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9.3 Fazit und Ausblick

Ein Suizidfall beeinflusst mindestens sechs andere Menschen, Suizide in Schulen sogar hunderte andere Menschen (Johansson et al., 2006, S. 3), medial vermittelte Suizide übersteigen diese Zahl noch um ein Vielfaches. Dass der Einfluss von Suiziddarstellungen in den Medien auf das Publikum dabei jedoch nicht gleichförmig ist – so wie dies in vielen Studien zum Werther-Effekt unterstellt wird – dafür liefert die vorliegende Studie wichtige Hinweise. So hat es sich als gewinnbringend herausgestellt, neben präzipitierenden Faktoren (also der Suizidberichterstattung bzw. Suiziddarstellungen) auch nach wichtigen prädisponierenden Faktoren zu differenzieren. Die vorliegende Untersuchung konnte einige Hinweise erbringen, dass die gemeinsame Fokussierung von Depression und Suizidalität vor dem Hintergrund der zahlreichen Studien zum Werther-Effekt lohnenswert ist. So ließen sich die theoretischen Überschneidungen bei der Modellierung von Depression und Suizidalität gemeinsam in ein integratives handlungstheoretisches Modell einfügen, für das überdies einige empirische Belege erbracht werden konnten. Dafür wurde eine für die erwachsene bundesdeutsche Bevölkerung repräsentative Telefonbefragung durchgeführt, in der sowohl nach Depressionen als auch nach der Suizidalität gefragt und zentrale Aspekte der Mediennutzung, -rezeption und -wahrnehmung erfasst wurden. Mithilfe der Daten kann erstmals ein für Deutschland repräsentatives Bild der vielschichtigen Zusammenhänge zwischen Depression, Medien und Suiziden gezeichnet werden, das die bisherigen Befunde zum Werther-Effekt relativiert: Suiziddarstellungen in den Medien haben nicht auf alle Rezipienten die gleichförmige, schädliche Wirkung, wie dies in früheren Arbeiten zu medieninduzierten Nachahmungssuiziden festgestellt wurde. Vielmehr ist ein komplexes Zusammenspiel aus spezifischer Medienzuwendung und individuellen Personenmerkmalen dafür verantwortlich, welchen Einfluss Medien auf die individuelle Suizidalität entfalten können.

Ein abschließender Punkt, der auf dem Forschungsfeld nicht zu kurz kommen darf, ist die Suizidprävention, bei der den Medien eine wichtige Rolle zukommt (Wolfersdorf & Etzersdorfer, 2011, S. 106). Die vorliegende Arbeit kann hoffentlich insofern zu diesem Ziel beitragen, als sie die Erforschung von Nachahmungssuiziden innerhalb der Kommunikationswissenschaft wieder stärker in den Fokus rücken lässt. Die Diskussion und Erforschung des Themenbereichs „Medien und Suizide“ hängt in der Kommunikationswissenschaft bisher vor allem von äußeren Impulsen ab, wie beispielsweise vom Suizid von Robert Enke im Jahr 2009 oder von der gesellschaftlich relevanten Verbreitung des Internets um die Jahrtausendwende. Diese Arbeit möchte zur Beschäftigung mit Suizidalität aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive anstoßen und aufzeigen, dass es sich dabei um einen gesellschaftlich hochrelevanten Forschungsbereich in der Kommunikationswissenschaft handelt. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat diese Tatsache gewürdigt und förderte großzügig das Forschungsprojekt, auf dem diese Arbeit aufbaut. Die Arbeit möchte dies auch damit zurückzahlen, dass sie auf verschiedene kommunikationswissenschaftliche Anknüpfungspunkte hinweist, Parallelen zu bestehenden Ansätzen aus dem Fach aufzeigt und die Forschungsperspektive auf Nachahmungssuizide für die Zukunft hoffentlich erweitern konnte. Eine zentrale Schlussfolgerung lautet, auch zukünftig möglichst konkret nach Medieneinflüssen auf die individuelle Suizidalität zu fragen, anstatt die individuelle Mediennutzung zu stark zu verallgemeinern (z.B. „die Nutzung des Internets“). Wie bereits angesprochen, können auch seltener angewendete Formen der Datenerhebung (Goodall, 2011; Hefner, Rothmund, Klimmt & Gollwitzer, 2011; Nock et al., 2010) hier sicherlich dazu beitragen, das Verständnis der komplexen Zusammenhänge aus suizidrelevanten Prädispositionen, individueller Medienzuwendung zu bestimmten Medieninhalten und individueller Suizidalität weiter zu verfeinern. Sicherlich ist für die Diagnose einer Depression oder erhöhter Suizidalität eine ärztliche Einschätzung wichtig. Bisweilen entsteht allerdings der Eindruck, dass eine Diagnose von Depressionen oder Suizidalität nur über unstrukturierte Patienteninterviews möglich sei, was letztlich einer pessimistische Sichtweise auf die moderne Fragebogenentwicklung entspricht (Kapusta, 2012, S. 2). Aus Sicht der Suizidprävention ist es heute daher ebenso zentral, Fragebogenscreenings zu entwickeln, die es nach dem Prinzip der Selbstauskunft erlauben, das individuelle Risiko für Depressionen und Suizidalität abzuschätzen. Ein großes Problem der Suizidprävention liegt im Moment nicht in der Behandlung durch medizinisch geschultes Personal, sondern in der routinemäßig validen Erfassung und vor allem Prognose von Depressionen und Suizidalität (Kapusta, 2012, S. 2).

