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4.1.3 Der souveräne und schutzbedürftige Konsument

Beide bisher dargestellten Positionen, sowohl die der Konsumentensouveränität als auch die des passiven, irrationalen Konsumenten, müssen als extreme Positionen bezeichnet werden, die mit der „Reifung“ der Konsumgesellschaft eine gewisse Relativierung erfahren haben. In der Folge hat sich sowohl in der akademischen Beschäftigung mit dem Konsumenten als auch in der Verbraucherpolitik zunehmend ein Bild durchgesetzt, das die Stellung der Konsumenten am Markt und ihre kognitiv-psychologischen Fähigkeiten aus einer moderateren und realistischeren Perspektive betrachtet und zudem Raum für kritisch-moralische Reflexionen von Konsumpräferenzen zulässt. Erst bei dieser Betrachtung kommt der Konsument selbst als moralischer Akteur in Betracht.

Wohlstands- und Demokratisierungseffekte

Der Kritik an der schwachen Position des Konsumenten in der Konsumgesellschaft können zunächst die positiven Auswirkungen des Massenproduktions- und Massenkonsumsystems gegenüber gestellt werden. So sind Katona zufolge steigende Einkommen und Konsummöglichkeiten für große Teile der Verbraucher zu verzeichnen. Schließlich hätten das moderne Konsumsystem und die Massenproduktion dazu geführt, dass es immer weniger Armut und immer mehr Teilhabe an einem komfortablen Lebenswandel gebe.526 Zusätzlich zu diesen generellen Wohlstandseffekten wird den konsumgesellschaftlichen Verhältnissen auch ein Demokratisierungseffekt zugeschrieben. Die verbesserte Teilhabe von Menschen der unteren Klassen an den Möglichkeiten und Optionen der gehobenen Klassen sei konsumtorisch wie politisch zu verstehen, wodurch sich die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse grundsätzlich verschoben hätten:

„With the advent of mass society, the leisure class has lost its position of leadership – both politically and culturally. Mass society has a democratizing effect which leads to a weakening of class power and identity […], resulting in an 'increase in opportunities for many to intervene in areas previously reserved for a few'“ (Ritzer 2001, S. 212 f.; zitiert Kornhauser 1959, S. 28).

Insgesamt, so Alan Warde, trug der Konsum im Rahmen des Aufstiegs der Konsumgesellschaft auch zur Etablierung der eigenen Identität und des Selbstverständnisses bei und wurde somit eine „arena of unprecedented individual freedom for affluent majorities in Western societies“ (Warde 2010, S. 410). Das bedeutet letztlich, so Warde weiter, dass Individuen nicht mehr nur finanziell unabhängiger wurden, sondern sich auch zunehmend von gesellschaftlichen Konventionen lösen konnten.527

 
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