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8.2.3 Medienwahrnehmung im Kontext von Depression (F1.3)

Die dritte Forschungsfrage aus dem ersten Themenkomplex fragt nach der Relevanz von suizidrelevanten Prädispositionen auf die individuelle Medienwahrnehmung. Stellvertretend für die Medienwahrnehmung soll hier das Ausmaß von Third-Person-Wahrnehmungen betrachtet werden. Es geht also bei der Beantwortung der Forschungsfrage darum, inwiefern Depressionen dazu beitragen, dass wahrgenommene Medienwirkungen von suizidbezogenen Mediendarstellungen auf die eigene Person geringer eingeschätzt werden als auf andere Personen (ThirdPerson-Wahrnehmung). Damit knüpft die Frage direkt an die Studie von Scherr und Reinemann (2011) an, die einen nicht-linearen Zusammenhang zwischen dem Depressionsgrad und wahrgenommenen Medienwirkungen nachwiesen. Bei den Analysen werden die Randbedingungen des medienbezogenen Diathese-StressModells weiterhin kontrolliert.

Im Rahmen einer robusten, multiplen, linearen Regression wurde der Einfluss des Schweregrades einer Depression auf die eigene Beeinflussung durch suizidale Medieninhalte bzw. auf die Beeinflussung Dritter (i.d.F. die Allgemeinbevölkerung) getrennt voneinander untersucht. Es zeigt sich, dass die Befragten bei schwererer Depression insgesamt von stärkeren Medienwirkungen ausgehen, wobei Depressionen einen stärkeren Einfluss auf die eigenen Vorstellungen von Suiziden nach sich ziehen (f3 = .14, p < .001), verglichen mit den wahrgenommenen Medienwirkungen auf die Vorstellungen anderer (f3 = .10, p < .001). [1]

Tabelle 24. Einfluss von Depression auf First- und Third-Person-Wahrnehmungen von Suiziddarstellungen in den Medien

Anmerkung. Daten repräsentativ für Personen ab 18 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland; Stand: August 2013. n = 2002; multiple lineare Regression (MLR) nach robustem Maximum-Likelihood-Schätzverfahren.

x2 (10) = 28.65, p < .01; RMSEA = .031; CFI = .98; TLI = .97; SRMR = .017

* p < .05 ** p < .01 *** p < .001

Abgebildet sind standardisierte Koeffizienten. CI = Konfidenzintervall. Firstbzw. Third-Person-Wahrnehmungen als Single-Item Measure, siebenstufig erhoben von 1 „trifft überhaupt nicht zu“ bis 7 „trifft voll und ganz zu“. BDIVT: Telefonversion des vereinfachten Depressionsinventars nach Beck.

Kovariaten entsprechend dem medienbezogenen Diathese-Stress-Modell: Geschlecht, Alter, allgemeiner Gesundheitszustand (WHO-5), Einsamkeit (UCLA-Skala zur Erfassung der Einsamkeit), Selbstwert („selfesteem“).

Höhere Werte entsprechen jeweils einer höheren Ausprägung in Richtung des erfassten Konstrukts.

Nachdem eine Depression wahrgenommene Medienwirkungsvermutungen auf die eigene Person und auf Dritte beeinflussen kann, sollen die Konsequenzen genauer untersucht werden, die sich daraus (kurz- und mittelfristig) ergeben können. Dafür ziehen wir nun die Daten der zweiwelligen Panelbefragung heran, die flankierend zur repräsentativen Telefonbefragung durchgeführt wurde. Es soll die Frage beantwortet werden, inwiefern sich Third-Person-Wahrnehmungen zum gleichen Zeitpunkt und mittelfristig (über etwa einen Monat, entspricht dem Abstand zwischen den Panelwellen; vgl. Kapitel 7.2) auf suizidbezogene Einstellungen auswirken. Dafür wurde eine regressionsbasierte Moderationsanalyse nach Hayes (2013) durchgeführt. Die unabhängige Variable war die Third-Person-Wahrnehmung (Differenzvariable aus wahrgenommener Medienwirkung auf die Allgemeinbevölkerung und auf die eigene Person), als Moderator wurde der Depressionsgrad nach dem BDI-VT verwendet und als Kovariaten flossen Alter, Geschlecht sowie Einsamkeit, allgemeines Wohlbefinden und Selbstwert in das Modell ein. Die Untersuchungsgrößen wurden alle zum ersten Befragungszeitpunkt (t0) erhoben. Untersucht wird deren gemeinsamer Einfluss auf spezifische Einstellungen gegenüber Suiziden zum gleichen Befragungszeitpunkt (t0) bzw. zum zweiten Befragungszeitpunkt (t1). Für die Längsschnittanalysen wurde zudem der individuelle Abstand zwischen den beiden Befragungszeitpunkten als Kovariate berücksichtigt. Die Einstellungen gegenüber Suiziden umfassen insgesamt vier Dimensionen, die mit jeweils zwei Items nach Knight, Furnham und Lester (2000) und Domino, Moore, Westlake un[2]Nachdem sich allerdings die beiden Items in keiner der beiden Panelwellen statistisch als reliabel erwiesen (t0: Cronbach's Alpha = 0.17; t1: Cronbach's Alpha = 0.23), wurde für die folgenden Auswertungen nur das Item „Menschen, die versuchen, sich an öffentlichen Orten das Leben zu nehmen, suchen nur Aufmerksamkeit.“ herangezogen.