Eine andere Forschungsperspektive könnte auf die zentralen Akteure in diesem Feld abzielen: die Journalisten. Bis heute bestehen große Forschungslücken hinsichtlich der Frage einer angemessenen Suizidberichterstattung, des Rollenverständnisses und der Arbeitsweise von Journalisten (vgl. Brosius & Ziegler, 2001, S. 24– 25) sowie hinsichtlich der sich daran anschließenden Frage, inwiefern diese Faktoren dazu beitragen, dass existierende journalistische Leitlinien zur Suizidberichterstattung und nationale Suizidpräventionsprogramme nicht greifen. Dabei ist allerdings die Tatsache bemerkenswert, dass von 193 UN-Mitgliedsstaaten gerade einmal 8 Länder (4%) gleichzeitig sowohl über ein nationales Suizidpräventionsprogramm als auch über journalistische Leitlinien in der jeweiligen Landessprache und einen entsprechenden Paragrafen im Pressekodex zur Suizidberichterstattung verfügen (Maloney et al., 2014, S. 160–161). Der Stellenwert, den neuere Medienformen darin einnehmen, ist ausgesprochen veraltet. Zahlreiche Leitlinien aus insgesamt 34 Ländern wurden seit 2002 nicht mehr überarbeitet. Die Leitlinien stammen zum Teil also noch aus einer Welt ohne soziale Medien oder Videoplattformen (Maloney et al., 2014, S. 165). Darüber hinaus fällt auf, dass selbst in diesen aktuellen Studien zum Thema (Maloney et al., 2013, 2014) vor allem auf die Nennung formaler Kriterien der Berichterstattung fokussiert wird, ohne diese mit den dahinterstehenden theoretischen Mechanismen der Nachahmung in Bezug zu setzen (eine lobenswerte Ausnahme sind Schäfer und Quiring (2013a, S. 145–146)). Eine Konsequenz könnte die stärkere Integration von Tabuthemen wie Depression, die von ihr ausgehende Suizidgefahr sowie Suizid in die Ausbildung von Journalisten sein, die auf einen geschulten Umgang mit den Themen abzielt (vgl. Skehan, Burns & Hazell, 2009). Insbesondere Behandlungsmaßnahmen bei Männern (z.B. Depressionsscreenings) finden nach wie vor geringen Zuspruch, was auch auf die existierenden Vorurteile in der Bevölkerung zurückzuführen ist (Sakinofsky, 2007). Allerdings ist die Bedeutung einer Stigmatisierung für die Behandlung relativ gering. Eine umfangreiche Studie von Bruffaerts et al. (2011, S. 66) schätzt den Anteil derjenigen suizidalen Personen, die aufgrund einer möglichen Stigmatisierung keine Behandlung aufsuchen, auf etwa 7%.

Aber auch Experten, die sich gegenüber Journalisten in den Medien äußern, können zur Suizidprävention beitragen. Niederkrotenthaler et al. (2010) stellten in ihrer Inhaltsanalyse fest, dass ein Anstieg der Suizidrate nämlich gerade als Folge von Experteninterviews zu beobachten war, und führten dies darauf zurück, dass Expertenaussagen von Journalisten auch in einem verfälschenden Kontext wiedergegeben werden können (Till, Voracek et al., 2013, S. 88). Die Autoren plädieren daher für die verstärkte Praxis des Gegenlesens von Artikeln vor deren Publikation, insbesondere gilt dies für Experten. Weitere Hinweise, wie sich Experten in den Medien verhalten sollten, um ihre Botschaften entsprechend platzieren zu können, liefern beispielsweise Leask, Hooker und King (2010, S. 6). Experten können ihren positiven Einfluss auch vergrößern, indem sie etwa bereits vormittags mit den Redaktionen der Medienhäuser in Kontakt treten, anschließend tagsüber beispielsweise für journalistische Rückfragen erreichbar sind, unter Umständen auch Informationsmaterialien bereithalten, Gesundheitsthemen mit einer persönlichen Note versehen und dabei verschiedene Blickwinkel auf die Suizidberichterstattung anbieten, einschließlich dem Hinweis darauf, welche Konsequenzen sich aus dem jeweiligen Fokus eines Artikels ergeben können.

