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8.4 Themenkomplex 3: Gemeinsame Einflüsse von Medienhandeln und Prädispositionen auf suizidale Verhaltensweisen

Der dritte Themenkomplex widmet sich dem gemeinsamen Einfluss von depressiven, biologischen bzw. psychosozialen Prädispositionen sowie verschiedenen Aspekten des Medienhandelns auf (nicht-letale) Formen von Suizidalität unter Berücksichtigung handlungstheoretisch relevanter Einflussvariablen. Es geht in Themenkomplex 3 also um die Überprüfung gemeinsamer Einflussstrukturen zwischen dem medienbezogenen Diathese-Stress-Modell (Themenkomplex 1), dem breiten Verständnis von Suizidalität (Themenkomplex 2) und insbesondere um den Stellenwert individueller Einflussvariablen, die auf diese Zusammenhänge einwirken. Die Überlegungen dazu beruhen sowohl auf handlungstheoretischen Erklärungsansätzen, wie der Theory of Planned Behavior (TPB) (Ajzen, 1991; Rossmann, 2011), die sich insbesondere für den Medienkontext als brauchbar erwiesen haben, als auch auf der sozialkognitiven Theorie nach Bandura (Bandura, 1986, 2001), die zur Erklärung von Nachahmungssuiziden häufig herangezogen wird. Auf die zahlreichen Parallelen der beiden Ansätze wurde überdies bereits hingewiesen (LaRose, 2009). Beide Modelle erklären insbesondere die Prozesse bzw. die Bedingungen, die im Medienkontext dafür verantwortlich sind, dass Suizidgedanken oder -pläne entstehen oder suizidale Verhaltensweisen tatsächlich ausgeführt werden. Zu den wichtigsten dieser Einflussvariablen zählen Einstellungen gegenüber suizidalen Verhaltensweisen, subjektive Normvorstellungen gegenüber Suiziden, die eigene wahrgenommene Selbstwirksamkeit, Emotionen, die durch Medienzuwendung entstehen sowie eine daraus resultierende Intention zu suizidalem Verhalten. In Themenkomplex 3 werden die Komponenten aus den ersten beiden Themenkomplexen zusammen mit diesen handlungsrelevanten Einflussgrößen untersucht. Diese Komponenten wurden bereits im Rahmen des Gesamtmodells dieser Untersuchung theoretisch verortet. Zur Erinnerung ist insbesondere der Modellausschnitt hervorgehoben (gestrichelte Linie), der die Ergänzungen des dritten Themenkomplexes beinhaltet. Dies verdeutlicht die nachstehende Abbildung 32.

Abbildung 32. Themenkomplex 3: Gemeinsame Einflüsse von Medienhandeln und Prädispositionen auf suizidale Verhaltensweisen

Anmerkung. Eigene Darstellung nach Fishbein und Cappella (2006, S. S2) bzw. Rossmann (2011, S. 87)

Im Rahmen des dritten Themenkomplexes werden nun die folgenden Fragen beantwortet:

F3.1 Welchen Einfluss haben suizidrelevante Prädispositionen auf (nicht-letale) suizidale Verhaltensweisen, wenn die individuelle Mediennutzung und handlungsrelevante Einflussgrößen kontrolliert werden?

F3.2 Welchen Einfluss haben suizidrelevante Prädispositionen auf (nicht-letale) suizidale Verhaltensweisen, wenn die individuelle Medienrezeption und handlungsrelevante Einflussgrößen kontrolliert werden?

F3.3 Welchen Einfluss haben suizidrelevante Prädispositionen auf (nicht-letale) suizidale Verhaltensweisen, wenn die individuelle Medienwahrnehmung und handlungsrelevante Einflussgrößen kontrolliert werden?

