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2.2.2 Diagnostik der Krankheit Depression

Depressionen sind eine komplexe, multifaktoriell bedingte Krankheit, deren Ursachen sowohl biologischer, psychologischer als auch sozialer Natur sein können (Rugulies et al., 2013). Im allgemeinen Sprachgebrauch werden jedoch auch andere Zeichen von psychischen Belastungen synonym zu Depression verwendet: Extremer Stress und „Burnout“ sind nicht nur vieldiskutierte Folgen zunehmender psychischer Belastungen (Lohmann-Haislah, 2012, S. 11), sondern können auch ursächlich mit Depressionen im Zusammenhang stehen (Kendler et al., 2005, 2006; Kupfer, 2013, S. E2; Rugulies et al., 2013). Umso wichtiger ist es, die Krankheit Depression klar von „schlechter Stimmung“, „Stress“, oder einem „Burnout“ abzugrenzen, bei denen es sich nicht um Krankheiten handelt, die aber durchaus ursächlich für die Krankheit Depression sein können.

Die Diagnose Depression erfolgt anhand zweier Klassifizierungssysteme. Im amerikanischen Raum ist das seit 2013 in fünfter Auflage erschienene „Diagnostische und statistische Handbuch psychischer Störungen“ (DSM-V) das Standardwerk (Kupfer, 2013). In Deutschland erfolgen Diagnosen nach dem insgesamt umfassender angelegten, internationalen Klassifizierungssystem für Krankheiten der WHO, das mehr als nur psychische Krankheiten erfasst (International Classification of Diseases and Related Health Problems, ICD). [1] Die seit 2012 gültige zehnte Ausgabe (ICD-10) orientiert sich deutlich an den Kriterien des DSM-IV, und so ist bereits für 2015 eine umfassende Aktualisierung und Anpassung an das DSM-V in Form des ICD-11 angekündigt worden (WHO, 2014). Die beiden Klassifikationskataloge bestimmen letztlich darüber, wer als psychisch krank gilt, und sind damit für Krankenkassen, Versicherungen, Gerichtsurteile und die Pharmaindustrie von großer Bedeutung (Weber, 2013). Langfristig ist geplant, in den Diagnosen auch biologische, genetische und neuronale Ursachen zu berücksichtigen und weniger symptomgeleitet zu diagnostizieren (vgl. NIMH Research Domain Criteria, RdoC, National Institute of Mental Health (NIMH), 2011). Im Falle vieler psychischer Störungen würde damit deren multifaktoriellen Ursachen noch stärker Rechnung getragen. Die Diagnose einer depressiven Störung beruht auf einer ärztlichen Einschätzung und Bewertung des Schweregrades sowie des Vorhandenseins emotionaler, motivationaler, behavioraler, kognitiver und somatischer Symptome, die über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen vorliegen müssen. Treten die Symptome besonders stark oder sehr schnell auf, kann eine Depression auch schon nach kürzerer Zeit diagnostiziert werden. In Tabelle 3 sind die wichtigsten Symptome für eine klinisch relevante Depression abgebildet. Anhand der definierten Diagnosekriterien lassen sich Depressionen „zuverlässig und trennscharf von normalen Stimmungsschwankungen abgrenzen“ (Wittchen, Jacobi, Klose & Ryl, 2010, S. 7). Gleichzeitig zeigt sich in der diagnostischen Praxis auch, dass die Kriterien zur Diagnose einer Depression noch immer nicht flächendeckend umgesetzt werden, sondern dass ätiologisch, nach der (vermeintlichen) Ursache der Depression diagnostiziert wird (z. B. eine neurotische oder körperlich bedingte Depression) (Wittchen et al., 2010, S. 8). In der aktuellen Depressionsforschung geht man jedoch davon aus, dass jede Depression mehr oder weniger neurotische, körperliche und situationsbedingte Ursachen hat (Wittchen et al., 2010, S. 8).

Tabelle 3.

Wichtige Symptome einer depressiven Episode und deren Zugehörigkeit zu verschiedenen Symptomclustern

Je nachdem, welche Symptome im Vordergrund stehen, werden Sonderformen von Depressionen unterschieden (Deisenhammer & Hausmann, 2012, S. 165). [2] Die Diagnostik von Depressionen erfordert zunächst die Feststellung der vorliegenden Symptome, die Muster ihres zeitlichen Auftretens und ihre Intensität (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 884). Für die Messung des Schweregrades einer Depression steht eine Vielzahl „dimensionaler Depressionsskalen“ (z. B. das Beck-Depressionsinventar; BDI; Beck et al., 1996) zur Verfügung. Für die Diagnose einer Depression reichen die Skalen dagegen nicht aus (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 884). Dafür sind zusätzlich strukturierte oder standardisierte Patienteninterviews notwendig, um im Falle einer Major Depression bipolare Störungen, andere somatische Erkrankungen oder Einflüsse von Substanzen wie Drogen oder Medikamente auszuschließen. Gleichwohl gibt es auch Hinweise darauf, dass sich sogenannte „subklinisch Depressive“ (Personen, die depressive Symptome zeigen, bemessen an einer der erwähnten Depressionsskalen) nicht grundlegend von „klinisch Depressiven“ unterscheiden, deren Diagnose durch einen Arzt gestellt wurde (Gotlib, Lewinsohn & Seeley, 1995). Depressionen werden heute häufiger diagnostiziert als früher, was nicht nur auf Verbesserungen der Diagnostikinstrumente, sondern auch auf eine höhere Bereitschaft zur Behandlung und Untersuchung zurückzuführen ist (Haenel, 2008, S. 7). In den letzten Jahren haben insbesondere psychogene, also„umweltbedingte“ Depressionen zugenommen (Haenel, 2008, S. 7). Für die vorliegende Untersuchung sind die zahlreichen, vor allem diagnostischen Differenzierungen einer Depression allerdings nicht von zentraler Bedeutung (vgl. dazu detaillierter Hyman, 2010; Stieglitz & Freyberger, 2009, S. 46).

  • [1] Die fünfte Auflage, die 2013 erschienen ist, löste die bis dahin seit 1994 gültige vierte Version des Diagnostischen Handbuches ab (DSM-IV). Der mehr als 10 Jahre andauernde Überarbeitungsprozess des Diagnostischen Manuals der APA sorgte für zahlreiche Diskussionen.
  • [2] Nicht zuletzt in den Medien ist regelmäßig von jahreszeitenbedingten Depressionen die Rede („Herbst-/Winter-Depression“). Diese Formen saisonal abhängiger Depressionen äußern sich durch verstärkte Tagesmüdigkeit, vermehrten Schlaf und gesteigerten Appetit. Baumeister und Parker (2012) greifen die Diskussion über die fehlende Spezifität bei der Bestimmung unipolarer Depressionen auf, aus der sich letztlich die Vielzahl an Subtypen einer Major Depression ergibt, und systematisieren deren Definitionen und Überschneidungen basierend auf publizierten Überblicksstudien.
 
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