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2.2.7 Emotionsregulation und Depression

Durch Emotionsregulation (Gross, 1998; Gross & Feldman Barrett, 2011) steuern Personen, „welche Emotion sie zu welchem Zeitpunkt haben, wie sie diese empfinden und ausdrücken“ (Barnow et al., 2013, S. 235). Dass diese kognitiven Regulationsprozesse von Emotionen im Zusammenhang mit Depressionen beeinträchtigt sein können, wurde bereits angesprochen. Die Emotionsregulierungsmechanismen werden im Zusammenhang mit Depressionen häufig unterteilt in maladaptive Strategien (z.B. Rumination oder Suppression von Gedanken) und adaptive Strategien (z.B. Neubewertung und Problemlösung) (Aldao, 2013, S. 156; Aldao, NolenHoeksema & Schweizer, 2010, S. 218; Barnow et al., 2013, S. 235; Joormann & D'Avanzato, 2010), wobei diese Strategien stets situationsspezifisch betrachtet werden müssen (Aldao, 2013). Aber auch Depressionen selbst werden als maladaptive Emotionen verstanden (neben beispielsweise Angst, Wut, Schuld und im Gegensatz zu adaptiven Emotionen wie Furcht, Traurigkeit, Langeweile und Bedauern; vgl. Spörrle & Försterling, 2007). Das Ziel der Emotionsregulation besteht darin, die Dynamik von Emotionen an die jeweilige Situation anzupassen (Aldao, 2013, S. 155). Gross (1998, S. 225) definiert den Prozess der Emotionsregulation wie folgt:

Certain evaluations trigger a coordinated set of behavioral, experiential, and physiological emotional response tendencies that together facilitate adaptive responding to perceived challenges and opportunities. However, these response tendencies may be modulated, and it is this modulation that gives final shape to manifest emotional responses.

Gross (1998, S. 226) beschreibt also ein Input-Output-Modell, in dem Emotionen an beiden Modellenden modifiziert werden können. So kann eine Emotionsregulation am effektivsten beim Eintreffen eines Umweltreizes durch Re-appraisal (Neubewertung) oder aber nach dessen Verarbeitung beispielsweise durch Suppression stattfinden. Aldao, Nolen-Hoeksema und Schweizer (2010, S. 229) zeigen anhand einer Meta-Analyse zur Emotionsregulation im Kontext verschiedener psychischer Störungen, dass Depressionen vor allem mit den Regulationsstrategien der Vermeidung (r = .48, p < .001), Rumination (r = .55, p < .001) und Suppression (r = .36, p< .001) verbunden sind. Ein höherer Depressionsgrad führt dagegen weniger häufig zur Emotionsregulation über Akzeptanz (r = –.20, p < .001), Problemlösung (r = –.33, p < .001) oder Re-appraisal (r = –.17, p < .01). Weitere Emotionsregulationsstrategien im Zusammenhang mit Depressionen sind neben den bereits genannten nach Barnow, Aldinger, Ulrich und Stopsack (2013, S. 236) die Distraktion, also die Ablenkung vom Umweltreiz, und das Katastrophisieren, damit ist die Betonung eines erlebten Gefühls gemeint (z.B. eines Schreckens). Die Meta-Analyse (Barnow et al., 2013, S. 239) bringt ähnliche Befunde zum Vorschein wie die bereits angesprochene Arbeit von Aldao, Nolen-Hoeksema und Schweizer (2010). Abweichende Befunde zeigen sich lediglich für das Akzeptieren von Emotionen, das tendenziell negativ mit Depressionen zusammenhängt (r = –.16, p > .05). Der Befund ist bei Barnow, Aldinger, Ulrich und Stopsack (2013) allerdings nicht signifikant. Darüber hinaus erfasst die Studie (Barnow et al., 2013, S. 239) auch die Emotionsregulationsstrategie Katastrophisieren, die positiv mit Depressionen zusammenhängt (r = .42, p < .001).

