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3.2.1 Bedingungen der Zuschreibung von Verantwortung

Aussagen zur Verantwortung von handelnden Subjekten können etwa von der Wissenschaft, der Politik oder auch von der öffentlichen Meinung getroffen werden. In spezifischen Situationen können sich die Handelnden selbst oder auch Instanzen, zum Beispiel ein Gericht, die Verantwortung zuschreiben. Verantwortung wird nicht nur durch involvierte Akteure oder durch mögliche Verantwortungsinstanzen selbstoder fremdzugeschrieben, sondern dies kann auch durch dritte Beobachter geschehen.346 Der jeweilige Status lässt sich allerdings eher nur analytisch und weniger praktisch unterscheiden, denn jeder Mensch ist teilweise Akteur und teilweise Beobachter.347

In jedem Fall ist es notwendig, dass bestimmte Bedingungen und Kriterien erfüllt sind, damit die potenzielle Attribution von Verantwortung begründet und somit auch gerechtfertigt ist. Dazu zählt insbesondere die Handlungs- und Verantwortungsfähigkeit als Grundbedingung aller Verantwortung (Kapitel 3.2.1.1). Daneben bestehen weitere Voraussetzungen und Kriterien, die maßgeblich den Umfang der Verantwortung bestimmen. Die Kriterien Kausalität, Freiheit, Wissentlichkeit und Willentlichkeit nach Aristoteles (siehe Kapitel 3.1.1.1) entstammen der Zuschreibung von klassischer Ex-post-Verantwortung, gelten jedoch letztlich auch für die Attribution von Ex-ante-Verantwortung (Kapitel 3.2.1.2).

3.2.1.1 Handlungs- und Verantwortungsfähigkeit

Das Kernproblem der Verantwortung ist die Bestimmung des Verantworungssubjekts, also die Frage, wem eine Handlung und ihre Folgen zugerechnet werden können. Verantwortung und Handlung sind eng miteinander verbundene Konzepte: Handlungsfähigkeit ist konstitutiver Bestandteil von Verantwortungsfähigkeit348 und somit eine latente Grundbedingung, damit Menschen „den moralischen Standpunkt einnehmen“ (Neuhäuser 2011, S. 57) und in konkreten Situationen zur Verantwortung gezogen werden können. Wer aber gilt als handlungsfähig?

In erster Linie werden menschliche, erwachsene Einzelpersonen als Subjekte betrachtet, denen bewusste Handlungen und damit auch Verantwortung zugerechnet werden können. Die Handlungs- und Verantwortungsfähigkeit gilt in Bezug auf diese Akteursgruppe als Normalfall. Sollte aus bestimmten Gründen eine derartige Zurechnungsfähigkeit nicht gegeben sein, etwa unter physischen oder psychischen Krankheitsbedingungen, liegt gleichwohl die Beweislast bei dem (rechtlich oder moralisch) für verantwortlich gehaltenen Akteur.349 Um diese Eingrenzung nachvollziehen zu können, muss in Kürze auf das Konzept der Handlung eingegangen werden.

Handeln läßt sich zusammenfassend kennzeichnen als zieloder normenorientiertes Verhalten in sozial eingebetteten Handlungs- und Verhaltensstrukturen, ausgerichtet an Strukturimages, an Erwartungen; es ist durch (idealtypische) Modelle in Abhängigkeit von den Strukturen und Strukturimages beschreibbar. Handeln ist nur als interpretatorisches Konstrukt in einer Beschreibung erfaßbar.“ (Lenk/Maring 2003, S. 58; Hervorh. im Original)350

Daraus lässt sich, erstens, folgern, dass auch Handlungen – ebenso wie Verantwortung – sozial konstruiert sind.351 Erst die Interpretation bzw. die Deutung in sozialen Kontexten unterscheidet eine Handlung von bloßem Verhalten. Beispielsweise ist das Heben einer Hand aufgrund eines Muskelkrampfs lediglich ein Verhalten, während die gleiche Bewegung von Beobachtern und Handelndem selbst als Gruß interpretiert werden und so eine Handlung darstellen kann.

Zweitens birgt der Handlungsbegriff per Definition eine kausale Beziehung bzw. ein Veränderungsmoment und schließt damit die intendierten und nicht intendierten Konsequenzen der Handlung – d. h. die kausale Verursachung von Handlungsfolgen – mit ein.352 Die Veränderungswirkung einer Handlung wird dabei auch als Macht bezeichnet.353 In diesem Sinne versteht auch Anthony Giddens das Veränderungsmoment des Handelns: „Handeln hängt von der Fähigkeit des Individuums ab, ‚einen Unterschied herzustellen' zu einem vorher existierenden Zustand oder Ereignisablauf, d.h. irgendeine Form von Macht auszuüben.“ (Giddens 1997, S. 66; Hervorh. im Original)354

Drittens lassen sich aufgrund des Kriteriums der Zieloder Normorientierung der Handlung Gegenstände, Naturphänomene oder Tiere als Handlungs- und damit auch als Verantwortungssubjekte ausschließen.355 Auch Verhaltensreflexe gelten nicht als Handlungen, da sie nicht zielorientiert durchgeführt werden.356 Handlungsfähigkeit ist „die bewußte Entscheidung zum Handeln und der Wille, sie [die Handlung; I. S.] auszuführen“ (Bayertz 1995, S. 10).

