Desktop-Version

Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Depression – Medien – Suizid

< Zurück   INHALT   Weiter >

5.2 Gesamtmodell zum Zusammenwirken von Depression, Medien und Suizidalität

Einen Vorschlag zur Integration der bisherigen theoretischen Überlegungen, die grundsätzlich zur Erklärung von Nachahmungssuiziden dienen können (vgl. Kapitel 3), liefern Fishbein und Cappella (2006) in Form eines integrativen Modells, das zentrale Komponenten der sozialkognitiven Theorie Banduras, des „Health Belief Model“ und der „Theory of Reasoned Action“ miteinander verknüpft (Rice & Atkin, 2009, S. 442). Die Modellvorstellung bildet gleichzeitig die Grundlage für das Gesamtmodell, das der vorliegenden Untersuchung zugrunde liegt (vgl. Abbildung 15).

Abbildung 15. Gesamtmodell zur Wirkung von Suiziddarstellungen in den Medien

Anmerkung. Eigene Darstellung nach Fishbein und Cappella (2006, S. S2) bzw. Rossmann (2011, S. 87)

Übertragen auf die vorliegende Untersuchung beruhen dem Modell zufolge suizidale Verhaltensweisen (Suizidgedanken, Suizidpläne, Suizidversuche und Suizide) auf der starken Intention, diese auszuführen. Diese Vorstellung deckt sich mit der begrifflichen Differenzierung von Suizidalität (vgl. Abbildung 2). Dafür sind je nach Suizidmethode spezifische Fähigkeiten und Fertigkeiten erforderlich, womit sich beispielsweise geschlechteroder altersspezifische Unterschiede der Suizidmethoden erklären lassen. Die Ausübung des Verhaltens ist ferner abhängig von umweltbezogenen Einschränkungen, wie beispielsweise den Waffengesetzen in einem Land oder die zu einem Zeitpunkt verfügbare Menge bestimmter Medikamente. Diese Einflüsse sollen hier allerdings ausgeblendet bleiben. Liegt beispielsweise der ausgeprägte Wunsch zu sterben vor und sind entsprechende Vorbereitungen für einen Suizid getroffen, wofür wiederum alle notwendigen Fähigkeiten vorhanden sind und keine äußeren Einschränkungen existieren, kann man dem Modell zufolge von einer hohen Wahrscheinlichkeit für einen Suizid ausgehen. Die Suizidintention hängt wiederum von individuellen Einstellungen gegenüber Suiziden, von wahrgenommenen Normen in Bezug auf suizidales Verhalten und von der Selbstwirksamkeitserwartung ab, einen Suizid zu begehen bzw. das entsprechende Verhalten kontrollieren zu können (wahrgenommene Verhaltenskontrolle; vgl. Kapitel 3.3.5). Diese Einflussgrößen können in der Modellvorstellung von Fishbein und Cappella (2006, S. S3) wiederum von individuellen Prädispositionen abhängen. Außerdem kann der Einfluss von Verhaltenseinstellungen bei der Erklärung suizidalen Verhaltens stärker sein als der Einfluss von Selbstwirksamkeitserwartungen etwa bei Kampagnen gegen das Rauchen. Normvorstellungen, aus denen sich subjektive Normen ableiten, können darüber hinaus zwischen Kulturkreisen oder Religionen variieren und unterscheiden sich in der Regel auch zwischen den Geschlechtern und in verschiedenen Altersgruppen. Je nachdem wie die individuellen Vorstellungen von suizidalem Verhalten, die damit verbundenen Normvorstellungen und der Glaube an die Umsetzung des Verhaltens ausgeprägt sind, werden suizidale Verhaltensweisen mehr oder weniger wahrscheinlich in die Tat umgesetzt. [1] Dabei kann auch die Wahrnehmung anderer eine Rolle spielen (Fishbein & Cappella, 2006, S. S3). So beeinflusst die Vorstellung davon, wie andere in einer bestimmten Situation handeln würden, das eigene Verhalten ebenso wie wahrgenommene Erwartungen von außen an die eigene Person oder Verhaltensnormen, die den sozialen Druck erhöhen. Diese Vorstellungen bestimmen also mit darüber, welche Medieninhalte suizidale Verhaltensweisen beeinflussen. Mediatoren im Gesamtmodell, wie beispielsweise Normvorstellungen, können die Funktion von Verhaltensdisinhibitoren ausüben (Cheng et al., 2014; Wheeler, 1966).