Die Fragen werden erneut aus zwei verschiedenen Perspektiven beantwortet: einer querschnittlichen und einer längsschnittlichen. Um die Mediennutzung im Rahmen dieses Modells abzubilden, wurde die Nutzungsdauer verschiedener Medien herangezogen. Die Medienrezeption wurde als die Erinnerung an einen fiktiven oder realen Suizidfall in den Medien operationalisiert und First-Person-Wahrnehmungen stehen für den Aspekt der Medienwahrnehmung. Zur Messung von Einstellungen gegenüber Suizidalität wurde der Summenindex aus zwei Items verwendet, die die Einstellung „Recht auf Suizid“ in der Formulierung nach Knight, Furnham und Lester (2000) aus dem „Suicide Opinion Questionnaire (SOQ) nach Domino, Moore, Westlake und Gibson (1982) abbilden. Stellvertretend für subjektive Normvorstellungen wurde ein Mittelwertindex aus vier Items des „Reasons for Living“ Inventars verwendet (Osman et al., 1998). Selbstwirksamkeit wurde anhand von drei Items der Skala nach Hinz, Schumacher, Albani, Schmid und Brähler (2006) gemessen. Stellvertretend für die emotionalen Einflüsse im Rahmen des Gesamtmodells wurde die affektive Empathiefähigkeit gegenüber Medienfiguren erfasst. Dazu wurde ein entsprechendes Item der Skala nach Früh und Wünsch (2009) verwendet. Die verhaltensrelevanten Modellaspekte wurden entsprechend der Untersuchung von Fu, Chan und Yip (2009) operationalisiert, die im Zusammenhang von Medien und Suizidalität nach Bandura (2001) zwischen der Motivation und Demotivation zu einer Handlung unterscheiden und zusätzlich die konkrete Erinnerung an Details aus medialen Suizidberichten berücksichtigen (im Original der Modellbaustein „Retention“). Die Variablen wurden jeweils mit einem Item erfasst und erwiesen sich in dieser Form bereits in der Untersuchung von Fu, Chan und Yip (2009, S. 40) als brauchbar zur Erklärung von Suizidalität. Zur Messung von Suizidalität wurde auf die Skala nach Haenel und Pöldinger (1986) zurückgegriffen. Für die Beantwortung der Forschungsfragen wurden dann, wie auch bereits in Themenkomplex 2, zuerst quer- und anschließend längsschnittliche Analysen durchgeführt.

Analysen im Querschnitt

Zunächst werden die drei Forschungsfragen zu Themenkomplex 3 anhand der Querschnittsdaten aus der repräsentativen Telefonbefragung beantwortet. Dabei werden die einzelnen Komponenten des theoretischen Modells dieser Untersuchung miteinander verknüpft (vgl. Abbildung 15), die in den vorangegangenen Abschnitten einzeln herausgegriffen und näher diskutiert wurden. Die Kovariaten im Modell sind dieselben Untersuchungsgrößen wie in den bisherigen Analysen. [1]Das Gesamtmodell in Abbildung 33 zeigt standardisierte Pfadkoeffizienten. Die Linienbreite visualisiert die Effektstärke, wobei dickere Linien für stärkere Pfadkoeffizienten stehen (vgl. detaillierter dazu die Anmerkung zur Abbildung). Da die Modellvariablen nicht multinormalverteilt und zudem einzelne Variablen teilweise schief verteilt sind, kam ein Maximum-Likelihood-Schätzverfahren mit robusten Standardfehlern zum Einsatz. Das Gesamtmodell weist einen annehmbaren ModellFit auf (x2 = 690.67, df = 158, p <.001, RMSEA = .042, CFI = .91, TLI = .81, SRMR = .033). Aufgrund der Komplexität des Modells wurden nur die signifikanten Pfade in der Abbildung eingezeichnet und die Nutzungsdauer der verschiedenen Medien durch stellvertretende Buchstaben (A-G) als Legendenverweise ersetzt. Konstrukte, auf die zwar Pfeile zeigen, von denen allerdings keine signifikanten Pfade mehr ihren Ursprung nehmen, sind zusammen mit den hinführenden Pfaden grau hinterlegt. [2]