Damit ist allerdings die generelle Frage angesprochen, ob Menschen überhaupt zielorientiert, und das heißt willentlich, handeln können. Die Frage der Willensfreiheit einer Handlung hat im philosophischen Diskurs zur Determinismus-Debatte geführt, die in der Entwicklung des Konzepts der Verantwortung eine wichtige Rolle gespielt hat. Sie dreht sich vor allem um die Frage der Vorbestimmtheit von Handlungen und damit der Wahlfreiheit von handelnden Personen.357 Deterministen zufolge kann es eine Freiheit des Menschen nicht geben, da er durch die Umstände, unter denen er aufwächst, zu dem wird, was er ist und somit seine Entscheidungen aufgrund dieser Umstände trifft. Die verschiedenen sozio-kulturellen Prägungen sind es demnach, die den Willen einer Person bestimmen, weshalb eine freie Entscheidung als Anstoß für das eigene Handeln nicht möglich sein kann. Der sogenannte „hard determinism“ (James 1899, S. 125; zit. nach Kuhlen/Seidel/Tsouyopoulos 1972, Sp. 154; Hervorh. im Original) lässt konsequenterweise nur den Schluss zu, dass der Mensch keinerlei Einfluss auf sein Handeln nehmen kann, wodurch jede Überlegung zur Willensfreiheit und auch Verantwortung hinfällig ist.358 Eine vermittelnde Position bzw. einen Kompromiss findet, neben anderen, David Hume im sogenannten „,soft determinism'“ (ebd.; Hervorh. im Original).359 Zwar sei jedes Ereignis und somit auch jedes menschliche Handeln bedingt durch andere Ursachen, dennoch sei im Moment der Entscheidung zu einer Handlung oder zu ihrem Unterlassen ein gewisser Spielraum gegeben.360 Hume ergänzt somit die deterministische Vorbestimmtheit einer Handlung um die Freiheit einer Person, in einer spezifischen Situation zwischen Handlungsalternativen zu wählen. Dadurch gewinne eine Zuschreibung normativer Art an Bedeutung, die eine Handlung hinsichtlich ihrer Notwendigkeit (hier als deterministische Vorbestimmung von Handlungsintentionen durch situative und charakterliche Umstände) sowie die Hintergründe und Motive beleuchte. Das Prinzip der Notwendigkeit sei somit Voraussetzung, um die Moralität einer Handlung im Hinblick auf die zugrunde liegenden Handlungsintentionen und -ziele zu bestimmen.361 Kettner zufolge erklärt bereits Aristoteles, „dass Handlungsfreiheit genau in jener Freiwilligkeit besteht, die sich darin bezeugt, daß ein Akteur auch anders hätte handeln können, als er de facto gehandelt hat.“ (Kettner 2001, S. 68; Hervorh. im Original) Im Anschluss an diese Position sind Fragen der Determiniertheit des Handelns letztlich obsolet, da es nicht um eine grundsätzliche Freiheit des Willens, sondern lediglich um die Freiheit, in bestimmten Situationen zwischen Handlungsalternativen wählen zu können, geht. Damit wird jedoch die Willensfreiheit auf das Kriterium der Handlungsfreiheit und diese wiederum auf das Vorfinden von Handlungsalternativen „reduziert“.362

Ein weiterer (pragmatischer) Vorschlag zur Lösung des Problems, der ohne diese Reduktion auskommt, lautet, Willensfreiheit negativ zu bestimmen, also anzunehmen, dass eine Handlung frei ist, wenn sie „nicht unfrei“ (Austin 1977, S. 14) ist und Willensfreiheit als Standardfall zu definieren: „Die Beweislast wird gewissermaßen umgedreht, erklärungsbedürftig ist nur der Fall, in dem jemand nicht willensfrei war.“ (Neuhäuser 2011, S. 61) Dieser Vorschlag ist im Übrigen mit Harry Frankfurts Position vereinbar, der zufolge Willensfreiheit auch ohne Handlungsalternativen bestehen kann, nämlich dann, wenn der Handelnde gar nicht weiß, dass er nicht anders handeln kann und sich vielmehr zufällig für genau die einzige Handlungsoption frei entscheidet.363 Solange nicht das Gegenteil, also die grundsätzliche Unfreiheit des menschlichen Willens, bewiesen ist – und die Diskussion darüber gilt noch nicht als abgeschlossen364 – erscheint es plausibel, sich diesem pragmatischen Ansatz anzuschließen und „die metaphysischen Fragen von den praktischen Fragen der Willensfreiheit zu trennen und Willensfreiheit für den praktischen Zweck der Verantwortungszuschreibung“ (Neuhäuser 2011, S. 61) für die oben genannte Gruppe von erwachsenen, menschlichen Personen in der Regel anzunehmen.

Insgesamt besteht eine enge Verbindung zwischen Handlungsfähigkeit und Verantwortungsfähigkeit. So verstehen Karl Larenz und Claus-Wilhelm Canaris eine Handlung als „Äußerung eines für sein Verhalten grundsätzlich verantwortlichen Subjekts“ (Larenz/Canaris 1994, S. 361), womit also nicht nur das zu verantworten ist, was eine Handlung ist, sondern auch nur das eine Handlung ist, wofür Verantwortung übernommen werden kann.365

Aufgabe dieses Abschnitts war es, festzustellen, inwieweit Personen überhaupt als handlungsfähige und damit moralische Akteure in Frage kommen. Aufbauend auf dieser grundsätzlichen Disposition können die Bedingungen beurteilt werden, mit deren Hilfe Verantwortung in einer konkreten Verantwortungssituation bestimmt werden kann.

 
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