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4.1.3 Motive zur Mediennutzung im Kontext von Depressionen

Im Rahmen der propositionalen Meta-Analyse relevanter Literatur zu Mediennutzung und Depressionen wurden spezifische Motive zur Mediennutzung nicht miterfasst. Sie sollen daher an dieser Stelle narrativ aufgearbeitet werden. Comer (2008, S. 242) gibt einen aufschlussreichen Überblick über verschiedene Aktivitäten zur Verbesserung der eigenen Stimmungslage. Als einzige medienbezogene Tätigkeit rangiert in der Studie „Musik hören“ auf dem zweiten Platz (nach Beliebtheit sortierte Tätigkeiten; Platz 1: Gespräch mit Freunden oder Familienmitgliedern). Kritisch ist daran allerdings anzumerken, dass nahezu ausschließlich Tätigkeiten abgefragt wurden, die ein Mindestmaß an Aktivität erfordern (z.B. essen, baden/duschen; vgl. Comer, 2008, S. 242), das im Falle von Depressionen bereits nicht mehr vorhanden sein kann. Die Studie unterschätzt daher vermutlich den Stellenwert einer differenzierter erhobenen Mediennutzung. Gleichwohl fragen viele Studien nach der Motivation zur Nutzung bestimmter Musik im Zusammenhang mit Depressionen. Dies erscheint insofern plausibel, als Musik emotional wirksam werden kann, ohne gleichzeitig Kognitionen zu beeinflussen. Gerade vor dem Hintergrund der kognitiven Symptome einer Depression ist Musik demnach besonders zur Emotionsregulation geeignet. Wilhelm, Gillis, Schubert und Whittle (2013, S. 4) zeigen beispielsweise, dass die Motivation zur Musiknutzung bei Depressionen nicht nur in der Absicht zur Veränderung der eigenen Gefühle liegt, sondern auch darin besteht, eigene Emotionen auszudrücken zu reflektieren. Diese Befunde sprechen also für Nutzungsmotive, die auf Meta-Emotionen fokussieren. Bei nicht-depressiven Teilnehmern waren diese Motive deutlich schwächer ausgeprägt. In eine ähnliche Richtung weisen die Befunde von Thomson, Reece und Di Benedetto (2014, S. 156), die ebenfalls die Motive zur Musiknutzung im Kontext von Depressionen untersuchten. Die Studie belegt einen positiven moderaten Zusammenhang zwischen einer stimmungskonformen Musiknutzung und Depressionen (Motiv „Discharge“; r = .25, p < .01) und gleichzeitig einen negativen moderaten Zusammenhang zwischen einer stimmungsaufhellenden Musiknutzung und Depressionen (Motiv „Entertainment“; r = –.28, p < .01). Canary und Spitzberg (1993) differenzieren zwischen situationaler und chronischer Einsamkeit und untersuchen deren Auswirkungen auf die Mediennutzung. Das Verständnis von chronischer Einsamkeit zeigt viele Parallelen zu einer klinischen Depression (Mehrdimensionalität des Phänomens, Dysfunktionalität für Betroffene, spezifischer Attributionsstil; Canary & Spitzberg, 1993, S. 803), wenngleich Depressivität als eine Begleiterscheinung von Einsamkeit verstanden wird (Canary & Spitzberg, 1993, S. 804). Die Studie geht davon aus, dass chronische Einsamkeit insgesamt mit geringeren Gratifikationen einhergeht, die aus der Mediennutzung erwachsen. Die Studie differenziert zwei Cluster medienbezogener Gratifikationen (Cluster „surveillance“: Informationen über Politik, Aktuelles, die eigene Person; Cluster „escape“: Alltagsflucht, Überwinden von Einsamkeit, Ablenkung, Unterhaltung), die mit verschiedenen Mediengattungen unterschiedlich stark assoziiert sind. Die Befunde sprechen dafür, dass chronisch einsame Personen sowohl Zeitungen und Zeitschriften als auch interpersonaler Kommunikation mit Freunden und Familienmitgliedern, Büchern, Filmen und Musik eher absprechen, die Gratifikation „surveillance“ zu bedienen. Chronisch einsame Personen gaben ferner im Gegensatz zu nicht einsamen Personen an, dass Zeitungen und interpersonale Kommunikation deutlich weniger zur Erfüllung der Gratifikation „escape“ geeignet sind (Canary & Spitzberg, 1993, S. 808–809). In einer weiteren Studie bestätigt sich zudem, dass verschiedene Gratifikationen mithilfe von Medien in der Wahrnehmung Depressiver weniger gut erreicht werden können. In eine ähnliche Richtung deuten auch die Befunde von Shepherd und Edelmann (2005, S. 955), die zeigen, dass Depressionen nicht mit verschiedenen Strategien bei der Nutzung des Internets zum Ausgleich sozialer Phobien zusammenhängen.

