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2.2.4 Modellvorstellungen von Depression

Die Klassifikation von Depressionen ist ein schwieriges und viel diskutiertes Unterfangen (Kessing, 2004, S. 124). Da Depressionen prototypisch für multifaktorielle psychische Störungen (Kendler et al., 2005, S. 83) sind, verwundert es nicht, dass es „bislang keine einheitliche Störungstheorie der Depression gibt“ (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 890). Es gibt einerseits das endogen-reaktive und andererseits das unitaristische Konzept einer Depression. Das erste Konzept differenziert zwischen Depressionen, die durch von außen kommende, belastende Ereignisse hervorgerufen werden (reaktive Depression; Paykel, 2003) und Depressionen, die sich ohne Vorbedingungen oder äußere Einflüsse entfalten (endogene Depression; Kessing, 2004). [1] Das unitaristische Konzept unterscheidet demgegenüber Depressionen nur nach deren Schweregrad (leicht, schwer) und deren Andauern bzw. Verlauf (akut, chronisch). Es wird davon ausgegangen, dass im Zusammenhang mit Depressionen stets gleichzeitig äußere und innere Faktoren (mit unterschiedlicher Gewichtung) beteiligt sind (Bronisch, 1992, S. 8). Heute werden die verschiedenen Faktoren für Depressionen zunehmend integriert. Dabei spielen gleichermaßen „Umwelt- und psychologische Faktoren sowie biologische Faktoren“ (Comer, 2008, S. 219) eine wichtige Rolle. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung werden die biologischen Faktoren der Depression (genetische, biochemische Faktoren) jedoch nicht weiter berücksichtigt, stattdessen spielen insbesondere Erklärungsansätze eine Rolle, welche die psychologischen Ursachen einer Depression beinhalten. [2] In den folgenden Abschnitten wird zwischen ätiologischen Depressionsmodellen (Fokus auf den Entstehungsbedingungen einer Depression) und Kognitions- und Informationsverarbeitungsmodellen depressiver Erkrankungen unterschieden. Der Fokus liegt in diesem Abschnitt auf der Krankheit Depression. Die Rolle der Medien im Zusammenhang mit Depressionen wird in den anschließenden Kapiteln näher erörtert.

Ätiologisches Depressionsmodell (Vulnerabilitäts-Stress-Modell)

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell ist das vielleicht prominenteste ätiologische Erklärungsmodell für Depressionen. Es fokussiert die Ursachen für Depressionen und beruht auf der Annahme, dass „prädisponierende konstitutionelle Faktoren genetischer bzw. familiengenetischer Art und frühe adverse soziale und umweltbezogene Ereignisse und Bedingungen zur Ausbildung einer erhöhten Vulnerabilität beitragen, die sich wiederum über entwicklungsbiologische, psychologische und soziale Prozesse weiter akzentuieren oder abschwächen kann“ (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 890). Eine depressive Episode beruht nach dieser Modellvorstellung auf bestimmten „Vulnerabilitätskonstellationen“, die durch individuelle (z.B. Alter, Geschlecht, körperliche Krankheiten etc.) oder soziale Ursachen bedingt sind (z.B. Bildung, soziales Netzwerk, Einstellungen, Normvorstellungen etc.) Vor dem Hintergrund dieser Vulnerabilitäten können auslösende Ereignisse (z.B. persönliche Erfahrungen; denkbar sind allerdings auch öffentlich diskutierte Ereignisse) im Zusammenspiel mit weiteren Einflussgrößen (z.B. vorherige Störungen, Bewältigungs- und Lebensstrategien, soziale Unterstützung) eine depressive Episode nicht nur hervorrufen, sondern durch diese auch selbst beeinflusst werden. Aus dem Zusammenspiel der genannten Faktoren ergeben sich schließlich Folgen aus der Depression, die sowohl kurzfristig als auch langfristig spürbar sein (z.B. soziale Isolation, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Hilfesuchen) und wiederum langfristig zu einer Verstärkung existierender Vulnerabilitäten führen können.