Depression -7 Mediennutzungsmotive -7 Mediennutzung

Deutliche Effekte zeigen sich im Modell etwa zwischen Depression und den beiden Medienzuwendungsmotiven „surveillance“ und „escape“, die ihrerseits mit der Nutzung verschiedener Medien assoziiert waren (vgl. Motive der Mediennutzung in Kapitel 8.2.1). Je höher der Depressionsgrad, desto wichtiger wird das Motiv des sozialen Scannens der Umwelt (f3 = .16, p < .001) und das Motiv der Alltagsflucht (f3 = .26, p < .001). Dieser Befund knüpft eng an die Studie von Canary und Spitzberg (1993, S. 814) an, die allerdings einen negativen Zusammenhang zwischen „chronischer Einsamkeit“ (im Gegensatz zu unserem klinischen Verständnis von der Krankheit Depression) und eskapistischen Motiven der Mediennutzung sowie einen positiven Zusammenhang zum Scannen der sozialen Umwelt (Nutzungsmotiv: „surveillance“) feststellte. Die vorliegenden Studie gibt ferner deutliche indirekte Effekte des Depressionsgrades auf die Nutzungsdauer verschiedener Medien nur für das Nutzungsmotiv „surveillance“ zu erkennen: Der Effekt des Depressionsgrades ist bei vorhandenem Nutzungsmotiv soziales Scannen der Umwelt am größten auf die Nutzung von Fernsehen (f3ind = .02, p = .002, 95% CI [.006, .026]) und Magazinen (f3ind = .02, p = .002, 95% CI [.007, .028]). Je depressiver die Befragten und je ausgeprägter das Motiv sozialer „surveillance“, umso geringer ist gleichzeitig die Nutzung von Büchern (f3ind = –.01, p = .009, 95% CI [–.022, –.003]). Für eskapistische Nutzungsmotive zeigten sich demgegenüber keine deutlichen indirekten Effekte des Depressionsgrades auf die Nutzungsdauer verschiedener Medien. Canary und Spitzberg (1993, S. 814) untersuchten ebenfalls Zusammenhänge zwischen den Motiven zur Mediennutzung und der tatsächlichen Nutzung verschiedener Medien für chronisch einsame Personen. Der Studie zufolge war etwa das Motiv des sozialen Scannens der Umwelt bei stark einsamen Personen besonders deutlich mit den beiden Medien Fernsehen und Radio verbunden. Eskapistische Nutzungsmotive waren dagegen bei einsamen Personen insgesamt schwächer ausgeprägt als bei weniger einsamen Personen. Die vorliegende Arbeit knüpft folglich eng an diese Studie an und erweitert deren Perspektive auf das klinisch relevante Forschungsfeld zu Depressionen.

Depression -7 Mediennutzungsmotive -7 Medienwahrnehmung -7 subjektive Normvorstellung

Gerade Personen, die Medien nutzen, um ihr soziales Umfeld zu scannen, neigen dazu, auch Medienwirkungen auf die eigene Person zu überschätzen (f3 = .17, p <

.001; Effekt entspricht höherer First-Person-Wahrnehmung). Dazu trägt indirekt auch der Depressionsgrad bei, der dazu führt, dass First-Person-Wahrnehmungen dann höher ausfallen, wenn auch das Motiv der Überwachung der sozialen Umwelt stärker im Vordergrund steht (f3ind = .03, p < .001, 95% CI [.013, .042]). Medienwahrnehmungen stehen in dem Modell wiederum in deutlicher Verbindung mit subjektiven Normvorstellungen. Diese werden in der vorliegenden Arbeit als Einstellungen zum Leben aufgefasst, die wiederum (im Falle einer negativen Ausprägung) einen wichtigen Disinhibitor für Suizidalität darstellen können. Die Studie verwendet dafür das „Reasons-for-Living-Inventar“ zur Operationalisierung. Je stärker die Befragten angegeben haben, dass ihre Vorstellungen von Medienberichten über Suizide beeinflusst werden, desto mehr stimmten sie Gründen des Weiterlebens zu (f3 = .10, p < .001). Zu diesem Effekt trägt letztlich indirekt ebenfalls das Nutzungsmotiv „surveillance“ bei (f3ind = .02, p < .001, 95% CI [.008, .027]) und selbst der Depressionsgrad kann einen kleinen positiven Beitrag zu dem indirekten Effekt leisten (f3ind = .003, p = .006, 95% CI [.001, .005]), wenn nämlich die Depression dazu führt, dass die Medienzuwendung stärker dem Ziel verschrieben ist, die soziale Umwelt zu überwachen, beispielsweise, um damit einem Teil der Folgen einer Depression (z.B. Einsamkeit) adaptiv bzw. kompensatorisch entgegenzutreten. Dass stärkere Medienwirkungsvermutungen für die eigene Person (positiv) dazu beitragen können, dass Rezipienten verstärkt Gründe für das Weiterleben sehen, spricht letztlich auch dafür, dass die Mediendarstellungen von Suizidalität nicht nur eine schädliche Wirkung entfalten, so wie dies auch Niederkrotenthaler et al. (2010) betonen. Dazu passt auch, dass insbesondere eine intensivere Nutzung von Tageszeitungen in unserem Gesamtmodell zu positiveren individuellen Einstellungen gegenüber Suiziden führt (f3 = .05, p = .032; vgl. Buchstabe E in Abbildung 33). Ein zusätzlicher indirekter Effekt auf diese Beobachtung durch den Depressionsgrad zeigt sich dagegen nicht. Tendenziell trägt eine Depression allerdings zu einem Rückgang der Zeitungsnutzung bei, wodurch indirekt ein negativer Einfluss auf die Gründe fürs Weiterleben entsteht. Dieser Befund ist allerdings nicht signifikant (f3ind = –.004, p = .074, 95% CI [–.008, .000]).

