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3.1.2 Struktur, Eigenschaften und Merkmale der Verantwortung

Aus dem chronologischen Abriss der Entwicklung des Verantwortungskonzepts lassen sich seine Strukturmerkmale ableiten. So zeichnet sich insgesamt eine Bipolarität der Verantwortung ab, die sich – vereinfacht gesagt – mit einer vergangenheitsgerichteten, retrospektiven und einer zukunftsgerichteten, prospektiven Ausrichtung beschreiben lässt.290 Daneben können verschiedene Dimensionen, Arten und Ebenen von Verantwortung differenziert werden. Weiterhin lässt sich der Verantwortungsbegriff vom Pflichtbegriff abgrenzen und zu ihm in Beziehung setzen. Im Folgenden werden die Strukturmerkmale in Anlehnung an die gängigen Systematisierungen, wie sie etwa bei Lenk, Ropohl und Heidbrink zu finden sind, dargestellt.291 Dabei handelt es sich nicht um abschließende Kataloge, sondern vielmehr um Versuche, Verantwortung für eine bessere Operationalisierung „greifbar“ zu machen.

3.1.2.1 Bipolarität der Verantwortung

Das Verantwortungskonzept weist eine „bipolare Grundstruktur“ (Heidbrink 2011, S. 191)292 auf, die sich in unterschiedlicher Hinsicht äußert, grundsätzlich jedoch mit den Begriffen der (negativen bzw. passiven) retrospektiven Verantwortung und der (positiven bzw. aktiven) prospektiven Verantwortung erfasst werden kann.293 Während die retrospektive Verantwortung maßgeblich für die klassische Phase der Verantwortung als Rechenschaftspflicht für begangene Taten steht, ist seit dem 19. Jahrhundert in zunehmendem Maße die prospektive Verantwortung als Fürsorgeverantwortung für die Erhaltung oder Herbeiführung eines erwünschten Zustandes in den Vordergrund gerückt. Aufgrund ihrer zeitlichen Ausrichtung wird die vergangenheitsbezogene retrospektive Verantwortung auch als „Ex-post-Verantwortung“ (ebd., S. 192), die zukunftsgerichtete prospektive Verantwortung als „Ex-ante-Verantwortung“ (ebd.) bezeichnet.294

Die Bipolarität des Konzepts besteht jedoch nicht nur in der zeitlichen Perspektive, sondern beschreibt einige grundlegende Charakteristika des jeweiligen Fokus. So bezieht sich die rechtliche Verantwortung tendenziell auf den retrospektiven und die moralische Verantwortung auf den prospektiven Verantwortungsbegriff.295 Das bedeutet jedoch nicht, dass sich die prospektive Verantwortung nicht ebenfalls aus rechtlichen, politischen oder beruflichen Pflichten und Rollenzuschreibungen ableiten kann.296 Es muss hier also unterschieden werden zwischen einer klar definierten „Pflicht“, zum Beispiel „Du sollst nicht töten“, und einer handlungsoffenen Fürsorgeverantwortung „Du sollst die Natur schützen“.

Des Weiteren ist die retrospektive Verantwortung in der Regel negativ besetzt: Jemand ist verantwortlich für ein begangenes Übel oder einen entstandenen Schaden, während prospektive Verantwortung positiv konnotiert ist: Jemand ist für die Herstellung eines erwünschten Zustandes verantwortlich. Damit bezieht sich die Ex-post-Verantwortung vorrangig auf eine geschehene Handlung vor dem Hintergrund bestehender Prinzipien und Regeln, während die Ex-anteVerantwortung insbesondere auf einen erwünschten Zustand Bezug nimmt.297 Im Gegensatz zum klar definierten Handlungsbereich bei der retrospektiven Verantwortung ist die prospektive Verantwortung aus diesem Grund meistens stärker von Unbestimmtheit geprägt, da anstelle klarer Handlungsvorschriften nur allgemeine Zuständigkeiten definiert sind, die die verantwortliche Person nach eigenem Ermessen auslegen muss („Du sollst die Natur schützen“). Sie ist zudem von einer stärkeren Eigeninitiative bzw. Aktivität des Akteurs geprägt. Expost-Verantwortung hat entsprechend eine ethische Grundlage deontologischer Natur, die aus der Verpflichtung zu bestimmten Verhaltensweisen hervorgeht, während die Ex-ante-Verantwortung teleologischer Natur ist und sich auf die Zweckmäßigkeit einer Handlung stützt.298

Mit einem Blick auf die Praxis lässt sich feststellen, dass die Pole nicht eindeutig analytisch trennbar sind, sondern vielmehr zwei Dimensionen eines Prozesses darstellen:299

„Die Unterscheidung von retrospektiver und prospektiver Verantwortung, von deontologischer Ex-post-Verantwortung und teleologischer Ex-ante-Verantwortung ist analytisch sinnvoll, lässt sich aber unter normativen und praktischen Aspekten nicht durchweg aufrecht erhalten“ (Heidbrink 2011, S. 192).

Dies zeigt sich unter anderem darin, dass Personen im Nachhinein für etwas verantwortlich gemacht werden, zu dessen Verhinderung oder Erfüllung sie im Vorhinein verpflichtet gewesen wären. Zum Beispiel ist der Bademeister für die Verletzung eines Schwimmers retrospektiv verantwortlich, da er prospektiv die Verantwortung hatte, ihn zu schützen.300 Umgekehrt können retrospektive Fragen durchaus auch relevant für prospektive Zuständigkeitsdefinitionen sein. So beschreibt etwa die Aussage „Wir sind durch unseren CO2-intensiven Lebensstil für den Klimawandel verantwortlich“ einerseits in retrospektiver Sicht die Verantwortung für die Treibhausgasemissionen, die bereits stattgefunden haben und die den Klimawandel bereits in Gang gebracht oder zumindest beschleunigt haben, sie gibt aber auch einen Hinweis darauf, wer Einfluss darauf haben kann, die Emissionen zu minimieren.301

 
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