Die regressionsbasierte Moderationsanalyse zeigt zum ersten Messzeitpunkt (t0), dass der Effekt von Third-Person-Wahrnehmungen auf die suizidbezogene Einstellung nur in Abhängigkeit des Depressionsgrades beobachtet werden kann (f3 = –.18, p = .097). Das Gesamtmodell erklärt auch kaum auftretende Varianz (R2 = .05, F(8, 603) = 3.98, p < .001). Deutliche Effekte von Third-Person-Wahrnehmungen auf die Einstellungen gegenüber Suiziden zeigen sich nur für Personen mit einem Depressionsgrad von weniger als 70 auf der BDI-VT-Skala. Der Effekt von ThirdPerson-Wahrnehmungen in diesem Bereich des Depressionsgrades liegt zwischen – .17 und –.12. Je deutlicher also Medienwirkungen von Suiziddarstellungen auf die eigene Person wahrgenommen werden (First-Person-Effekt), desto stärker befürworten Befragte die stereotype Ansicht, dass Suizide an öffentlichen Orten um der Aufmerksamkeit wegen stattfinden. Dieser Effekt entspricht der Steigung der fettgedruckten Linie in Abbildung 26. Allerdings hängt der Effekt gleichzeitig davon ab, wie depressiv die Personen zu t0 sind. Die gestrichelten Linien ober- und unterhalb der Effektlinie verdeutlichen diese „Signifikanzregion“. Dabei verschwindet der Effekt bei einem sehr hohen Depressionsgrad (hier schließt das Konfidenzintervall des Effekts die Null ein). Dies kann als Beleg dafür interpretiert werden, dass (schwere Formen von) Depressionen grundsätzlich mit der Wahrnehmung von Medieninhalten interagieren können (vgl. Scherr & Reinemann, 2011).

Abbildung 26. Moderation des Effekts von Third-Person-Wahrnehmungen (t0) auf suizidbezogene Einstellungen (t0)

Anmerkungen. n = 612. Daten der Online-Panelbefragung. Regressionsbasierte Moderationsanalyse; CI = 95% Bias-Corrected Konfidenzintervall des Effekts; TPW = Third-Person-Wahrnehmung als die Differenz aus der wahrgenommenen Wirkung von Suiziddarstellungen in der Allgemeinbevölkerung und der wahrgenommenen Wirkung auf die eigene Person; Depression nach BDI-VT als metrische Variable (nicht gruppiert).

Kovariaten im Modell: Geschlecht, Alter, allgemeiner Gesundheitszustand (WHO-5), Einsamkeit (UCLA-Skala zur Erfassung der Einsamkeit), Selbstwert („self-esteem“).

Höhere Werte entsprechen jeweils einer höheren Ausprägung in Richtung des erfassten Konstrukts.

Keine Hinweise gibt es bislang auf die zeitliche Stabilität dieses Befundes. Dementsprechend wurde die Moderationsanalyse mit Variablen wiederholt, die zu unterschiedlichen Messzeitpunkten erhoben worden waren. Die Längsschnittanalyse (vgl. Abbildung 27) zeigt, dass Third-Person-Wahrnehmungen im Zeitverlauf einen signifikant negativen Einfluss auf die Einstellung gegenüber Suizidenten einen Monat später haben (f3 = –.21, p < .001). Das Gesamtmodell erklärt allerdings nur wenig der auftretenden Varianz (R2 = .05, F(9, 602) = 3.19, p < .001). Der Kernbefund bleibt also bestehen: Je deutlicher ein First-Person-Effekt, desto stärker weisen die Befragten stereotype Einstellungen gegenüber Suiziden auf, und zwar gerade mittelfristig (etwa einen Monat später). Dabei ist die beschriebene Wirkung, die durch eine spezifische Medienwahrnehmung entsteht, nur bis zu exakt dem Depressionsgrad beobachtbar, der im Rahmen der Studie als Cut-off-Wert der BDI-VTSkala berechnet wurde. [3]Personen, die im Rahmen der Studie als schwer depressiv eingestuft werden, zeigen demnach die Medienwirkung nicht mehr. So schließen die Konfidenzintervalle des Effekts dann auch die Null ein. Depressive sehen in diesem Fall also weniger stereotyp auf Suizide und sehen damit im Vergleich zu nichtdepressiven Rezipienten gewissermaßen klarer.

Abbildung 27. Moderation des Effekts von Third-Person-Wahrnehmungen (t0) auf suizidbezogene Einstellungen (t1) (Längsschnittanalyse)

Anmerkungen. n = 612. Daten der Online-Panelbefragung. Regressionsbasierte Moderationsanalyse; CI = 95% Bias-Corrected Konfidenzintervall des Effekts; TPW = Third-Person-Wahrnehmung als die Differenz aus der wahrgenommenen Wirkung von Suiziddarstellungen in der Allgemeinbevölkerung und der wahrgenommenen Wirkung auf die eigene Person; Depression nach BDI-VT als metrische Variable (nicht gruppiert).

