschiedenen Kommunikationsmöglichkeiten, die das Internet hierfür bietet.537 Diese Entwicklungen werden als „interaktive Wertschöpfung“ (Reichwald/Piller 2009), „Open Innovation“ (Chesbrough 2003) oder „Democratizing Innovation“ (von Hippel 2005) bezeichnet und führen zu einer verstärkten Individualisierung von Produkten und Dienstleistungen, die besser auf die spezifischen Bedürfnisse von Konsumenten zugeschnitten werden können.

Auch hinsichtlich des Aspekts der Passivität des Konsumenten hat das Internet insgesamt zu einer gegenläufigen Tendenz beigetragen, indem es ihm gestattet, aktiv an der Kommunikation teilzunehmen und auch als Sender von Informationen gegenüber Unternehmen aufzutreten. Dadurch erhält er eine verbesserte Möglichkeit, die Wertschöpfungskette zu beeinflussen.538

 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics