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3.2.2 Abwehr und Übernahme von Verantwortung

Damit Verantwortung verhaltenswirksam wird, muss sie auch übernommen werden. Die Übernahme von Verantwortung ist allerdings in vielen Fällen äußerst voraussetzungsvoll und kann Unannehmlichkeiten für das handelnde Subjekt mit sich bringen. So kann das „Wegsehen“ einfacher sein als das verantwortliche Handeln, beispielsweise bei einem Raubüberfall auf offener Straße.385 Werner Stegmaier zufolge kann eine Abwehr von Verantwortung auch strategische Hintergründe haben, da eine Übernahme von Verantwortung zur Folge haben kann, „dass die vom Schaden Betroffenen bei Gelegenheit wieder auf die Schuld zurückkommen, erneut Forderungen aus ihr ableiten und den Schuldigen so mit seiner Schuld auf Dauer zeichnen“ (Stegmaier 2007, S. 154).

Birnbacher weist zudem auf die Opportunitätskosten von prospektiver Verantwortung hin, die allein dadurch entstehen, dass diese im Regelfall aktiv ausgeführt werden muss und daher Zeit und Energie benötigt, die auch für andere Aktivitäten hätten aufgewendet werden können. Prospektive Verantwortung verlange zudem mehr Aufwand als die Erfüllung eines vorgeschriebenen Pflichtenkatalogs.386 Dies lässt sich mit Heidbrink vor allem damit begründen, dass Pflichten auf „einem vorgegebenen Wert- und Normengefüge“ (Heidbrink 2007, S. 138) beruhen und den Handelnden von der – für das Verantwortungskonzept charakteristischen – subjektiven moralischen Einschätzung und Bewertung des eigenen Handelns entlasten.387

Selbst wenn es nicht zur „Ausübung“ der Verantwortung (hier: in einer konkreten Situation zur Verantwortung gezogen werden) kommt, entsteht im Vorhinein mentaler Stress durch a) die notwendige moralische Disziplin, b) das Risiko, sich schuldig fühlen zu müssen, c) tatsächliche Schuldgefühle und schließlich d) die Einschränkung von „life options“ (Birnbacher 2001, S. 17).388

Aus diesen Gründen erhält das vermeintliche Verantwortungssubjekt in der Regel die Gelegenheit, auf etwaige Anspruchshaltungen zu reagieren und wird vielfach versuchen, die Verantwortung abzuwehren.389

3.2.2.1 Abwehr- und Rechtfertigungsstrategien

Das Ziel der Verantwortungsabwehr besteht darin, sich von den „(vermeintlichen) Missetaten zu dissoziieren“ (Bierhoff 1995, S. 218) bzw. Zuständigkeiten von sich zu weisen und das Urteil des Attributionssenders so zu beeinflussen, dass sich zumindest der Umfang der Verantwortung verringert.390 Neben grundsätzlichen Strategien der Rechtfertigung und Entschuldigung kommen hierfür weitere Argumente in Frage, die insbesondere unter Beteiligung vieler Akteure sowie in kollektiven Dilemmasituationen (z. B. im Fall der Schädigung kollektiver Güter) eingesetzt werden.

Abwehr der Verantwortung für eigenes Handeln und Unterlassen

Bei der Abwehr der Verantwortung für eigenes Handeln und Unterlassen differenziert Leo Montada zwischen Strategien der „excuses“ (Montada 2001, S. 79) (Entschuldigungen) und Strategien der „justifications“ (ebd.) (Rechtfertigungen).391

Entschuldigungen dienen dazu, die Verschuldung abzulehnen bzw. zu verneinen, indem die willentliche Täterschaft angezweifelt wird, etwa durch fehlende Willens- und Handlungskontrolle (z. B. durch den Einfluss von Drogen), fehlende Zurechenbarkeit (z. B. bei Kindern) oder Sozialisations- und Kindheitsstörungen. Auch kann die kausale Urheberschaft verneint werden oder Akteure können bekräftigen, dass ihnen die Konsequenzen ihres Handelns nicht bewusst waren und dass sie diese nicht intendiert haben. Bei der Rechtfertigung wird hingegen die selbstverschuldete Verursachung zwar grundsätzlich anerkannt, es werden aber Argumente gesucht, die diesen Zusammenhang verteidigen und somit die „Tadelnsverantwortung“ (Lenk 1992, S. 92) mindern.392 So kann beispielsweise angegeben werden, dass der Schaden nicht beabsichtigt war und der Akteur nur „das Beste“ wollte. Es wird auch auf positive Effekte hingewiesen, die die negativen kompensieren sollen oder darauf, dass das „Opfer“ informiert war und der Handlung zugestimmt hat.

Vor allem die Beteiligung anderer Akteure führt zu Entschuldigungen und Rechtfertigungen. So wird Verantwortung beispielsweise an Co-Akteure (vor allem auch Stärkere oder Vorgesetzte) abgeschoben, die ebenfalls an der Situation beteiligt waren. Es wird auch eingewendet, dass andere ebenso gehandelt hätten oder handeln und nicht zur Verantwortung gezogen werden. In der Sozialpsychologie haben hier vor allem Fälle Aufmerksamkeit erregt, in denen Personen in einer Notfallsituation nicht eingegriffen haben, obwohl sie hätten helfen können. Im Rahmen dieses sogenannten bystander-effects ist häufig Verantwortungsdiffusion zu beobachten.393

Das Phänomen der Verantwortungsdiffusion wird umso stärker, je mehr Akteure involviert sind, je komplexer die Handlungsumstände und je unübersichtlicher die Verbindung von Akteuren und den Folgen ihrer Handlungen sind. Deshalb wird Verantwortung besonders im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Aufgaben (beispielsweise der langfristigen Hilfsbedürftigkeit von Menschen in Entwicklungsländern) und dem Schutz bzw. der Bereitstellung öffentlicher Güter abgewehrt.394 Somit fallen auch die Herausforderungen einer nachhaltigen Entwicklung in diesen Bereich, in dem verschiedene Abwehrstrategien denkbar sind:

Montada zufolge könne Verantwortung etwa aus Eigeninteresse abgewiesen werden, wenn das Eigenwohl gegenüber dem Wohl anderer als vorrangig eingestuft wird. Außerdem kann entweder das grundsätzliche Problem bzw. die Notwendigkeit der Verantwortungsübernahme oder die eigene Zuständigkeit angezweifelt werden. Ein Beispiel für die erste Strategie ist die Bagatellisierung der Hilfsbedürftigkeit oder Notlage. Auch kann es den hilfsbedürftigen Personen vorgeworfen werden, ihre Situation selbst verschuldet zu haben. Im Rahmen der zweiten Strategie wird Verantwortung von Attributionsadressaten abgewiesen, wenn diese sich ungerechterweise angesprochen fühlen, etwa wenn a) anderen Personen in ähnlichen Situationen weniger Verantwortung zugeschrieben wird, b) andere, konfligierende Verantwortlichkeiten bestehen oder c) die eigenen Fähigkeiten und Ressourcen vor allem gegenüber den Möglichkeiten von anderen involvierten Akteuren als nicht ausreichend wahrgenommen werden.395

Auch Young hat sich mit der Frage der Verantwortungsabwehr in kollektiven Handlungskontexten beschäftigt. Sie zieht dabei vor allem den Aspekt der strukturellen Bedingtheit kollektiver Schädigungen hinzu und identifiziert vier Strategien, die sich teilweise mit denen von Montada decken:

1. Verdinglichung:396 Menschen nehmen soziale Strukturen und Institutionen als gegeben an, wie Naturereignisse, zu denen sie sich verhalten, die sie aber nicht ändern können: „They are objective facts we must deal with.“ (Young 2013, S. 154) Dies gelte vor allem auch bei Marktprozessen und beziehungen.

2. Beziehung verneinen:397 Eine weitere Strategie der Verantwortungsabwehr ist Young zufolge, die Beziehung zu den „Opfern“ zu negieren. Dies geschehe

vor allem dadurch, dass die betroffenen Personen nicht im Nahbereich des eigenen Handelns aufträten, sondern die Betroffenheit in großer zeitlicher und räumlicher Distanz stattfinde und die kausale Beziehung nicht offensichtlich sei. Personen unterschieden in moralischer Hinsicht insofern zwischen direkten Beziehungen und indirekten, vermittelten Beziehungen.

3. Konfligierende Ansprüche:398 Young beschreibt des Weiteren das Problem, dass die moralischen Ansprüche der globalen Gerechtigkeit in Konflikt mit den moralischen Ansprüchen aus dem näheren Umfeld geraten können. Personen fühlten sich schlicht überfordert, wenn sie neben den vielen Ansprüchen, die aus ihrem direkten Umfeld durch Freunde und Familie, Vorgesetzte oder Nachbarn an sie herangetragen würden, auch noch zusätzlich mit dem Anspruch konfrontiert würden, sich um gerechte Strukturen zu kümmern, damit Menschen am anderen Ende der Welt bessere Chancen erhielten.

4. Nichtanerkennen der Zuständigkeit:399 Die verschiedenen Abwehrstrategien könnten schließlich darin münden, dass die Verantwortung für strukturelle Schäden nicht als die eigene Aufgabe anerkannt werde, sondern andere für zuständig befunden würden. Individuen stimmten zwar zu, dass die Strukturen ungerecht seien und sähen möglicherweise sogar dringenden Handlungsbedarf: „Thus we may affirm that somebody should do something about the injustice. But we are sure that it is not ourselves“ (Young 2013, S. 166), denn andere Akteure verfügten über mehr Pflichten, Kompetenzen oder Ressourcen. Erste Anlaufstelle ist Young zufolge der Staat, der dort eingreifen solle, wo Menschen heutiger oder zukünftiger Generationen regelmäßig benachteiligt werden.

Zusammenfassung

Insgesamt lassen sich die Abwehrstrategien teilweise als Spiegelstück zu den Kriterien der Verantwortungszuschreibung interpretieren. So kann die Nichterfüllung von Handlungsfähigkeit, Kausalität, Handlungs- und Willensfreiheit, Wissentlichkeit und Willentlichkeit als Rechtfertigungs- und Entschuldigungsgrund einer Verantwortungsabwehr dienen. Auch fehlende Kompetenzen und Ressourcen bzw. das Gefühl, dass die eigenen Kompetenzen und Ressourcen nicht ausreichend sind, können ein Grund sein, Verantwortung von sich zu weisen.

Die Abwehrstrategien von Verantwortung im Rahmen langfristiger Hilfsbedürftigkeit und Verantwortung für Allgemeingüter beziehen sich direkt auf die im zweiten Kapitel analysierte Nachhaltigkeitsproblematik und stellen ein grundlegendes Problem der wirtschaftsethischen Debatte dar. Das Problem der Verantwortungsdiffusion ist hier aufgrund des global-kollektiven Handlungskontextes besonders stark ausgeprägt. So betont auch Bernhard Schlink im Hinblick auf die Probleme gegenwärtiger Gesellschaften mit ironischem Unterton:

„Bleibt die Verantwortung (...) also an den Einzelnen hängen? Sie bleibt nicht an ihnen hängen, die Einzelnen können sie abwehren, und das empirisch untersuchte Arsenal der Strategien der Verantwortungsabwehr erweist sich als reich: So schlimm sind die Probleme unserer Gesellschaft nicht –– es besteht kein Grund zur Aufregung; wenn jeder seine Aufgabe erfüllt (gemeint ist: wenn jeder in seinem System funktioniert), läuft die Gesellschaft –– ich erfülle meine Aufgabe; in unserer Gesellschaft gibt es für alles Zuständigkeiten (...) –– sie liegt bei der Politik und den Parteien und den Kirchen, aber nicht bei mir; wer anderen bei ihren Problemen hilft, hilft ihnen nur scheinbar –– sie müssen lernen, sich selbst zu helfen.“ (Schlink 2010,S. 6)

Angesichts der diversen Rechtfertigungs-, Entschuldigungs- und Abwehrstrategien erscheint es umso bemerkenswerter, wenn Akteure Verantwortung übernehmen. Hierfür bedarf es einer ausgeprägten Motivation, die Thema des nächsten Abschnitts ist.

 
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