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Forschungsfrage 3.2: Depression, Medienrezeption, Suizidalität

Die zweite Forschungsfrage zu Themenkomplex 3 fokussiert auf die Medienrezeption im Zusammenspiel mit Depression und Suizidalität. Operationalisiert wurde die Medienrezeption stellvertretend über die Erinnerung an suizidale Medieninhalte. Die Studie zeigt im Querschnitt anhand der repräsentativen Telefonbefragung, dass der Schweregrad einer Depression indirekt über die Erinnerung an Details aus der Berichterstattung zu einer höheren individuellen Suizidalität führt, weil depressionsbedingt mehr Details aus der Berichterstattung über Suizide erinnert werden. Entgegen dieser Befunde fand etwa Vitouch (2007, S. 69–70) in seiner Untersuchung, dass eine depressive Symptomatik mit einer verminderten Erinnerungsleistung einhergeht. Allerdings versetzte Vitouch (2007, S. 69) seine Probanden in einen Zustand des Kontrollverlusts, der „allen Anzeichen einer depressiven Verstimmung“ glich – eine Messung von Depressivität wie in der vorliegenden Untersuchung fand also nicht statt. Eine Erklärung dafür, dass die Erinnerung an Details aus Suizidberichten die individuelle Suizidalität im Kontext einer Depression erhöht, liefert etwa Böhm (09.02.2012, S. 284) anhand ihrer qualitativen Untersuchung. Sie resümiert, dass Depressive befürchten, aufgrund von Empathie bzw. Identifikation mit Medienfiguren, die ihre Probleme nicht bewältigen konnten, selbst gefährdet zu werden (Böhm, 2012, S. 284). Daran wird gleichzeitig das von den befragten Depressiven grundsätzlich angenommene hohe Wirkpotenzial der Medien (Böhm, 2012, S. 284) deutlich, das auch zu einer höheren Erinnerung an bestimmte Medieninhalte bei Depressionen beitragen kann. Längsschnittlich wirkten sich demgegenüber Depressionen nicht deutlich auf die Medienrezeption einerseits und auf die individuelle Suizidalität in der Folge der Medienzuwendung andererseits aus.

Forschungsfrage 3.3: Depression, Medienwahrnehmung, Suizidalität

Böhm (09.02.2012, S. 284) berichtet von ihren depressiven Gesprächspartnern, dass diese den Medien grundsätzlich ein hohes Wirkpotenzial zuschreiben. Sie identifizierte also in ihrer qualitativen Untersuchung Anhaltspunkte dafür, dass wichtige Voraussetzung für First- und Third-Person-Wahrnehmungen im Kontext von Depressionen erfüllt sind. In der vorliegenden Untersuchung wurden konkret die wahrgenommenen Medieneinflüsse von Suizidberichten auf die Befragten und andere Personengruppen erfasst. Damit wurde die Forschungsfrage 3.2 beantwortet. Die Querschnittsdaten ergaben, dass das Mediennutzungsmotiv, das soziale Umfeld zu scannen, First-Person-Effekte, also die Überschätzung von Medienwirkungen auf die eigene Person, fördert. First-Person-Wahrnehmungen begünstigen in der vorliegenden Repräsentativbefragung wiederum die individuellen positiven Einstellungen gegenüber dem Leben („Reasons for Living“), die die individuelle Suizidalität vermindern können – dieser Befund entspricht der empirischen Bestätigung eines Papageno-Effekts (Niederkrotenthaler et al., 2010) im Rahmen einer Befragungsstudie. Bisher wurde der Effekt vor allem anhand von (elaborierten) Inhaltsanalysen der Suizidberichterstattung und aggregierten Suizidstatistiken untersucht, was grundsätzlich die Gefahr eines ökologischen Fehlschlusses birgt (Robinson, 1950; Scheufele, 2008). In der vorliegenden Untersuchung trägt überdies die Nutzung von Tageszeitungen zu positiveren individuellen Einstellungen gegenüber dem Leben bei. Außerdem hängt die Medienwahrnehmung positiv mit dem Nutzungsmotiv zusammen, das soziale Umfeld zu scannen. Da dieses Motiv wiederum mit dem Depressionsgrad in Verbindung steht, erwies sich ferner ein indirekter Effekt von Depressionen auf die Medienwahrnehmung. Im Längsschnittmodell fördern First-Person-Wahrnehmungen positive Einstellungen gegenüber dem Leben und reduzieren dadurch auch mittelfristig die Nachvollziehbarkeit von Suiziden. Third-Person-Effekte haben dagegen die umgekehrte Wirkungsrichtung und fördern im Zeitverlauf eher die individuelle Suizidalität.

Ein Zusammenhang zwischen der Krankheit Depression und der menschlichen Wahrnehmung kann auf die dysfunktionalen kognitiven Schemata zurückgeführt werden, die häufig bei Depressionen beobachtet werden (Alloy & Abramson, 1979; Beck, 1987; Beck et al., 1979). So argumentieren beispielsweise Scherr und Reinemann (2011), dass sich Depressionen im Medienkontext auf Firstbzw. ThirdPerson-Wahrnehmungen auswirken und darüber einen Einfluss auf die Wahrnehmung von Suizidrisiken entfalten können. Die Annahmen bestätigten Scherr und Reinemann (2011) erstmals empirisch anhand von Experimentaldaten. Die vorliegende Untersuchung liefert darüber hinaus konkrete Belege dafür, dass Medienwahrnehmungen auch einen Einfluss auf die individuelle Suizidalität haben können: Während First-Person-Wahrnehmungen die Einstellungen gegenüber Suiziden verbessern und damit die individuelle Suizidalität reduzieren, erhöhen ThirdPerson-Wahrnehmungen diese. Damit nimmt die vorliegende Untersuchung konkret Bezug auf den von Scherr und Reinemann (2011, S. 631) formulierten Einwand, dass die experimentelle Versuchsanordnung die Befunde provoziere: [1]Auch Befragungsstudien, die für die Third-Person Forschung üblich sind, ermittelten Zusammenhänge zwischen Depression, Medienwahrnehmung und Suizidalität – auch innerhalb nicht-studentischer Stichproben. Die Datenerhebung (siehe den vierten Kritikpunkt bei Scherr und Reinemann (2011, S. 631)) erfolgte in der vorliegenden Untersuchung nach den für die Third-Person-Forschung üblichen Frageformulierungen (vgl. Kapitel 5 und 6 bei Andsager und White (2007)). Damit schließt die vorliegende Arbeit einige benannte Forschungslücken (Scherr & Reinemann, 2011,S. 631–632) an der Schnittstelle von Depression, Medienwahrnehmung und Suizidalität und unterstreicht deren Relevanz.

  • [1] Der Einwand wurde formuliert, obwohl Paul, Salwen und Dupagne (2000, S. 78) meta-analytisch zeigen, dass es keinen Methodeneffekt auf die Befunde zum Third-Person-Effekt gibt.
 
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