Depression -7 Mediennutzungsmotive -7 Medienwahrnehmung -7 Demotivation von Suizidalität

First-Person-Wahrnehmungen als Folge von Suizidberichten in den Medien können die individuelle Einsicht fördern, dass Suizide bei Freunden und Angehörigen großen Schmerz verursachen (direkter Effekt auf Demotivation: f3 = .22, p < .001). Dieser Effekt wird indirekt durch das Mediennutzungsmotiv sozialer Umweltbeobachtung und einen höheren Depressionsgrad schwach indirekt verstärkt (f3ind =.01, p = .001, 95% CI [.003, .009]). Allerdings wirkt sich die Demotivation nicht weiter direkt auf die individuelle Suizidalität aus (f3 = –.01, p = .82).

Depression -7 Erinnerung an Details aus der Suizidberichterstattung -7 Suizidalität

Spezifische indirekte Effekte wirken außerdem auf die individuelle Suizidalität, die höher ist, wenn sich die Befragten an mehr Details aus der Berichterstattung über Suizide erinnern können. Die Erinnerung an Details wird ihrerseits durch einen schwereren Depressionsgrad gefördert (f3ind = .05, p < .001, 95% CI [.027, .063]). Der Befund lässt sich zum Teil mit der kognitiven Verengung und Rumination im Zusammenhang mit Depressionen erklären, wodurch unter Umständen Details der Berichterstattung besser im Gedächtnis bleiben (vgl. die Informationsverarbeitung im Kontext von Suizidalität und Depression: Kapitel 2.1.2, speziell Abbildung 5; Abbildung 9). Neben der Depression kann auch die bloße Erinnerung an einen Suizidfall dazu beitragen, dass sich die Befragten auch an Details in Suizidberichten erinnern konnten. Der entsprechende indirekte Effekt der Erinnerung an einen Suizidfall in Medien über die Erinnerung an Details aus Suizidberichten auf die individuelle Suizidalität ist allerdings schwach (f3ind = .02, p = .035, 95% CI [.001, .034]).

Depression -7 Empathie -7 Motivation -7 Suizidalität

Auf die individuelle Suizidalität werden die direkten Auswirkungen der Motivation zum Suizid infolge von Medienberichten[3] deutlich (f3 = .16, p < .001). Zusätzlich konnte ein ein spezifischer indirekter Effekt des Depressionsgrades auf die Suizidalität beobachtet werden, der über die Motivation vermittelt wird (f3ind = .05, p < .001, 95% CI [.027, .063]). Überdies gab es einen direkten Effekt von Empathie auf die Motivation zur Suizidalität (f3 = –.05, p = .04), der indiziert, dass eine höhere affektive Empathie mit Medienfiguren die Nachvollziehbarkeit von Suizidalität in den Medien verringert. Die Nutzung des Radios (f3 = –.08, p = .001) und des Fernsehens (f3 = –.07, p = .005) trägt zur Verringerung affektiver Empathie gegenüber Medienfiguren bei, während die Nutzung des Internets die affektive Empathie erhöht (f3=.09, p = .001). Die Nutzungsintensität verschiedener Medien wirkt sich allerdings nicht indirekt über die Empathie und Motivation auf die Suizidalität aus. Die Befunde der Querschnittsanalyse sind in der nachstehenden Abbildung 33 zusammengefasst.

