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8.1.2 Suizidalität in Deutschland

In einem zweiten Schritt sollen die strukturellen Einflüsse verschiedener prädisponierender Merkmale auf Suizidalität abgebildet werden. Dazu berechneten wir binäre logistische Regressionsmodelle getrennt nach dem Geschlecht. Die erklärenden Variablen sind vor dem Hintergrund der großen epidemiologischen Gemeinsamkeiten zwischen Depression und Suizidalität (vgl. Tabelle 6 und Kapitel 2.3) dieselben wie in Kapitel 8.1.1 (Variablen zu sozialer Kontext: „feste Partnerschaft“, „Arbeitslosigkeit“, „Anzahl der Personen im Haushalt“ und „Wohnregion“; psychosoziale Faktoren: „Einsamkeit“, „Selbstwert“; biologischer Faktor: „allgemeiner Gesundheitszustand“). Das Alter wurde als Kovariate berücksichtigt. Die abhängige Variable ist das Maß für erhöhte Suizidalität nach Haenel und Pöldinger (1986), für das ein Cut-off von mindestens 8 festgelegt wurde. Auf Basis der gewichteten Repräsentativdaten aus der Telefonbefragung lässt sich für die Gesamtbevölkerung der Anteil an Personen mit erhöhter Suizidalität auf 3.4% schätzen, der Anteil der Frauen mit erhöhter Suizidalität liegt in der Bundesbevölkerung bei 4.3% und derjenige der Männer bei 2.5%. Althaus und Hegerl (2004, S. 1125) schätzen die Wahrscheinlichkeit eines Suizids über die gesamte Lebenszeit in der deutschen Bevölkerung niedriger ein, nämlich für Männer auf 1.5% und für Frauen auf 0.7%. Überdies ist das Suizidrisiko gerade bei älteren Personen, speziell Männern, im höheren Alter um den Faktor 6–9 höher als beim Rest der Bevölkerung. Tabelle 14 zeigt die Lebenszeitprävalenz von Suizidalität in der vorliegenden Untersuchung. Der Anteil der Personen mit erhöhter Suizidalität ist unter Frauen höher als bei Männern. Ein deutlicher Anstieg der Suizidalität mit zunehmendem Alter ist im Gegensatz zu anderen Studien nicht auszumachen. Man muss dabei allerdings bedenken, dass die verwendete Skala (Haenel & Pöldinger, 1986) sowohl Suizidgedanken als auch versuche und -pläne erfasst. Weil darin also auch Suizidversuche abgefragt werden, erscheint es plausibel, dass die Schätzungen der Suizidalität bei Frauen höher als bei Männern liegt, da Suizidversuche bei Frauen deutlich häufiger vorkommen als bei Männern. Während sich Suizide anhand der amtlichen Statistik bemessen lassen, gibt es für Suizidversuche nur grobe Schätzungen, die von einer um den Faktor 10 im Vergleich zu Suiziden höheren Anzahl ausgehen. Suizidversuche sind (im Gegensatz zu Suiziden) bei Frauen deutlich häufiger zu beobachten (Berking & Radkovsky, 2012, S. 61; Wolfersdorf, 2008a, S. 1324). Ferner spiegelt die vorliegende Studie den epidemiologischen Befund wider, wonach die Zahl der Suizidversuche mit höherem Alter stark abnimmt. Dies erklärt, warum auch die in der Studie ermittelte Suizidalität sowohl für Männer als auch für Frauen mit dem Alter abnimmt. Das Maß reflektiert eben stärker Suizidversuche, Suizidgedanken und Suizidpläne. Unterschiede hinsichtlich der Wohnregion sind für die Suizidalität in Deutschland nicht auszumachen.

Tabelle 14. Lebenszeitprävalenz von Suizidalität nach Alter und Wohnregion (Ost, West). Repräsentativbefragung (CATI) für Personen ab 18 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland (Stand: August 2013)

Anmerkungen. Skala zur Abschätzung der Suizidalität nach (Haenel & Pöldinger, 1986); Wertebereich von 0– 16; Cut-off-Wert � 8, (vgl. Althaus & Hegerl, 2004, S. 1129).

Da die Schätzungen für Suizidgedanken in Deutschland zwischen 14 und 20% in der Allgemeinbevölkerung schwanken und bei ca. 50% nach Auskunft von Ärzten liegen (Arolt, Reimer & Dilling, 2007, S. 353), wurden hier gesondert die drei Items betrachtet, die Suizidgedanken abbilden („Haben sich Ihnen schon einmal Selbstmordgedanken aufgedrängt?“, „Haben Sie in letzter Zeit daran denken müssen, sich das Leben zu nehmen?“, „Haben Sie sehr häufig daran gedacht, sich das Leben zu nehmen?“). Es wird hier betrachtet, wie viele Personen auf zumindest eine dieser drei Fragen mit „Ja“ antworteten. Der entsprechend geschätzte Anteil an Suizidgedanken in Deutschland (Lebenszeitprävalenz) beträgt bei den Männern 27.1% und bei den Frauen 27.9%.[1]

Um die strukturellen Einflüsse verschiedener prädisponierender Merkmale auf die Suizidalität abzubilden, wurden binäre logistische Regressionsmodelle getrennt nach dem Geschlecht berechnet. Die in den Modellen abhängige Variable ist jeweils das Vorliegen erhöhter Suizidalität. Diese wurde anhand der Skala nach Haenel und Pöldinger (1986) bemessen und dafür ein Cut-off von mindestens 8 auf dem Erhebungsinstrument festgelegt. Die erklärenden Variablen sind dieselben wie für Depression (sozialer Kontext: „feste Partnerschaft“, „Arbeitslosigkeit“, „Anzahl der Personen im Haushalt“, „Wohnregion“; psychosoziale Faktoren: „Einsamkeit“, „Selbstwert“; biologischer Faktor: „allgemeiner Gesundheitszustand“). Das Alter wurde als Kovariate berücksichtigt. In Abbildung 23 sind wieder die entsprechenden Odds Ratios einer erhöhten Suizidalität abgebildet. Der soziale Kontext zeigt eine größere Varianz beim Einfluss auf die Suizidalität von Männern und Frauen. In einem ersten Schritt wurde nur der soziale Kontext modelliert.

