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6 Forschungsfragen

Ausgangspunkt des Forschungsprojekts war es, eine theoretische und empirische Neuausrichtung der Forschung zu den Zusammenhängen zwischen Medien und Suizidalität anzustoßen. Zu diesem Zweck wurde der Forschungsstand zum Werther-Effekt (vgl. Kapitel 1.1) zunächst den fünf zentralen Defiziten des Forschungsfeldes gegenübergestellt (vgl. Kapitel 1.2). Ein wichtiger Schritt, um diese Defizite zu beheben, ist die Aktualisierung des Verständnisses von Suizidalität und der Krankheit Depression – den zentralen Größen dieses Forschungsprojekts. Der nächste Schritt bestand folglich darin, anhand der aktuellen Forschungsliteratur verschiedener Disziplinen das Begriffsverständnis von Suizidalität und Depressionen aus dem bisherigen Korsett der Medienwirkungsforschung zu befreien (vgl. Kapitel 2). Dieses breitere Begriffsverständnis verdeutlicht unter anderem die vielfältigen Schnittstellen und Parallelen zu kommunikationswissenschaftlichen Konzepten und Medienwirkungsvorstellungen und schafft damit neuen Raum für Ideen und Fragestellungen zukünftiger Forschungsbemühungen. Besonders deutlich erkennbar sind diese konzeptionellen Ähnlichkeiten im Hinblick auf die Modellvorstellungen zur Suizidalität (vgl. Kapitel 2.1.2) und zur Krankheit Depression (vgl. Kapitel 2.2.4). Dabei ist es vor allem theoretisch-konzeptionell wichtig, auf die enge Verbindung von Suizidalität und Depressionen hinzuweisen (vgl. Kapitel 2.3), die ein besonders gravierendes Forschungsdefizit darstellt. Die theoretischen Erklärungsansätze zur Wirkung von Medien auf die Suizidalität (vgl. Kapitel 3) zeichnen ein differenziertes Bild der bisher üblichen Erklärungsmechanismen des WertherEffekts. Die theoretische Weiterentwicklung besteht unter anderem darin, das Wissen über Depressionen als eine affektive Störung im Medienkontext darin zu integrieren. Ansatzpunkte hierfür liefert Kapitel 4, in dem die Verbindungslinien zur Mediennutzung, -rezeption und -wahrnehmung skizziert wurden. Die bis dahin gewonnenen Erkenntnisse wurden im Rahmen eines integrativen, interdisziplinär gültigen Modells verdichtet, das die Zusammenhänge von Mediennutzung, rezeption und -wahrnehmung auf der einen sowie suizidalen Verhaltensweisen und ihren Prädispositionen (wie Depressionen) auf der anderen Seite abbildet (vgl. Kapitel 5, speziell Abbildung 15). Damit ist der erste Schritt des Forschungsvorhabens abgeschlossen.

Der zweite Schritt besteht darin, zentrale Annahmen dieses Modells empirisch zu überprüfen. Für die aussagekräftige Abbildung der Zusammenhänge zwischen Depressionen, Medien und Suizidalität in Deutschland wurde eine repräsentative Bevölkerungsbefragung (CATI) realisiert. Um Hinweise auf die Richtung solcher Zusammenhänge zu erhalten, wurde flankierend eine zweiwellige OnlinePanelbefragung durchgeführt, deren Stichprobe nicht bevölkerungsrepräsentativ ist, allerdings mit der Bestrebung rekrutiert wurde, hinsichtlich Geschlecht, Alter und Bildung möglichst heterogen zu sein. Die Daten aus beiden Erhebungen bilden die Grundlage für den folgenden empirischen Teil der Untersuchung. Anhand der Stichproben sollen Zusammenhänge zwischen Mustern der individuellen Mediennutzung, -rezeption und -wahrnehmung sowie Depressivität und suizidalen Verhaltensweisen, einschließlich der sie beeinflussenden biologischen und psychosozialen Faktoren, untersucht werden. Dabei werden unter dem Begriff „Mediennutzung“ (vgl. Schweiger, 2007) die Medienzuwendung selbst sowie (allgemeine) Motive dafür beschrieben, wobei der Rezipient im Vordergrund steht. Es geht also um die individuelle Nutzungsdauer und die Motive der Medienzuwendung (z.B. Stimmungsregulierung) sowie auch jeweils situationsabhängige Genrepräferenzen. Unter dem Begriff „Medienrezeption“ (vgl. Bilandzic, 2006) spielen nicht nur Aspekte der Selektion sowie Selektionserklärungen von bestimmten Medieninhalten eine besondere Rolle, sondern vor allem das Rezeptionserleben während der Mediennutzung (wie z.B. parasoziale Beziehungen, Mood Management oder die Erinnerung an spezielle Medieninhalte). Unter dem Begriff „Medienwahrnehmung“ wird die Wahrnehmung bestimmter Inhalte (oder deren Eigenschaften) in den Medien verstanden (wie z.B. die Wichtigkeit eines Themas oder generalisierte Medienwirkungsannahmen für andere Personen).

