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5 Einflussgrößen und Erklärungsansätze zu Depression, Medien und Suizidalität

Bisher wurden in einem ersten Schritt die Verbindungslinien zwischen Suizidalität und Medien sowie die wichtigsten Prädispositionen und Erklärungsmechanismen für Nachahmungssuizide im Medienkontext herausgearbeitet (vgl. Kapitel 3). Anschließend wurden in einem zweiten Schritt die wichtigsten Befunde zu den Zusammenhängen von Depressionen und Mediennutzung, -rezeption und -wahrnehmung zusammengetragen (vgl. Kapitel 4). In diesem Kapitel sollen diese beiden Perspektiven nun zusammengeführt werden, indem die wichtigsten Einflüsse und Erklärungsmechanismen für das Zusammenspiel von Depressionen, Medien und Suizidalität dargestellt werden (vgl. Kapitel 5.1), bevor daraus ein Gesamtmodell entworfen wird (vgl. Kapitel 5.2). Dies geschieht vor dem Hintergrund der Tatsache, dass Depressionen die zweithäufigste psychische Störung sind, von der mindestens ein Fünftel der Bevölkerung in Industrieländern einmal im Leben betroffen ist (Cruwys, Haslam, Dingle, Haslam & Jetten, 2014, S. 215), und dass suizidale Verhaltensweisen zu den Symptomen einer Depression zählen (vgl. Tabelle 3; Lönnqvist, 2000). Daher ist es plausibel anzunehmen, dass sich soziale, psychosoziale und biologische Faktoren für Depressionen auch auf suizidale Verhaltensweisen auswirken können (Cruwys et al., 2014, S. 224) und dass Medien dabei einen wichtigen Einfluss im Alltag ausüben.

5.1 Soziale, psychosoziale und mediale Einflüsse auf Depressionen und Suizidalität

Schmidt-Atzert (1996, S. 247) betont die Bedeutung sozialer Erklärungsfaktoren bei Depressionen, die zwischen 8 und 18% einer depressiven Stimmung erklären. Lorant (2003) zeigen etwa, dass ein niedriger sozioökonomischer Status mit einer höheren psychiatrischen Komorbidität zusammenhängt. Das Risiko, an Depressionen zu erkranken, wird für Personen mit niedrigem sozioökonomischen Status auf Basis einer Meta-Analyse von insgesamt 51 Arbeiten beinahe doppelt so hoch eingeschätzt wie für Personen mit höherem sozioökonomischen Status. Dohrenwend (2000) argumentiert, dass Depressionen als eine Folge von sozialen Einflüssen angesehen werden können. Er fasst die Einflussstrukturen zwischen Lebensereignissen, individuellen Vulnerabilitäten und protektiven Faktoren in einem Modell psychischer Störungen zusammen (Dohrenwend, 2000, S. 15), wonach soziale Faktoren für das Auftreten, den Verlauf und spezifische Ausprägungen psychischer Erkrankungen verantwortlich sind (Cruwys et al., 2014, S. 215; Dohrenwend, 2000, S. 15; Monroe, Slavich & Georgiades, 2009, S. 342).

Vor dem Hintergrund des Ansatzes zur sozialen Identität (Tajfel & Turner, 1979) leiten Cruwys, Haslam, Dingle, Haslam und Jetten (2014, S. 219) insgesamt sechs Hypothesen zu depressiven Störungen ab, von denen für die vorliegende Untersuchung insbesondere drei relevant erscheinen. Diese thematisieren die im Zusammenhang mit dem Werther-Effekt angesprochenen Identifikationsprozesse im medialen Kontext (Hypothese: Die Identifikation mit bedeutsamen sozialen Gruppen verringert den Schweregrad einer Depression), den Einfluss sozialer Zugehörigkeit (Hypothese: Der positive Einfluss von sozialer Zugehörigkeit entfaltet sich in Abhängigkeit subjektiver bzw. gruppenspezifischer Normen) und dem Primat subjektiver Vorstellungen im Zusammenhang mit Depressionen (Hypothese: Subjektive Vorstellungen von sozialen Beziehungen sind bessere Prädiktoren von Depressionen als objektive Indikatoren). Demnach dürfte die Identifikation mit relevanten sozialen Gruppen und deren sozialen Norm- und Wertvorstellungen nicht nur die Depression abmildern, sondern auch dazu beitragen, die subjektive Wahrnehmung positiv zu verändern und damit die Suizidgefahr zu reduzieren. Diese Vorstellung deckt sich mit der Auffassung, dass Depressionen grundsätzlich durch soziale Faktoren beeinflusst werden können, und zeigt auf, wie mediale Einflüsse abhängig vom Schweregrad der Depression auf die Suizidalität einwirken können.

Die wichtigsten Einflussvariablen und Mechanismen, die grundsätzlich die Interaktion von Medien und Depression bedingen (vgl. Primack, Swanier, Georgiopoulos, Land & Fine, 2009) und sich dadurch für die Erklärung individueller Suizidalität eignen, sollen nun aufgezeigt werden. Die Darstellung folgt der Aufteilung von Böhm (09.02.2012, S. 50–58), die diese nach internen (Persönlichkeitseigenschaften, kognitive Schemata, Coping-Strategien) und externen Faktoren (soziales Umfeld, Lebensereignisse) für Depressionen unterscheidet.

 
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