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3.2 Prädispositionen für Nachahmungssuizide

Eine aktuelle Übersicht über die wichtigsten Erklärungsansätze von Suizidclustern liefern Haw, Hawton, Niedzwiedz und Platt (2013). Sie fassen Prädispositionen und Mechanismen für Suizidcluster systematisch zusammen und fokussieren Suizidcluster im Rahmen einer Literaturstudie. Bisher haben Untersuchungen zum WertherEffekt diese Prädispositionen für eine individuell erhöhte Suizidalität (= Risikofaktoren) aufgrund der Makroperspektive nicht näher berücksichtigt und viele davon lassen sich tatsächlich nicht mithilfe von Aggregatdaten überprüfen. Gleichwohl können Prädispositionen für Suizidcluster wichtige Hinweise auf die individuellen Einflussstrukturen geben, die dafür verantwortlich sind, dass bestimmte Menschen für Nachahmungssuizide infolge von Medienbeiträgen vulnerabler sind (vgl. Lembach, 2011). Die wichtigsten Faktoren in diesem Zusammenhang sind in Tabelle 6 zusammengefasst und beziehen sich auf demografische Variablen, den familiären und persönlichen Hintergrund, einen möglichen psychiatrischen Hintergrund sowie weitere Vulnerabilitäten und Lebensereignisse. Insbesondere dem psychiatrischen Hintergrund, speziell Depressionen, soll im Rahmen der vorliegenden Arbeit später genauer nachgegangen werden.

Tabelle 6. Prädispositionen für Nachahmungssuizide und für Suizide bei Depression

Im Rahmen der Übersichtsarbeit (Haw et al., 2013, S. 99) werden die Prädispositionen zwar explizit auf Punktcluster bezogen, wie aber bereits dargelegt, erscheint auch eine Übertragung auf medieninduzierte Massensuizidcluster sinnvoll. Bei den Erklärungsmechanismen rekurriert die Arbeit ohnehin in erster Linie auf Massencluster, für die vor allem die folgenden theoretischen Erklärungen entwickelt worden sind (Haw et al., 2013, S. 101).

3.3 Erklärungsmechanismen für Nachahmungssuizide

Die Erklärung von Suiziden aus psychologischer Perspektive nimmt als ihren Ausgangspunkt in der Regel kognitive Funktionsstörungen, durch die Depressionen und Hoffnungslosigkeit begünstigt werden und mit denen wiederum Persönlichkeitsprobleme und Verlustängste einhergehen können, welche die Entscheidung zum Suizid begünstigen (Holmes & Holmes, 2005, S. 34). Die Auffassung, wonach kognitive Dysfunktionen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von Depressionen und Suizidalität eine zentrale Rolle spielen, wurde bereits von Aaron Beck vertreten und beeinflusst bis heute maßgeblich die Diagnose und Behandlung von Depressionen (vgl. Beck et al., 1975). Neuere Ansätze folgen diesem Grundgedanken und beschreiben den Weg zu einer erhöhten Suizidalität dann unter Betonung dominierender Denk- und Handlungsweisen (z.B. Flucht bei Baumeister (1990) oder Vohs und Baumeister (2002)). Haw, Hawton, Niedzwiedz und Platt (2013, S. 101) betonen, dass ein Großteil der Forschungsbefunde zu den Erklärungsmechanismen von Suizidclustern auf der Erforschung von Nachahmungssuiziden beruht, und gehen von mehreren, gleichzeitig stattfindenden Mechanismen aus. [1] Lester (1994, S. 83) attestiert von insgesamt 15 herausgegriffenen Ansätzen beispielsweise dem Ansatz von Beck, bei dem Suizidalität klar mit Depressionen verbunden ist, die beste Tauglichkeit zur Erklärung von Suizidfällen. Dabei reduziert er die theoretische Sichtweise von Beck auf zehn Kernaussagen, die noch einmal die bereits angesprochenen Verbindungslinien zwischen Suizidalität und Depressionen unterstreichen sollen (Lester, 1994, S. 83):

• Suizidalität steht in Zusammenhang mit Depressionen. Der Zusammenhang lässt sich mithilfe von Hoffnungslosigkeit erklären.

• Hoffnungslosigkeit lässt sich als negative Zukunftserwartungen operationalisieren.

• Suizidale Personen zeigen in der Regel Zukunftserwartungen, die negativ und unrealistisch verzerrt sind.

• Suizidale Personen zeigen oftmals ein negatives und unrealistisches Selbstbild.

• Suizidale Personen fühlen sich oftmals alleine, auch wenn diese Einschätzung unrealistisch ist.

• Die Kognitionen suizidaler Personen sind oftmals festgefahren, es wird nicht nach alternativen Erklärungen gesucht.

• Die Kognitionen suizidaler Personen laufen oftmals automatisch und unfreiwillig ab. Sie sind geprägt von Beharrlichkeit, Übergeneralisierungen, Überoder Untertreibungen, Ungenauigkeiten, selektiver Abstraktion und negativer Verzerrung.

• Die affektiven Reaktionen suizidaler Personen sind proportional zur Einschätzung einer Situation, unabhängig von deren tatsächlicher Beschaffenheit.

• Je stärker der empfundene Affekt (z.B. Traurigkeit, Wut, Angst, Euphorie), desto plausibler werden die damit assoziierten Kognitionen empfunden.

• Hoffnungslose suizidale Personen, die den damit verbundenen, empfundenen Schmerz nicht mehr ertragen wollen, entwickeln das Verlangen, dem zu entkommen („desire to escape“). Der Tod erscheint dann erstrebenswerter als das Leben.

Neben dem Verlangen, dem Leben zu entfliehen, existieren zahlreiche weitere Erklärungsmechanismen, die es erlauben, Suizidalität zu erklären, ohne dabei notwendigerweise Depressionen mitzudenken. Im Folgenden findet sich eine Übersichtsdarstellung verschiedener Erklärungsmechanismen, basierend auf der Zusammenstellung von Haw, Hawton, Niedzwiedz und Platt (2013, S. 101–104).

  • [1] Zu den Erklärungsansätzen zählen nach Haw et al. (2013, S. 103–104) auch die projektive Identifikation, die pathologische Identifikation, die soziale Integration und Regulation, die allerdings ohne umfassendere empirische Bestätigung sind oder soziologische Makroansätze, die sich empirisch nur schwer prüfen lassen.
 
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