Analysen im Längsschnitt

Bevor auf die Stabilität der Effekte im Gesamtmodell fokussiert wird, wird das Querschnittsmodell aus Abbildung 33 zunächst für die nicht-repräsentativen Daten aus dem Online-Panel repliziert. Die zugrunde liegenden Frageformulierungen der verwendeten Modellitems waren bei beiden Datenerhebungen identisch. Der x2Differenztest (Crayen, 2010), der den Fit der beiden Modelle vergleicht, spricht dafür, dass das Replikationsmodell, das auf den Paneldaten beruht, die Daten sogar noch besser abbildet. Eine entsprechende Abbildung des Modells ist auf Anfrage beim Autor erhältlich. Man erkennt eine akzeptable strukturelle Übereinstimmung zwischen den Befunden aus den beiden Querschnittsanalysen (Telefonbzw. Online-Panelbefragung). Folglich erachten wir die Paneldaten auch als grundsätzlich dazu geeignet, ergänzende bzw. auf den Befunden der Telefonbefragung aufbauende Längsschnittanalysen durchzuführen. [4]

Bei den Längsschnittanalysen stehen die mittelfristigen Auswirkungen der drei zentralen Untersuchungsgrößen des ersten und zweiten Themenkomplexes im Vordergrund. Es geht also um die mittelfristigen Auswirkungen der Mediennutzung, -rezeption und -wahrnehmung auf die handlungsrelevanten Einflussgrößen, die besonders in Themenkomplex 3 betrachtet wurden (vgl. Abbildung 32, schraffierte Markierung). Zur Vereinfachung werden im Rahmen der Längsschnittanalyse anstelle der Mediennutzungsdauer nurmehr die beiden Mediennutzungsmotive („surveillance“ und „escape“) verwendet, um die Modellkomponente Mediennutzung abzubilden.

Abbildung 33. Gemeinsame Einflüsse von Medienhandeln und Prädispositionen auf suizidale Verhaltensweisen (Querschnitt)

Anmerkungen. Daten repräsentativ für Personen ab 18 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland; Stand: August 2013. n = 1879; multiple lineare Regression (MLR) nach robustem Maximum-Likelihood-Schätzverfahren. x2 (158) = 690.67, p <.001, RMSEA = .042, CFI = .91, TLI = .81, SRMR = .033.* p < .05 ** p < .01 *** p < .001.

Abgebildet sind standardisierte Koeffizienten, nur signifikante Effekte abgebildet. Drei verschiedene Linienbreiten differenzieren grafisch Effekte .'. .10, .'. .20 und >.20.

Im Zentrum der Längsschnittanalyse steht die Frage, welche strukturellen Beziehungen zwischen einer Depression, der individuellen Mediennutzung (hier die beiden Motive „surveillance“ und „escape“), -rezeption und -wahrnehmung sowie den für das Gesamtmodell handlungsrelevanten Einflussgrößen für Suizidalität und der individuellen Suizidalität selbst mittelfristig (über den Zeitraum von etwa einem Monat) bestehen. Die langfristigen Auswirkungen werden im Analysemodell für die handlungsrelevanten Bausteine untersucht, die aus der sozialkognitiven Theorie abgeleitet werden können und deren Auswirkungen auf die individuelle Suizidalität etwa auch bei Fu, Chan und Yip (2009, S. 31) im Zeitverlauf betrachtet wurden (Motivation, Demotivation, Erinnerung an Details). Die Kovariaten sind dieselben Untersuchungsgrößen wie in den bisherigen Analysen.

