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3.1 Begriffsgeschichte, Struktur und Merkmale

Verantwortung stellt sich als überaus komplexes Phänomen dar, das sich seit der Antike in verschiedene Richtungen, Ebenen und Dimensionen ausdifferenziert hat.255 Nicht umsonst gibt Wilhelm Weischedel seinem Werk „Das Wesen der Verantwortung“ (Weischedel 1972 [1933]), das mittlerweile zum Klassiker der Verantwortungsforschung avanciert ist, den Untertitel „Ein Versuch“. Weischedel bezeichnet damit das Problem, das Konzept der Verantwortung in Kategoriensysteme, Kriterienkataloge und Modelle zu „pressen“. Eine Gliederung, die den Anspruch erhebt, alle Nuancen und Varianten des Konzepts abzubilden, müsse an der Komplexität und an der Vielfalt der Auslegungen scheitern.

Verantwortung hat diesen hohen Grad der Komplexität erreicht, da sie eng mit menschlichen Handlungen verknüpft ist, deren Umstände, Folgen und Zielsetzungen sich im historischen Verlauf mit den gesellschaftlichen Umständen verändert haben.256

3.1.1 Begriffsgeschichte der Verantwortung

Mit Bayertz lassen sich drei Hauptphasen der Entwicklung des Verantwortungskonzepts ausmachen:

Ÿ In der „klassische[n]“ (Bayertz 1995, S. 6; im Original kursiv) Phase bezieht sich Verantwortung auf die Frage nach der Schuld für negative Handlungsfolgen innerhalb des individuellen Nahbereichs. Diese Phase dauert ungefähr von der Antike bis in das späte 19. Jahrhundert.

Ÿ Die anschließende zweite Phase ist davon gekennzeichnet, dass das Verantwortungskonzept zunehmend für Fragen kollektiver Handlungszusammenhänge und unvorhersehbarer technischer Folgen herangezogen wird. Es erreicht in dieser Phase den Status eines moralphilosophischen Schlüsselkonzepts.

Ÿ Schließlich lässt sich eine dritte Phase ausmachen, in der sich der Verantwortungsbereich aufgrund globaler Folgeschäden und Risiken menschlicher (Kollektiv-)Handlungen zeitlich und räumlich ausdehnt. In dieser aktuellen Phase erfolgt eine Anpassung des Konzepts an die Handlungslogik gesellschaftlicher Systemprozesse.

Der Begriff „Verantwortung“ geht semantisch auf die römische Rechtslehre zurück257 und lässt sich im Deutschen bis in das 15. Jahrhundert zurückverfolgen. Er bezeichnet in seiner ursprünglichen Form die „Antwort“ (Grimm 1956, S. 81) auf eine Anschuldigung hinsichtlich negativer Folgen einer begangenen Tat und ihre Rechtfertigung gegenüber einer höheren Instanz.258 Diese Instanz kann ein weltliches oder ein religiöses Gericht sein,259 das die Tat nach einer bestehenden Ordnung von Gesetzen, Normen oder Werten beurteilt und ein Strafmaß festlegt.260

In der praktischen Philosophie wird der Begriff „Verantwortung“ zunächst nur sporadisch und erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts systematisch verwendet.261 Somit ist er in seiner heutigen moralphilosophischen Verwendung ein Begriff der Moderne.262 Die späte Verwendung des Begriffs bedeutet allerdings nicht, dass die Philosophie sich nicht schon früher mit der Sache der Verantwortung beschäftigt hat. Denn der Ursprung aller Verantwortung ist die Frage nach der Zurechnung von Handlungen und ihren Folgen zu einem Handlungssubjekt – ein Fragenkomplex, der seit jeher Gegenstand der Ethik ist.263

 
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