Abbildung 7. Vulnerabilitäts-Stress Modell der Depression

Anmerkung. Darstellung nach Beesdo-Baum und Wittchen (2011, S. 891)

Das Modell verdeutlicht, inwiefern aktuelle Konzepte und Modelle von Depressionen Ursachenbündel aus verschiedenen Bereichen integrieren. Es erklärt einerseits das Zustandekommen einzelner depressiver Symptome bis hin zum Aufkommen eines depressiven Syndroms und liefert andererseits Anhaltspunkte dafür, wie sich Depressionen über die Zeit aufrechterhalten können. Seine Bestandteile und deren Zusammenhänge sind größtenteils gut belegt (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 891). Gleichzeitig ist es aufgrund der Komplexität des Modells ausgesprochen schwierig, das Gesamtmodell zu überprüfen. Es finden sich allerdings zahlreiche Studien, die einzelne Faktoren untersuchen, die zur Vulnerabilität von Depressiven beitragen. Zu diesen Faktoren zählen sowohl belastende Lebensereignisse als auch sozialpsychologische Risikofaktoren. In der Depressionsforschung wurde in den letzten Jahrzehnten der Stellenwert belastender Lebensereignisse als Auslöser einer Depression jedoch relativiert, [3] da diese nur selten zum Ausbruch einer Depression führen (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 892). Die einzelnen depressiven Symptome, die durch belastende Lebensereignisse hervorgerufen werden können, variieren deutlich, so dass man den Zusammenhang zwischen Lebensereignissen und einer Depression mittlerweile sehr genau differenziert (Keller, Neale & Kendler, 2007; Stader & Hokanson, 1998). Außerdem finden sich bei etwa einem Drittel der Depressionserkrankungen umgekehrt gar keine belastenden Lebensereignisse, die mit der Erkrankung in Verbindung stehen (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 892; Kendler, Karnowski & Prescott, 1999). Zimmermann et al. (2008) zeigen, dass belastende bzw. traumatische Lebensereignisse insbesondere bei Personen mit erhöhter Vulnerabilität (hier konkret: Eltern mit Depressionserkrankung) zu einem erhöhten Depressionsrisiko führen, was für ein facettenreiches „Zusammenspiel von Vulnerabilitäts- und Risikofaktoren“ (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 892) spricht. Zu sozialpsychologischen Risikofaktoren zählt beispielsweise die fehlende Fähigkeit, mit belastenden Ereignissen umzugehen („Coping-Strategien“). Ist die Fähigkeit zur sozialen und kognitiv-affektiven Bewältigung von belastenden Ereignissen nur unzureichend ausgeprägt, kann bei weiteren negativen Ereignissen ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit auftreten. Die Entwicklung von Coping-Strategien hängt wiederum mit der wahrgenommenen Kontrolle über das eigene Leben und mit flexiblen „Kognitions- und Handlungsmustern“ zusammen, auf die Personen in Problemsituationen zurückgreifen können (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 893; Cueni, Abbruzzese, Brühl & Herwig, 2011, S. 106).

Offen bleibt in dem (allgemein gehaltenen) ätiologischen Modell allerdings die Rolle, die Medien im Zusammenhang mit Depression und Suizidalität spielen können. Rezipierte Medieninhalte können dem Modell zufolge in erster Linie als Auslöser (Trigger) fungieren. Wie im Modell angenommen, hängt auch die Nutzung von Medieninhalten sowie deren Rezeption und Wahrnehmung von intraindividuellen und sozialen Faktoren ab (vgl. McQuail, 2010, S. 422; Rosengren, 1996, S. 26; Schweiger, 2007, S. 270–301). Empirische Befunde zeigen zudem, dass die Nutzung von Medien mit Depressionen verbunden sein kann (vgl. Scherr & Reinemann, 2011). Bislang fehlt allerdings noch ein detaillierteres Bild von den sich dabei ergebenden Einflussstrukturen. Offen ist außerdem, inwiefern sich sowohl die Mediennutzung, die Medienrezeption als auch die Medienwahrnehmung als Trigger auf Depressionen und deren akute und langfristige Folgen – insbesondere Suizidalität – auswirken. Umgekehrt stellt sich die Frage, welche Auswirkungen vorhandene Depressionen auf die Mediennutzung, -rezeption und -wahrnehmung haben. Auch dazu existieren bisher zahlreiche Einzelbefunde, während eine umfassende Modellprüfung bislang noch aussteht.

