Desktop-Version

Start arrow Medien und Kommunikationswissenschaft arrow Depression – Medien – Suizid

< Zurück   INHALT   Weiter >

3 Prädispositionen und Erklärungsmechanismen für Nachahmungssuizide

Nachdem bisher allgemein die beiden zentralen Begriffe definiert und wichtige Modellvorstellungen für Suizidalität und Depression besprochen worden sind, wurden auch die wichtigsten Verbindungslinien zwischen den beiden Untersuchungsgrößen skizziert. Dies schloss auch bereits die Mediennutzung ein (vgl. Cheng, Hawton, Chen, Yen, Chang et al., 2007). Das folgende Kapitel 3 geht nun einen Schritt weiter und fokussiert auf das Phänomen der Nachahmungssuizide, also der speziellen Form von Suiziden, bei denen den Medien im Falle eines „WertherEffekts“ die entscheidende Bedeutung zukommt. Dafür beschreibt das Kapitel zunächst das dieser Arbeit zugrunde liegende Medienwirkungsverständnis, dessen wichtigste Komponenten 1) individuelle Prädispositionen und 2) Erklärungsmechanismen sind, die anschließend für Nachahmungssuizide zusammengetragen werden. Zu einem neuen theoretischen Impuls trägt dann der Abschnitt zur Theory of Planned Behavior bei, in dem Parallelen zum bisher prominentesten Erklärungsansatz für Nachahmungssuizide, der sozial-kognitiven Theorie nach Bandura (2001), herausgearbeitet werden.

Die Ansatzpunkte für die theoretische Erklärung des Werther-Effekts liegen auf verschiedenen Ebenen. Arbeiten, die sich in der Tradition der Pionierarbeit von Phillips (Phillips, 1974) sehen, beobachten Medienwirkungen auf gesellschaftlicher Ebene und erklären diese überwiegend auf individueller Ebene. Diese „notorischen Defizite“ (Reinemann & Scherr, 2011, S. 89) bei der Erforschung von Nachahmungssuiziden machen theoretisch „überzeugende Transformationsregeln“ (hervorgehoben i.O.; Scheufele, 2008, S. 353) notwendig, um beispielsweise „Konstellationen starker und schwacher Effekte … zu kontrastieren“ (Scheufele, 2008, S. 355). Dazu ist ein „Methoden-Mosaik“ (hervorgehoben i.O.; Scheufele, 2008, S. 355 notwendig, mit dem Teilprobleme angegangen werden. Im Zusammenhang mit dem Werther-Effekt geht es also etwa um Fragen nach der Integration verschiedener Erklärungsmechanismen von Nachahmungssuiziden, der Differenzierung von Medienwirkungen in Abhängigkeit von zentralen Drittvariablen (wie beispielsweise Depressionen) oder methodisch darum, zu untersuchen, wie stabil Befunde über die Zeit sind. Für theoretischen Fortschritt sorgen demnach Durrant und Ward (2011, S. 367), die eine Integration verschiedener Ansätze zur Erklärung von Aggression und Gewalt auf verschiedenen Bezugsebenen vorschlagen. Diese Integration lässt sich auch auf die Theorien zum Werther-Effekt übertragen. [1]

