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3.1 Zugrunde liegendes Medienwirkungsverständnis

Um den genannten Defiziten bei der Erforschung des Werther-Effekts entgegenzutreten, soll das weitere Begriffsverständnis von Suizidalität angewendet werden: Es schließt neben Suiziden auch nicht-letale Ausprägungen von Suizidalität (mit unterschiedlich starker Intention zu sterben) wie beispielsweise Suizidgedanken, -pläne oder -versuche in die Betrachtung mit ein (vgl. Abbildung 2). Außerdem spielen individuelle Prädispositionen eine wichtige Rolle bei der Erforschung des WertherEffekts, die bisher nur unzureichend ins Visier genommen wurden. Damit folgt die Arbeit dem Paradigma des Diathese/Vulnerabilitäts-Stress-Modells. Oft wurde kritisiert, dass die Untersuchungen zum Werther-Effekt, die das klassische Untersuchungsdesign der Pionierarbeit von Phillips (1974) verwendeten, nicht sicherstellen können, dass die in der Suizidstatistik erfassten Suizidenten auch tatsächlich zuvor suizidbezogene Medieninhalte konsumiert hatten und wie diese in einem solchen Fall darauf reagierten. Die genannten Defizite bei der Erforschung des WertherEffekts lassen sich in ihrer Summe auch darauf zurückführen, dass den Medienwirkungsstudien keine einheitlichen (oder sich zumindest nur teilweise überschneidenden) allgemeinen Vorstellungen von Medienwirkungen zugrunde liegen (vgl. Peiser, 2009). Valkenburg und Peter (2013, S. 222) greifen diese grundlegende Problematik der Kommunikationsforschung auf und schlagen ein Medienwirkungsmodell vor, das sowohl medienbezogene als auch nicht-medienbezogene Variablen integriert und gleichzeitig einen Vorschlag für die Zusammenhänge zwischen den Untersuchungsgrößen macht. Auf der Grundlage eines theoretischen Literatur-Reviews (Card, 2012, S. 6) nennen die Autoren ihr grundlegendes Medienwirkungsmodell „Differential Susceptibility to Media Effects Model (DSMM)“ (Valkenburg & Peter, 2013, S. 222), das für die Erklärung von Medienwirkungen auf individueller Ebene herangezogen werden sollte. Die Autoren beziehen sich in ihren Ausführungen auf „media effects as the deliberative and non-deliberative shortand long-term withinperson changes in cognitions, emotions, attitudes, beliefs, physiology, and behavior that result from media use“ (Valkenburg & Peter, 2013, S. 222). Angesichts der angesprochenen Defizite bei der Erforschung des Werther-Effekts als ursprünglich auf die gesellschaftliche Makroebene bezogene Wirkungshypothese (vgl. Potter, 2012, S. 253) lohnt es sich, deren Entstehungszusammenhänge auch auf der Mikroebene stärker zu hinterfragen (vgl. Fu et al., 2009). Valkenburg und Peter (2013) skizzieren für beobachtbare Medienwirkungen verschiedene Propositionen: [1]

1. Medienwirkungen sind abhängig von individuellen Prädispositionen, entwicklungsspezifischen Faktoren und sozialen Bedingungen, die zu spezifischen Mediennutzungsmustern führen.

2. Beobachtbare Medienwirkungen entstehen erst durch kognitive, emotionale und erregungsbezogene Auswirkungen, die aus der Nutzung verschiedener Medieninhalte auf Seiten des Individuums resultieren (Mediatoren des Effekts).

3. Individuelle Prädispositionen, entwicklungsspezifische Faktoren und soziale Bedingungen beeinflussen sowohl die Auswahl bestimmter Medienangebote als auch deren individuelle Verarbeitung. Daher ist in dem vorgeschlagenen Modell auch von sozialer Empfänglichkeit für Medienwirkungen die Rede (Valkenburg & Peter, 2013, S. 227).