Kognitions- und Informationsverarbeitungsmodelle von Depressionen

Die Frage, warum vulnerable Menschen unterschiedlich auf Stressoren reagieren, zählt zu den kontroversesten und meist diskutierten Fragen in der Forschung: Während manche Personen bereits bei geringfügigen Stressoren depressive Symptome entwickeln, zeigen andere Personen selbst bei gravierenden Lebenseinschnitten keine depressive Symptomatik (Joormann, 2009, S. 298). Kognitive Depressionsmodelle liefern dafür Erklärungsansätze (Beck, 1987). [4] Kognitive Modelle akzeptieren grundsätzlich die Prämisse der Interaktion individueller psychologischer Vulnerabilität und depressionsauslösender Umweltstressoren und schlagen somit eine Brücke zwischen der menschlichen Kognition und (negativen) Gefühlszuständen (Joormann, 2009, S. 298). [5] Die Grundlagen dieser Modelle stammen aus einer Zeit, in der die Kognitionen und Informationsverarbeitungsprozesse von depressiven Menschen mit denen Gesunder verglichen wurden. Dabei wurde festgestellt, dass Depressive kognitive Defizite zeigen (Coyne & Gotlib, 1983), die dazu führen, dass emotionale Stimuli verzerrt verarbeitet werden (Joormann, 2009, S. 298). Die Modelle postulieren, dass Einstellungen gegenüber und Interpretationen von der sozialen Realität für das Entstehen depressiver, affektiver Zustände verantwortlich sind. Dem liegen dysfunktionale kognitive Schemata zugrunde, die die Wahrnehmung und Interpretation der Realität verzerren (Beck, 1987, S. 14–15; Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 894; Joormann, 2009, S. 299–301). Pössel (2009, S. 672) beschreibt diese Schemata als „Strukturen, durch die eine Person die Reize bestimmter Situationen wahrnimmt, bewertet und neue Erfahrungen idiosynkratisch strukturiert“. Die zentralen Themen depressiver Schemata sind „Hoffnungslosigkeit, Selbstkritik und geringe Selbstachtung“ (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 895). In Becks kognitivem Modell der Depression führen die dysfunktionalen kognitiven Schemata zu einer verzerrten Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung, zu verzerrtem und ruminativem Denken, zu fehlerbehafteten Erinnerungen und dysfunktionalen Einstellungen (Beck, 1987; Disner, Beevers, Haigh & Beck, 2011). Die kognitiven Prozesse lassen sich im ätiologischen Modell der Depression zwischen Umweltreizen und der Krankheit Depression verorten. Die zugrunde liegende Annahme dabei ist, dass Depressionen grundsätzlich durch kognitive Prozesse hervorgerufen oder aufrechterhalten werden können (Disner et al., 2011). Weitgehend unbestritten ist, dass Depressionen mit negativen Kognitionen einhergehen, offen ist dagegen die Frage, ob sie sich auch aus dysfunktionalem Denken heraus entwickeln können (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 895). Das Modell ist ebenfalls deskriptiv und lässt sich nur schwer global prüfen. Die grundlegenden Modellannahmen des Vulnerabilitäts-Stress-Modells sind nachstehend in Abbildung 8 zusammengefasst. Darin wurden die kognitiven Ursachen für Depressionen integriert.