Die Forschung zu den Zusammenhängen zwischen Medien und Suizidalität lässt zum einen darauf schließen, dass biologische und psychosoziale Faktoren sowie (Tendenzen zu) Depressionen das Auftreten von suizidalen Gedanken und Verhaltensweisen fördern (Anestis & Joiner, 2011; Cheng, Hawton, Chen, Yen, Chang et al., 2007; Haw et al., 2013; Hawton et al., 2013; Insel & Gould, 2008; Lester, 1994; McKenzie et al., 2005; Nanayakkara et al., 2013; Stack, 1992). Zum anderen ist zu vermuten, dass diese Zusammenhänge durch die individuelle Mediennutzung (z.B. genutzte Medien, Dauer der Mediennutzung, Zuwendungsmotive, Genrepräferenzen) (Cotten et al., 2012; Jelenchick, Eickhoff & Moreno, 2013; Moreno, Jelenchick, Koff & Eickhoff, 2012; Park, Hong, Park, Ha & Yoo, 2013; Perloff, Quarles & Drutz, 1983; Potts & Sanchez, 1994; Primack et al., 2011; Primack et al., 2009; Sanders, Field, Diego & Kaplan, 2000; Selfhout et al., 2009; Till et al., 2014), Medienrezeption (z.B. Intensität parasozialer Beziehungen, Identifikationsprozesse) (Till et al., 2011; Till, Vitouch, Herberth, Sonneck & Niederkrotenthaler, 2013) und Wahrnehmung von Medieninhalten (z.B. Intensität von Third-Person-Wahrnehmungen) (Konijn et al., 2009; Nguyen, Wittink, Murray & Barg, 2008; Scherr & Reinemann, 2011) beeinflusst werden können. Diese Wirkungszusammenhänge sind weiter abhängig von verschiedenen intraindividuellen Einflussvariablen. Im Zusammenhang mit dem theoretischen Gesamtmodell (vgl. Abbildung 15) wurde dieser Ausschnitt als medienbezogenes Diathese-Stress-Modell bezeichnet, in dem es um die Einflüsse suizidrelevanter Prädispositionen auf die Mediennutzung, -rezeption und –wahrnehmung geht (Themenkomplex 1). Dieser ist in der nachstehenden Abbildung 16 nochmals hervorgehoben.

Abbildung 16. Themenkomplex 1: Einflüsse suizidrelevanter Prädispositionen auf Mediennutzung, -rezeption und -wahrnehmung

Anmerkung. Eigene Darstellung nach Fishbein und Cappella (2006, S. S2) bzw. Rossmann (2011, S. 87)

Die ersten zentralen Forschungsfragen greifen also die Kritikpunkte am aktuellen Forschungsstand auf, wonach das Augenmerk der bisherigen Forschung vor allem auf suizidalen Medieninhalten (fiktional und non-fiktional) lag, aber Rezipienteneigenschaften und Rezeptionsphänomene vernachlässigt wurden. Der erste Themenkomplex umfasst insgesamt drei Forschungsfragen:

F1.1 Welchen Einfluss haben suizidrelevante Prädispositionen auf die individuelle Mediennutzung, also z.B. auf die Art der genutzten Medien, die Dauer der Nutzung sowie spezifische Genrepräferenzen und Motive zu deren Nutzung?

F1.2 Welchen Einfluss haben suizidrelevante Prädispositionen auf die individuelle Medienrezeption, also z.B. auf die Intensität parasozialer Beziehungen, von Mood Management oder die Erinnerung an bestimmte Medieninhalte?

F1.3 Welchen Einfluss haben suizidrelevante Prädispositionen auf die individuelle Medienwahrnehmung, also z.B. auf die Intensität von Third-Person-Wahrnehmungen?

