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3.3.1 Suizidale Infektion bzw. Ansteckung („contagion“)

Dem Mechanismus liegt die Annahme zugrunde, dass die direkte (z.B. im Bekanntenkreis) oder indirekte (medienvermittelte) Erfahrung von Suiziden weitere Suizide auslösen kann (zum Nachahmungshandeln vgl. grundsätzlich Wheeler (1966) und speziell zur Begrifflichkeit suizidaler Ansteckung [„suicide contagion“], vgl. Cheng, Li, Silenzio, Caine und Voracek (2014)). Der Annahme liegt wiederum das medizinische Verständnis von Infektionen zugrunde. Dementsprechend setzt diese Erklärung für Nachahmungssuizide 1) die grundsätzliche Empfänglichkeit der Person für Medienwirkungen (= Prädispositionen in Abbildung 13), 2) verschiedene Verbreitungswege (z.B. interpersonal oder medienvermittelt), 3) die Höhe der Infektionsgefahr (z.B. dass der Suizid eines Prominenten eine größere Ansteckungsgefahr in sich birgt als der Suizid einer nicht-prominenten Person) und 4) die Dosisabhängigkeit (z.B. die konsumierte Menge an Medienbeiträgen zu einem Suizidfall) voraus. Abrutyn und Mueller (2014) zeigen anhand von Längsschnittdaten zur Suizidalität von Jugendlichen, dass Suizidgedanken und -versuche gerade bei Mädchen tatsächlich von Suizidfällen im Freundes- und Verwandtenkreis beeinflusst werden können. Die Suggestionseffekte waren umso stärker, je größer die Vorbildfunktion des Suizidenten war, und nahmen mit der Zeit wieder ab. Aufgrund der hohen Komorbidität mit psychischen Störungen erscheinen hier auch emotionale Ansteckungseffekte relevant (Bastiampillai, Allison & Chan, 2013; Christakis & Fowler, 2013). Nanayakkara, Misch, Chang und Henry (2013) vergleichen die Konfrontation mit Suizidalität im Freundesoder Familienkreis hinsichtlich ihrer emotionalen Auswirkungen sogar mit einer schweren Depression. Außerdem ist seit geraumer Zeit bekannt, dass sich auch längerfristige affektive Zustände innerhalb von sozialen Netzwerken ausbreiten (Fowler & Christakis, 2008). Dies wurde in einem diskussionswerten Experiment auf Facebook aktuell repliziert (Kramer, Guillory & Hancock, 2014). Dabei wurde der News Feed von Facebook-Nutzern so modifiziert, dass die insgesamt 600.000 Versuchspersonen randomisiert mehr oder weniger positive Posts anderer Personen aus dem eigenen Netzwerk zu sehen bekamen. Die Studie zeigt, dass sich die Studienteilnehmer sowohl emotional (eine größere Anzahl positiver Posts im News Feed führte zu mehr positiven Posts und weniger negativen Posts und umgekehrt) als auch motivational (weniger Posts im News Feed führte zu weniger Aktivität im Online-Netzwerk) den Modifikationen der News Feeds anpassten (Kramer et al., 2014, S. 8789). Nicht zuletzt vor dem Hintergrund dieser Befunde bedeutet dies, dass sowohl Suizidalität als auch entsprechende Prädispositionen, wie beispielsweise affektive Störungen, sozialen Einflüssen ausgesetzt sind und durch diese beeinflusst werden können (Rosenquist, Fowler & Christakis, 2010). Beide Komponenten sollten daher auch in Untersuchungen zum Werther-Effekt berücksichtigt werden.

 
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