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Soziales Umfeld

Das soziale Umfeld übt als externer Faktor einen wichtigen Einfluss auf die Entstehung von Depressionen aus (Gottlieb, Waitzkin & Miranda, 2011; Monroe et al., 2009; Sacco & Vaughan, 2006). Für den Krankheitsverlauf einer Depression spielt Kommunikation eine wichtige Rolle. Segrin (1990) begreift Depressionen als Folge von Defiziten im Bereich der sozialen Fähigkeiten. Depressionen erschweren es demnach, positive Verstärkungen aus dem sozialen Umfeld zu erfahren. Segrin (1990, S. 303–304) zeigt anhand einer Meta-Analyse von 51 identifizierten Studien, dass sich solche sozialen Defizite tatsächlich im Rahmen von Depressionen beobachten lassen, obwohl der Zusammenhang als nur „mäßig stark“ beschrieben wird und sich keine Rückschlüsse auf die Kausalitätsrichtung ableiten lassen. [1] Anhand der Studie können keine Aussagen darüber getroffen werden, ob Depressionen zu Defiziten im sozialen Umgang führen (u.a. weniger sprechen, niedrigeres Aktivitätsniveau, höhere Antwortlatenzzeiten; Segrin, 1990, S. 301) oder umgekehrt soziale Defizite Depressionen begünstigen. Diese Forschungslücke schließen unter anderem Cacioppo, Fowler und Christakis (2009) sowie Cacioppo, Hawkley und Thisted (2010), die zeigen, dass etwa soziale Isolation Depressionen im Zeitverlauf gut vorhersagt. Zu den wichtigsten Einflüssen zählen neben der sozialen Anbindung an Mitmenschen unter anderem die im familiären Umfeld sozialisierten Werte und Normen. Diese tragen dazu bei, dass sich auch im weiteren Lebensverlauf im Freundes- und Bekanntenkreis ähnliche Vorstellungen wiederfinden (Rosenquist et al., 2010; vgl. die Homophilie-Hypothese in Kapitel 3.3.5). Einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung depressiver Erkrankungen leistet der Erziehungsstil, insbesondere wenn es in der Erziehung (z.B. durch depressive Eltern) etwa an positiver Verstärkung mangelt (Goodman & Brand, 2009, S. 262; Schwartz, Sheeber, Dudgeon & Allen, 2012, S. 450). Auch der Verlust wichtiger Bezugspersonen, eine instabile Beziehung zu den eigenen Eltern sowie emotionale Vernachlässigung oder ein Mangel an emotionalen positiven Beziehungen kann dazu beitragen, dass sich Depressionen im Laufe der Zeit entwickeln, bestehende Depressionen aufrechterhalten bleiben oder rezidivieren (vgl. das detailliertere Modell (Dohrenwend, 2000, S. 14).

Diese Faktoren können im Medienkontext dann relevant sein, wenn etwa durch (negative) Berichterstattung Zukunftsängste ausgelöst oder gefördert bzw. dysfunktionale Beziehungsschemata bei den Rezipienten aktiviert werden. Durch soziale Vergleiche mit Medienfiguren können Personen mit depressiver Vulnerabilität außerdem verstärkt Leistungsdruck verspüren, sich zu verändern bzw. anders zu sein. Zusammen mit geringem Selbstwert können soziale Vergleiche dann regelmäßig zu Ungunsten Depressiver ausfallen, woraus sich wiederum selbstwertabträgliche Folgen ergeben. Andererseits können positive oder prosoziale Medieninhalte auch dazu führen, dass Zukunftsängste gemindert werden oder durch die Darstellung funktionierender zwischenmenschlicher Beziehungen sogar dysfunktionale kognitive Schemata modifiziert werden. Nach der Vorstellung der sozialkognitiven Theorie Banduras können positive Verstärkungen (Belohnungen) auch medial vermittelt werden, beispielsweise indem depressive Verhaltensweisen (z.B. Rumination, negatives Denken, Übergeneralisierungen) in den Medien bestraft werden oder etwa das Überwinden einer Depression belohnt wird. An dieser Stelle eröffnet sich ferner die Diskussion über die negativen Folgen der Stigmatisierung (z.B. soziale Distanz) (vgl. Reavley & Jorm, 2014) depressiver Personen in den Medien (Boudry, 2008; Klin & Lemish, 2008; Signorielli, 1989) und die Möglichkeiten, mit diesen umzugehen (Clement et al., 2013; Corrigan, 1998, S. 213; Corrigan, Kerr & Knudsen, 2005; Rüsch et al., 2005, S. 533).

Lebensereignisse

Zahlreiche Studien belegen, dass depressiven Erkrankungen oftmals negative Lebensereignisse vorausgehen (Keller et al., 2007; Kendler et al., 1999; Paykel, 2003), die auch mit erhöhter Suizidalität einhergehen können (Crane et al., 2007; Rowe, Walker, Britton & Hirsch, 2013; Yang & Clum, 1994). Hardt und Johnson (2010) unterscheiden zwischen minoren und majoren negativen Lebensereignissen und zeigen, dass der Einfluss minorer negativer Lebensereignisse auf die Suizidalität bei Jugendlichen über den Depressionsgrad vermittelt wird. Im Zusammenhang mit der Nutzung von Medien belegen beispielsweise Tahlier, Miron und Rauscher (2013), dass Menschen im Kontext ungelöster trauriger Lebensereignisse bewusst dazu tendieren, fröhlichere Musik auszuwählen als Menschen, die mit bereits gelösten traurigen Ereignissen konfrontiert waren. Ebenso stellen Anderson, Collins, Schmitt und Jacobvitz (1996) für die Fernsehnutzung fest, dass negative Lebensereignisse zwar nicht mit dem Umfang der Fernsehnutzung korrelieren, allerdings die Nutzung stimmungsaufhellender Formate (mehr Comedy-Sendungen, weniger Nachrichten) entsprechend der Mood-Management-Hypothese (Zillmann, 1988b, 1988a, 2000) zunimmt. Knobloch-Westerwick (2007, S. 90) und Anderson, Collins, Schmitt und Jacobvitz (1996) finden zudem Geschlechterdifferenzen hinsichtlich der Genres, die zur Stimmungsregulierung präferiert werden. So nutzen Männer beispielsweise verstärkt Horror-Filme, Actionoder gewalthaltige Programme sowie Sportsendungen, während Frauen vor allem Daily Soaps, romantische Inhalte, Game-Shows und vermischte Formate bevorzugen. Angesichts dieser Befunde erscheint es daher plausibel anzunehmen, dass die Zuwendung zu verschiedenen Medieninhalten die Auswirkungen negativer Lebensereignisse auf den individuellen Depressionsgrad bzw. die Suizidalität abzufedern vermögen.

  • [1] Als wichtigen Moderator dieses Einflusses identifiziert Segrin (1990) die Erhebungsmethode für die Erfassung von Depressionen (Selbstauskunftsvs. Fremdauskunftsverfahren).
 
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