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2.2 Normativer Rahmen

Das Verständnis von nachhaltiger Entwicklung als regulativer Idee trägt nicht nur der Komplexität und globalen Dimension der Problematik Rechnung, sondern auch dem Umstand, dass eine sich entwickelnde Gesellschaft angesichts veränderter Handlungsbedingungen immer wieder neu die Orientierung am Nachhaltigkeitskonzept suchen muss.93 Hierfür bedarf es eines normativen Rahmens, der Gerechtigkeitsvorstellungen (Kapitel 2.2.1) mit einem reflektierten Bedürfnisbegriff (Kapitel 2.2.2) verbindet. Die Anpassungs- und Orientierungsleistung erfolgt ihrerseits diskursiv im Rahmen deliberativer Prozesse (Kapitel 2.2.3).

2.2.1 Inter- und intragenerationelle Gerechtigkeit

Das Konzept der nachhaltigen Entwicklung ist an Gerechtigkeitsvorstellungen orientiert,94 indem es darauf abzielt, die eigenen Bedürfnisse nicht auf Kosten jetziger und zukünftiger Generationen zu befriedigen. Es wird dabei zwischen der intergenerationellen und der intragenerationellen Gerechtigkeit95 „in Ansehung von a) Chancen zur Befriedigung von Bedürfnissen und zur Ausübung von Fähigkeiten, von b) Zugängen zu natürlichen und kulturellen Ressourcen und von c) der Bereitstellung von Gütern i.w.S.“ (Ott/Döring 2008, S. 45) unterschieden.

Im Rahmen des zeitlichen Horizonts der intergenerationellen Gerechtigkeit geht es darum, „‚nicht über seine Verhältnisse (...) [zu leben]'“ (Paech 2012, S. 46; Hervorh. im Original), um zukünftigen Generationen die Lebensbedingungen zu erhalten. Kriterium hierfür ist „die dauerhafte Übertragbarkeit aller menschlichen Aktivitäten“ (ebd.), wobei der Schwerpunkt auf dem Wort „dauerhaft“ liegt und zwar „über den Betrachtungshorizont eines menschlichen Lebens hinaus“ (ebd.). Demgegenüber bezieht sich intragenerationelle Gerechtigkeit auf einen räumlichen Horizont, indem das entwicklungspolitische Dilemma der ungleichen Entwicklungschancen thematisiert wird.96

Die intragenerationelle Gerechtigkeit erhält angesichts der intergenerationellen Gerechtigkeit eine zusätzliche Brisanz, denn aufgrund der begrenzten Nutzungskapazitäten natürlicher Ressourcen für den Erhalt der Lebensbedingungen zukünftiger Generationen sind das Konsum- und das materielle Wohlstandsmodell vornehmlich der in Industrienationen lebenden Menschen nicht global übertragbar.97 In intragenerationeller Hinsicht sind außerdem zusätzliche Faktoren relevant, da die Strukturen des Weltwirtschaftssystems die Industrienationen (hinsichtlich ihrer materiellen Wohlstandsstellung) tendenziell begünstigen. Hieraus ergeben sich wiederum Auswirkungen auf die ökonomischen und sozialen Entwicklungschancen der Entwicklungs- und Schwellenländer. Ich werde diese Aspekte in Kapitel 2.3 weiter ausführen.

Wenn die aktuellen Formen der Bedürfnisbefriedigung inter- und intragenerationell ungerecht sind, müssen sie hinterfragt werden. Was bedeutet dies jedoch genau? Und in welchem Ausmaß bzw. Umfang stehen sie zur Disposition? Zur Erläuterung eines entsprechenden Gerechtigkeitsverständnisses ist es notwendig, auf den Begriff „Bedürfnis“ näher einzugehen.98

 
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