Kovariaten im Modell: Geschlecht, Alter, individueller Abstand zwischen den Erhebungszeitpunkten, allgemeiner Gesundheitszustand (WHO-5), Einsamkeit (UCLA-Skala zur Erfassung der Einsamkeit), Selbstwert („self-esteem“).

Höhere Werte entsprechen jeweils einer höheren Ausprägung in Richtung des erfassten Konstrukts.

Zusammengenommen zeigen sowohl die Querschnittals auch die Längsschnittanalysen, dass die Antwort auf die Forschungsfrage 1.3 zum ersten Themenkomplex folgendermaßen beantwortet werden muss: Depressionen können Third-PersonWahrnehmungen beeinflussen. Der Einfluss von Depressionen auf die Wahrnehmung von Medienwirkungen auf die eigene Person ist stärker als auf wahrgenommene Medienwirkungen auf andere Personen. Dadurch tragen Depressionen dazu bei, dass Third-Person-Wahrnehmungen, die klassisch als Differenzvariable gebildet werden, geringer ausfallen oder sich zu First-Person-Wahrnehmungen umkehren, da sich der Abstand zwischen den beiden Wahrnehmungskomponenten immer weiter verringert. Aus Sicht der Depressionsforschung (vgl. Diez-Alegría et al., 2006) entspricht der Befund der verstärkten Selbstbezogenheit im Rahmen von Depression und erscheint daher plausibel (vgl. Kapitel 4.2). In einem zweiten Schritt wurde im Rahmen einer Moderationsanalyse der gemeinsame Effekt von ThirdPerson-Wahrnehmungen und einer Depression auf individuelle Einstellungen gegenüber Suiziden exemplarisch überprüft. Es zeigt sich sowohl für einen Messzeitpunkt, aber auch mittelfristig über den Zeitraum von etwa einem Monat, dass der Effekt von Third-Person-Wahrnehmungen auf die eigenen Einstellungen gegenüber Suiziden bei zunehmender Depression verschwindet.

Insgesamt sprechen die bisherigen Befunde deutlich für das medienbezogene Diathese-Stress-Modell. Unter Berücksichtigung zentraler Randbedingungen für Depressionen erwies sich der Zusammenhang von Depressionen sowohl mit der Mediennutzung, der Medienrezeption als auch mit der Medienwahrnehmung. Hinsichtlich der Medienwahrnehmung finden sich überdies Hinweise darauf, dass diese Befunde zeitstabil sind. Für die vorliegende Arbeit schafft das medienbezogene Diathese-Stress-Modell die Grundlage für weitere Analysen, die stärker den Ausgangspunkt der Studie in den Blick nehmen, nämlich die Interaktion von Medien und Suizidalität. Dass bei dieser Betrachtung zentrale Prädispositionen wie eine Depression nicht (wie bisher so oft) außer Acht gelassen werden sollten, dafür liefern die Befunde zum Themenkomplex 1 belastbare Hinweise. Dementsprechend können wir den zuvor gestrichelten Zusammenhangspfeil in dem Modell nun als bestätigten Pfeil zeichnen, wie in der resümierenden Abbildung zu Themenkomplex 1 zu sehen ist.

Abbildung 28. Modifikation des Gesamtmodells am Ende von Themenkomplex 1

Anmerkung. Eigene Darstellung nach Fishbein und Cappella (2006, S. S2) bzw. Rossmann (2011, S. 87)

  • [1] Der proklamierte Unterschied bezieht sich hier deskriptiv auf die absoluten Beta-Werte. Der Unterschied zwischen den beiden Effektstärken wurde nicht exakt berechnet. Der Blick auf die Konfidenzintervalle der beiden Effekte verrät allerdings eine von null verschiedene, weitgehende Überschneidung der beiden Effekte (Cumming & Finch, 2005). Demnach ist der Befund, dass eine Depression wahrgenommene Wirkungsvermutungen verstärkt, bedeutsamer als der Unterschied des Effekts auf Firstbzw. Third-Person-Wahrnehmungen.
  • [2] Die vier Faktoren zeigten sich auch empirisch im Rahmen einer Hauptachsenanalyse (PAA; Weiber & Mühlhaus, 2014, S. 132–133) mit Promax Rotation in beiden Panelwellen (t0: erklärte Varianz = 51.0%; KMO = .602; Test nach Bartlett p < .001; t1: erklärte Varianz = 53.0%; KMO = .613; Test nach Bartlett p < .001). Die Hauptachsenanalyse zeigt die beschriebenen vier Faktoren à zwei Items, denen sich die Einstellungen gegenüber Suiziden zuordnen lassen.
  • [3] Nähere Informationen zur Anpassung des Cut-off-Wertes sind auf Anfrage beim Autor erhältlich.
 
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