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2.2.1 Definition von Depression

Depressionen zählen zu den affektiven Störungen (vgl. ICD-10 F3) und können demnach die Bereiche „Stimmung, emotionales Befinden und gefühlsmäßige Anteilnahme an der sozialen Umwelt betreffen. Sie können aber auch das formale und inhaltliche Denken und die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen und sich … in Form körperlicher Symptome äußern“ (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 880; Deisenhammer & Hausmann, 2012, S. 153). Affektive Störungen definieren sich in der Regel durch zwei entgegengesetzte Symptombündel (= Syndrom): ein depressives und ein manisches Syndrom (Arolt, Reimer & Dilling, 2011, S. 154). Darüber hinaus werden affektive Störungen nach primären und sekundären affektiven Störungen unterschieden. Während primäre affektive Störungen ohne weitere „medizinische Krankheitsfaktoren oder den Einfluss einer psychotrop wirksamen Substanz (Medikamente, Drogen)“ (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 881) auftreten, liegen sekundären affektiven Störungen genau solche Bedingungen zugrunde (Burton, 2010, S. 78). Sekundäre affektive Störungen werden im Rahmen dieser Arbeit aber nicht näher betrachtet. Primäre affektive Störungen können dann weiter in unipolare und bipolare affektive Störungen differenziert werden. Während unipolare affektive Störungen (Depression, Dysthymie) von einem depressiven Syndrom geprägt sind, wechseln sich bei bipolaren Störungen (bipolare Störung, zyklothyme Störung) depressive und manische Episoden ab. [1] Depressive Episoden werden u. a. nach dem Schweregrad des Auftretens (leicht, mittel, schwer) und/oder nach symptomatischen Kriterien (z.B. dem Auftreten somatischer Beschwerden; nicht in Abbildung 6 enthalten) unterschieden (vgl. Rapaport et al., 2005). Es gibt weitere Zusatzkodierungen, die beispielsweise den Krankheitsverlauf genauer beschreiben (z. B. ob die Depression einzelne oder wiederkehrende Episoden umfasst oder chronisch bzw. zu bestimmten Zeitpunkten auftritt; nicht in Abbildung 6 enthalten; vgl. Paykel et al., 2005, S. 416). Nachstehend in Abbildung 6 findet sich eine Übersicht zur Klassifizierung affektiver Störungen (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 881; Burton, 2010, S. 78).

Abbildung 6. Überblick zur Klassifizierung affektiver Störungen

Eine Major Depression liegt im Falle einer oder mehrerer Episoden einer „depressiven Verstimmung oder dem Verlust des Interesses bzw. der Freude an fast allen Aktivitäten über einem Zeitraum von mindestens 2 Wochen“ vor (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 882). Darüber hinaus müssen mindestens vier weitere Symptome, wie z. B. „Gewichtsveränderungen, Schlafstörungen, Unruhe oder Verlangsamung, Müdigkeit oder Energieverlust, Gefühle der Wertlosigkeit oder Schuldgefühle, Konzentrations-/Entscheidungsschwierigkeiten sowie Suizidgedanken, -pläne oder -versuche“ (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 882) hinzukommen (vgl. für eine detailliertere Beschreibung wichtiger Symptome einer depressiven Episode Deisenhammer & Hausmann, 2012, S. 162–165). Nicht alle Personen, die an unipolaren depressiven Symptomen leiden, leiden auch an einer Depression. Dysthyme Störungen sind im Unterschied zur Major Depression dadurch gekennzeichnet, dass über einen längeren Zeitraum von mindestens zwei Jahren an der Mehrzahl der Tage eine depressive Verstimmung auftritt, ohne dass dabei die genannten Kriterien zur Diagnose einer Major Depression greifen (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 882). Es treten dabei mindestens zwei depressive Symptome auf, die über die Zeit in ihrer Intensität deutlicher schwanken als bei einer Major Depression. Eine Dysthymie erscheint aufgrund dieser Kriterien oftmals als „weniger akut schwer ausgeprägt“ (Beesdo-Baum & Wittchen, 2011, S. 882). Bipolare affektive Störungen sind dadurch gekennzeichnet, dass in abwechselnder Reihenfolge mehr als zwei (nach der ICD-Klassifizierung) depressive und manische Episoden auftreten (Burton, 2010, S. 78). [2] Fehlen die manischen Episoden, ist dagegen von einer wiederkehrenden depressiven Störung auszugehen. Bleiben nur die depressiven Phasen aus, kann dennoch von einer bipolaren Störung oder von einer Hypomanie ausgegangen werden, da sich früher oder später mit hoher Sicherheit depressive Episoden zeigen (Burton, 2010, S. 79). Umgekehrt wird auch argumentiert, dass es über einen längeren Zeitraum auch bei unipolar depressiven Patienten zu manischen Phasen kommt, so dass die bisher übliche Differenzierung zwischen bipolaren und unipolaren affektiven Störungen grundsätzlich anzuzweifeln ist (Cassano et al., 2004). Zyklothyme Störungen können als milde Formen bipolarer Störungen beschrieben werden, die über einen längeren Zeitraum von mindestens zwei Jahren beobachtbar sind (Arolt et al., 2011, S. 179). Die Ausprägungen der Krankheitssymptome erfüllen dabei weder die Kriterien für eine depressive noch für eine manische Episode (subdepressive bzw. hypomane Ausprägung des Krankheitsbildes; Arolt et al., 2011, S. 179). Das Krankheitsbild tritt allerdings nur sehr selten auf.

Depression wird in der vorliegenden Untersuchung als affektive Störung aufgefasst, die eine emotionale, kognitive und somatische Dimension einschließt, die ganzheitlich die Krankheit Depression beschreiben. Die vorliegende Untersuchung unterscheidet zusätzlich nach dem Schweregrad der Depression. [3]

  • [1] In der internationalen Klassifikation (ICD-10) ist von „depressiven Episoden“ die Rede, während in dem vor allem im amerikanischen Sprachraum verbreiteten diagnostischen und statistischen Handbuch psychischer Störungen (DSM) der Begriff „Major Depression“ verwendet wird (Arolt, Reimer & Dilling, 2011, S. 154). Beide Klassifikationssysteme beruhen auf empirischen Untersuchungen und diagnostischen Kriterien und stehen für die Fortschritte in der Diagnostik, psychische Erkrankungen nicht mehr typologisch, sondern empirisch-deskriptiv einzuordnen (Arolt, Reimer & Dilling, 2011, S. 154).
  • [2] Nach der DSM-Klassifizierung kann bereits nach einer manischen Episode eine bipolare Störung diagnostiziert werden.
  • [3] Um dabei den Depressionsgrad möglichst valide abschätzen zu können, basieren die Richtwerte (Cut-off-Werte) der Depressions-Skala nach Beck neben der Selbstauskunft durch Patienten auchauf den Einschätzungen von Ärzten (Näheres zur Skalenentwicklung mit Selbst- und Fremdeinschätzungsverfahren bei Schmitt, Altstötter-Gleich, Hinz, Maes und Brähler [2006]; vgl. Kapitel 7) und wurden für die vorliegende Untersuchung eigens anhand der Originaldaten der Normierungsstichprobe für das deutschsprachige Instrument von Schmitt, Altstötter-Gleich, Hinz, Maes und Brähler (2006) berechnet.
 
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