Desktop-Version

Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Depression – Medien – Suizid

< Zurück   INHALT   Weiter >

3.3.5 Sozialkognitive Theorie

Zunächst bezeichnete Bandura seinen Ansatz als soziale Lerntheorie (Bandura, 1976, 1978), später wurde der Begriff durch sozialkognitive Theorie abgelöst, da Kognitionsprozesse im Lernprozess stärker betont wurden (Bandura, 1991, 2009). Bandura (1977) postuliert, dass Menschen Verhalten über die Beobachtung anderer bewusst erlernen können, und liefert damit einen weitreichenden Erklärungsansatz für menschliches Handeln – einschließlich Suizidclustern. Die Handlungsvorlage kann verschiedenen Bereichen entstammen (Bandura, 1977, S. 203), also der persönlichen Erfahrung, einer Gemeinschaftserfahrung oder den Medien. Die Ähnlichkeit zwischen Nachahmer und Modell fördert die Wahrscheinlichkeit der Handlungsnachahmung. Joiner (1999) formuliert beispielsweise im Rahmen der Homophilie-Hypothese, dass Personen mit suizidaler Vulnerabilität bereits vor dem Eintritt eines Schlüsselereignisses miteinander in Verbindung stehen und dass ein auslösendes Ereignis dann für alle zum gleichen Zeitpunkt das Suizidalitätsrisiko erhöhen kann, wenn protektive Faktoren (wie z.B. soziale Unterstützung) ausbleiben. Als Triebfeder assortativer Beziehungen sieht Joiner (1999, S. 91) den natürlichen Drang des Menschen, sich mit ähnlichen Menschen zu umgeben. Dies trifft nach Meinung von Joiner (1999, S. 91) auch für Personen zu, bei denen die folgenden Faktoren für Suizidalität ähnlich ausgeprägt sind: 1) ernstzunehmende negative Lebensereignisse als Risikofaktor für Suizidalität, 2) individuelle Risikofaktoren für Suizidalität (z.B. psychische Störungen, allen voran Depressionen), 3) soziale Unterstützung als protektiver Faktor für Suizidalität. Im Rahmen einer anspruchsvoll konzipierten Studie überprüfen Mesoudi und Jones (2009) diese Hypothese im Vergleich zum sozialen Lernen nach Bandura anhand einer Computersimulation, die auf einer agentenbasierten Modellierung aufbaute. Die Simulation spricht für die Bildung von Suizidclustern nach dem Prinzip des sozialen Lernens, während sich keine überzeugende Bestätigung für Joiner's Homophilie-Hypothese findet. Chotai (2005) knüpft eng an die Erklärung von Joiner (1999) an. Im Gegensatz zu Joiner löst sich Chotai (2005, S. 326) allerdings mit Verweis auf medieninduzierte Suizidanhäufungen vom Postulat der sozialen Nähe und stellt stattdessen die Ähnlichkeit ätiologischer Faktoren von Suizidalität bei Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten in den Mittelpunkt. Ähnliche Prädispositionen für Suizidalität erhöhen demnach das soziale Zugehörigkeitsgefühl zu in dieser Hinsicht ähnlichen Personen oder Personen, die als solche dargestellt werden. Daraus ergibt sich Chotai (2005) zufolge bei diesen Personen eine ähnliche Anfälligkeit für Medienwirkungen („assortative susceptibility“). Diese Vorstellung deckt sich weitgehend mit der Medienwirkungsvorstellung nach Valkenburg und Peter (2013) und umfasst auch die Befunde zur Rolle horizontaler und vertikaler Identifikationsprozesse im Rahmen von Nachahmungssuiziden.

