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2.2.5 Begriffliche Differenzierung: Emotion – Stimmung – Affekt – Depression

Depressionen zählen der internationalen Klassifikation von Krankheiten (ICD-10) zufolge zur Klasse der affektiven Störungen und stellen somit „Veränderungen im emotionalen Bereich“ (Barnow, Aldinger, Ulrich & Stopsack, 2013, S. 235) dar. Es liegt somit nahe, ausgehend vom Begriff des Affekts eine Abgrenzung gegenüber Emotionen, Stimmungen und der Krankheit Depression vorzunehmen (vgl. dazu auch Rosenberg, 1998, S. 250). Bereits die Übersicht über die verschiedenen emotionsbezogenen Symptome von Depressionen in Tabelle 3 deutet auf einen klaren Bezug zwischen Emotionen und Depressionen hin. Wirth (2013, S. 228) zufolge umfassen affektive Phänomene „Stimmungen (moods) und Emotionen“. Als Ergebnis einer Zusammenschau diverser Definitionen schlagen Kleinginna und Kleinginna (1981, S. 355) folgende Definition von Emotionen vor:

Emotion is a complex set of interactions among subjective and objective factors, mediated by neural/hormonal systems, which can (a) give rise to affective experiences such as feelings of arousal, pleasure/displeasure; (b) generate cognitive processes such as emotionally relevant perceptual effects, appraisals, labeling processes; (c) activate widespread physiological adjustments to the arousing conditions; and (d) lead to behavior that is often, but not always, expressive, goaldirected, and adaptive.

Diesem Verständnis von Emotionen liegt die Vorstellung zugrunde, dass sich Emotionen aus mehreren Komponenten zusammensetzen (Moors, 2009, S. 626). Zu diesen zählt beispielsweise eine kognitive, eine affektive und eine im weitesten Sinne verhaltensbezogene Komponente (vgl. Tabelle 1 bei Moors, 2009, S. 626). Diese Komponenten erfüllen Funktionen hinsichtlich der Beobachtung und Evaluation der sozialen und gefühlsrelevanten Umwelt, der eigenen Gefühle sowie des eigenen Handelns (Moors, 2009, S. 626). Detaillierter schreibt Wirth (2013, S. 228), dass Emotionen „kognitive, subjektive, physiologische, expressive, motivationale und regulative Komponenten“ einschließen können, die jedoch nicht zwingend alle zugleich an der Entstehung und Aufrechterhaltung von Emotionen mitwirken.

„Emotionen sind eher episodisch, auf konkrete Ereignisse zurückführbar, von eher kurzer Dauer und intensiv“ (Wirth, 2013, S. 228). Stimmungen (moods) sind dagegen „dauerhafte Begleiter des Alltags. Sie sind meist die Folge vieler kleiner Ereignisse oder auch allgemeiner Lebensumstände und werden weniger intensiv und oft auch weniger bewusst erlebt. Stimmungen informieren über den aktuellen Zustand des Selbst“ (Wirth, 2013, S. 229). Stimmungen können als diffuse affektive Zustände verstanden werden, die von länger andauernden subjektiven Gefühlen geprägt sind, auf die individuelle Wahrnehmung einwirken und somit auch unser Verhalten beeinflussen (Scherer, 2005, S. 705). Stimmungen können unabhängig von konkreten Ursachen entstehen, sind also nicht immer auf konkrete Ereignisse zurückzuführen, sind meist von geringer Intensität, bleiben allerdings auch über einen längeren Zeitraum bestehen (Scherer, 2001, S. 705). Während nach dieser Definition Stimmungen und Emotionen voneinander abgegrenzt werden, finden sich im Begriff des Affekts in der Regel sowohl Stimmungen als auch Emotionen subsumiert (Rosenberg, 1998, S. 247; Wirth, 2013, S. 229). Bei Depressionen handelt es sich um eine affektive Störung als einem definierten Krankheitsbild. [1] Als eine den Affekt betreffende Störung können Depressionen folglich sowohl mit kurzfristigen Emotionen als auch mit länger anhaltenden Stimmungen im Zusammenhang stehen (Rottenberg, 2005). Sie sind demnach sowohl durch konkrete Ereignisse als auch durch allgemeine Lebensumstände beeinflussbar. Rottenberg (2005, S. 167) unterscheidet Stimmungen („moods“) und Emotionen speziell im Kontext von Depressionen ähnlich wie Wirth (2013): Stimmungen sind diffuse, sich nur langsam bewegende Gefühlszustände, die nur schwach mit bestimmten Objekten oder Situationen korreliert sind und in der Regel über Stunden oder Tage andauern. Parkinson, Totterdell, Briner und Reynolds (2000, S. 17) weisen darauf hin, dass im Rahmen von Depressionen selbst Stimmungslagen sehr intensiv sein und über einen längeren Zeitraum andauern können. Stimmungen haben Rottenberg (2005) zufolge die deutlichsten Auswirkungen auf Gefühlszustände und Kognitionen, weniger auf Verhalten und Physiologie. Demgegenüber sieht Rottenberg (2005, S. 167) Emotionen als unmittelbare Reaktionen auf individuell bedeutsame Stimuli. Sie können Veränderungen des Gefühlszustands, des Verhaltens und/oder der Physiologie auslösen, dauern allerdings nur wenige Sekunden oder Minuten an.

Über die begriffliche Abgrenzung hinaus verdeutlichen hierarchische Modelle und Verlaufsmodelle die Zusammenhänge zwischen diesen affektbezogenen Größen. Rosenberg sieht beispielsweise affektive Zustände als eine den Stimmungen und Emotionen primär übergeordnete Größe an (vgl. Abbildung 10). Im Einzelfall können sich Stimmungen allerdings auch aus (Rest-)Emotionen entwickeln (Rosenberg, 1998, S. 254), obwohl das Modell davon ausgeht, dass in der Regel eher Stimmungen entsprechende Emotionen begünstigen.

Abbildung 10. Zusammenhänge zwischen Depressionen, affektiven Zuständen, Stimmungen und Emotionen

Anmerkung. Abbildung nach (Rosenberg, 1998, S. 254). Die dunkleren Pfeile geben die Hauptrichtung an, wenngleich bidirektionale Verbindungen nicht ausgeschlossen werden.

Folgt man der genannten Definition und dem vorgeschlagenen Hierarchiemodell, beeinflussen Depressionen die Stimmung (mood), schließen aber nicht notwendigerweise emotionale Reaktionen ein (Rottenberg, 2005, S. 167). Stark ausgeprägte Stimmungen können allerdings entsprechende emotionale Reaktionen (z.B. Traurigkeit) fördern – eine These, die auch durch die zahlreichen klinischen Beobachtungen von Depressionen gestützt wird („mood-facilitation hypothesis“; Rosenberg, 1998). Die Studie von Rottenberg (2005), der zufolge Depressive nicht intensiver auf traurige Stimuli reagieren als nicht-depressive Personen, verdeutlicht die Verbindungslinien zwischen Stimmungen und Emotionen. Die Studie deutet darauf hin, dass Depressionen emotionale Reaktionen auf traurige Stimuli sogar verhindern können (Rottenberg, 2005, S. 169). Rottenberg (2005) schlussfolgert, dass Depressionen sowohl positive als auch negative emotionale Reaktionen reduzieren und spricht in diesem Zusammenhang allgemein von einer Gefühllosigkeit in emotionalen Kontexten („emotion context insensitivity“; Rottenberg, 2005, S. 169; vgl. das Symptom „Gefühl von Gefühllosigkeit“ in Tabelle 3). Rottenberg (2005, S. 170) empfiehlt daher, in zukünftigen Studien genauer nach dem Schweregrad einer vorliegenden Depression zu differenzieren und spekuliert darüber, ob etwa leichte Depressionen emotionale Reaktionen begünstigen, während klinisch relevante, schwere Formen von Depression unter Umständen emotionale Reaktionen sogar verhindern (Rottenberg, 2005, S. 170).

  • [1] Der Diagnose Depression liegen verschiedene Kriterien zugrunde, die in internationalen Klassifikationssystemen (ICD; DSM) festgehalten sind.
 
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