Zu den kognitiven Auswirkungen („cognitive response states“) von Mediennutzung zählen Valkenburg und Peter (2013, S. 228) die Intensität, mit der sich Mediennutzer den Medien zuwenden, oder den kognitiven Aufwand, den die Mediennutzer betreiben, um die Medieninhalte zu verstehen. Den emotionalen Auswirkungen („emotional response states“) legen die Autoren (Valkenburg & Peter, 2013, S. 228) ein breites Begriffsverständnis zugrunde. Sie zählen im weitesten Sinne alle affektbezogenen Reaktionen auf Medieninhalte dazu, einschließlich Empathie mit oder Sympathie für Mediencharaktere. Unter erregungsbezogenen Auswirkungen („excitative response state“) werden alle physiologischen Erregungszustände als Folge der Mediennutzung verstanden. Damit sind erregungsbezogene Auswirkungen integraler Bestandteil der emotionalen Verarbeitung von Medieninhalten (Valkenburg & Peter, 2013, S. 228). Die Bestandteile werden im Rahmen des Modells begrifflich differenziert, obwohl in der empirischen Kommunikationsforschung mittlerweile eher die Sichtweise vertreten wird, dass es sich um zwei miteinander interagierende Prozesskomponenten handelt (Bartsch & Oliver, 2011). Hinsichtlich der Elaborationstiefe von Medieninhalten vertritt das Modell eine „high-cognitive processingstrong-effects assumption“ (Valkenburg & Peter, 2013, S. 229) ähnlich wie in der sozialkognitiven Theorie nach Bandura (Bandura, 2001, 2009). Obwohl die kognitiven, emotionalen und erregungsbezogenen Auswirkungen von Mediennutzung in ihrem Modell als Mediatoren zwischen der Nutzung bestimmter Medieninhalte und deren Wirkung fungieren, können sie auch als Prädispositionen im Modell verstanden werden, sofern es sich um stabile Tendenzen im Umgang mit Medieninhalten handelt – so wie die stabilen Denkmuster im Kontext von Depressionen (Valkenburg & Peter, 2013, S. 228). Damit sind also die Modellvorstellungen von Valkenburg und Peter (2013) weitgehend anschlussfähig an Erklärungsansätze, die im Zusammenhang mit dem Werther-Effekt häufig herangezogen werden (vgl. Bandura, 1986, 2001) und die die Auswirkungen der Mediennutzung als Moderatoren aufgefassen. Im Zusammenhang mit Suizidalität könnte eine Modellmodifikation dahingehend sinnvoll sein, kognitive Medienwirkungen stärker als emotionale Medienwirkungen zu gewichten. Empirische Hinweise deuten nämlich darauf hin, dass Suizidalität vor allem die kognitive Ebene beeinflusst. Becker, Strohbach und Rinck (1999) zeigen anhand von Personen mit Suizidversuch, dass diese unabhängig von gleichzeitig vorhandenen Depressionen oder Hoffnungslosigkeit eine erhöhte Aufmerksamkeit für Stimuli mit Bezug zum Thema Suizid aufwiesen. Im Gegensatz dazu wurde kein Zusammenhang zwischen der erhöhten Aufmerksamkeit und der Stärke der Depression der Untersuchungsteilnehmer festgestellt. Die Autoren sehen die Befunde als eine Bestätigung dafür, dass Suizidalität vor allem die Kognitionen beeinflusst.

Die wichtigsten grundsätzlichen Annahmen der Medienwirkungsvorstellung nach Valkenburg und Peter (2013) werden in Abbildung 13 grafisch zusammengefasst.

Abbildung 13. Modell unterschiedlicher Empfänglichkeit für Medienwirkungen

Anmerkung. Eigene Darstellung nach Valkenburg und Peter (2013, S. 226).

Durch ein nachvollziehbares Grundverständnis von Medienwirkungen (Valkenburg

& Peter, 2013, S. 221–222) können insbesondere schwächere und inkonsistente Medienwirkungen besser verstanden werden. Bemessen an der absoluten Zahl an medieninduzierten Nachahmungssuiziden und vor dem Hintergrund der grundsätzlich zweiseitigen Richtung der Medienwirkung (Werthervs. Papageno-Effekt) erscheint die Anmerkung von Valkenburg und Peter (2013) gerade für den vorliegenden Kontext wichtig. [2] Das Medienwirkungsmodell beinhaltet vereinfacht gesprochen zwei Komponenten: 1) Vorbedingungen als beeinflussende Faktoren der Mediennutzung und der daraus resultierenden Medienwirkungen und 2) Mechanismen, durch die sich im Anschluss an die Mediennutzung Medienwirkungen entfalten, die wiederum auf die Mediennutzung zurückwirken (können). Im Folgenden sollen diese beiden Komponenten für Nachahmungssuizide diskutiert werden. [3]

  • [1] In dem Modell sind auch transaktionale Wirkungspfade berücksichtigt, die an dieser Stelle nicht näher besprochen werden.
  • [2] Es soll hier keinesfalls der Eindruck entstehen, der Werther-Effekt werde in seiner gesellschaftlichen Relevanz angezweifelt oder unterschätzt.
  • [3] Die Literatur unterscheidet zwischen (zeitlich gehäuften) Massen- und (raum-zeitlichen) Punktclustern (Gould, Kleinman, Lake, Forman & Midle, 2014, S. 7; Haw, Hawton, Niedzwiedz & Platt, 2013, S. 97; Joiner, 1999, S. 89). Medieninduzierte Nachahmungssuizide werden üblicherweise als primär zeitliche Anhäufung von Suiziden infolge massenmedial vermittelter Suiziddarstellungen verstanden und daher als Massencluster bezeichnet. Gould et al. (2014) brechen dieses Verständnis auf, indem sie zeigen, dass die Zeitungsberichterstattung über ein Suizidcluster insgesamt umfangreicher ist und die Berichte darüber prominenter platziert, expliziter und detaillierter sind, so dass weitere Suizidcluster hervorgerufen werden können (Gould, Kleinman, Lake, Forman & Midle, 2014, S. 11). Medienberichte über Suizidcluster sind demnach ein veränderbarer Risikofaktor für das Auftreten von Suizidclustern in der Bevölkerung (Gould, Kleinman, Lake, Forman & Midle, 2014, S. 15). Die theoretische Bedeutung des Beitrags besteht darin, dass das bis zuletzt vertretene Verständnis von Nachahmungssuiziden als Massencluster ebenfalls zu eng formuliert war. Vor dem Hintergrund dieser aktuellen Publikation empfiehlt es sich also, ab sofort sowohl die theoretischen Erklärungsansätze für Massenals auch für Punktcluster von Suiziden bei der Erklärung medieninduzierter Nachahmungssuiziden zu berücksichtigen.
 
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