Der zweite Themenkomplex der vorliegenden Untersuchung fokussiert die Einflussstrukturen zwischen dem medienbezogenen Diathese-Stress-Modell und der individuellen Suizidalität. Die theoretische Grundlage bilden dabei die zahlreichen Studienbefunde zu den Zusammenhängen von Medienzuwendung und Suizidalität (Chen, Chen & Yip, 2011; Cheng, Chen & Yip, 2011; Gould, Jamieson & Romer, 2003; Hagihara, Tarumi & Abe, 2007; Ju Ji, Young Lee, Seok Noh & Yip, 2014; Niederkrotenthaler, Till, Kapusta et al., 2009; Niederkrotenthaler et al., 2010; Niederkrotenthaler, Fu et al., 2012; Phillips, 1974, Pirkis & Blood, 2010a, 2010b; Schmidtke & Häfner, 1986; Stack, 2005, 2009; Tousignant et al., 2005; Tsai, 2010; Ueda et al., 2014; Yang et al., 2013). Dabei wird das bisherige Forschungsdefizit des oftmals zu engen Begriffsverständnisses der abhängigen Variablen in Studien zum Werther-Effekt angegangen und gleichzeitig die Medienzuwendung breiter gefasst. In zahlreichen Arbeiten wurden vor allem vollendete Suizide als abhängige Untersuchungsgröße betrachtet und nicht-letale Formen von Suizidalität zumeist ausgeblendet (Ausnahmen sind unter anderem Biblarz et al., 1991; Fu et al., 2009; Pirkis & Nordentoft, 2011; Simkin et al., 1995). Oftmals spielt in diesen Arbeiten auch die tatsächliche Medienzuwendung überhaupt keine Rolle. Die Beziehungen zwischen einem breiter gefassten Verständnis von Medienhandeln auf der einen und Suizidalität (einschließlich nicht-letaler Formen) auf der anderen Seite soll nun in den Blick genommen werden. Im Gesamtmodell entspricht dies dem Ausschnitt, den die nachfolgende Abbildung 17 hervorhebt, und knüpft damit direkt an die Arbeiten auf dem Forschungsfeld an, die bislang zu den Ausnahmen zählen.

Abbildung 17. Themenkomplex 2: Einflüsse von Mediennutzung, -rezeption und wahrnehmung auf letale und nicht-letale Formen von Suizidalität

Anmerkung. Eigene Darstellung nach Fishbein und Cappella (2006, S. S2) bzw. Rossmann (2011, S. 87)

Der zweite Themenkomplex beschäftigt sich also mit der Kritik an dem zu engen Begriffsverständnis von Suizidalität, das den meisten Untersuchungen auf dem Forschungsfeld zugrunde liegt (vgl. Kapitel 1.2.1). Die Suizidologie versteht heute unter dem Begriff der Suizidalität ein breites Spektrum suizidaler Verhaltensweisen und Gedanken (vgl. Kapitel 2.1.1). Diese wurden bislang noch nicht systematisch mit einem differenzierten Verständnis der Medienzuwendung in Verbindung gebracht. Daher lauten die Forschungsfragen des zweiten Themenkomplexes:

F2.1 Welchen Einfluss hat die individuelle Mediennutzung auf (nicht-letale) Formen suizidaler Verhaltensweisen (Suizidgedanken, Suizidpläne, Suizidversuche)?

F2.2 Welchen Einfluss hat die individuelle Medienrezeption auf (nicht-letale) Formen suizidaler Verhaltensweisen (Suizidgedanken, Suizidpläne, Suizidversuche)?

F2.3 Welchen Einfluss hat die individuelle Medienwahrnehmung auf (nicht-letale) Formen suizidaler Verhaltensweisen (Suizidgedanken, Suizidpläne, Suizidversuche)?

Der dritte Themenkomplex fokussiert die modelltheoretischen Überlegungen aus Kapitel 5.2 insgesamt. Das medienbezogene Diathese-Stress-Modell (Themenkomplex

1) wird demnach zusammen mit dem breiten Verständnis von Suizidalität (Themenkomplex 2) mit individuellen Einflussvariablen in Verbindung gebracht, die auf handlungstheoretischen (Theory of Planned Behavior /TPB; Ajzen, 1991; Rossmann, 2011) und sozial-kognitiven Überlegungen im Medienkontext nach Bandura (Bandura, 1986, 2001) beruhen. Auf die zahlreichen Parallelen der beiden Ansätze wurde bereits hingewiesen (LaRose, 2009). Die Modelle erklären insbesondere die Prozesse bzw. die Bedingungen, die im Medienkontext dafür verantwortlich sind, dass suizidale Verhaltensweisen tatsächlich vollzogen werden oder dass Suizidgedanken oder -pläne entstehen. Zu den wichtigsten dieser Einflussvariablen zählen Einstellungen gegenüber suizidalen Verhaltensweisen, subjektive Normvorstellungen gegenüber Suiziden, die eigene wahrgenommene Selbstwirksamkeit, Emotionen, die durch Medienzuwendung entstehen, sowie eine daraus resultierende Intention zu suizidalen Verhaltensweisen. [1] Einen ersten Vorstoß in diese Richtung und erste empirische Analysen leisteten Fu, Chan und Yip (2009), die vor allem die Modellgrößen aus Banduras sozialkognitiver Theorie empirisch überprüften. Nachstehende Abbildung 18 präsentiert das theoretische Gesamtmodell, in dem diese Einflussvariablen markiert sind.