Abbildung 8. Vulnerabilitäts-Stress-Modell der Depression und negative kognitive Schemata

Anmerkung. eigene Darstellung nach Beesdo-Baum und Wittchen (2011, S. 891; 895)

Die von Aaron Beck entwickelte kognitive Verhaltenstherapie zur Behandlung von Depressionen setzt an diesem Punkt (Beck et al., 2010) an und hat zum Ziel, die dysfunktionalen Interpretationsmuster zu verändern und negativ-verzerrte Denkstrukturen depressiver Patienten aufzulösen (Beck et al., 2010, S. 136–137; Schmidtke & Schaller, 2009, S. 177). Bei diesen ist häufig von der „kognitiven Triade“ die Rede, womit negative Einstellungen Depressiver gegenüber sich selbst, ihrer Umwelt und ihrer Zukunft gemeint sind (Beck et al., 2010, S. 41–43; Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 895; Reich & Weary, 1998). Die negativen kognitiven Schemata halten sich durch negative Erfahrungen und Lernprozesse aufrecht und führen zu einer Vielzahl von Fehlern bei der Interpretation der sozialen Realität. Zu diesen zählen automatische Gedanken, wie z.B. die Tendenz zu Übergeneralisierungen, das Überoder Unterschätzen von Situationen, Alles-oder Nichts-Denken, ein Tunnelblick bzw. kognitiver Filter auf negative Aspekte und das Ignorieren positiver Aspekte. Auch die imperative Vorstellung davon, wie man sich verhalten „sollte“ oder „müsste“, oder Fehlerattributionen auf die eigene Person (vgl. dazu detaillierter Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 896; Cueni et al., 2011) zählen zu diesen automatischen Gedanken. Das häufig im Zusammenhang mit Depressionen beobachtete (grübelnde, um eine Sache kreisende) ruminative Denken trägt als verstärkender Mechanismus zudem dazu bei, dass negative Denkmuster erhalten bleiben. Disner, Beevers, Haigh und Beck (2011) schlagen auf Basis der sozialkognitiven Theorie ein Informationsverarbeitungsmodell für Depressionen vor, das die kognitiven Prozesse in den Vordergrund stellt (siehe Abbildung 9). Darin zeigen sich als zentrale Größen die verzerrte Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung und Erinnerung.

Negative kognitive Schemata sind internalisierte Erfahrungen und Vorstellungen, die sich durch negative Erlebnisse in der Vergangenheit manifestieren und insbesondere bei vulnerablen Personen (1) durch externe Umweltereignisse aktiviert werden können. Die negativen kognitiven Schemata führen gerade bei Depressiven dazu, dass die Aufmerksamkeit insbesondere auf Botschaftsaspekte gelenkt wird, die sich auf relevante Eigenschaften der Person beziehen lassen (Wiebking & Northoff, 2012). Diese werden dann negativ in Bezug auf die eigene Person, die eigene Umwelt und die eigene Zukunft interpretiert („kognitive Triade“). Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht in Richtung selbstbezogener, negativer Umweltinformationen, die sich negativ auf den Selbstwert der Person auswirken. Entscheidend für die Aktivierung der negativen kognitiven Schemata sind Situationen oder Stressoren, die in Bezug zum Wertesystem der depressiven Personen stehen und somit relevant für den Selbstwert sind (Disner et al., 2011, S. 467). Daraus kann ein depressives Syndrom (2) entstehen, das wiederum dazu beiträgt, dass negative kognitive Schemata aufrechterhalten bleiben. Ein depressives Syndrom kann außerdem die Suizidalität erhöhen (3).

Abbildung 9. Informationsverarbeitung im Rahmen des kognitiven Depressionsmodells