Am Beispiel von Suizidforen wird jedoch deutlich, dass bestimmte Motive zur Mediennutzung im Zusammenhang mit Depressionen erwachsen können. Baker und Fortune (2008) belegen in ihrer qualitativ angelegten Studie (Tiefeninterviews mit 10 aktiven Forenteilnehmern) zur Nutzung von Internetseiten mit Bezug zum Thema Suizid oder absichtlicher Selbstverletzung, dass die Suizidwebsites aus Sicht der Nutzer in erster Linie soziale Funktionen erfüllen und zur Problembewältigung beitragen. Die Befragten waren bis auf eine Person allesamt Frauen im Alter von 18 bis 33 Jahren und nutzten Suizidwebsites mindestens mehrmals pro Woche, zum Großteil sogar täglich. Die Aussagen der Studienteilnehmer verweisen explizit auf emotionale und informationsbezogene Nutzungsmotive, die von den Suizidwebsites bedient werden. Diese Websites bieten eine Plattform, auf der sich Gleichgesinnte zum Informationsaustausch treffen oder sich gegenseitig unterstützen (2008, S. 120). Sie vermitteln zudem Zugehörigkeit, Verständnis und Mitgefühl. Wright et al. (2013) schreiben der Nutzung sozialer Netzwerke positive Folgen zu. Gleichzeitig stellt die Studie eine positive Korrelation zwischen dem Umfang der Nutzung von Facebook und dem Depressionsgrad fest. Die Autoren betonen daher die Differenzierung der Mediennutzung nach verschiedenen Motiven im Kontext von Depressionen. So kann sich beispielsweise der Ersatz sozialer Kontakte durch die verstärkte Nutzung von Facebook auch negativ auf Depressionen auswirken, selbst wenn die dort erfahrene soziale Unterstützung an sich Depressionen mildert. Fu, Wong und Yip (2010, S. 1247) zeigen anhand einer Auswertung des Suchverhaltens im Internet, dass Personen, die nach Informationen zu Depressionen suchen, im Vergleich zu anderen Suchanfragen besonders motiviert sind. [1] Die Motivation hinter den Anfragen bezieht sich dabei vor allem auf allgemeine Informationen zu Depressionen (19% der Anfragen), Informationen zu ihrer Erkennung und Behandlung (16–18%), andere Störungen, die im Zusammenhang mit Depressionen vorkommen (6–7%), altersbzw. geschlechtsspezifische Informationen zur Krankheit (5%) und Anfragen zum Thema Suizid (1%). Die Befunde deuten insgesamt auf den positiven Einfluss des Internets auf die Krankheit und den Krankheitsverlauf hin, worauf insbesondere die häufige Suche nach Behandlungsmöglichkeiten und Symptomen hinweist. Allerdings indizieren die niedrigen Click-Through-Raten, dass eine Hauptmotivation vermutlich in der überblicksartigen Informationssuche anstatt in spezifischeren Suchanfragen bestand. Der Stellenwert von Suchanfragen dürfte außerdem in Zeiten von Web-2.0-Anwendungen – insbesondere aufgrund der wahrgenommenen höheren Informationsqualität bei Suchmaschinen und Bedenken hinsichtlich der Privatsphäre bei sensiblen Themen – als hoch eingeschätzt werden (Choudhury, Morris & White, 2014).

Insgesamt lässt sich für die Forschung zu Depressionen und Mediennutzung postulieren, dass diese in den letzten Jahren stärker die Komplexität der Zusammenhänge in den Blick nimmt. So wird beispielsweise soziale „offline“Unterstützung als wichtiger Mediator zwischen Depression und Mediennutzung erkannt (McKenna, Green & Gleason, 2002; Wright et al., 2013, S. 46) und nicht mehr isoliert betrachtet. Fehlt die soziale Unterstützung im echten Leben oder reduziert sich diese durch eine exzessive Mediennutzung, können bestimmte Medieninhalte zwar dazu beitragen, diese Defizite medial zu kompensieren, gleichzeitig die realen Copingbzw. Unterstützungsmechanismen jedoch weiter geschwächt werden (Ellison, Steinfield & Lampe, 2007; Kraut et al., 1998, S. 1026). So zeigen etwa LaRose, Lin und Eastin (2003, S. 238), dass sich Depressionen indirekt über defizitäre Selbst-Regulationsmechanismen positiv auf die Intensität der Internutzung auswirken. Dabei können die defizitären Selbst-Regulationsmechanismen die Herausbildung habitualisierter Mediennutzungsmuster begünstigen, die zusätzlich zu einer Erhöhung der Gesamtnutzungsdauer von Medien beitragen. Befunde, wonach eine höhere Internetnutzungsdauer mit höherer Depression und Einsamkeit einhergeht, sind Beispiele für inhaltsdiffuse Medienwirkungen (Kraut et al., 1998; Kraut et al., 2002; LaRose et al., 2003). Spezifische Medieninhalte spielten bei der Einordnung der Befunde keine besondere Rolle, der Bezug zu den Inhalten wird vielmehr indirekt über die Nutzung eines bestimmten Mediums hergestellt (Rice & Atkin, 2009, S. 460). Man kann davon ausgehen, dass Medienwirkungen im Kontext von Depressionen und Suizidalität auf besonders enge Weise mit der eigenen Person, individuellen Prädispositionen und dem persönlichen Umfeld verbunden sind. Dadurch erscheinen Medieninhalte, die einen Bezug zu diesen assoziativkognitiven Gedankenstrukturen herstellen, auch individuell besonders relevant.

  • [1] Die Studie gibt keinen detaillierten Aufschluss über die Vorgehensweise, argumentiert allerdings auf Basis von sogenannten „click through rates“ auf Suchergebnisseiten.
 
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