Später differenziert Bandura sieben verschiedene Typen von Modelllernen aus (Bandura, 1986, S. 47–51). Vor allem die Enthemmungsthese („disinhibition“; Bandura, 1986, S. 49) eignet sich zur Erklärung von Nachahmungssuiziden (Jonas, 1992, S. 296). Die Grundlage für Beobachtunglernen bilden grundsätzlich vier kognitive Prozesse, die einerseits zum Erlernen und andererseits zum Ausführen einer Handlung beitragen (Aufmerksamkeit, Behalten, motorische Kontrolle, Motivation). Wichtig ist dabei, dass nicht jedes erlernte Verhalten auch tatsächlich gezeigt wird, da das Ausführen einer Handlung von einer Kombination aus individueller Motivation zu einer Handlung, der Zuschreibung funktionaler Werte an die Handlung und einem geringen Bestrafungsrisiko für die Handlung abhängt. Für die im Zusammenhang mit Beobachtungslernen wichtigen Aufmerksamkeitsprozesse sind vor allem die kognitiven Fähigkeiten des Beobachters ausschlaggebend sowie die Salienz des modellierten Verhaltens. Wiederholungen vor dem inneren Auge („rehearsal“) tragen dazu bei, dass die Handlungsrepräsentationen kognitiv zugänglich bleiben (= Behalten). Vom Abstraktionsgrad der Handlungsrepräsentanten hängt wiederum die motorische Kontrolle über das Verhalten ab: Auch ohne ein Verhalten selbst ausführen zu müssen, führen detailreiche, konkrete Vorstellungen von Handlungen dazu, dass diese erlernt werden. Die Motivation für die Ausführung einer Handlung ergibt sich aus den zu erwartenden, positiv bewerteten Konsequenzen oder aus positiven sozialen Reaktionen auf die Handlung (direkter bzw. externer Anreiz). Des Weiteren kann die Belohnung anderer für eine Handlung (stellvertretender Anreiz) dazu führen, dass diese Handlung umso wahrscheinlicher nachgeahmt wird oder aber dass persönliche Normen- und Wertvorstellungen die Ausführung einer Handlung begünstigen. Medial induzierte Suizidnachahmung verdeutlicht, dass die Ausführung suizidaler Verhaltensweisen weder räumlich noch zeitlich begrenzt ist. Nachahmungssuizide können entsprechend der Modellvorstellung von Bandura nach dem Kontakt mit einem medial dargestellten fiktionalen oder non-fiktionalen Suizidmodell an einem anderen Ort ausgeführt werden, sofern die notwendige Aufmerksamkeit für das Modellobjekt vorhanden war und die kognitiven Repräsentationen der Handlung nicht zu komplex sind. Weitere Faktoren, die die Nachahmung der Handlung begünstigen, sind dann die Wahrnehmung positiver Konsequenzen bzw. das Ausbleiben von Bestrafungen sowie entsprechende Normen- und Wertvorstellungen. Diese grundsätzlichen Überlegungen sind in der nachstehenden Abbildung 14 veranschaulicht.

Abbildung 14. Kernprozesse des Beobachtungslernens

Anmerkung. Darstellung nach Jonas und Brömer (2002, S. 283)

Für ein durch Beobachtung erlerntes Verhalten prognostiziert die Enthemmungsthese im Zusammenhang mit Suizidalität, dass dieses zukünftig mit höherer Wahrscheinlichkeit auftritt, weil „durch die Beobachtung Informationen über die Ausführbarkeit und soziale Konsequenzen des Verhaltens (z.B. Kritik, Sanktionen) vermittelt werden bzw. weil der Einfluss moralischer Normen abgeschwächt oder verstärkt wird“ (Jonas & Brömer, 2002, S. 280). Die Enthemmung von Verhalten wird durch die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten begünstigt, ein bestimmtes Verhalten auch tatsächlich ausführen zu können („self-efficacy“). Ebenso verstärken Belohnungen sowie das Ausbleiben negativer Folgen des Verhaltens die Enthemmung (Jonas & Brömer, 2002, S. 280). Andernfalls kommt es zum umgekehrten Effekt. Dies erklärt, warum Medienberichte, die beispielsweise Handlungsalternativen zum Suizid oder Anlaufstellen im Falle von Suizidgedanken geben, zu einem Papageno-Effekt führen können. Gerade bei jüngeren Personen sind im Vergleich zu Älteren die kognitiven Voraussetzungen für die Hemmung von Verhalten in der Regel noch weniger stark ausgeprägt (Insel & Gould, 2008, S. 294).

Da wichtige Prädispositionen von Suizidalität bei der Erforschung des WertherEffekts bisher weitgehend ausgeblendet wurden, kamen auch wichtige Theoriebausteine der sozialkognitiven Theorie bisher zu kurz. Basierend auf der Modellvorstellung von Suizidalität laufen wichtige Prozesse der sozialkognitiven Theorie vor dem Hintergrund individueller Vulnerabilitäten und auslösender Umstände bzw. Lebensereignisse ab. Zenere (2009, S. 13) beschreibt zudem Nähe als entscheidenden Faktor für Identifikationsprozesse: Es wird zwischen geografischer, psychologischer und sozialer Nähe zu anderen differenziert und dieser Faktor schließlich um individuelle Vulnerabilitäten ergänzt. Zur Gruppe mit dem größten Suizidrisiko zählen Zenere (2009, S. 13) zufolge diejenigen Personen, die einen Suizid und dessen Folgen persönlich erfahren haben (größte geografische Nähe), die eine persönliche Verbindung zum Suizidenten hatten (psychosoziale Nähe) und die selbst Vulnerabilitäten für Suizidalität (z.B. Depressionen, Hoffnungslosigkeit) aufweisen.