Eine globale empirische Überprüfung des Modells der Informationsverarbeitung, das in das Vulnerabilitäts-Stress-Modell der Depression mit negativen kognitiven Schemata integriert wurde (vgl. Abbildung 8), unternahmen Pössel und Knopf (2011), die die theoretischen Annahmen weitgehend bestätigten. Obwohl also in der Forschungsliteratur die empirische Überprüfbarkeit angezweifelt wurde, finden sich empirische Belege für das Zusammenwirken der hier aufgezeigten Faktoren. Wichtig ist dabei zu betonen, dass das überprüfte integrierte Modell sowohl Aspekte der kognitiven Theorie nach Beck als auch das grundlegende Verständnis von Vulnerabilitäts-Stress-Modellen und individuelle Unterschiede im kognitiven Umgang mit Depressionen integriert (z.B. ruminatives Denken; vgl. Morrison & O'Connor, 2008, S. 354). Die Studie zeigt, dass die einzelnen Modellbausteine aus verschiedenen Depressionsmodellen grundsätzlich integrierbar sind und jeweils zur Erklärung von Depressionen beitragen. Die Modellauffassung nach Beck, Rush, Shaw und Emery (2010, S. 41–43), wonach im Kontext von Depressionen häufig entsprechend negative kognitive Schemata, kognitive Fehler, die „kognitive Triade“ und automatische (negative) Gedanken beobachtet werden können, bestätigte sich. Pössel und Knopf (2011) belegen empirisch, dass die Modellbausteine getrennt voneinander beobachtet werden können, ohne in einer bestimmten Reihenfolge aufeinander aufbauen zu müssen. Außerdem zeigt die Studie, dass ruminatives Denken in brütendes Denken („brooding rumination“) und reflektiertes Grübeln („reflective pondering“) differenziert werden muss, wobei reflektiertes Grübeln nicht mit stärker ausgeprägten depressiven Symptomen assoziiert ist.

Erhöhte Suizidalität – eine häufige Folge von Depression – ist in dem ursprünglichen Modell nach Disner, Beevers, Haigh und Beck (2011, S. 469) nicht eingeschlossen, da das Modell kognitive Erklärungsansätze für Depressionen liefert. Das Hoffnungslosigkeitsmodell nach Abramson, Metalsky und Alloy (1989) bietet eine theoretische Begründung für die Modellerweiterung. Der Theorie zufolge streben Menschen danach, ihre Erfahrungen plausibel zu erklären, wobei die Erklärungen subjektiv, idiosynkratisch und selbstfokussiert sind (Pössel, 2009, S. 674). Im Zusammenhang mit diesen Erklärungsversuchen wird jedem Ereignis schematisch eine Bedeutung zugeschrieben, die auf die eigene Person bezogen ist (internal oder external; „ich oder andere sind verantwortlich für das Ereignis“), auf die eigene Zukunft (stabil oder variabel; „das Ereignis wird in Zukunft wiederholt auftreten oder nicht“) und auf die Generalisierbarkeit des Ereignisses auf andere Situationen (global oder spezifisch; „das Ereignis lässt sich auf andere Situationen übertragen oder nicht“) (Pössel, 2009, S. 674). Vulnerable Personen zeigen dem Hoffnungslosigkeitsmodell nach Abramson, Metalsky und Alloy (1989) zufolge ebenfalls die Tendenz zu bestimmten Wahrnehmungsverzerrungen, die als Ursache von Depressionen angesehen werden, nämlich 1) stabile und globale Erklärungen für belastende Ereignisse zu präferieren, 2) negative Ereignisse zu internalisieren und daran den eigenen Selbstwert zu bemessen oder 3) aus negativen Ereignissen weitreichende negative Konsequenzen für sich selbst abzuleiten. Negative Ereignisse können sowohl kritische Lebensereignisse, wie der Verlust einer vertrauten Person, aber auch alltägliche Belastungen (sog. „daily hassles“) sein, sofern sie als persönlich relevant angesehen werden (Pössel, 2009, S. 674). Für die Entstehung einer Depression wird dann die Interaktion aus den drei Vulnerabilitätsfaktoren und belastenden (Alltags-)Ereignissen angenommen. Ein wichtiger Mechanismus ist in diesem Zusammenhang der häufig bei Depressionen anzutreffende niedrige Selbstwert. Der Hoffnungslosigkeitstheorie zufolge kommt ein niedriger Selbstwert dadurch zustande, dass die internalen Attributionen von Fehlern einen Aufwärtsvergleich hervorrufen, der zu der Wahrnehmung führt, dass andere Personen erfolgreicher mit problematischen Situationen umgehen und damit – im Gegensatz zu einem selbst – mehr erreichen können. Weil sich mit dem Modell nicht alle Depressionen erklären lassen, wird die Hoffnungslosigkeitsdepression heute als eigener Subtyp der Depression angesehen (Pössel, 2009, S. 675), der insbesondere von negativen Zukunftserwartungen geprägt ist. „Suizidalität ist ein wichtiges weiteres Symptom dieses Subtyps“ (Pössel, 2009, S. 675). Das Hoffnungslosigkeitsmodell (Abramson et al., 1989) teilt somit grundlegende Vorstellungen mit dem Prädispositionsbzw. Vulnerabilitätsmodell für Depression. Weitere Modelle gehen von einer umgekehrten Wirkungskette aus und postulieren, dass Depressionen zu einer Erosion des Selbstwertes führen („Scar-Model“ der Depression). Eine aktuelle Meta-Analyse (Sowislo & Orth, 2013) greift diese Grundsatzdiskussion auf und liefert anhand der Analyse von Längsschnittuntersuchungen zu dem Thema einen wichtigen Beleg dafür, dass sich die Annahmen des Vulnerabilitätsmodells der Depression eher aufrechthalten lassen: Der Effekt des Selbstwertes auf die Depression wird in der Meta-Analyse auf f3 = –.16 geschätzt, während in Längsschnittuntersuchungen der umgekehrte Effekt von der Depression auf den Selbstwert auf f3 = –.08 geschätzt wird. Die MetaAnalyse stützt damit die zentralen Annahmen, die dieser Untersuchung zugrunde liegen, und unterstreicht die grundsätzliche Relevanz von Vulnerabilitätseffekten auf Depressionen (Sowislo & Orth, 2013).

