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Persönlichkeitseigenschaften und negativer Attributionsstil

Persönlichkeitseigenschaften (u.a. Neurotizismus, Perfektionismus) erwiesen sich empirisch als Prädiktoren von Depression (Kercher, Rapee & Schniering, 2009; Nepon, Flett, Hewitt & Molnar, 2011; Uliaszek et al., 2010), die auch im medialen Kontext relevant sind (Ferguson, Colwell, Mlacic, Milas & Mikloušic, 2011). Die zeitlich stabilen Persönlichkeitseigenschaften sind ferner mit Suizidalität assoziiert (Blüml et al., 2013) und können zusammen mit Depressionen sowohl Kognitionen als auch Emotionen beeinflussen (Klein et al., 2011). Ein wichtiger Faktor, der für das Aufrechterhalten von Depressionen verantwortlich gemacht wird, ist die Tendenz Depressiver, negative Ereignisse internal, stabil und global (Seligman et al., 1988, S. 13) einzuschätzen (negativer Attributionsstil). Diese negativen Ursachenzuschreibungen werden mit verstärkt beobachtbaren depressiven Symptomen in Verbindung gebracht (Abramson et al., 1989). Chang und Sanna (2001) sehen darin eine Parallele zu perfektionistischen Denkmustern und schlussfolgern, dass Perfektionismus alleine, aber auch zusammen mit negativen Attributionsstilen zu Depressionen führen kann. Diese Vorstellung beruht auf den Annahmen der Hoffnungslosigkeitstheorie (Abramson et al., 1989). Demnach ist die Ursache für Depressionen ein Zustand der Hoffnungsbzw. Hilflosigkeit, der sich aus der Erwartung ergibt, dass positive Ereignisse im Gegensatz zu negativen Ereignissen nicht eintreten werden und die Person selbst auch keinen Einfluss darauf hat. Medien können das Gefühl der Hilflosigkeit bestärken, indem sie Modelle zeigen, die keine Kontrolle über negative Lebensereignisse haben. Modelle, die über Kontrolle in ihrem Leben verfügen, können dagegen positiv wirken.

Kognitive Schemata

Negative kognitive Schemata sind ein wichtiges Symptom für Depressionen und wurden daher bereits in dieser Arbeit besprochen (vgl. Kognitionsmodelle der Depression in Kapitel 2.2.4). Im Zusammenhang mit Medien können diese Schemata beispielsweise dazu beitragen, mediale Darstellungen anderer Personen oder Ereignisse negativ verzerrt wahrzunehmen und falsch zu interpretieren. Dies kann im Rahmen von Vergleichsprozessen mit Medienfiguren maladaptiv sein und damit zu einer höheren individuellen Suizidalität beitragen. Wood, Taylor und Lichtman (1985) weisen in diesem Kontext auf die Gefahr des sogenannten „Super-Copings“ hin, bei dem es um den Vergleich mit Medienfiguren geht, die Probleme besonders gut meistern, sogenannte „Super-Coper“. Die Studie geht davon aus, dass gerade Personen, die in ihrem persönlichen Umfeld keine adäquate Vergleichsperson kennen, stattdessen Medienfiguren für soziale Vergleiche heranziehen, obwohl diese ein Idealbild verkörpern, dem ein Vergleich mit den eigenen Fähigkeiten nicht standhält. Gerade für sozial zurückgezogene, depressive Menschen erscheinen diese Überlegungen relevant. Die sozialen Vergleiche können sich negativ auf den Selbstwert auswirken (Wood et al., 1985, S. 1175) und somit dazu beitragen, dass Depressionen aufrechterhalten bleiben. Negative kognitive Schemata im Rahmen von Depressionen können außerdem bewirken, dass Vergleichsprozesse im Ergebnis noch selbstwertabträglicher ausfallen. Allerdings zeigt die Studie auch, dass das „Ausweichen“ auf Medienfiguren für Vergleichsprozesse insgesamt nur eine untergeordnete Rolle spielt (Wood et al., 1985, S. 1179). Gleichwohl waren in der Studie Brustkrebspatientinnen, die häufigen Kontakt mit krebsbezogenen Medieninhalten hatten (Wood et al., 1985, S. 1172), häufiger der Meinung, dass sie mit ihrer Krankheit schlecht umgehen (r = –.26, p < .03; Wood et al., 1985, S. 1175). Dieser Befund lässt einerseits den Schluss zu, dass Personen, die nur schlecht mit einem Problem umgehen können, verstärkt entsprechende Medieninhalte konsumieren. Andererseits zeigt dies, dass tatsächlich die Medieninhalte für die negativeren Selbsteinschätzungen verantwortlich sind. [1] Neben negativen kognitiven Schemata können auch weitere Verzerrungen die Aufmerksamkeit, Verarbeitung und Erinnerung von Medienbotschaften durch Depressionen beeinflussen (vgl. ausführlich Everaert et al., 2012). [2]

  • [1] Einen besonderen Stellenwert können auch „normale“ Menschen in den Medien einnehmen, die sehr gut mit (Teilen) ihrer Einschränkung (z.B. einer Krankheit) umgehen und dadurch gewissermaßen zu den alltäglichen Super-Copern werden. Diese können unter Umständen weniger stark ausgeblendet werden als prominente Super-Coper, weil sie den Rezipienten ähnlicher sind.
  • [2] Die Diskussion kognitiver Verzerrungen im Zusammenhang mit Depressionen steht im Gegensatz zur Hypothese des „Depressive Realism“ (Alloy & Abramson, 1979), wonach Depressive unter Laborbedingungen realistischere Einschätzungen abgeben als nicht-depressive Personen. Diese Hypothese gilt aufgrund ihrer starken Kontextabhängigkeit als umstritten (vgl. Msetfi, Murphy, Simpson & Kornbrot, 2005; Pacini, Muir & Epstein, 1998, S. 1056).
 
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