Die Beschreibung des Prozesses der Selbstregulierung innerhalb der „social cognitive theory“ liefert beispielsweise ein emotionales Erklärungsmodell für den Zusammenhang von Kognitionen, Emotionen und Depressionen (Bandura, 1991, S. 273–275). Die Erklärung schließt drei aufeinander aufbauende Prozesselemente ein: die Selbstbeobachtung, Selbstbewertung und Selbstreaktion. Die Grundlage der drei Prozesselemente ist „self-efficacy“, die Selbstwirksamkeitserwartung (Bandura, 1991, S. 257). Der Prozess der Selbstregulierung besteht aus 1) der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten anhand individueller Standards und 2) dem Abgleich dieser Fähigkeiten mit der Realität in verschiedenen sozialen Kontexten. Werden die Erwartungen an das eigene Handeln erfüllt, wirkt sich dies positiv auf die Selbstzufriedenheit und den Selbstwert aus (andernfalls entsprechend negativ) und damit letztlich auf zukünftige Selbstregulierungsprozesse (Bandura, 1991, S. 273–274). Bandura verknüpft die Grundmechanismen der Selbstregulation mit typischen Eigenschaften einer Depressionserkrankung. Er nimmt an, dass durch Depressionen ausgelöste, kognitive Wahrnehmungsverzerrungen im Rahmen von Selbstbeobachtungsprozessen dazu führen, dass sich die Anzahl positiver Selbst-Evaluationen verringert, was einem Negativity Bias der depressiven Wahrnehmung und Erinnerung entspricht (Bandura, 1991, S. 274). Außerdem geht Bandura davon aus, dass depressive Personen an sich selbst (zu) hohe Maßstäbe anlegen, ihre Erfolge weniger akribisch registrieren als ihre Misserfolge und soziale Vergleichsprozesse anstreben, die systematisch zu ihren eigenen Ungunsten ausfallen (Bandura, 1991, S. 274). Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass Medienbeiträge, die Personen mit hohem Identifikationspotenzial fokussieren, eine größere Zahl an Nachahmungssuiziden nach sich ziehen als Medienbeiträge mit niedrigerem Identifikationspotenzial (Fu & Yip, 2009). Diese Befunde stehen im Einklang mit den Annahmen differentieller, vertikaler und horizontaler Identifikation (d.h. die Identifikation mit einer Person mit höherem bzw. vergleichbarem sozialen Status wie man selbst; Fu & Yip, 2009, S. 874). Der Prozess der Selbst-Evaluation wird bei depressiven Personen damit zu einer „Self-Devaluation“, die wiederum negative Emotionen mit sich bringt (Bandura, 1991, S. 274). Diese Emotionen können ihrerseits handlungsrelevant werden (Carver, 2006; Carver & Scheier, 1998). LaRose (2009) hebt den Stellenwert der sozialkognitiven Theorie bei der Auswahl von Medieninhalten hervor (vgl. LaRose & Eastin, 2004 speziell im Zusammenhang mit dem Internet) und betont vor allem das reziproke Zusammenspiel von Individuen, deren Verhalten(-serwartungen) und ihrer Umwelt, die gemeinsam dazu beitragen, dass Handlungen zustande kommen (LaRose, 2009, S. 10–11; LaRose & Eastin, 2004, S. 360). Da depressive Wahrnehmungsverzerrungen Selbstregulierungsprozesse stören können, besteht eine von LaRose (2009, S. 17) beschriebene Gefahr maladaptiver Medienselektion und nutzung. Depressiven gelingt demnach die Selbstregulierung des Mediennutzungsverhaltens aufgrund ihrer defizitären Selbstbeobachtung und verzerrten Realitätseinschätzungen schlechter als nicht Depressiven. Dies kann beispielsweise dazu führen, dass sich Depressive nicht von Medieninhalten abwenden, die für sie mit negativen Folgen einhergehen, beispielsweise solchen, die soziale Vergleiche mit sich bringen, durch die der eigene Selbstwert weiter abnimmt, oder suizidbezogene Medieninhalte. Ebenso kann eine defizitäre Selbstregulierung bei Depressiven dazu führen, dass diese ihr (habitualisiertes oder sogar suchtartiges) Mediennutzungsverhalten beibehalten, obwohl stattdessen die Pflege sozialer Kontakte eine positive Wirkung auf den Krankheitsverlauf hätte (Kubey & Czikszentmihalyi, 2002; LaRose, 2009, S. 18). LaRose (2009, S. 18) schließt mit Verweis auf Bandura (1999) nicht aus, dass eine defizitäre Selbstregulation im Kontext von Depressionen sogar zu handfesten Lebenskrisen führen. Die Autoren sprechen daher von selbstzerstörerischer Mediennutzung (LaRose, 2009, S. 20; LaRose, Lin & Eastin, 2003, S. 233). Um dies auszugleichen, können positive Medienwirkungen wie etwa eine Stimmungsregulierung zum Positiven angestrebt werden (Zillmann & Bryant, 1985, S. 186). Im Falle von Depressionen kann dies zu einer exzessiven und auch habitualisierten Mediennutzung beitragen. Daraus ergeben sich wiederum potenziell negative Folgen, wie beispielsweise soziale Isolation, wodurch sich die depressive Symptomatik verstärkt (LaRose et al., 2003, S. 233). Daher weisen LaRose, Lin und Eastin (2003, S. 233) darauf hin, dass Mediennutzungsmotive wie „Langeweile verhindern“, „nicht einsam sein“ oder „sich die Zeit vertreiben“ im Falle von Depressionen als maladaptiv bewertet werden sollten. Im Gegensatz zu Diathese-StressModellen (Bandura, 1999, S. 215), bei denen individuelle Vulnerabilitäten im Zusammenspiel mit externen Stressoren wirksam werden, geht das Individuum in Banduras sozialkognitiver Theorie proaktiv mit Umwelteinflüssen um – Depressionen können dem allerdings im Weg stehen. Dies knüpft an die Kritik von Jonas und Brömer (2002, S. 294–295) an, die Banduras Modellvorstellung die „Illusion der Kontrollierbarkeit“ von Umwelteinflüssen attestieren und die Frage stellen, ob „hoch selbstwirksame Personen ad infinitum ihre Motivation steigern und ihre Zufriedenheit mit Leistungsergebnissen an immer höhere Standards knüpfen“.