Außerdem kann die Berücksichtigung psychischer Erkrankungen im Medienkontext auch an den Schnittstellen mit anderen Krankheitsbildern für einen theoretischen Erkenntnisgewinn, aber auch für Hinweise zur praktischen Umsetzung von Medienkampagnen sorgen. Im Rahmen von Kampagnen zu Essstörungen wurde beispielsweise eine Depression als wichtige Moderatorvariable identifiziert (Wilksch & Wade, 2014). So lieferte das Programm „Media Smart“ zur Reduzierung von Essstörungen unter Schülern mit schwerer Depression vor allem Belege für kurzfristige Effekte, während längerfristige Auswirkungen deutlicher bei Jugendlichen mit schwächerer Depression auftraten (Wilksch & Wade, 2014).

Hammond (2001, S. 1) schlägt zur Suizidprävention konkret drei Punkte vor: 1) die öffentliche Aufmerksamkeit zum Thema Suizidalität auch auf deren Risikofaktoren lenken, 2) Interventionsmöglichkeiten wie beispielsweise Anlaufstellen und Präventionsoder Aufklärungsprogramme stärken und 3) auf methodologischer Ebene die Identifikation von Risikofaktoren fördern und die Prognostik von Suizidalität verbessern. Die Medien spielen für die ersten beiden Punkte eine wichtige Rolle und sind gleichzeitig Gegenstand des dritten Punkts – Medien sind ein allgemein anerkannter Risikofaktor für Suizide. Dennoch sind die dem zugrunde liegenden Wirkungsmechanismen bei weitem noch nicht vollständig geklärt. Die vorliegende Arbeit kann hierzu allerdings ergänzen, dass die Gefahr, die von den Medien ausgeht, für verschiedene suizidale Risikogruppen, wie etwa Personen mit einer Depression, differenziert werden muss.

Den Medien kommt in diesem Bereich gleichzeitig eine wünschenswerte Rolle zu: Sie können dazu beitragen, Suizide in einer Gesellschaft zu verhindert oder deren Gefahr noch früher zu erkennen. Aus wissenschaftlicher Sicht wird diese Tatsache in Form des sogenannten Papageno-Effekts widergespiegelt. Neben der positiven Wirkung auf die Suizidalität können Medien auch dazu beitragen, die mit Suizidalität verbundene „zweite Krankheit“ (Schomerus, 2010, S. 253) zu vermindern – die Stigmatisierung, die mit einer suizidalen Vergangenheit oder assoziierten psychischen Erkrankungen oftmals einhergeht (Scholz, Crabb & Wittert, 2014). Stone und Crosby (2014, S. 10) verweisen außerdem auf die neuen technischen Möglichkeiten zur Suizidprävention, die sich auch durch neue Medienformen ergeben haben. Sie nennen etwa die Möglichkeit von Online-Gesprächstherapien, Chats für Hinterbliebene, Selbsthilfegruppen im Internet oder auf den Plattformen sozialer Medien. Aber auch neuere Möglichkeiten der Prognose von Nachahmungssuiziden bzw. einer erhöhten Gefahr für Suizidalität mithilfe von Facebook (Ruder et al., 2011), Twitter (Jashinsky et al., 2013) oder Google-Suchanfragen (Gunn & Lester, 2013) haben Potenzial. Erwin Ringel, der Gründer der größten internationalen Vereinigung für Suizidprävention (IASP), schrieb: „Wir wissen zwar, daß über den Selbstmord berichtet werden muß, wissen aber noch nicht exakt, wie dies geschehen kann, ohne ein großes Risiko für das Menschenleben – und jedes einzelne zählt hier – einzugehen. Es wird Aufgabe der Zukunft sein, dies weiter zu erforschen, wenn überhaupt hier je der Stein der Weisen gefunden werden kann“ (Ringel, 1997, S. 61). Die vorliegende Untersuchung möchte ihren Beitrag dazu leisten, diesem Ziel einen Schritt näherzukommen.

 
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