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4.2 Rezeption und Wahrnehmung von Medieninhalten im Kontext von Depressionen

Depressionen können die selektive Wahrnehmung negativer Objektmerkmale fördern, die wiederum auf die Gesamtwahrnehmung abfärben kann (Parkinson et al., 2000, S. 116). Anders formuliert, führt eine positive Stimmung dazu, dass bedeutungsinkongruente Objektmerkmale auch ausgeblendet werden können, während Depressionen dies tendenziell verhindern. Damit sind prinzipiell die beiden Hauptpositionen in der wissenschaftlichen Diskussion über die Wahrnehmung im Kontext von Depressionen angesprochen, die von einem depressionsbedingten „negativity bias“ (Beck, Rush, Shaw & Emery, 1979) bei der Umweltwahrnehmung oder aber einem „depressive realism“ (Alloy & Abramson, 1979; Moore & Fresco, 2012) ausgehen. In beiden Fällen können Depressionen dazu beitragen, dass Medieninhalte verzerrt wahrgenommen werden, woraus verschiedene Medienwirkungen entstehen können (vgl. Scherr & Reinemann, 2011). So kann die Darstellung von Gesundheitsrisiken in den Medien (z.B. das individuelle Risiko, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu werden, durch Suizid zu sterben, aufgrund psychischer Störungen sozial ausgegrenzt zu werden) aufgrund der depressionsbedingten, negativ verzerrten Wahrnehmung die Hoffnungslosigkeit bzw. Aussichtslosigkeit der eigenen Situation, der eigenen Person und der eigenen Zukunft („kognitive Triade“) unterstützen. Damit würde eine depressionsbedingt negativ verzerrte Medienwahrnehmung dazu beitragen, die Depression aufrechtzuerhalten oder sogar zu verschlimmern. Alternativ ist es denkbar, dass entsprechend der Hypothese des „depressive realism“ depressive Personen ihr individuelles Gesundheitsrisiko und Gefahren realistischer einschätzen, weil sie die medial beschriebenen Ursachen der Gefahren in geringerem Umfang externen Ursachen zuschreiben, sondern verstärkt auf sich selbst beziehen. Daraus können sich gerade bei diesen Mediennutzern auch protektive Medienwirkungen ergeben.

Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass sich Depressionen auf den Informationsverarbeitungsprozess selbst auswirken und dabei nicht nur die wahrgenommene Valenz eines Umweltreizes tangieren, sondern dazu führen, dass sich die Aufmerksamkeit insgesamt verstärkt auf die eigene Person ausrichtet (Parkinson et al., 2000, S. 117). Dies manifestiert sich beispielsweise darin, dass Depressive häufiger über ihre eigenen Schmerzen, Krankheiten und andere körperliche Probleme klagen. Dafür kann freilich auch ein Hang zur Übergeneralisierung und Übertreibung, der bei Depressiven häufig beobachtet wird, verantwortlich sein, oder auch der Einfluss von Depressionen auf die Erinnerung. Depressive dürften in den Medien außerdem insgesamt mehr negative als positive Informationen wahrnehmen, weil Menschen nicht nur insgesamt mehr Zeit mit der Verarbeitung stimmungskongruenter Informationen verbringen, sondern sich auch vorzugsweise stimmungskongruenten Informationen zuwenden. So beeinflussen depressive Störungen auch automatisch ablaufende Wahrnehmungen, indem sie „die Wahrnehmungsschwelle für bewertungskonsistente Informationen senken“ (Parkinson et al., 2000, S. 119) und damit die Aufmerksamkeit gegenüber solchen Umweltreizen erhöhen. Depressionen können sich also „verzerrend auf die Wahrnehmung und auf die Erinnerung von bewertungskonsistenten Ereignissen auswirk[en]“ (Parkinson et al., 2000, S. 121). Positiv gestimmte Menschen richten ihre Aufmerksamkeit eher auf positive Umweltreize und erinnern sich auch besser an solche Ereignisse in der Vergangenheit. Dabei unterschätzen positiv gestimmte Menschen oft ihr persönliches Risiko sowie Gefahren in der Gegenwart. Im Gegensatz dazu fördern Depressionen die Wahrnehmung fehlender Kontrollmöglichkeiten sowie von Gefahren und Risiken für die eigene Person (Neurotizismus; vgl. Kapitel 5.1), insbesondere dann, wenn auch deren Folgen die eigene Person betreffen. Diese Beobachtungen variieren allerdings vermutlich mit dem Schweregrad einer Depression (Parkinson et al., 2000, S. 118; Swann, Wenzlaff, Krull & Pelham, 1992, S. 296). In der angesprochenen Studie (Swann et al., 1992) bevorzugten etwa leicht depressive Untersuchungsteilnehmer kongruent-negative Informationen (was einem eudaimonischen Nutzungsmotiv entspricht) gegenüber inkongruent-positiven Informationen über die eigene Person (was einer hedonistischen Nutzung entsprechen würde), um vermeintlich ehrlichere Informationen über sich (und ihre Probleme) zu erhalten, mit denen sie ihre Erkrankung schließlich überwinden können. [1] In eine ähnliche Richtung weisen letztlich auch die Befunde in Kapitel 4.1.1 zu emotionalen Gratifikationen.