Man erkennt im Zeitverlauf (vgl. Abbildung 34) vor allem, dass die gemeinsamen Einflüsse von Medienhandeln und handlungsrelevanten Modellelementen nur über die Motivation[5] auf die individuelle Suizidalität einwirken. Komplexere Einflussstrukturen hängen mittelfristig vor allem vom Depressionsgrad ab (indirekter Effekt: BDI-VT -7 Motivation -7 Suizidalität: f3ind = .07, p = .014), wobei der Effekt tendenziell durch positive subjektive Normvorstellungen gegenüber dem Leben („Reasons for Living“) verringert werden kann (indirekter Effekt: subjektive Norm -7 Motivation -7 Suizidalität: f3ind = –.05, p = .048).

Innerhalb der komplexen Einflussstrukturen schlagen sich allerdings keine nennenswerten medialen Effekte auf die Suizidalität durch. Zumindest tendenziell führen die angenommenen Medienwirkungen auf die eigene Person (First-PersonWahrnehmungen) allerdings dazu, dass sich die subjektiven Normvorstellungen gegenüber dem Leben verbessern. Dies verringert mittelfristig die Nachvollziehbarkeit von Suiziden (Motivation) und die Suizidalität (indirekter Effekt: First-PersonWahrnehmung -7 subjektive Norm -7 Motivation -7 Suizidalität: f3ind = –.01, p =.085). Gleichzeitig lösen Third-Person-Wahrnehmungen einen umgekehrten Effekt auf die Suizidalität aus. Dieser längsschnittliche Befund ist insofern für die Suizidforschung relevant, als in der Diskussion bisher immer mit Medieninhalten argumentiert wurde, denen ein immanent suizidförderndes bzw. suizidpräventives Potenzial zugesprochen wird (vgl. die Diskussion um die Qualität der Berichterstattung, die zu einem Wertherbzw. Papageno-Effekt führt). Hier kann man etwa vor dem Hintergrund der Third-Person-Effekt-Forschung (Andsager & White, 2007) davon ausgehen, dass auch die von Rezipienten subjektiv einem Stimulus (unabhängig von dessen objektiver Beschaffenheit) zugeschriebenen Wirkungen auf die eigene Person und auf andere Personen Normvorstellungen gegenüber dem Leben beeinflussen können und sich darüber auch die individuelle Nachvollziehbarkeit von Suiziden verändert. [6]Die bisherige Forschung ist hingegen bis zuletzt stärker bemüht, schädliche Medieninhalte objektiv zu identifizieren, und blendet dabei die subjektive Wahrnehmung durch die Rezipienten noch aus (John et al., 2014). Auf diesen Missstand haben Scherr und Reinemann (2011) bereits im Kontext von Suizidalität und Depression hingewiesen. Zusammenfassend lassen sich die drei zentralen Fragestellungen zu Themenkomplex 3 wie folgt beantworten:

• Die Querschnittsanalysen anhand einer für die bundesdeutsche Bevölkerung repräsentativen Telefonbefragung zeigen, dass sich suizidrelevante Prädispositionen und handlungsrelevante Einflussgrößen gemeinsam mit dem Medienhandeln grundsätzlich auf (nicht-letale) suizidale Verhaltensweisen auswirken. Die beobachtbaren Einflussstrukturen sind dabei insgesamt zahlreich und in ihrer Struktur komplex.

• Hinsichtlich der (Motive zur) Mediennutzung lässt sich festhalten, dass ein höherer Depressionsgrad sowohl das Zuwendungsmotiv der sozialen Umweltbeobachtung als auch eskapistische Motive der Mediennutzung fördert. Dabei trägt vor allem das Motiv der sozialen Umweltbeobachtung („surveillance“) zu einer gesteigerten Nutzung von Fernsehen und Magazinen bei.

• Hinsichtlich der Medienrezeption zeigt sich, dass ein höherer Depressionsgrad dazu führt, dass sich die Befragten an mehr Details aus der Suizidberichterstattung erinnern konnten, was sich weiter auf die Suizidalität der Befragten auswirkt. Ferner führt bereits die Erinnerung an Suizidberichterstattung dazu, dass auch mehr Einzelheiten erinnert werden und sich damit tendenziell auf die Suizidalität auswirken. Hinsichtlich der Medienwahrnehmung zeigt sich, dass Personen, deren Motivation zur Mediennutzung vor allem in der sozialen Umweltbeobachtung liegt, gleichzeitig dazu tendieren, Medienwirkungen auf die eigene Person zu überschätzen (First-Person-Wahrnehmung). Diese Medienwahrnehmung beeinflusst auf Seiten der Befragten wiederum die subjektiven Normvorstellungen gegenüber dem Leben.

