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Forschungsfrage 1.2: Medienrezeption bei Depression

Die zweite Forschungsfrage des ersten Themenkomplexes fokussiert auf den Stellenwert einer Depression bei der Medienrezeption. Im Rahmen der Untersuchung wurden stellvertretend für die Medienrezeption drei Aspekte näher betrachtet: Parasoziale Beziehungen mit Medienfiguren, Mood Management und Erinnerung an bestimmte Medieninhalte.

Im Hinblick auf parasoziale Beziehungen sprechen die Befunde der vorliegenden Untersuchung dafür, dass der Depressionsgrad einen schwach positiven Einfluss auf das Auftreten und die Intensität parasozialer Beziehungen hat. Rubin, Perse und Powell (1985) zeigten dagegen anhand von Einsamkeit, dass diese nicht zu verstärkten parasozialen Interaktionen führt. Obwohl Einsamkeit mit Depression assoziiert ist, erlaubt die vorliegende Studie also genauere Einsichten als bei der Fokussierung auf einzelne Begleiterscheinungen. Da parasoziale Beziehungen mit Medienfiguren überdies eng mit Identifikationsprozessen verknüpft sind, wird als deren Folge oft auch Nachahmungshandeln in Betracht gezogen (Giles, 2002, S. 299). Damit lässt sich über die Berücksichtigung einer Depression im Kontext des Werther-Effekts besser erklären, wie Identifikationsprozesse zustande kommen, die ein Kernelement bei der Erklärung von Nachahmungssuiziden darstellen (vgl. Kapitel 3.3).

Im Hinblick auf Mood-Management-Prozesse zeigt die vorliegende Studie, dass im Kontext einer Depression einerseits Medien zum Mood Management präferiert werden, deren Nutzung mit einem geringen Aufwand verbunden ist (vgl. Kapitel 8.2.1). Dies gilt zur Stimmungsregulierung bei schwerer Depression insbesondere für stimmungskongruente Filme und Musik von hoher semantischer Affinität und Medieninhalte mit hohem Absorptionspotenzial. Demgegenüber erwies sich die hedonistische Valenz des Stimulus im Kontext von Depressionen als nachrangig, was eine deutliche Abweichungen vom klassischen Mood Management (Mangold & Bartsch, 2012) darstellt. Auch Steinleitner (2014) findet in Leitfadengesprächen mit stationär wegen Depression behandelten Patienten Anhaltspunkte, die in eine ähnliche Richtung weisen. Die Patienten präferierten „nüchterne bis dramatische und traurige Inhalte und eine Abneigung gegenüber positiven Inhalten“ (Steinleitner, 2014, S. 114), die zu positiven Meta-Emotionen führen (vgl. Bartsch et al., 2008). Dieser Befund lässt sich anhand negativer kognitiver Schemata erklären, die im Kontext einer Depression häufig zu beobachten sind (vgl. Abbildung 8 bzw. Abbildung 9). Der Prozess der medialen Emotionsregulation ist demnach im Kontext von Depressionen einerseits anschlussfähig an existierende Modelle (Bartsch et al., 2008) und andererseits bei Weitem noch nicht erkundet. Qualitative Untersuchungen deuten jedenfalls darauf hin, dass eine Depression im Einzelfall zu extremen Formen im Umgang mit bestimmten Medieninhalten führen können, bis hin zum kategorischen Vermeiden positiver Medieninhalte, was sich vor allem auf negativ gefärbte Kognitionen zurückführen lässt (Steinleitner, 2014).

Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass sich über die Hälfte der Deutschen (51.5%) an mindestens einen Suizidfall aus den Medien erinnern kann. Überdies erhöht eine Depression die Wahrscheinlichkeit, sich an eine fiktive Suiziddarstellung aus den Medien zu erinnern, und ist gleichzeitig mit einer geringeren Zuwendung zu non-fiktionalen Medieninhalten verbunden (vgl. Tabelle 18). Vor dem Hintergrund der wegweisenden Studie von Schmidtke und Häfner (1986), die einen zentralen Beleg für die Auswirkungen fiktionaler Medieninhalte auf die individuelle Suizidalität liefert, unterstreicht die vorliegende Untersuchung damit die Relevanz von Depressionen im Kontext des Werther-Effekts. So kann eine Depression erklären, dass die beob-achteten Effekte fiktionaler Medieninhalte auf die individuelle Suizidalität stark ausfallen, weil dadurch die subjektive Bedeutung fiktionaler Medieninhalte höher ist. Diese Erklärung der Befunde geht überdies in eine ähnliche Richtung wie jene von Vitouch (2007, S. 178), wonach sich „Represser“ (Personen, die eine Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten vermeiden) seltener Informationsangeboten als vielmehr verstärkt unterhaltenden Formaten zuwenden.

Forschungsfrage 1.3: Medienwahrnehmung bei Depression

Stellvertretend für die Auswirkungen von Depressionen auf die Medienwahrnehmung wurden Third-Person-Wahrnehmungen genauer betrachtet. Vorstudien in diesem Bereich sprachen dafür, dass der Depressionsgrad im Experiment zum Verschwinden von Third-Person-Wahrnehmungen führen kann (Scherr & Reinemann, 2011, S. 629). Die vorliegende Studie bestätigt und erweitert diese Erkenntnisse insofern, als sich zeigte, dass Befragte bei schwererer Depression nicht nur insgesamt von stärkeren Medienwirkungen ausgehen, sondern darüber hinaus die wahrgenommenen Medienwirkungen auf die eigenen Vorstellungen von Suiziden tendenziell stärker beeinflusst werden als wahrgenommene Medienwirkungen auf die Vorstellungen anderer Personen. Ferner erbrachte ein zweiter Analyseschritt Hinweise darauf, dass sich die Medienwahrnehmung unterschiedlich auf individuelle Einstellungen gegenüber Suiziden zum gleichen Zeitpunkt und mittelfristig (einen Monat später) auswirkt: Third-Person-Wahrnehmungen verschlechtern die Einstellungen gegenüber Suiziden auf mittelstarkem Niveau nur bei Personen mit einem Depressionsgrad von weniger als 70 auf der BDI-VT-Skala. Bei sehr starken Depressionen verschwindet der Effekt dagegen. Der Befund hat zudem auch mittelfristig Bestand. Interessant wäre es in diesem Zusammenhang weiter zu beobachten, welche zusätzlichen Folgen sich aus den negativen Einstellungen gegenüber Suiziden im Zeitverlauf ergeben (spezieller noch im konkreten Fall von Suizidberichterstattung). Es ist schließlich denkbar, dass die negativen Einstellungen gegenüber Suiziden wiederum die Wahrnehmung zukünftiger Berichterstattung beeinflussen, woraus sich veränderte Medienwirkungsvermutungen ergeben können – eine Abwärtsspirale von Medienwahrnehmungen im Kontext von Depressionen.

 
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