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7.1.2 Begründung der Methodenwahl

Zur Beantwortung der Forschungsfragen wurde eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe gezogen und telefonisch (CATI) befragt. Der Einsatz telefonischer Interviewverfahren gilt in der Psychiatrie schon lange als valide und zugleich ökonomische Alternative zur persönlichen Patientenbefragung (Aneshensel, Frerichs, Clark & Yokopenic, 1982; Shebl et al., 2009). Ein bevölkerungsrepräsentativer Ansatz bei der Stichprobenziehung lässt sich schließlich damit begründen, dass sowohl Suizidalität als auch der Umgang mit Medien von sozialstrukturellen Merkmalen abhängt. Repräsentative Befunde sind essenziell für Prävalenzschätzungen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen und -schichten sowie für angemessene und zielgenaue gesundheitspolitische Reaktionen (z.B. in Form von Aufklärungskampagnen zum Zusammenhang von Medien und Suizidalität). Bevölkerungsrepräsentative Befragungen zur psychischen Gesundheit wurden bereits für andere Fragestellungen durchgeführt (Schmidt, Petermann, Beutel & Brähler, 2011). Die telefonische Befragung bietet technisch einige Vorteile, so dass etwa die Befragungsdauer reduziert wird (Geyer & Siegrist, 2003, S. 264). Die zentralisierte Durchführung erleichtert die Kontrolle der Interviewer und bietet die Chance, im Fall von Durchführungsfehlern einzugreifen (Geyer & Siegrist, 2003, S. 264). Der häufig bemängelte Nachteil der unpersönlichen Befragungssituation am Telefon kann sich im Zusammenhang mit sensiblen Befragungsthemen, wie im vorliegenden Fall zur psychischen Gesundheit, zum Vorteil wandeln, wenn es den Befragten leichter fällt, sensible Themen anonym zu besprechen (Crippa et al., 2008, S. 244; Geyer & Siegrist, 2003, S. 264–265). Darüber hinaus könnte der direkte Kontakt mit einem Interviewer in einer Face-to-Face-Befragung auch (etwa bei akut depressiven Personen) die Verweigerungsrate erhöhen (vgl. Crippa et al., 2008, S. 242). Vorab geführte Tiefeninterviews mit Experten verdeutlichten zudem, dass die Kontaktaufnahme im Rahmen der Behandlung akuter Depressionen auch telefonisch erfolgt (es gibt sogar Ansätze für telefonbasierte Depressions-Therapien; vgl. exemplarisch Dobkin et al., 2012). Zwar werden Telefonbefragungen zur Datenerhebung im psychiatrischen Bereich generell seltener angewendet als Face-to-Face-Befragungen, gleichwohl sind die verwendeten Skalen für telefonische Befragungen geeignet und methodisch angemessen (Aquilino, 1998; Siemiatycki, 1979). Es finden sich zahlreiche Belege für die Vergleichbarkeit von telefonisch erhobenen Daten im Gesundheitsbereich mit anderen Erhebungsmethoden. [1] Letztlich begründet sich die Entscheidung für eine telefonische Befragung auch mit dem handlungs- und subjektorientierten Erkenntnisinteresse der Studie. Der Fokus auf eine motivationswirksame psychische Erkrankung wie Depressionen und die damit verbundene Gefahr von Antwortverzerrungen aufgrund erhöhter Antwortausfälle bzw. eines geringen Rücklaufs schloss letztlich eine postalisch-schriftliche Befragung mit Selbstauskunft (McHorney, Kosinski & Ware, 1994, S. 564) aus. Tourangeau und Yan (2007) belegen, dass Falschantworten auf sensible Fragestellungen in erster Linie auf situationale Aspekte zurückzuführen sind, die im Rahmen einer Telefonbefragung reduziert werden. So kann beispielsweise eine abfallende Motivation der Befragten abgefangen und ein möglicher Abbruch durch die Interviewer verhindert werden – gerade im Kontext depressiver Erkrankungen ist dies sicherlich von Vorteil.