• Längsschnittlich wirken sich suizidrelevante Prädispositionen und Medienhandeln auf (nicht-letale) suizidale Verhaltensweisen vor allem über die handlungsrelevante Modellvariable Motivation aus, also der subjektiven Nachvollziehbarkeit von Suiziden.

• Mittelfristig (über den Zeitraum eines Monats) hängen die beobachtbaren Einflüsse vor allem vom Depressionsgrad ab, der die Motivation zur Suizidalität mittelfristig beeinflusst. Daneben kommt mittelfristig vor allem den subjektiven Normvorstellungen eine entscheidende Bedeutung zu, da diese im Zeitverlauf ebenfalls signifikant auf die Motivation zur Suizidalität einwirken können.

Abbildung 34. Gemeinsame Einflüsse von Medienhandeln und Prädispositionen auf suizidale Verhaltensweisen (Längsschnitt)

Anmerkungen. Daten nicht repräsentativ; Rekrutierung über das SoSci Panel, Stand: August 2013 (vgl. Kapitel 7.2). n = 1376; multiple lineare Regression (MLR) nach robustem Maximum-Likelihood-Schätzverfahren. x2 (68) = 309.22, p <.001, RMSEA = .051, CFI = .93, TLI = .84, SRMR = .051.* p < .05 ** p < .01 *** p < .001.

Standardisierte Koeffizienten und nur signifikante Effekte abgebildet. Drei verschiedene Linienbreiten differenzieren grafisch Effekte .'. .10, .'. .20 und >.20.

  • [1] Gemeinsame Kovariaten: Alter, Geschlecht; Kovariaten nur von Depression: allgemeiner Gesundheitszustand (WHO-5), Einsamkeit (UCLA), Selbstwert; Depression kontrolliert für subjektive Norm, Selbstwirksamkeit, affektive Empathie, Motivation, Suizidalität. Residualkorrelationen erlaubt zwischen Mediennutzungsmotiven, der Mediennutzungsdauer für die verschiedenen Medien, der Einstellung zu Suizid, der subjektiven Normvorstellung, der Selbstwirksamkeit, und affektiver Empathie sowie zwischen Motivation, Demotivation und Erinnerung an Details (vgl. zu dieser Thematik Cole, Ciesla & Steiger, 2007). Über die Pfade des theoretischen Modells hinaus wurden auf Basis von „Modifikationsindizes“ zwei weitere Pfade ergänzt um den Modell-Fit zu verbessern. Erstens der Pfad von „Erinnerung an Suizidfall“ zu „Erinnerung an Details“ und zweitens der Pfad von First-Person-Wahrnehmungen zu Demotivation.
  • [2] Man erkennt etwa, dass die Selbstwirksamkeit bzw. die Demotivation im Rahmen des Gesamtmodells zu Depression, Medien und Suizidalität keine zentrale Rolle spielen, da von diesen beiden Konstrukten keine signifikanten Pfade mehr ausgehen.
  • [3] Item: „Ich habe im letzten Jahr Suizidberichte über Personen verfolgt, die mir recht ähnlich waren, und mir danach gedacht, dass Selbstmord auch nachvollziehbar sein kann.“
  • [4] Selbstverständlich wollen wir damit nicht den Eindruck erwecken, dass man so anhand der Paneldaten bevölkerungsrepräsentative Aussagen treffen kann.
  • [5] Itemformulierung: „Ich habe im letzten Jahr Suizidberichte über Personen verfolgt, die mir recht ähnlich waren, und mir danach gedacht, dass Selbstmord auch nachvollziehbar sein kann.“
  • [6] Für detailliertere Aussagen darüber wären beispielsweise experimentelle Studien gewinnbringend, in denen die Einflüsse der Wirkungsvermutungen über konkrete Medieninhalte auf individuelle Normvorstellungen und die Nachvollziehbarkeit von Suiziden untersucht würden.
 
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