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3.3.2 Imitation und Suggestion

Der Mechanismus entspricht der Hypothese, die der Pionierarbeit zum WertherEffekt zugrunde liegt (Phillips, 1974): Suizidberichte in Tageszeitungen üben eine suggestive Wirkung auf vulnerable Personen aus, die den publizierten Suizid nachahmen. Der Mechanismus beruht auf einer Vielzahl an Merkmalen der Suizidberichte, die den Werther-Effekt begünstigen (Sonneck et al., 1994, S. 456–457). Diese Merkmale können die wahrgenommene Ähnlichkeit zwischen der Suiziddarstellung in den Medien und den Nachahmern erhöhen und damit Identifikationsprozesse mit dem medialen Vorbild erleichtern (z.B. wenn ein Suizident in den Mediendarstellungen glorifiziert wird) oder dazu führen, dass der Suizid als Problemlösungsstrategie in Erwägung gezogen wird. Speziell für Personen, die bereits in psychiatrischer Behandlung gewesen sind, schätzen McKenzie et al. (2005) den Anteil von Nachahmungssuiziden an der Gesamtzahl an Suiziden auf 10%. Zahlreiche Studienbefunde sprechen zudem für die Imitationshypothese: So zeigten sich infolge von Medienberichten Häufungen ungewöhnlicher Suizidmethoden (Athanaselis, Stefanidou, Karakoukis & Koutselinis, 2002; Chan, Yip, Au & Lee, 2005; Chen, Chen, Gunnell & Yip, 2013; Greenberg & Strous, 2012; Hegerl, Koburger et al., 2013; Kunrath, Baumert & Ladwig, 2011; Ladwig et al., 2012; Marzuk, Tardiff, Hirsch et al., 1994; Marzuk, Tardiff & Leon, 1994; Simkin et al., 1995; Yoshioka et al., 2014) ebenso wie die kurze Dauer zwischen medialen Suiziddarstellungen und Anstiegen der Suizide in der Gesellschaft von ein bis zwei Wochen (Gould & Shaffer, 1986; Phillips, 1974; Phillips & Carstensen, 1986) und die beobachtbare DosisWirkungs-Beziehung zwischen dem Umfang der Medienberichterstattung und dem Anstieg der Suizide in der Gesellschaft (Etzersdorfer et al., 2004), aber auch das Ausbleiben von Nachahmungseffekten bei Veränderungen der Berichterstattung (Sonneck et al., 1994). Gleichwohl bleibt die offene Frage, ob tatsächlich Medienberichte einen stärkeren Effekt auf die Suizidalität haben als beispielsweise Depressionen und inwiefern Medienwirkungen auch dann Bestand haben, wenn etwa die Schwere der Depression kontrolliert wird (Abrutyn & Mueller, 2014, S. 213). Die Befundlage dazu ist trotz der langjährigen Forschung in diesem Bereich noch immer als defizitär einzustufen. Die Suggestionsthese trifft dabei nicht nur auf mediale, sondern auch auf interpersonale Suizid-Vorbilder zu. Abrutyn und Mueller (2014, S. 213) betonen, dass die bisherige Forschung vor allem auf Jugendliche fokussiert war, weil bei diesen die soziale Koorientierung am stärksten ist. Mithilfe von Longitudinaldaten konnten auch empirische Hinweise auf eine interpersonale Suggestion von Suizidalität erbracht werden (Niederkrotenthaler, Floderus, Alexanderson, Rasmussen & Mittendorfer-Rutz, 2012), bei denen allerdings individuelle Randbedingungen, wie etwa psychische Erkrankungen, nicht beobachtet wurden. Abrutyn und Mueller (2014) zeigen ferner, dass die Ähnlichkeit zu den Menschen, mit denen wir uns umgeben (Familie, Freunde), eine wichtige Voraussetzung für Suggestionsmechanismen für Suizidalität ist. Suizidversuche von Freunden entfalten bei Jugendlichen eine insgesamt größere Wirkung auf die Suizidgedanken und Suizidversuche zu einem späteren Zeitpunkt als Suizidversuche innerhalb der eigenen Familie (Abrutyn & Mueller, 2014, S. 220). Die Studie erklärt die suizidale Suggestionskraft, die von Familienmitgliedern ausgeht, mit der Ähnlichkeit zu diesen, während bei Jugendlichen die Suggestionskraft von Freunden wohl vor allem in Identifikationsprozessen liegen dürfte, die gerade im Vergleich zu Familienmitgliedern stark ausgeprägt sind (Abrutyn & Mueller, 2014, S. 224). Damit sind bereits zwei zentrale Mechanismen, die Ähnlichkeit zu Modellen und die Identifikation mit diesen angesprochen worden, die gerade bei Banduras sozialkognitiver Theorie zwei wichtige Faktoren darstellen. McKenzie et al. (2005, S. 478) schätzen, dass der Zeitraum, in dem Nachahmungssuizide beobachtet werden können, sich prinzipiell von unmittelbar nach dem Modell-Suizid bis zu zehn Monate danach erstrecken kann. In einer späteren Studie konkretisieren die Autoren diese Schätzung und ermittelten unter Gefängnisinsassen eine Höhe des Anteils von Nachahmungssuiziden von 5.8% (95% CI [1%, 11%]). Gleichwohl räumen die Autoren die Schwierigkeit ein, Suizidalität als Nachahmungshandlung zu erklären, da sich natürlich kaum direkte empirische Belege erbringen lassen (McKenzie & Keane, 2007, S. 539).

 
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