Konkret wurde der Umgang mit Forschungsbefunden als drittes Forschungsdefizit identifiziert. In der Forschung zu Nachahmungssuiziden im Medienkontext spiegelt sich dieses einerseits in einem fehlenden (bzw. nicht explizit formulierten) einheitlichen Medienwirkungsverständnis wider und andererseits in der Tatsache, dass die theoretische Integration der verschiedenen Erklärungsansätze bisher noch nicht weit vorangeschritten ist. Befunde lassen sich so nur schwer miteinander in Bezug setzen. Relevant für die Erklärung des Werther-Effekts können demnach grundsätzlich entwicklungsbezogene und psychologische Erklärungsansätze sein (z.B. Lernen am Modell/sozialkognitive Theorie; Bandura, 1976, 1986) sowie situations- und umweltbezogene Erklärungsansätze (z.B. Vulnerabilitäts-Stress-Modell; Pouliot et al., 2011). Die Erklärungsansätze liegen also auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen und sind von unterschiedlicher Universalität und Überprüfbarkeit geprägt. [2] Um eine theoretische Integration voranzutreiben, soll hier vor allem auf Ansätze rekurriert werden, die bisher am häufigsten zur Erklärung des WertherEffekts als zeitlich gehäuftem Auftreten von Suiziden in der Bevölkerung („Massencluster“; Gould et al., 2014, S. 7) herangezogen wurden und den aktuellen Forschungsparadigmen der Suizidforschung entsprechen. Zu den häufigsten Theorien zur Erklärung von Nachahmungssuiziden zählen nach Pirkis und Nordentoft (2011, S. 533) bisher die Identifikationshypothese als zentrales Element von Banduras sozialkognitiver Theorie (Bandura, 1986, 2001, 2009; Bandura, Ross & Ross, 1976), soziale Vergleichsprozesse (Festinger, 1954; Queinec et al., 2011; Tousignant et al., 2005), (pro- und antisoziales) Priming durch Medien (Berkowitz, 1984; RoskosEwoldsen, Roskos-Ewoldsen & Dillman Carpentier, 2009) und stresstheoretische Erklärungen von Suizidalität sowie von damit einhergehenden psychischen Störungen (Mann et al., 1999; Post, 1992; Rudd et al., 2009). Neuere Forschungsbefunde sprechen sich verstärkt für Diathese-Stress-Modelle zur Erklärung von medieninduzierter Aggression oder Gewalt (Ferguson et al., 2008, S. 315) sowie zur Erklärung von Suizidalität aus (Rudd, 2006, S. 163). Das Paradigma des Diathese-StressModells stammt aus der klinischen Psychologie und eignet sich grundsätzlich gut zur Erklärung von Depressionen und Suizidalität (vgl. Tabelle 2; Abbildung 8). [3]

Gewinnbringend für die Suizidprävention lässt sich die Forschung zu Nachahmungssuiziden im Medienkontext dann einsetzen, wenn Ursachenbündel für eine erhöhte Suizidalität identifiziert werden, die auch Auswirkungen auf die Mediennutzung haben. Wenn die Nutzung bestimmter Medieninhalte dann wiederum beeinflusst, wie stark beispielsweise der Selbstwert („self-esteem“) einer Person im Moment ausgeprägt ist, können Rückschlüsse darauf gelingen, wie sich Suizidalität durch Medien auch im Zeitverlauf positiv beeinflussen lässt. Dementsprechend gewinnen vor allem multifaktorielle Modelle an Bedeutung, bei denen in der Regel keine Gewichtung einzelner Komponenten vorgenommen wird. Bevor die konkreten Erklärungsansätze besprochen werden, soll das zugrunde liegende Medienwirkungsverständnis knapp skizziert werden.

  • [1] Evolutionäre, kulturhistorische und physiologisch-neuronale Erklärungsansätze werden an dieser Stelle nicht näher betrachtet.
  • [2] Integrative Erklärungsmodelle für innere Zustände (z.B. das General Aggression Model [GAM]; Anderson & Bushman, 2002; DeWall, Anderson & Bushman, 2011) lassen sich nur schwer im Rahmen von einzelnen empirischen Untersuchungen überprüfen (Ferguson & Dyck, 2012, S. 222; Wittchen & Hoyer, 2011, S. 23). Ferner wird Mediengewalt im GAM vor allem einseitig betrachtet und primär anhand negativer Auswirkungen diskutiert (vgl. im Gegensatz dazu Bartsch & Mares, 2014; Niederkrotenthaler et al., 2010). Das GAM wird daher nicht näher besprochen.
  • [3] Die Vorstellung eines Diathese-Stress-Modells verbindet biologische, psychosoziale und umweltbezogene Dispositionen (= Diathese) und deren Zusammenwirken mit Umweltreizen oder Lebensereignissen. Wird ein definierter Schwellenwert überschritten, äußern sich vermehrt die Symptome einer spezifischen Reaktion (z.B. Suizidalität). Risikofaktoren können diesen Schwellenwert nach unten absenken und damit schon früher eine Reaktion hervorrufen, protektive Faktoren (z.B. soziale Unterstützung, Problemlösungsstrategien) können den Schwellenwert nach oben verschieben, so dass es erst bei höherem Stresseinfluss zu einer Reaktion kommt (Wittchen & Hoyer, 2011, S. 20– 23).
 
< Zurück   INHALT   Weiter >

Related topics