Abbildung 18. Themenkomplex 3: Gemeinsame Einflüsse von Medienhandeln und Prädispositionen auf suizidale Verhaltensweisen

Anmerkung. Eigene Darstellung nach Fishbein und Cappella (2006, S. S2) bzw. Rossmann (2011, S. 87)

Der dritte Themenkomplex widmet sich also dem gemeinsamen Einfluss von depressiven, biologischen bzw. psychosozialen Prädispositionen sowie verschiedenen Aspekten des Medienhandelns auf (nicht-letale) Formen von Suizidalität unter Berücksichtigung handlungstheoretisch relevanter Einflussvariablen. Die sich daraus ergebenden Forschungsfragen für den dritten Themenkomplex lauten:

F3.1 Welchen Einfluss haben suizidrelevante Prädispositionen auf (nicht-letale) suizidale Verhaltensweisen, wenn die individuelle Mediennutzung und handlungsrelevante Einflussgrößen kontrolliert werden?

F3.2 Welchen Einfluss haben suizidrelevante Prädispositionen auf (nicht-letale) suizidale Verhaltensweisen, wenn die individuelle Medienrezeption und handlungsrelevante Einflussgrößen kontrolliert werden?

F3.3 Welchen Einfluss haben suizidrelevante Prädispositionen auf (nicht-letale) suizidale Verhaltensweisen, wenn die individuelle Medienwahrnehmung und handlungsrelevante Einflussgrößen kontrolliert werden?

Hinter den genannten Forschungsfragen der drei Themenkomplexe stehen zwar konkretere Vermutungen, die sich aus anderen Untersuchungen und vor allem aus Tiefeninterviews mit Fachleuten und Patienten ergaben. [2] Diese flankierenden Gespräche erlaubten prinzipiell die Formulierung basaler Zusammenhangshypothesen, belastbare Hinweise auf komplexere Kombinationen verschiedener suizidrelevanter Prädispositionen und deren Wirken auf das Medienhandeln und die individuelle Suizidalität liegen bisher allerdings noch nicht vor. Noch viel gravierender sind die Wissensdefizite für indirekte bzw. moderierte Effekte, die insbesondere im dritten Themenkomplex fokussiert werden (vgl. F3.1 F3.3). Daher erscheint eine offene Herangehensweise sinnvoller. Die beschriebenen Kausalitätsrichtungen basieren überdies vor allem auf einer zeitlichen Reihenfolge der Untersuchungsgrößen (vgl. Krämer, 2013, S. 304) mit Depressionen als individuell prädisponierender Untersuchungsgröße. Angenommen wird also eine individuelle Prädisposition für Suizidalität (insb. Depressionen und damit assoziierte, individuelle Risikofaktoren), die mit einem spezifischen Mediennutzungsverhalten (beispielsweise mit dem Fokus auf spezielle Medieninhalte in besonderem Umfang) einhergeht, sowie eine spezifische Medienwahrnehmung (beispielsweise die negativ verzerrte Annahme weitgehend undifferenzierter bzw. übergeneralisierter Medienwirkungen bestimmter Inhalte auf andere Personen oder die eigene Person), aus der spezifische (suizidale) Gedanken und Verhaltensweisen resultieren können. Diese Prozesse können wiederum durch eine Reihe individueller Einflussgrößen, wie etwa Einstellungen gegenüber Suiziden, spezifische Normvorstellungen oder durch Medien ausgelöste Emotionen beeinflusst werden.

  • [1] Die (körperlichen) Fähigkeiten zur Ausführung suizidalen Verhaltens sowie äußere Einschränkungen für suizidales Verhalten (z.B. geltende Waffengesetze; Zugang zu verschreibungspflichtigen Medikamenten) wurden in diese Untersuchung nicht einbezogen, obwohl sie der Vollständigkeit halber im Modell enthalten sind.
  • [2] Projektbegleitend wurden leitfadengestützte Tiefeninterviews mit Psychotherapeuten, klinischen Psychologen und Psychiatern sowie mit stationär behandelten Patienten in der Psychiatrie über die Zusammenhänge zwischen Medienzuwendung, Depressionen und Suizidalität geführt.
 
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