Nabi und Clark (2008) differenzierten die SCT nach Bandura für fiktionale Mediendarstellungen, deren Dramaturgie sehr negative Folgen einer Handlung (z.B. der Tod als das Ende einer fiktionalen Serienfigur) oftmals ausschließt. Die Studie zeigt gleichzeitig, dass die Auswirkungen eines fiktionalen Programms bei fehlenden Primärerfahrungen bezüglich einer dargestellten Handlung am stärksten waren. Bei Versuchspersonen ohne Primärerfahrungen führte die fiktionale Darstellung eines Verhaltens mit negativen individuellen Folgen dazu, dass sie unabhängig von der Valenz der Ergebniserwartungen ihre persönliche Wahrscheinlichkeit höher einschätzten, selbst eine ähnliche Handlung auszuführen. Da SCT am stärksten für Figuren zutrifft, mit denen sich die Zuschauer identifizieren, erscheint dieser Befund von eingeschränkter Relevanz, denn dazu müssten die Figuren, von denen die vermeintlich stärkste Modellwirkung auf das Publikum ausgehen, Handlungen mit negativen Folgen vollziehen. In der Medienrealität zeigen solche „Serienlieblinge“ allerdings häufiger Handlungen mit positiven individuellen Folgen (z.B. mit dem Rauchen aufzuhören) (Nabi & Clark, 2008, S. 424). Die Befunde von Schmidtke und Häfner (1986) belegen dagegen eine deutliche Wirkung, die von einem fiktionalen Handlungsmodell ausgeht, das als Hauptfigur und zentrales Identifikationsobjekt durch Suizid stirbt. Vor dem Hintergrund der Überlegungen von Nabi spricht dies dafür, die Relevanz des Durchbrechens von Genrekonventionen für starke Medienwirkungen beim Publikum noch näher zu untersuchen, zumal andere Studien in diesem Fall non-lineare Zusammenhänge postulieren (vgl. Hoffmann, 2007).

 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics