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3.3.6 Theoretische Integration durch die Theory of Planned Behavior

Neuere ätiologische Modelle zur Suizidalität (vgl. Kapitel 2.1.2; darin insbesondere Abbildung 4) haben bereits auf die theoretischen Parallelen zur Theory of Planned Behavior (TPB) (Ajzen, 1991; Rossmann, 2011) zur Erklärung suizidaler Verhaltensweisen hingewiesen, die nun näher betrachtet werden sollen. Beide Modelle sind grundsätzlich sehr gut geeignet, menschliches Verhalten zu veranschaulichen. LaRose (2009, S. 25–26) diskutiert vier wichtige Parallelen zwischen der sozialkognitiven Theorie (SCT) nach Bandura und der TPB. Erstens zeigt sich eine deutliche Parallele zwischen den beiden Theorien hinsichtlich der „Ergebniserwartungen“ („outcome expectations“; SCT) bzw. „verhaltensspezifischen Vorstellungen“ („behavioral beliefs“; TPB). In beiden Modellvorstellungen können diese Elemente sowohl positiv als auch negativ konnotiert sein (z.B. mit dem Handy immer erreichbar zu sein), was ein breiteres Verhaltensspektrum erklären kann (LaRose, 2009, S. 25). Zweitens beinhalten die Modellvorstellungen einerseits eine Selbstwirksamkeitserwartung („self-efficacy“; SCT), andererseits eine wahrgenommene Verhaltenskontrolle („perceived behavioral control“; TPB). Beide Konstrukte bilden die verhaltensrelevante Vorstellung ab, eine Handlung tatsächlich kontrolliert ausführen zu können, weil die körperliche bzw. kognitive Befähigung dazu existiert. Diese Vorstellung beeinflusst letztlich die Intention zu einer Handlung (LaRose, 2009, S. 25). „Selfefficacy“ betont dabei stärker den Aspekt der Fähigkeit, eine Handlung mit dem gewünschten Resultat auszuführen, während „perceived behavioral control“ tatsächlich stärker auf die Kontrolle von u.a. äußeren Umständen abzielt. Es sind also auch Konstellationen niedriger wahrgenommener Verhaltenskontrolle bei gleichzeitig hoher Selbstwirksamkeitserwartung denkbar (z.B. bei der Absicht, durch Suizid im öffentlichen Raum zu sterben). Daher erscheint es sinnvoll, die Konstrukte komplementär zueinander zu verstehen (LaRose, 2009, S. 25). Drittens kommen in beiden Modellen soziale Normvorstellungen zum Tragen. In der TPB ist von „social pressure“ die Rede, in der SCT findet sich die bereits angesprochene Selbstregulation als wichtiger Baustein. Normvorstellungen sind allerdings nur schwach mit Verhaltensintentionen und tatsächlichem Verhalten verbunden (vgl. Rossmann, 2011, S. 69). Sie stehen darüber hinaus in engem Bezug zur eigenen Verhaltenskontrolle und Selbstbeobachtung, wie zuvor bereits die Enthemmungsthese von Verhalten in der SCT anklingen ließ. Ein theoretischer Zusammenhang mit Depressionen und damit verknüpften Defiziten der Selbstregulation besteht insofern, als „norms act through self-regulation and deficient self-regulation may mediate their impact on behavioral intentions“ (LaRose, 2009, S. 26). Da viertens Defizite der Selbstregulation gleichzeitig mit der Stärke habitualisierter Handlungen verbunden sein können, bildet die Habitualisierung von Mediennutzungsverhalten eine weitere Überschneidung zwischen SCT und TPB. Dabei ist grundsätzlich zu fragen, inwiefern die beiden Ansätze überhaupt geeignet sind, nicht intendierte Handlungen zu erklären (Rossmann, 2011, S. 71). Allerdings sollte es auch für später habitualisiertes Mediennutzungsverhalten irgendwann intendierte Beweggründe gegeben haben. Dementsprechend ist die Anwendung der theoretischen Modellvorstellungen zulässig. Ein Beispiel dafür wurde bereits angeführt, nämlich wenn Mediennutzung im Zusammenhang mit Depressionen adaptiv zur Stimmungsregulierung eingesetzt wird und sich dieses Mediennutzungsverhalten im Zeitverlauf habitualisiert.

 
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