Dabei zeigt sich, dass bei Männern vor allem das Fehlen einer partnerschaftlichen Beziehung zu einer erhöhten Suizidalität beiträgt, während bei Frauen vor allem die Tatsache, alleine zu wohnen, mit einer erhöhten Suizidalität verbunden ist. Obwohl die Modelle für Männer und Frauen insgesamt statistisch signifikant sind (Frauen: x2 = 16.37, df = 5, p < .01; Männer: x2 = 24.55, df = 5, p < .001), erklären sie nur einen geringen Teil der auftretenden Varianz (Frauen: R2 = .02 [Cox & Snell], .06 [Nagelkerke]; Männer: R2 = .03 [Cox & Snell], .13 [Nagelkerke]). Auch hinsichtlich der Suizidalität zeichnet sich also die eingeschränkte Erklärungskraft der überprüften sozialen Merkmale. In einem zweiten Schritt wurden daher psychosoziale und biologische Faktoren berücksichtigt. Der Einschluss psychosozialer und biologischer Faktoren führte zu einem besseren Modell-Fit (Frauen: x2 = 58.10, df = 8, p < .001; Männer: x2 = 47.47, df = 8, p < .001) und einer deutlich höheren Varianzaufklärung (Frauen: R2 = .06 [Cox & Snell], .20 [Nagelkerke]; Männer: R2 = .05 [Cox & Snell], .26 [Nagelkerke]). Bei Männern begünstigt insbesondere Einsamkeit eine erhöhte Suizidalität, bei Frauen der soziale Faktor, alleine zu wohnen, und tendenziell der psychosoziale Faktor Einsamkeit, während ein höherer Selbstwert mit einem geringeren Risiko für Suizidalität einhergeht.

Abbildung 23. Zusammenhänge zwischen prädisponierenden und soziodemografischen Merkmalen und Suizidalität repräsentativ für Personen ab 18 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland (Stand: August 2013)

Anmerkungen. Frauen: R2 = .06 (Cox & Snell), .20 (Nagelkerke). Model x2 (8) = 58.10, p < .001. Männer:

R2 = .05 (Cox & Snell), .26 (Nagelkerke). Model x2 (8) = 47.47, p < .001.

* p < .05, ** p < .01, *** p < .001.

Ergebnisse binär logistischer Regressionen unter Kontrolle des Alters beruhend auf einer bevölkerungsrepräsentativen Telefonbefragung (CATI). Zielgröße ist der Cut-off-Wert der Suizidalitätsskala nach Haenel und Pöldinger (1986) (2: 8).

Insgesamt erhöht von den sozialen Faktoren die Tatsache, alleine zu wohnen (Frauen: OR = 3.35, p < .01; Männer: OR = 2.12, p = .18), das Risiko für erhöhte Suizidalität ebenso wie die Tatsache, im Westen zu wohnen (Frauen: OR = 1.92, p = .20; Männer: OR = 1.18, p = .83). Uneinheitlich für beide Geschlechter ist dagegen der Einfluss des Fehlens einer festen Partnerschaft (Frauen: OR = 0.80, p = .61; Männer: OR = 2.83, p = .09) und von Arbeitslosigkeit (Frauen: OR = 0.60, p = .22; Männer: OR = 1.11, p = .85) auf das Risiko erhöhter Suizidalität, und zwar unabhängig vom Alter, das in den Modellen als Kovariate berücksichtigt wurde. So erhöht bei Männern etwa das Fehlen eines Lebenspartners oder Arbeitslosigkeit das Risiko für Suizidalität, während diese beiden sozialen Faktoren bei Frauen das Risiko für Suizidalität eher reduzieren.

Psychosoziale und biologische Faktoren tragen ebenso zur Suizidalität bei beiden Geschlechtern bei. Insbesondere Einsamkeit erhöht sowohl für Frauen als auch für Männer das Risiko für Suizidalität (Frauen: OR = 1.06, p = .05; Männer: OR = 1.13, p < .01). Ein besserer allgemeiner Gesundheitszustand (Frauen: OR = 0.99, p = .72; Männer: OR = 0.98, p = .61) und ein hoher Selbstwert senken demgegenüber bei Männern und Frauen das Suizidalitätsrisiko (Frauen: OR = 0.90, p < .001; Männer: OR = 0.96, p = .15).

Damit sind grundlegende Einflussstrukturen des theoretischen Gesamtmodells sowohl für Depressionen als auch für Suizidalität in Deutschland skizziert. Es wurde gezeigt, dass vor allem soziale und psychosoziale Einflussfaktoren für Depressionen und Suizidalität von Bedeutung sein können. Demgegenüber zeigten sich kaum Einflüsse des biologischen Faktors „allgemeiner Gesundheitszustand“ auf die Schwere einer Depression bzw. die Suizidalität.

  • [1] Der Wert misst also das Auftreten einer Form von Suizidgedanken bis zum Befragungszeitpunkt. Das heißt, der Anteil der Suizidgedanken in der bundesdeutschen Bevölkerung liegt bei Männern etwa um den Faktor 11, bei Frauen um den Faktor 7 höher als der Anteil derer, die Anzeichen für ein suizidales Syndrom aufweisen.
 
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