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2.2.6 Die Brücke zwischen Emotionen und Kognitionen

Bereits die im vorherigen Abschnitt unternommenen definitorischen Abgrenzungen von Depressionen, Emotionen und Stimmungen deuten auf ein Begriffsverständnis, das die Entstehung emotionaler Phänomene nicht von kognitiven Prozessen abkoppelt (vgl. Wyer, Clore & Isbell, 1999). [1] Auch Kühne (2013, S. 7) differenziert Kognitionen und Emotionen als separate, jedoch miteinander interagierende Prozesse, die konzeptuell unterschieden werden können, praktisch aber so eng miteinander verflochten sind, dass sie nahezu ausschließlich gemeinsam beobachtbar sind. Zu den kognitiven Prozessen rechnet Kühne (2013, S. 7) die „Enkodierung, Speicherung und das Abrufen von Informationen“. Kühne (2013, S. 7) zufolge löst die Verarbeitung von Stimuli besonders dann Emotionen aus, wenn sie vom Individuum als relevant eingeschätzt werden. Emotionen sind demnach das Resultat von kognitiven Evaluierungsprozessen der Umwelt und bestehen außerdem aus mehreren Komponenten. [2]Gleichzeitig beeinflussen Emotionen kognitive Prozesse. Der beschriebene Einwand, dass ein Stimulus persönlich relevant sein muss, damit Emotionen hervorgerufen werden, beschreibt den als gesichert geltenden Befund (Scherer, 2001, S. 700–701) einer Verbindung von Kognitionen und Emotionen: Evaluationsprozesse, welche die persönliche Relevanz als wichtige Voraussetzung für emotionale Wirkungen abschätzen, implizieren schließlich kognitive Prozesse. Für diese Abschätzung müssen verschiedene Faktoren, Erfahrungen, Bedürfnisse, Wünsche und Ziele der Person notwendigerweise berücksichtigt werden (Scherer, 2001, S. 701) – Emotionen entstehen demnach mithilfe von Kognitionen. Diese Annahmen folgen im Wesentlichen emotionalen Komponentenmodellen und Appraisal-Theorien (Döveling, Scheve & Konijn, 2011; Frijda, 1986; Lazarus, 1991, 2001; Moors, 2009; Roseman & Smith, 2001; Scherer, 2001, 2005). Demnach sind Kognitionen eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung von Emotionen, unabhängig davon, ob die kognitiven Prozesse bewusst oder automatisch ablaufen (Moors, 2009, S. 638). [3] Diese Vorstellung deckt sich mit den Annahmen klinischer Depressionsmodelle. Außerdem liefern Emotionstheorien weitere Erklärungsansätze, wie aus dem Zusammenspiel von Kognitionen und Emotionen Handlungen resultieren, was insbesondere vor dem Hintergrund von Nachahmungssuiziden im medialen Kontext von großer Relevanz ist. [4] Die Brücke zwischen Emotionen und Kognitionen wird besonders dann erkennbar, wenn man sich den Entstehungsprozess von Emotionen vor dem appraisaltheoretischen Hintergrund vergegenwärtigt. Die Grundlage für die vorgeschlagene Modellvorstellung bilden das Prozessmodell der Emotion nach Rosenberg (1998, S. 255) und die Annahmen appraisaltheoretischer Emotionsmodelle nach Moors (2009, S. 639). Dabei wird die zuvor hergeleitete Hierarchie von affektiven Zuständen, Stimmungen („moods“) und Emotionen beibehalten (vgl. Abbildung 10). Emotionen können dem Modell zufolge einerseits aufgrund des (z.B. depressiven) affektiven Zustands oder aus entsprechenden Stimmungen heraus entstehen, die durch Depressionen beeinflusst sind, oder andererseits aus der schrittweisen Evaluation von Umweltreizen. Bewusste oder unbewusste kognitive Prozesse bestimmen dann, welche Stimuli aus der Umwelt letztlich zu welchen und wie starken Emotionen führen (Moors, 2009, S. 638; Wirth & Schramm, 2007, S. 156). Appraisalabhängige Emotionen beruhen auf situationsspezifischen Bewertungsprozessen mit „Ich-Bezug“ (Wirth & Schramm, 2007, S. 167– 168). Aus der Evaluation des Stimulus folgen auf motivationaler Ebene Handlungstendenzen und auf somatischer Ebene physiologische Reaktionen, aus denen letztlich Verhalten als Ausdruck der motorischen Reaktionsebene resultiert. Aus all diesen Reaktionen auf den Stimulus ergibt sich auf der Gefühlsebene eine emotionale Erfahrung. Aus der Gesamtheit dieser Prozesselemente folgt letztlich die durch den Stimulus hervorgerufene Emotion (siehe Abbildung 11). Die Evaluationen finden stets vor dem persönlichen Erfahrungshorizont, den Motiven, Bedenken und verfügbaren Coping-Strategien der jeweiligen Person statt, so dass verschiedene Stimuli gleiche Emotionen hervorrufen können. Andersherum können auch gleiche Stimuli bei verschiedenen Personen verschiedene Emotionen auslösen. Berücksichtigt man gleichzeitig die zuvor beschriebenen Zusammenhänge zwischen Depressionen, affektiven Zuständen, Stimmungen und Emotionen, wird deutlich, dass Umweltstimuli im Zusammenspiel mit affektiven Störungen an der Entstehung und Entwicklung von Emotionen im Rahmen von Appraisalprozessen beteiligt sein können. [5]

Abbildung 11. Appraisaltheoretisches Prozessmodell der Emotion und Depression

Anmerkung. Eigene Darstellung des Prozessmodells nach Rosenberg (1998, S. 255) und Moors (2009, S. 639). Das Modell berücksichtigt gleichzeitig die zuvor hergeleiteten Zusammenhänge zwischen affektiven Zuständen, Stimmungen und Emotionen.

Die in dem Modell in Abbildung 11 enthaltenen Elemente sind in der Modellvorstellung moderner Appraisalansätze kontinuierlichen Veränderungen ausgesetzt, wobei sich die Modellelemente zusätzlich in entgegengesetzter Richtung beeinflussen können (Scherer, 2001). Die Prognoseleistung des Modells ist also ebenso wie die Differenzierung postulierter Wirkungen in Abhängigkeit von einem Stimulus begrenzt. Ein weiterer möglicher Kritikpunkt ist die Reihenfolge der einzelnen Modellkomponenten. Appraisaltheorien nehmen an, dass Kognitionen zu Beginn am Prozess der Stimulusevaluation beteiligt sind und sich erst im Anschluss daran beispielsweise somatische Folgen ergeben. Denkbar ist allerdings auch, dass somatische Bedingungen die kognitiven Prozesse beeinflussen und damit im Modell an erster Stelle stehen müssten. Alternative Modelle gehen daher von einer weniger streng festgelegten Prozessreihenfolge aus, sind in der Folge allerdings auch empirisch schwieriger prüfbar (vgl. Moors, 2009, S. 655–656).

Die Brücke zwischen (negativen) Kognitionen und depressiven affektiven Zuständen kann auf zweierlei Weisen geschlagen werden. Der erste Ansatz betrachtet das ruminative Denken genauer. Die grübelnde Denkweise wird einerseits durch negative Gefühlszustände begünstigt und hält diese andererseits zugleich aufrecht (Joormann, 2009, S. 299). Dadurch lässt sich erklären, warum Depressionen andauern oder sich trotz therapeutischer Maßnahmen nicht abschwächen. Der zweite Forschungsansatz beruht auf dem Befund, dass Stimmungen mit der Aktivierung stimmungskongruenter Kognitionen verbunden sind (Siemer, 2005). Im Fall negativer Stimmungen werden die dadurch ausgelösten negativen Gedanken normalerweise rasch durch positive Erinnerungen und Gedanken reguliert, nicht aber bei Depressiven, so lautet die Hypothese der kognitiven Inhibition (Joormann & Gotlib, 2010, S. 283–284). Beide Mechanismen bilden die Grundlage für das bereits oben erwähnte Modell der „Hoffnungslosigkeitsdepression“ (Abramson et al., 1989), einem Subtyp der depressiven Störungen, bei dem negative, zukunftsbezogene Kognitionsmuster zentral sind. Dem Modell zufolge gehen depressive Personen davon aus, dass erwünschte Ereignisse nicht eintreten, während unerwünschte Ereignisse, ohne die Möglichkeit, auf diese Einfluss zu nehmen, eintreten werden (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 897). Daraus entwickelt sich der als Hoffnungslosigkeit beschriebene Zustand, aus dem es für die Betroffenen keine Auswege zu geben scheint – mit einer Depression als Folge (vgl. die Parallelen zum Modell der erlernten Hilflosigkeit nach Seligman 1995). Diese Modelle sind jedoch insofern problematisch, als sie nicht in der Lage sind, den Beginn einer Depression zu erklären oder vorherzusagen (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 898). Während der Zusammenhang zwischen einer Depression und Hoffnungslosigkeit als gut belegt gilt, fehlen Belege dafür, dass Hoffnungslosigkeit am Beginn einer Depression steht.

  • [1] Man muss dabei allerdings zwischen Studien differenzieren, die durch Induktion verschiedene Stimmungen („moods“) erzeugen und deren Einfluss auf die Verarbeitung, Interpretation und Erinnerung von Informationen belegen. Dabei steht also nicht der Einfluss affektiver Zustände, sondern temporärer Stimmungen auf die Kognitionen im Zentrum (Wyer, Clore & Isbell, 1999, S. 25).
  • [2] Es wird von einer affektiven Komponente (subjektives Erleben), einer physiologischen Komponente (körperliche Reaktionen) und einer konativen Komponente (Verhaltensintentionen und -weisen) ausgegangen (Kühne, 2013, S. 7).
  • [3] Dabei ist für die vorliegende Untersuchung von nachrangiger Bedeutung, ob Kognitionen und Emotionen als unabhängige Subsysteme verstanden werden, die miteinander interagieren, oder als ein gemeinsames System (Scherer, 2005, S. 698).
  • [4] Da für die vorliegende Arbeit keine Handlungsindikatoren (wie z.B. die Suizidstatistik als Indikator für vergangene Suizidhandlungen) untersucht werden, um die zugrunde liegenden Forschungsfragen zu beantworten, können handlungsbezogene Implikationen höchstens theoretisch (oder näherungsweise über abgefragte Handlungsintentionen) angestellt werden.
  • [5] Diese Vorstellung ist prinzipiell anschlussfähig an die von Bartsch, Vorderer, Mangold und Viehoff (2008, S. 21) formulierte Modellvorstellung von Meta-Emotionen als dem Resultat eines Appraisalprozesses bereits vorhandener Emotionen. Wirth und Schramm (2007, S. 163) beschreiben MetaEmotionen als das Beobachten, Bewerten und Modifizieren des emotionalen Zustands. Davon betroffen sind vor allem Emotionen, die auch über den primären Entstehungskontext der ursprünglichen Emotion hinaus als persönlich relevant bewertet werden (Bartsch, Vorderer, Mangold & Viehoff, 2008, S. 16). Der Evaluationsprozess bezieht sich vor allem auf die „controllability“, „clarity“ und „acceptance“ einer Emotion sowie die Einschätzung, ob die Emotion typisch für die Person ist und wie stabil die Emotion bestehen bleiben wird (Wirth & Schramm, 2007, S. 163–164).
 
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