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2 Leitvorstellungen und Ansätze für eine nachhaltige Entwicklung

Nachhaltige Entwicklung ist ein Konzept von großer politischer, gesellschaftlicher und normativer Tragweite. In den nächsten Abschnitten wird nach einer Begriffsbestimmung (Kapitel 2.1) zunächst auf die normativen Grundlagen des Konzepts eingegangen (Kapitel 2.2). Sodann werden inhaltliche Konkretisierungen und Dimensionen vorgestellt und diskutiert (Kapitel 2.3), um anschließend den politischen Rahmen auf der Ebene (internationaler) Verhandlungen und Zielvereinbarungen sowie Konzepte des nachhaltigen Konsumierens und Produzierens auf der Umsetzungsebene darzustellen (Kapitel 2.4). Für den weiteren Verlauf der Arbeit stellen diese Grundlagen den gesellschaftspolitischen Kontext dar, in den die Überlegungen zur Verantwortung eingebettet sind, und dienen als normativer Bezugspunkt für die zu bestimmende Verantwortung der Marktakteure.

2.1 Vorläufige Begriffsbestimmung

Auch wenn die Idee der Nachhaltigkeit bis in das 18. Jahrhundert zurückgeführt werden kann,87 erhält sie erst zwei Jahrhunderte später vor allem durch den von der Brundtland-Kommission88 im Jahr 1987 veröffentlichten Bericht „Our Common Future“ Beachtung in der internationalen Politik.89 Der Bericht ist in erster Linie aufgrund seiner Definition des Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung berühmt geworden, die auf der Erkenntnis aufbaut, dass aktuelle Formen der Bedürfnisbefriedigung das Ökosystem überlasten und somit die Bedürfnisbefriedigung zukünftiger Generationen gefährden:

„Humanity has the ability to make development sustainable to ensure that it meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs. (...) The Commission believes that widespread poverty is no longer inevitable. Poverty is not only an evil in itself, but sustainable development requires meeting the basic needs of all and extending to all the opportunity to fulfill their aspirations for a better life. A world in which poverty is endemic will always be prone to ecological and other catastrophes.“ (WCED 1987, S. 24 f.)

Ein zentrales Problem der nachhaltigen Entwicklung besteht darin, dass ökologische und entwicklungspolitische Ziele miteinander konfligieren können, wenn die Entwicklungs- und Schwellenländer dem fossilen Wachstumspfad der Industrieländer folgen; dies lässt sich auch als „entwicklungspolitisches Dilemma“ (Paech 2012, S. 45) bezeichnen. Im schlimmsten Fall kann eine Überlastung des Erdsystems heute zu einem Rückgang der bisher erzielten Entwicklungsfortschritte führen. Es gilt somit, beide Ziele in langfristiger Perspektive aneinander zu binden:

„Der Begriff der nachhaltigen Entwicklung lässt sich analytisch als einen Vektor entsprechend gewichteter Wohlfahrtsmaße definieren (z. B. Befriedigung von Grundbedürfnissen wie Ernährung und medizinische Versorgung, Kriterien für Individualqualifikationen wie Bildung und Kollektivqualifikationen wie institutionelle Legitimität oder Maßstäbe für ‚gutes Leben' wie Zugang zu Naturerlebnissen), dessen Norm über die Zeit zunimmt. Kurzfristige Zuwächse in einigen Dimensionen, beispielsweise durch den Verbrauch von endlichen Ressourcen, dürfen nicht zu Lasten der langfristigen Entwicklungsmöglichkeiten gehen.“ (WBGU 2011, S. 34; Hervorh. im Original)

Vorrangig wird – auch in dieser Arbeit – der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ verwendet, der im Gegensatz zum Begriff „Nachhaltigkeit“ den Prozesscharakter des Konzepts90 sowie die Kopplung beider Ziele, d. h. Armutsbekämpfung und Ökologie,91 erfasst. Nachhaltige Entwicklung ist entsprechend „als ‚regulative Idee' zu verstehen, für die es nur vorläufige und hypothetische Zwischenbestimmungen geben kann“ (Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt“ 1998, S. 16; Hervorh. im Original) und an der sich Bedürfnisbefriedigungen und der damit einhergehende Ressourcenverbrauch sowie die notwendigen Versorgungsstrukturen ausrichten sollen.92 Die Definition von nachhaltiger Entwicklung kann letztlich als fortwährender Prozess verstanden werden, der zu intensiven politischen und auch philosophischen Debatten geführt hat. Diese können bisher nicht als abgeschlossen bezeichnet werden; nicht zuletzt, da sich die Interpretation einiger der Grundlagen wie „Gerechtigkeit“ oder „Bedürfnis“ mit den Handlungsumständen und historischen Kontexten verändern. Die Bedeutung des Begriffs oder, besser gesagt, die Entwicklung der Bedeutung des Begriffs, wird daher im Folgenden anhand der Darstellung der genannten Debatten nachvollzogen und verdeutlicht.

 
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