Ein Einwand gegenüber einer Befragung in diesem Themenbereich fokussiert schließlich iatrogene Effekte. Es geht dabei um die Befürchtung, dass bereits Fragen zur Suizidalität bei vulnerablen Personen emotionalen Stress oder gar Suizidgedanken auslösen können. Allerdings liefern Gould (2005) und Smith, Poindexter und Cukrowicz (2010) wichtige empirische Gegenargumente dafür dass (Nontreatment)-Befragungen zur Suizidalität keine schädlichen Auswirkungen auf die Befragten haben. Gould (2005) zeigt, dass explizite Fragen nach Suizidgendanken und suizidalen Verhaltensweisen nach zwei Tagen zu keinen Veränderungen des emotionalen Stresses, der selbst angegebenen Depressivität oder Suizidgedanken führen. Darüber hinaus zeigen sich keine bedeutsamen Zusammenhänge oder Interaktionen zwischen den zentralen Untersuchungsgrößen, der Bereitschaft zur Teilnahme an den beiden Untersuchungswellen oder der Randomisierung der Untersuchungsteilnehmer (Gould, 2005, S. 1638–1639). Die Studie differenziert ferner, inwiefern sich suizidbezogene Fragen in Risikogruppen (Personen mit erhöhter Depressivität oder Suizidversuchen) nach zwei Tagen auswirken. Erstaunlicherweise fanden die Autoren heraus, dass Fragen nach Suizidalität bei Personen mit erhöhter Depressivität oder Suizidversuchen nach zwei Tagen sogar zu weniger emotionalem Stress und reduzierten Suizidgendanken führen (Gould, 2005, S. 1640–1641). Die Autoren schlussfolgern daraus, dass sich die Befunde zu Nachahmungseffekten medial präsentierter Suizide nicht ohne weiteres auf das Screening von Depressivität und Suizidalität mithilfe von Fragebögen übertragen lassen (Gould, 2005, S. 1641). Auch vergangene depressive Episoden, suizidales Verhalten oder Suizidgedanken verstärken diesen Effekt nicht (Gould, 2005, S. 1641). [2] Es finden sich sogar explizite Aufforderungen zur Überprüfung der Qualität telefonischer Erhebungs- und Screening-Verfahren für Depression (Crippa et al., 2008, S. 246). Insbesondere könnte die Akzeptanz dieser Screenings höher ausfallen als bei persönlichen Screening-Untersuchungen. Allerdings fehlen bislang noch belastbare Untersuchungen zur Akzeptanz verschiedener Erhebungsmethoden zur Erfassung psychischer Erkrankungen.

  • [1] Vgl. Fine et al. (2013) für den Vergleich zwischen telefonischer und schriftlicher Erhebung von Depression; vgl. McHorney, Kosinski und Ware (1994) für einen Vergleich von Telefon- und schriftlichen Befragungen zum allgemeinen Gesundheitszustand; vgl. Hajebi et al. (2012) für einen Vergleich von Telefon- und Face-to-Face-Befragung bei Personen mit bzw. ohne psychische Störungen; vgl. Crippa et al. (2008) für einen Vergleich von Telefon- und Face-to-Face-Befragung zu sozialen Angststörungen; vgl. Lee et al. (2010) für den Vergleich von Telefon- und Face-to-FaceBefragung zu Depression; vgl. Hawthorne (2003) für den Vergleich von postalischer und telefonischer Befragung zur Erfassung der subjektiven Lebensqualität.
  • [2] Die Befunde können dabei in mehrfacher Hinsicht als aussagekräftig gelten: Es handelt sich um eine experimentell angelegte Untersuchung, in der die Versuchspersonen randomisiert in die Experimental- und Kontrollgruppe verteilt wurden, die Probanden können grundsätzlich zur Risikogruppe für Suizide gezählt werden (jung; 13-19 Jahre), das Experiment fand im Feld (in Schulen) statt und die beobachteten Effekte verfügen über eine hohe statistische Power (n = 2342).
 
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