Die Frage nach der Regulation von Emotionen im Kontext von Depressionen ist insofern von besonderer Relevanz für die vorliegende Untersuchung, als bereits aufgezeigt werden konnte, dass Depressionen einerseits in Zusammenhang mit affektiven Zuständen, Stimmungen und Emotionen stehen (vgl. Abbildung 10) und andererseits die Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung und Umweltwahrnehmung beeinflussen (vgl. Abbildung 9). Modelle der Emotionsregulierung (in denen Depressionen als Moderatorvariable normalerweise nicht berücksichtigt werden) gehen in der Regel von einem mehrstufigen emotionalen Regulationsprozess aus (vgl. John & Gross, 2007, S. 352). Demnach besteht bei der Regulation von Emotionen grundsätzlich die Möglichkeit, sich durch Vermeidung gar nicht erst einer Situation oder Stimuli auszusetzen, die negative Emotionen hervorrufen würden. Die Selektion bzw. Vermeidung solcher Situationen bzw. Stimuli beruht dabei auf den bisherigen Erfahrungen der Person. Je nach Situation oder Stimulus besteht ggf. die Möglichkeit, diese bzw. diesen zu modifizieren oder die Aufmerksamkeit von diesem ganz abzulenken bzw. auf dessen (positive) Teilaspekte zu richten. Ebenso besteht die Möglichkeit einer (kognitiven) Neubewertung der Situation, bei der eine positive Bedeutungszuschreibung vorgenommen wird. Schließlich ist es möglich, die emotionale Reaktion auf den Stimulus zu kontrollieren und dabei beispielsweise bestimmte Emotionen zu unterdrücken. Joormann und D'Avanzato (2010, S. 915) ergänzen diese Modellvorstellung, indem sie Kognitionen speziell im Kontext von Depressionen integrieren (vgl. dazu auch Garnefski, Teerds, Kraaij, Legerstee & van den Kommer, 2004; Gross & Muñoz, 1995; Joormann & Gotlib, 2010; Kullik & Petermann, 2013; vgl. Abbildung 12).

Abbildung 12. Emotionsregulation im Kontext von Depressionen

Anmerkung. Die Abbildung beginnt bei einer konkreten Situation (bzw. einem Stimulus ), der eine Person ausgesetzt ist (keine Vermeidung der Situation durch Selektion) und die negative (im Sinne unerwünschter) Emotionen hervorruft. Die Abbildung zeigt verschiedene Mechanismen in Anlehnung an John und Gross (2007, S. 352), mithilfe derer die unerwünschte Emotion relativiert werden kann.

Depressionen beeinflussen sowohl, wie eine Situation modifiziert wird (Cueni et al., 2011, S. 108), die als unerwünscht bewertet wurde, als auch auf die Aufmerksamkeit gegenüber einem Umweltreiz Einfluss nehmen (Cueni et al., 2011, S. 107–108). Depressionen können dazu führen, dass die Neubewertung eines Stimulus aus der Umwelt von negativen Erinnerungen und Interpretationsmustern gefärbt ist (Matt, Vázquez & Campbell, 1992) und von kognitiven Defiziten beeinflusst wird. Im Kontext depressiver Erkrankungen ergeben sich also abweichende Formen des Umgangs mit emotional unerwünschten Situationen bzw. Stimuli, die wiederum für eine erhöhte Suizidalität verantwortlich sind (Anestis & Joiner, 2011). Umgekehrt können auch bestimmte, habitualisiert verwendete Mechanismen der Emotionsregulation, wie beispielsweise häufiges Re-Evaluieren oder die regelmäßige Suppression von Emotionen in bestimmten Situationen, die psychische Gesundheit beeinflussen (John & Gross, 2007, S. 353). In ihrer Forschungsübersicht zeigen John und Gross (2007, S. 353), dass die emotionale Neubewertung negativer Situationen einen positiven Effekt auf die psychische Gesundheit hat (r = –.23). Regelmäßiges Unterdrücken von negativen Umwelteinflüssen wirkt sich hingegen negativ auf die psychische Gesundheit aus (r = .25). Letztlich spiegeln diese Befunde aus dem emotionspsychologischen Kontext den Ansatz moderner kognitiver Verhaltenstherapien bei Depressionen wider, bei denen negative Denkschemata langfristig aufgelöst und durch positive Interpretationsmuster ersetzt werden sollen (Beck, 1967; Beck et al., 2010). Die Ansatzpunkte für Veränderungsprozesse sind dabei in der Regel kognitive Schemata, wie die für suizidale Personen typische kognitive Verengung, negative Selbstkognitionen oder der Umgang mit „als aversiv erlebten Gefühlen“ (Schmidtke & Schaller, 2009, S. 177). Die Problematik depressiver Kognitionsmuster ist bereits zuvor im Zusammenhang der Kognitions- und Informationsverarbeitungsmodelle von Depressionen angeklungen. Depressive kognitive Schemata können den beschriebenen emotionalen Regulationsprozess verhindern und sich damit negativ auf das psychische Wohlbefinden auswirken (Joormann & D'Avanzato, 2010, S. 915).

 
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