Multifaktorielles Depressionsmodell

Parkinson, Totterdell, Briner und Reynolds (2000, S. 201) differenzieren zwischen psychodynamisch-interpersonalen Modellen und kognitiv-verhaltensorientierten Modellen der Depression sowie einer dritten Gruppe integrativer Modelle. Solche multifaktoriellen Depressionsmodelle gehen von einem „Zusammenwirken von dispositionellen und Umweltfaktoren“ (Pössel, 2009, S. 676) aus und stellen neben kognitiven Prozessen auch lerntheoretische Abläufe in ihren Mittelpunkt. Den Ausgangspunkt für Depressionen in diesen Modellen bilden soziale Isolation, kritische Lebensereignisse und sogenannte „daily hassles“. Die auslösenden Ereignisse tragen dazu bei, dass alltägliche Verhaltensautomatismen unterbrochen und stattdessen spontane affektive (teilweise wenig differenzierte) Reaktionen hervorgerufen werden. Diese spontanen Reaktionen können wiederum negative Erinnerungen an vergangene, ähnliche Ereignisse zum Vorschein bringen. Dadurch wird die Selbstaufmerksamkeit erhöht und im Falle nicht ausreichend verfügbarer CopingStrategien, die den Umgang mit den Stressoren erleichtern, werden die Erlebnisse weiter internalisiert, woraus neue Selbstkritik erwachsen kann. Die kritische Selbstbetrachtung blockiert in der Modellvorstellung weiterhin normale Verhaltensweisen, was einen Prozess lostreten kann, der schlimmstenfalls in einer depressiven Symptomatik mündet, weil positive Verstärkungen ausbleiben (Pössel, 2009, S. 676). Der wichtige Einfluss positiver (sozialer) Verstärkung fehlt im Zusammenhang mit Depressionen jedoch durch den häufig damit einhergehenden sozialen Rückzug in der Regel aus und nimmt darüber hinaus auch langfristig ab, weil das soziale Umfeld Depressive meidet, wenn diese sich zu häufig beklagen oder nach Hilfe suchen (Berking & Radkovsky, 2012, S. 36). Insbesondere die oftmals unterschätzte Bedeutung subklinischer depressiver Symptome erhält in dieser Modellvorstellung zusammen mit weiteren Vulnerabilitätsfaktoren einen besonderen Stellenwert. [6] Der Einfluss der Vulnerabilitätsfaktoren aktiviert kognitive und affektive Reaktionsmuster, die einen Einfluss auf die Selbstaufmerksamkeit haben. Der Antagonist dieser Prozesse sind Coping-Strategien, die verhindern, dass Stressoren einen zu großen Einfluss auf vulnerable Personen nehmen. Zu diesen Coping-Strategien zählen u.a. die soziale Unterstützung oder Persönlichkeitseigenschaften (z.B. Selbstwert, Neurotizismus; vgl. Karsten et al., 2012; Klein, Kotov & Bufferd, 2011; Pössel, 2009, S. 676–677; Richter, 2000). Im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie (KVT), dem bis heute am „verbreitetsten und am besten untersuchten Therapieverfahren“ (Berking & Radkovsky, 2012, S. 43), haben daher der Aufbau positiver Aktivitäten, ggf. sozialer Kompetenzen und eine kognitive Umstrukturierung höchste Priorität. Die Verbreitung und Struktur der KVT unterstreicht letztlich die große Bedeutung, die eine multifaktorielle Auffassung von Depressionen heute besitzt. Depressive Symptome können also kognitiv, emotional, oder behavioral sein (Pössel, 2009, S. 676). Diese Vielschichtigkeit drückt sich auch in der empirischen Messung von Depressionen aus. Statistisch lassen sich Depressionen dementsprechend unterschiedlich modellieren. Brouwer, Meijer und Zevalkink (2013) zeigen allerdings, dass ein globales Verständnis von Depressionen nicht nur der Realität der Krankheit nahekommt, sondern auch statistisch gegenüber mehrdimensionalen Modellen von Depression keine schlechtere Erklärungskraft besitzt. [7]