Im Zusammenhang mit Depressionen verlaufen dann Kausalattributionen außerdem in umgekehrter Richtung wie bei gesunden Menschen: So machen sich Depressive für Fehler häufiger selbst verantwortlich, bestärken sich in den negativen Urteilen über die eigene Person und zeigen nicht den für gesunde Menschen typischen „self-serving bias“, bei dem Fehler vor allem auf externe Ursachen und Positives auf die eigene Person zurückgeführt werden. Diez-Alegría, Vázquez, Nieto-Moreno, Valiente und Fuentenebro (2006) differenzieren diese Tendenz (Negatives stärker der eigenen Person zuzuschreiben, Positives den äußeren Bedingungen) dahingehend, dass der Gesamteffekt im Zusammenhang mit Depressionen vor allem durch die Fehlerzuschreibung an die eigene Person zum Tragen kommt, während die Zuschreibungen an externe Umstände bei Depressiven und NichtDepressiven etwa gleich häufig vorkommt. Dies lässt sich als weiteres Indiz für die ausgeprägte Selbstbezogenheit im Kontext von Depressionen deuten. So resümieren Parkinson, Totterdell, Briner und Reynolds (2000, S. 133–134), dass depressive Stimmungen stimmungskongruente Erinnerungen befördern und dazu beitragen, dass sich die Wahrnehmung besonders auf die negativen Aspekte fokussiert. Dabei dürften die Effekte depressiver Stimmungen uneinheitlicher sein als bei angenehmen Stimmungen, weil sowohl eine Stimmungsregulation als auch eine Veränderung der Situation (je nach tatsächlich verfügbaren bzw. wahrgenommenen Ressourcen) möglich ist, wobei die Ansatzpunkte selbst wiederum stimmungsabhängig sind.

Diese vorwiegend klinischen Einschätzungen decken sich weitgehend mit den kommunikationswissenschaftlichen Befunden, die vorwiegend anhand nichtklinischer Stichproben ermittelt wurden. Konijn, van der Molen und van Nes (2009) liefern beispielsweise einen interessanten Beleg für die Relevanz des Zusammenspiels von Emotionen und Kognitionen im Kontext audiovisueller Medien: Den Ausgangspunkt der Studie bildet die Frage, warum manche Zuschauer fiktionale Medieninhalte bis zu einem gewissen Grad als realistisch betrachten bzw. warum sie ihnen einen ähnlich hohen Informationswert wie non-fiktionalen Medieninhalten zuschreiben (trotz des Wissens, dass es sich um Fiktion handelt). Der Studie zufolge führen negative Emotionen der Zuschauer dazu, fiktionale Medienstimuli für realistischer zu halten. Als Erklärung wird angeführt, dass Emotionen die Informationsverarbeitung bei der Medienrezeption verzerren können (Forgas, 1995; Konijn et al., 2009, S. 312; Nabi, 2003) sowie auf die Erinnerung an die verarbeitete Information (Brosius, 1993; Zillmann, Knobloch & Yu, 2001) und die Einschätzung des Realitätsgrades der verarbeiteten Information (Prentice & Gerrig, 1999, S. 544) einwirken (Kühne, 2013, S. 7; Wirth & Schramm, 2005, S. 20–24). Schließlich wurde bereits im Rahmen des multifaktoriellen Depressionsmodells (vgl. Kapitel 2.2.4) darauf hingewiesen, dass Depressionen dazu führen können, alltägliche Automatismen (z.B. der Umgang mit bestimmten Medieninhalten) durch (weniger differenzierte) affektive Reaktionen zu ersetzen.

