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3.3.4 Komplizierte Trauerreaktion

Die Konfrontation mit Suiziddarstellungen in den Medien kann insbesondere bei vulnerablen Personen eine komplizierte Trauerreaktion hervorrufen. Diese beschreibt den indirekten Effekt, bei dem ausgehend von der Konfrontation mit einem Suizid eine Depression induziert wird (oder bereits vorhandene Depressionen verstärkt werden), die wiederum dazu führt, dass die individuelle Suizidalität steigt (Johansson, Lindqvist & Eriksson, 2006). Die Erklärung beruht auf der Studie von Brent, Perper, Moritz, Allman, Schweers et al. (1993), welche die Auswirkungen eines Suizids innerhalb eines sozialen Netzes untersucht. Hierbei ist besonders der Befund interessant, dass eine erhöhte Suizidalität in den meisten Fällen mit einer erhöhten Depressivität einhergeht. Da Trauerreaktionen in ihrer Symptomatik einer Depression ähneln (Wagner, 2013, S. 20), kann der Erklärungsansatz prinzipiell bedacht werden. Die Erklärung von Nachahmungssuiziden als Trauerreaktion wurde auch bereits von Phillips und Carstensen (1986, S. 688) berücksichtigt, obwohl die Studie dafür keine empirische Bestätigung fand. [1] Gesonderte Auswertungen der Daten von Brent, Perper, Moritz, Allman, Schweers et al. (1993) liefern stichhaltige Argumente zur Beantwortung der Frage, ob Suizide eher Depressionen oder Trauerreaktionen nach sich ziehen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Reaktionen auf einen Suizidfall im Bekanntenkreis depressive Symptome und keine Trauerreaktionen ausdrücken (Brent, Perper, Moritz, Allman, Liotus et al., 1993). Auch eine aktuellere Studie spricht für diesen Befund (Keyes et al., 2014). Längsschnittanalysen im Abstand von drei Jahren zeigen außerdem, dass die Konfrontation mit dem Suizid einer bekannten Person langfristig nicht etwa die Suizidalität bei Freunden und Bekannten, wohl aber die Depressivität erhöht (Brent, Moritz, Bridge, Perper & Canobbio, 1996; Pitman, Osborn, King & Erlangsen, 2014).

  • [1] Skehan, Maple, Fisher und Sharrock (2013) zeichnen anhand qualitativer Interviews mit Hinterbliebenen eines Suizidfalls, Mitarbeitern von Hilfseinrichtungen für Suizide, Polizisten, Gerichtsmedizinern und Journalisten ein wesentlich facettenreicheres Bild davon, welche Bedeutung Medien im Umgang mit der eigenen Trauer haben können. Die Rolle der Medien im Umgang mit Trauerreaktionen, insbesondere infolge von Suiziden, erscheint vor dem Hintergrund dieser Studie bei Weitem noch nicht hinreichend beleuchtet worden zu sein.
 
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