  • [1] Eine entsprechende Klassifizierung ist schwierig, weil belastende Ereignisse auch schon vor dem Beginn einer Depression stattgefunden haben können, sie können auch nur von nachrangiger Bedeutung oder rein zufällig eingetreten sein (Comer, 2008, S. 218–219; Paykel, 2003).
  • [2] Ferner gibt es Verlaufsmodelle der Krankheit Depression, die sich primär vor einem therapeutischen Hintergrund mit der Entwicklung und Intensität von Depressionen im Zeitverlauf beschäftigen (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 899) oder dazu dienen, affektive Störungen anhand typischer Verlaufsmuster voneinander abzugrenzen (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 890). Qualitative Interviews mit Psychiatern und Psychotherapeuten, die flankierend zum Forschungsprojekt durchgeführt wurden und nach Medieneinflüssen im depressiven Krankheitsverlauf fragten, zeigen, abhängig von der Ausbildung der Therapeuten, je nach Alter und Geschlecht der Patienten divergierende Einschätzungen im Hinblick auf Medieneinflüsse im Krankheitsverlauf. Im Rahmen der vorliegenden Untersuchung können diese Befunde nicht detaillierter besprochen werden, allerdings finden sich wichtige Hinweise auch bei Böhm (09.02.2012).
  • [3] Etwa der Tod einer nahestehenden Person; vgl. dazu auch die verkürzte, angemessene Dauer von Trauerreaktionen in der aktualisierten Version des Diagnosehandbuchs DSM-V (American Psychiatric Association, 2013).
  • [4] Daher beruhen auch die bis heute erfolgreichsten Therapieansätze auf kognitiven Depressionsmodellen.
  • [5] Gleichwohl wird kritisiert, dass die zugrunde liegenden Annahmen des Vulnerabilitäts-StressModells selten im Zusammenhang mit kognitiven Modellen überprüft wurden: „Fewer studies, however, have explicitly tested the underlying vulnerability-stress model or examined how deficits in recall, attentional biases toward negative material, and mood-congruent memory are related to each other and, more importantly, to the hallmark feature of depression—sustained negative affect“ (Joormann, 2009, S. 299).
  • [6] Diese Annahme beeinflusst letztlich die Erhebungsmethode, da die Relevanzzuschreibung an subklinisch relevante Symptome auch Datenerhebungen ohne ärztliche Diagnose einen besonderen Stellenwert einräumt.
  • [7] Auch in der vorliegenden Arbeit wird daher das Verständnis von einer (statistisch) einfaktoriellen Struktur der Depression vertreten. Die Auffassung würdigt theoretisch die einzelnen Komponenten einer Depression (kognitiv, affektiv, somatisch-vegetativ) und fasst diese empirisch im Rahmen eines einfaktoriellen Depressionsmodells zusammen.
 
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