Abschließend werden hier noch die emotionalen Einflüsse auf die Informationsverarbeitung im Zusammenhang mit Depressionen angesprochen. Parallelen zu vergangenen Erlebnissen können auf die Informationsverarbeitung abfärben und den Umgang mit Medieninhalten beeinflussen. Depressionen sind dann dafür verantwortlich, dass reale und mediale Emotionen (Mangold & Bartsch, 2012) aufeinanderprallen. Dadurch findet möglicherweise eine sonst überwiegend im Alltag vorkommende Emotionsinduktion im Zusammenhang mit Depressionen auch verstärkt im medialen Kontext statt. Eine Ursache dafür kann die größere persönliche Betroffenheit sein, die durch die Kombination aus dem realen erinnerten und dem medial rezipierten Ereignis entsteht. Gleichzeitig können etwa empathische Emotionsreaktionen schwächer ausfallen, weil die Empathie gegenüber Medienfiguren im Gefühl der Gefühllosigkeit einer Depression verschwindet und die dafür wichtige Perspektivübernahme mit einem für Depressionen zu hohen kognitiven Aufwand verbunden ist. Ferner können im Medienkontext durch emotionale Ansteckung Emotionen entstehen. Die verschiedenen angesprochenen Formen emotionalen Copings (vgl. Wirth & Schramm, 2007, S. 172–174) tragen allerdings dazu bei, dass im Medienkontext oft nur schwache emotionale Ansteckungseffekte beobachtet werden. Sind allerdings die Coping-Strategien im Rahmen einer Depression eingeschränkt, können im medialen Kontext auch durch emotionale Ansteckung messbare emotionale Medienwirkungen entstehen. Bartsch und Oliver (2011) unterscheiden zwischen Gefühlen und Emotionen bei der Mediennutzung (Bartsch & Oliver, 2011, S. 13), wobei sie sich der Einschätzung Chupnik's (2011) anschließen, dass Gefühle („feelings“) eher ein flüchtiger Zustand der Freude, des Interesses und der Erregung bei der Mediennutzung sind. Die Gefühlszustände werden dadurch hervorgerufen, dass aus den oberflächlichen Bedeutungsstrukturen der Medieninhalte mithilfe kognitiver Schemata mentale Repräsentationen der eigenen Bedürfnisse und Wünsche werden (Bartsch & Oliver, 2011, S. 13). Emotionen werden dagegen eher mit einer profunderen Informationsverarbeitung in Verbindung gebracht, bei der Medieninhalte mit den eigenen Lebenserfahrungen verknüpft werden (Bartsch & Oliver, 2011, S. 13). Dadurch können beispielsweise „für das eigene Leben wichtige Werte salient“ (Wirth, 2013, S. 239) werden, so dass die Unterhaltung durch die Medien mehr ist als ein kurzweiliges Vergnügen. Für eine profunde Informationsverarbeitung spielt die einem Medieninhalt persönlich zugeschriebene Relevanz eine wichtige Rolle: Als relevant angesehene Medieninhalte rufen mit größerer Wahrscheinlichkeit letztlich Emotionen hervor. Dementsprechend dürften Medieninhalte abhängig vom Depressionsgrad jeweils unterschiedlich stark negativ gefärbt wahrgenommen, auf die eigene Person bezogen und bei der Rezeption mit eigenen Erinnerungen verknüpft werden. Je schwerer die Depression, desto intensiver dürften diese Prozesse stattfinden. Die Relevanz fiktionaler Medieninhalte wird allerdings häufig angezweifelt. Dabei geht es um die Frage, inwiefern solchen Medieninhalten überhaupt eine persönliche Relevanz zukommt (Bartsch & Oliver, 2011, S. 14). Allerdings können fiktionale Medieninhalte Erinnerungen hervorrufen, durch die sie an persönlicher Relevanz gewinnen (Cupchik, 2011), weil sie eine Vielzahl an mentalen Anknüpfungspunkten und Parallelen zum Leben der Rezipienten bieten. Vor dem Hintergrund weiterer Prozesse wie beispielsweise einer Perspektivenübernahme („perspektive-taking“), der Identifikation oder der parasozialen Interaktionen mit Medienfiguren können die zugeschriebene Relevanz fiktionaler Medieninhalte und damit auch die hervorgerufenen Emotionen prinzipiell sogar noch höher sein als bei non-fiktionalen Inhalten (Bartsch & Oliver, 2011). Mit zunehmendem Schweregrad einer Depression dürften sich diese Prozesse verändern, weil etwa die Selbstfokussierung und Rumination stärker ausgeprägt oder aber Perspektivübernahmen und parasoziale Interaktionen mit zu hohem kognitiven Aufwand verbunden sind. Das Aktivitätsniveau, das bei der Medienzuwendung vonnöten ist, kann dementsprechend ein zusätzlicher wichtiger Moderator sein.

  • [1] Swann diskutiert unter anderem diesen Befund vor dem Hintergrund umfangreicherer Forschungsbemühungen zur „self-verification“. Dies geht in eine ähnliche Richtung wie die „MoodAdjustment-Theorie“ (Knobloch, 2003).
 
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