Schließlich existieren zahlreiche externe Faktoren, die suizidales Verhalten beeinflussen können. Wir teilen diese externen Faktoren wiederum auf in soziale, biopsychosoziale und medienbezogene Faktoren. Besonderes Augenmerk wird dabei neben weiteren Einflussfaktoren (z.B. früherem Verhalten, der Soziodemografie, grundlegenden Einstellungen gegenüber Suizid, der Persönlichkeit, längerfristigen Stimmungen und kurzfristigen Emotionen) auf Depressionen gelegt. Aber auch individuell unterschiedliche Merkmale wie die Problemlösungsfähigkeit, die Risikobzw. Realitätswahrnehmung, das soziale Netz oder individuell verspürte Hoffnungslosigkeit können zur Erklärung von Suizidalität im medialen Kontext beitragen. Diese Faktoren wirken sich auf die Medienzuwendung (Mediennutzung, -rezeption, -wahrnehmung) aus, die grundsätzlich auf die biopsychosozialen Faktoren zurückwirken kann (vgl. das zugrunde liegende Medienwirkungsverständnis aus Abbildung 13).

Der entscheidende Punkt ist dabei, dass die externen Faktoren mit suizidalen Verhaltensweisen, den darauf bezogenen Normvorstellungen und Kontrollerwartungen verbunden sein müssen, um diese vorhersagen zu können. Das Modell zeigt, wie Medieneinflüsse in Bezug auf verhaltensrelevante Einstellungen bzw. Vorstellungen von den Konsequenzen des Verhaltens wirksam werden können. [2]Dies schließt grundsätzlich auch Priming-Effekte durch die Medien ein, wenn beispielsweise bestimmte gesellschaftliche Normen zu einem Verhalten durch entsprechende Medienberichte wieder ins Gedächtnis gerufen werden (Fishbein & Cappella, 2006, S. S13). Dazu können auch individuelle Prädispositionen wie Depressionen beitragen, die dazu führen, dass beispielsweise negative kognitive Strukturen leichter verfügbar sind und dementsprechend zukünftiges Verhalten stärker prägen als bei Personen ohne Depressionen. Die Nachahmung einer Handlung wird umso wahrscheinlicher, je glaubwürdiger das Rollenvorbild („role model“) ist, das ein ausdrücklich intendiertes Verhalten zeigt und das dafür außerdem angemessene (positive oder negative) Rückmeldungen („reinforcements“) bekommt (Rice & Atkin, 2009, S. 441). Massenmedien können die Vorstellungen, Ideale, Einstellungen und Verhaltensweisen nicht nur beeinflussen, indem sie ein bestimmtes Bild von Suiziden und psychischen Erkrankungen vermitteln, sondern auch indem sie einen Überblick über zu erwartende „Belohnungen“ für Verhalten ermöglichen, und zwar selbst dann, wenn es gar nicht zu einer verstärkenden Mediennutzung kommt (z. B. durch Anschlusskommunikation über die Mediennutzung; Levine & Harrison, 2009, S. 497). Auch die wahrgenommene Reichweite der Medien kann die zugeschriebene Relevanz einer Medienbotschaft verstärken (vgl. sozialer Druck). Im Falle von Essstörungen zeigt beispielsweise Park (2005), dass eine höher wahrgenommene Reichweite von Medienberichten über das ideale Körperschema mit einem höher wahrgenommenen Einfluss auf andere Mediennutzer einhergeht, woraus sich letztlich ein größerer wahrgenommener Einfluss der Medienbotschaften auf die eigene Person speist, der sich empirisch auf die eigenen Vorstellungen vom idealen Körpergewicht auswirkt (Park, 2005).

Der wahrscheinlich bisher am wenigsten erforschte Bereich sind die Zusammenhänge zwischen Depressionen und Medienzuwendung. Grundsätzliche Zusammenhänge zwischen depressiven Erkrankungen und Mediennutzungsverhalten lassen sich aus verschiedenen empirischen Arbeiten zwar ableiten (Primack et al., 2009; te Wildt, B. T., 2004), detaillierte Einflussstrukturen zwischen der Mediennutzung, rezeption und -wahrnehmung im Zusammenhang mit Suizidalität wurden allerdings bisher nicht umfassend geprüft.

  • [1] Kultivierungseffekte können sich auf die Herausbildung subjektiver Normvorstellungen auswirken (Gutschoven & van den Bulck, 2005, S. 384; Levine & Harrison, 2009, S. 495). Levine und Harrison (2009, S. 496) zufolge kommt Internalisierungsprozessen eine entscheidende Bedeutung zu. Sie werden durch zwei Bedingungen begünstigt: einerseits eine Aufmerksamkeit gegenüber bestimmten Medienbotschaften und andererseits ein von Rezipienten wahrgenommener bzw. durch die Medien vermittelter Druck, die dargestellte Medien-Realität im eigenen Leben umzusetzen.
  • [2] Fishbein und Cappella (2006, S. S2) unterscheiden zwischen den Vorstellungen vom eigenen Verhalten, von Normen und der Kontrollierbarkeit des eigenen Verhaltens sowie den tatsächlich im Sinne des Modells wirksamen Einstellungen, Normen und der Selbstwirksamkeit. Diese Differenzierung wird aus Gründen der Übersichtlichkeit und im Interesse eines überschaubaren theoretischen Mehrwerts der vorliegenden Arbeit nicht übernommen.
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics